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Umspannwerk Lehrte-Ahlten

Umspannwerk in Niedersachsen
Umspannwerk Lehrte
Umspannwerk, im Vordergrund eine um 1930 errichtete 110-kV-Leitung, im Hintergrund mehrere 220-kV-Masten

Umspannwerk, im Vordergrund eine um 1930 errichtete 110-kV-Leitung, im Hintergrund mehrere 220-kV-Masten

Daten
Ort Lehrte-Ahlten
Bauherr PreußenElektra
Baujahr 1920er Jahre
Koordinaten 52° 22′ 46,8″ N, 9° 55′ 2,4″ OKoordinaten: 52° 22′ 46,8″ N, 9° 55′ 2,4″ O
Umspannwerk Lehrte (Niedersachsen)
Umspannwerk Lehrte

Das Umspannwerk Lehrte-Ahlten ist ein großes Umspannwerk im Lehrter Ortsteil Ahlten, östlich von Hannover. Es wurde Anfang der 1920er Jahre als eine der ersten Anlagen im 220-kV-Netz durch PreußenElektra gebaut und gehört heute dem Übertragungsnetzbetreiber TenneT TSO. Nach wie vor ist es ein wichtiger Knotenpunkt im deutschen Verbundnetz; so befinden sich auf dem Gelände das Betriebszentrum sowie eine von zwei Schaltleitungen des Netzbetreibers für das nordwestdeutsche Stromnetz.[1]

GeschichteBearbeiten

Das Umspannwerk entstand in den 1920er Jahren im Zuge der Errichtung des deutschen 220-kV-Verbundnetzes. Dieses wurde hauptsächlich durch die beiden Stromversorgungsunternehmen RWE und PreußenElektra vorangetrieben. Zahlreiche Kohlekraftwerke im rheinisch-westfälischen Gebiet und Wasserkraftwerke in den Alpen und den Mittelgebirgen gingen in dieser Zeit in Betrieb. Aufgrund der steigenden Energieerzeugung und der größeren Entfernungen von den Kraftwerken zu den Großverbrauchern war der Schritt, die Leitungen mit einer höheren Spannung zu betreiben, notwendig geworden.

Ein bereits Anfang der 1920er Jahre geplantes 220-kV-Grundnetz sollte aus mehreren Nord-Süd-Trassen sowie einer Querverbindung zwischen den Kohlerevieren im Rheinland, in Westfalen und in Mitteldeutschland bestehen. Als Schnittpunkt dieser beiden Achsen war das Umspannwerk Lehrte vorgesehen. Die Nord-Süd-Achse sollte von Hamburg her kommend die Energie der norwegischen Wasserkraftwerke transportieren und im Süden bei Frankfurt am Main an die Nord-Süd-Leitung der RWE angebunden werden.[2]

In den Jahren 1929 bis 1932 wurde das Pumpspeicherkraftwerk Waldeck am hessischen Edersee errichtet. Ebenso wurde das 1923 in Betrieb gegangene, nur einige Kilometer weiter östlich gelegene Kraftwerk Borken aufgrund der gestiegenen Nachfrage an Energie erweitert. Bislang wurde das überregionale Stromnetz im Konzessionsgebiet der PreußenElektra, also das südliche Niedersachsen, große Teile von Hessen und der Osten von Nordrhein-Westfalen, hauptsächlich durch 60-kV-Leitungen betrieben. Da diese Spannungsebene nicht mehr ausreichte, wurde 1929 eine 176 km lange 220-kV-Leitung vom Edersee über die Schaltanlage des Kraftwerkes Borken bis nach Lehrte gebaut.[3] Der nördliche und südliche Weiterbau wurden jedoch nicht mehr in Angriff genommen.

Zwischen dem Gersteinwerk bei Hamm und dem Umspannwerk Petershagen-Bierde errichtete die VEW um 1930 eine 220-kV-Leitung, die von dort weiter zum Umspannwerk Lehrte führte. Dadurch entstand erstmals eine direkte 220-kV-Verbindung zwischen PreußenElektra und RWE.[3]

Das Kraftwerk Harbke wurde 1935 per 220-kV-Leitung an Lehrte angeschlossen.[4] Die bereits 1930 angedachte Leitungsverbindung von Lehrte über das mitteldeutsche Braunkohlerevier bis nach Österreich, die die Wasserkraftwerke im Alpenraum anbinden sollte, wurde in der Zeit des Nationalsozialismus durch die damals reichseigenen Elektrowerke von 1939 bis 1941 ausgeführt. Sie verläuft auf baugleichen Masten wie die Leitung Lehrte–Harbke.

Eine weitere 220-kV-Leitung aus der Vorkriegszeit führt von Lehrte nach Hallendorf bei Braunschweig auf baugleichen Masten wie die Leitung nach Borken. Diese Leitung sollte in der Kriegszeit auf hochgespannten Gleichstrom umgerüstet werden (s. u.).

