Ujest

Stadt in Polen

Ujest, polnisch Ujazd (1936–1945: Bischofstal) ist eine Stadt im Powiat Strzelecki der polnischen Woiwodschaft Oppeln und Hauptort der gleichnamigen Stadt-und-Land-Gemeinde. Die Stadt ist seit 2006 zweisprachig (Polnisch und Deutsch).

Ujest
Ujazd
Wappen von Ujest
Ujest Ujazd (Polen)
(50° 24′ 0″ N, 18° 21′ 0″O)
Ujest
Ujazd
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Opole
Powiat: Strzelecki
Gmina: Ujest
Fläche: 14,69 km²
Geographische Lage: 50° 24′ N, 18° 21′ OKoordinaten: 50° 24′ 0″ N, 18° 21′ 0″ O
Höhe: 208 m n.p.m.
Einwohner: 1785 (31. Dez. 2016)
Postleitzahl: 47-143
Telefonvorwahl: (+48) 77
Kfz-Kennzeichen: OST
Wirtschaft und Verkehr
Straße: BytomKędzierzyn-Koźle
Nächster int. Flughafen: Flughafen Katowice



Geographische LageBearbeiten

Die Stadt liegt in der Region Oberschlesien an der Klodnitz und dem Gleiwitzer Kanal zwischen Kędzierzyn-Koźle (Kandrzin-Cosel) und Pyskowice (Peiskretscham) auf 208 m ü. NHN[1], rund 45 Kilometer südöstlich von Oppeln und 50 Kilometer nordwestlich von Kattowitz.

GeschichteBearbeiten

Die erste Erwähnung des circuitio iuxta Cozli als Besitz des Bistums Breslau stammt aus dem Jahre 1155. 1222 erteilte Herzog Kasimir I. dem Breslauer Bischof Lorenz die Erlaubnis, im bischöflichen Gebiet von Ujest Deutsche anzusiedeln. Während der Herrschaft Bischofs Lorenz begründete 1223 der Neisser Vogt die Stadt Ujest mit den Dörfern Alt Ujest, Niesdrowitz, Jarischau und Kaltwasser, 1239 kam noch Klutschau hinzu. Dies ist auch die älteste nachweisliche Siedlungstätigkeit durch das Bistum Breslau überhaupt.

Der Ujester Halt, wie der bischöfliche Besitz im Herzogtum Oppeln genannt wurde, wurde noch um mehrere Dörfer erweitert, und der Versuch der Herzöge, mit der bischöflichen Kolonisation zu konkurrieren, scheiterte bald und dem herzöglichen Slawentzitz wurden die Stadtrechte wieder entzogen.

Der Ujester Halt wurde 1443 aus dem bischöflichen Besitz verkauft und war seitdem im Besitz verschiedener Adelshäuser, die 1580 das Schloss Ujest errichteten und mehrfach umbauten. 1535 wurde eine Aquarellansicht von Ogest für die Reisebilder Pfalzgraf Ottheinrichs angefertigt. Die damalige Bedeutung Ujests verdeutlichen die dargestellte hölzerne Klodnitzbrücke, sowie das von einer Stadtmauer geschützte Stadtbild mit Burg und Stadtpfarrkirche.[2]

1837 gelangte der Ujester Halt an die Fürsten von Hohenlohe-Öhringen, die damit ihren umfangreichen Grundbesitz an der Klodnitz und Birawka, der bereits Slawentzitz und Bitschin (Bycina) umfasste, erweiterten. 1861 wurde Fürst Hugo zu Hohenlohe-Öhringen der Titel Herzog von Ujest verliehen. Das Herzogtum Ujest umfasste 1910 eine Fläche von 416 km², dazu gehörten drei Fideikommisse (Ujest, Slawentzitz und Bitschin).

Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Ujest zwei katholische Kirchen (darunter die Wallfahrtskirche Maria-Brunn), eine Synagoge, eine Bierbrauerei, eine Müllerei und war Sitz eines Amtsgerichts.[1] Die Stadt erlangte nur kirchliche Bedeutung, vom wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung Oberschlesiens wurde sie nicht erfasst.

 
Ruine des Schlosses

Bei der oberschlesischen Volksabstimmung 1921, die über die weitere staatliche Zugehörigkeit des Landes entscheiden sollte, wurden in Ujest von 1545 abgegebenen Stimmen 1384, also fast 90 Prozent, für den Verbleib bei Deutschland und 161 für eine Angliederung an Polen abgegeben.[3] Ujest verblieb in der Weimarer Republik.

Bis 1945 gehörte Ujest, das am 3. September 1936 in Bischofstal umbenannt wurde, dem Landkreis Groß Strehlitz an.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Region von der Roten Armee besetzt. Nach Kriegsende 1945 wurde die Stadt von der Sowjetunion unter polnische Verwaltung gestellt. Die Stadt wurde in Ujazd umbenannt. Es begann die Zuwanderung polnischer Migranten, die zum Teil aus Gebieten östlich der Curzon-Linie kamen, wo sie der polnischen Minderheit angehört hatten.[4] Soweit die deutschen Einheimischen nicht vor Kriegsende geflüchtet waren, wurden sie in der Folgezeit größtenteils von der örtlichen polnischen Verwaltungsbehörde vertrieben.

Der Wiederaufbau der zu großen Teilen ausgebrannten Stadt erfolgte am Ring vornehmlich mit Neubauten, in den Nebenstraßen konnte sich teilweise die historische Bausubstanz erhalten. Das Schloss der Fürsten von Hohenlohe-Öhringen wurde nach seiner Zerstörung nicht wiederaufgebaut und ist seitdem eine Ruine. Vor allem in den ländlichen Teilen der Gemeinde konnte sich eine starke deutsche Minderheit halten, der laut der letzten polnischen Volkszählung von 2002 25,34 % der Gemeindebevölkerung angehören, weitere 12,48 % bezeichneten sich als „Schlesier“.[5] Seit 2006 ist die Gemeinde offiziell zweisprachig und führte 2008 zweisprachige Ortsbezeichnungen ein. Am 19. September 2009 wurden die polnisch-deutschen Ortsschilder in der Gemeinde Ujest aufgestellt.

 
Pfarrkirche St. Andreas
 
Barocke St.-Josephs-Statue

DemographieBearbeiten

Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohnerzahl Anmerkungen
1783 840 [6]
1816 1286 [7]
1825 1718 darunter 37 Evangelische, 176 Juden[8]
1840 1272 davon 109 Evangelische, 1006 Katholiken, 157

Juden[9]

1843 2312 davon 80 Evangelische, 2076 Katholiken, 156 Juden[10]
1855 2396 [11]
1861 2452 davon 76 Evangelische, 2278 Katholiken, 107 Juden;[11] die Sprache ist deutsch und polnisch[6]
1867 2618 am 3. Dezember[12]
1871 2524 darunter 90 Evangelische, 130 Juden (1700 Polen);[10] nach anderen Angaben 2524 Einwohner (am 1. Dezember), davon 61 Evangelische, 2379 Katholiken, fünf sonstige Christen, 79 Juden[12]
1905 2214 meist Katholiken[1]
1910 2058 am 1. Dezember, ohne Schloss und Gutsbezirk (149 Einwohner)[13]
1933 2097 [14]
1939 2201 [14]
Anzahl der Einwohner seit dem Zweiten Weltkrieg
Jahr Einwohner Anmerkungen
1961 3192
1969 2725 [15]
1984 1900 [16]
1995 1758 [17]
2000 1649 [17]
2005 1652 [17]

VerkehrBearbeiten

Der Ortsteil Kaltwasser hatte einen Bahnhof an der Bahnstrecke Kędzierzyn-Koźle–Kluczbork.

PolitikBearbeiten

 
Wallfahrtskirche Maria-Brunn

WappenBearbeiten

Das Wappen der Stadt Ujest zeigt einen roten, von einer goldenen Fürstenkrone zusammengehaltenen Wappenmantel, dessen Innenseite aus blauem Hermelin zu einem Schild geformt und mit einer, von zwei goldenen Krummstäben flankierten, goldenen Mitra belegt ist.