HGÜ-VersuchsanlageBearbeiten

Im Jahr 1944 wurde zwischen dem Umspannwerk und Misburg eine mit 80 kV betriebene Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitung eingerichtet. Sie diente als Versuchsobjekt, um die Reserveleistungsbilanz zwischen zwei Drehstromnetzen zu verbessern, ohne die Kurzschlussleistung zu erhöhen.[5][6] Zudem war das NS-Regime an einer Wehrhaftmachung der Elektrizitätsversorgung durch unterirdische Energieverteilung interessiert.[7] Die Anlage hatte eine Leistung von 16 MW bei 80 kV und eine fünf Kilometer lange Kabelstrecke. Eine weitere Übertragung von Lehrte nach Hallendorf mit 150 MW und 300 kV war in Planung.[8]

Im Gegensatz zu anderen HGÜ-Strecken, bei denen Quecksilberdampf-, Glühkathodenventile oder Halbleiter zur Stromrichtung eingesetzt wurden, wurden bei dieser Anlage Lichtbogenstromrichter nach E. Marx eingesetzt. Diese beruhen auf löschbaren Funkenstrecken, deren Löschprinzip auf Beblasung mit Druckluft mittels spezieller Düsenanordnungen beruht. Die Anlage erreichte nie die projektierten 16 MW Leistung, sondern maximal 12 MW, konnte aber mehrere Tage am Stück betrieben werden. Sie war damit weltweit die erste netzgekuppelte HGÜ-Anlage, mit einer nennenswerten Übertragungskapazität im zeitweiligen Dauerbetrieb, die auf Stromrichtern basierte. Die Anlage wurde durch einen Bombenangriff auf Misburg am 18. Juni 1944 im Zweiten Weltkrieg zerstört.[7]

HeuteBearbeiten

Noch heute ist die Anlage mit 110 und 220 kV in Betrieb und ein wichtiger Knotenpunkt in der Region Hannover. Über mehrere 220-kV-Leitungen sind die Kraftwerke Mehrum und Landesbergen und die Stadt Hannover an das Umspannwerk angebunden. Auch die 220-kV-Leitungen nach Braunschweig und Borken existieren noch und verlaufen auf den Originalmasten der 1920er Jahre. Die Leitung nach Bierde wurde vor vielen Jahren abgebaut. Die Leitung nach Harbke endet heute bei Salzgitter.

Angeschlossene VerbindungenBearbeiten

Alle vom Umspannwerk wegführenden Stromkreise sind als Freileitungen ausgeführt. Folgende Verbindungen existieren bzw. haben existiert:

Netzbetreiber Spannung Strom-
kreis
-Nr.
Zielort/-station Baujahr Demontage Himmels-
richtung
Bemerkungen
 
TenneT TSO
220 kV 2001 Kraftwerk Borken 1929 teilw. durch 380 kV-Stromkreise ersetzt Süd Ursprünglich westlich an Höver und Bemerode vorbei geführt, wurden diese Masten dann für die Leitung zum Gersteinwerk verwendet und östlich von Höver neue errichtet. Siehe auch Hauptartikel zur 220 kV-Leitung Lehrte–Borken.
Gersteinwerk 1930 Um 2005
2024 Braunschweig über UW Wahle bei Vechelde 1930 Beide Systeme zu einem Stromkreis zusammengeschaltet
2026 Kraftwerk Mehrum 1935 Masten baugleich mit der Reichssammelschiene, ehemals bis Kraftwerk Harbke
2008 Kraftwerk Landesbergen 1962 Nord Ein Stromkreis mit 110 kV betrieben
110 kV 1075 Uelzen 1930 Ost
1019 Lehrte 1960er
1164 Hannover-West 1950 Süd
1011 Sehnde 1967
1016 Hannover-Nord 1960er West
55 kV Misburg vor 1929 Um 2005 Süd Ehemals bis Kassel
Staustufe Oldau Um 2005 Ost Ab Anfang 2000 zunächst nur noch bis Burgdorf
80 kV HGÜ Misburg 1944 Nach 1945 West

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Unternehmensbroschüre der TenneT TSO GmbH. (PDF; 1,8 MB) Abgerufen am 10. November 2016.
  2. H. Kirchhoff: Unternehmungsform und Verkaufspolitik der Stromversorgung. Verlag von Julius Springer, Berlin 1933, S. 88
  3. a b Hans Witte: Die Konzentration in der deutschen Elektrizitätswirtschaft. Dissertation, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1932, S. 17
  4. Wilhelm Taenzer: Stahlmaste für Starkstrom-Freileitungen: Berechnung und Beispiele. Springer-Verlag Berlin Göttingen Heidelberg 1952, S. 22
  5. Dietrich Oeding, Bernd R. Oswald: Elektrische Kraftwerke und Netze. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1978, S. 886
  6. Manfred Beyer, Wolfram Boeck, Klaus Möller, Walter Zaengl: Hochspannungstechnik: Theoretische und praktische Grundlagen. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1986, S. 3
  7. a b Dieter Kind: Erwin Marx und sein Beitrag zur Entwicklung der Hochspannungs-Gleichstromübertragung von 1930 bis 1945, Braunschweig 2013, urn:nbn:de:gbv:084-13041515485
  8. Karl Baudisch: Energieübertragung mit hohen Gleichstrom hoher Spoannung. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1950, S. 292 ff.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Umspannwerk Lehrte-Ahlten – Sammlung von Bildern