Dieses Stadtwappen wird bereits 1898 von Otto Hupp beschrieben – das ursprüngliche, seit dem 17. Jahrhundert nachgewiesene Wappen Ujests zeigte aber noch keinen Wappenmantel, stattdessen auf blauem Grund übereinander zwei waagerecht gespiegelte Türme, flankiert von zwei goldenen Krummstäben sowie außen zwei silbernen Sternen.

Beide zentralen Wappenmotive erinnern an das Bistum Breslau, dessen Gründung und Besitz Ujest lange Zeit war, der Wappenmantel wurde wohl nach dem Aufkommen des Titels Herzog von Ujest hinzugefügt.

StädtepartnerschaftenBearbeiten

Ujest unterhält seit 2001 eine Partnerschaft mit der deutschen Gemeinde Nusplingen in Baden-Württemberg. Seit 2004 gibt es zudem eine Städtepartnerschaft mit dem thüringischen Kurort Bad Lobenstein.

PersönlichkeitenBearbeiten

  • August von Heyden leitete bis 1859 als Generalbevollmächtigter die Bergwerke im Ujester Halt
  • Josef Treumann (1846–um 1904), deutsch-US-amerikanischer Journalist und Autor, wurde in Ujest geboren
  • Julius Brzoska (1859–1930), deutscher Klassischer Philologe und Gymnasialdirektor
  • Hugo Eichhof Geburtsname Gnielczyk (1888–1977), deutscher Lehrer und Heimatkundler

GemeindeBearbeiten

Der Stadt-und-Land-Gemeinde Ujest gehören neben der Stadt elf Dörfer mit Schulzenämtern an.

LiteraturBearbeiten

  • Felix Triest: Topographisches Handbuch von Oberschlesien, Wilh. Gottl. Korn, Breslau 1865, S. 300–302.
  • V. Loewe: Geschichte der Stadt Ujest; Oppeln, 1923

WeblinksBearbeiten

Commons: Ujazd – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 19, Leipzig/Wien 1909, S. 876.
  2. Stadtansicht im Reisealbum des Pfalzgrafen Ottheinrich 1536/37
  3. Vgl. Landsmannschaft der Oberschlesier in Karlsruhe: Abstimmung im Bereich Tarnowitz
  4. Vgl. ujazd.pl; abger. am 4. April 2008
  5. Die Zahlen der Volkszählung 2002. (Memento vom 26. März 2009 im Internet Archive) abgerufen am 4. April 2008
  6. a b Felix Triest: Topographisches Handbuch von Oberschlesien, Wilh. Gottl. Korn, Breslau 1865, S. 300-302.
  7. Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preußischen Staats. Band 5, T–Z, Halle 1823, S. 55, Ziffer 187.
  8. Johann Georg Knie: Alphabetisch-Statistisch-Topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preuß. Provinz Schlesien, mit Einschluß des jetzt ganz zur Provinz gehörenden Markgrafthums Ober-Lausitz und der Grafschaft Glatz; nebst beigefügter Nachweisung von der Eintheilung des Landes nach den verschiedenen Zweigen der Civil-Verwaltung. Melcher, Breslau 1830, S. 1034-1035.
  9. Johann Georg Knie: Alphabetisch-statistisch-topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preusz. Provinz Schlesien. 2. Auflage. Graß, Barth und Comp., Breslau 1845, S. 943.
  10. a b Gustav Neumann: Das Deutsche Reich in geographischer, statistischer und topographischer Beziehung. Band 2, G. F. O. Müller, Berlin 1874, S. 174-175.
  11. a b Felix Triest: Topographisches Handbuch von Oberschlesien, Wilh. Gottl. Korn, Breslau 1865, S. 261, Ziffer 93.
  12. a b Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Schlesien und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. Dezember 1871. Berlin 1874, S. 312–313, Ziffer 3.
  13. gemeindeverzeichnis.de
  14. a b M. Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006)
  15. Heinz Rudolf Fritsche: Schlesien Wegweiser. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1996.
  16. Encyklopedia Powszechna PWN.
  17. a b c Główny Urząd Statystyczny: BDR: Strona główna (Memento des Originals vom 16. Februar 2008 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.stat.gov.pl