Schweizerisches Sozialarchiv

Spezialarchiv in Zürich (Schweiz)

Das Schweizerische Sozialarchiv (SSA) in Zürich ist ein seit 1906 bestehendes Archiv mit Spezialbibliothek, Dokumentationsstelle und Forschungsfonds für gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wandel sowie soziale Fragen und Bewegungen. Archiv und Bibliothek des Schweizerischen Sozialarchivs sind Bestandteil des Schweizerischen Inventars der Kulturgüter von nationaler Bedeutung.

Schweizerisches Sozialarchiv
— SozArch[1]

Die Räumlichkeiten im Haus zum Sonnenhof beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich
Die Räumlichkeiten im Haus zum Sonnenhof beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich
Archivtyp Körperschafts- und Personenarchiv, sowie Spezialbibliothek und Dokumentationsstelle
Koordinaten 47° 22′ 0,5″ N, 8° 32′ 51,1″ OKoordinaten: 47° 22′ 0,5″ N, 8° 32′ 51,1″ O; CH1903: 683760 / 246808
Ort Zürich
Besucheradresse Stadelhoferstrasse 12
8001 Zürich
Gründung 1906
ISIL CH-000080-9
Träger Verein Schweizerisches Sozialarchiv
Organisationsform Verein
Website Sozialarchiv

Profil und BestandBearbeiten

Das Schweizerische Sozialarchiv bietet ein historisches Archiv, eine wissenschaftliche Spezialbibliothek und eine aktualitätsbezogene Dokumentation. Gesammelt werden Dokumente zu relevanten Gesellschaftsfragen mit Schwerpunkt auf der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert. Dazu gehören Themen wie Arbeit, Geschlechterverhältnisse, Generationen und Jugendszenen, Migration, Sozialpolitik, Fürsorge, soziale Zustände und Bewegungen, Umwelt und Verkehr sowie Krieg und Frieden vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die Sammlung umfasst mehr als 180.000 Bücher, ca. 1400 laufende Periodika (viele davon auch elektronisch verfügbar), Archivalien, Handschriften, Plakate, Abzeichen, rund 1,25 Millionen Zeitungsausschnitte, über 180.000 Broschüren und Flugschriften, Ton- und Bilddokumente und ferner den Zugriff auf eine digitale Pressedokumentation.[2] Aufbewahrt werden auch die Nachlässe von über 700 Körperschaften und rund 130 Persönlichkeiten (zum Beispiel Herman Greulich, Max Weber, James Schwarzenbach, Helmut Hubacher). Dazu zählen etwa die Archive der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, der Pro Juventute, der Pro Senectute, der wichtigsten Schweizer Gewerkschaften und Angestelltenverbände, der Umweltverbände, verschiedener politischer Parteien, Frauen- und Jugendorganisationen und sozialen Bewegungen sowie Spezialsammlungen wie das Schwulenarchiv Schweiz, das Frauen/Lesben-Archiv, Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte oder das Russlandschweizer-Archiv. Hinzu kommen bedeutende Fotografennachlässe, etwa von Karlheinz Weinberger, Gertrud Vogler oder Ernst Koehli.[3][4] 2020 bis 2022 war das Sozialarchiv wesentlich an der Sammlung von digitalen Dokumenten zur Corona-Krise beteiligt. Das Sozialarchiv ist national führend in der Sicherung überlieferungswürdiger sozialgeschichtlicher Unterlagen nichtstaatlicher Herkunft und verfügt über eine internationale Ausstrahlung.

Das Schweizerische Sozialarchiv sieht sich als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Es fördert den Austausch durch Veranstaltungen aller Art, durch die Veröffentlichung von Sammelbänden zur Schweizer Sozialgeschichte, bibliographischen Werken und Publikationen, die spezielle Sammlungen behandeln, sowie durch Mitarbeit an themenbezogenen Webseiten (etwa zur Frauenbewegung[5], zur Sportgeschichte[6] oder zur Corona-Krise[7]) und Ausstellungen. Es ist ein Ort, an dem sich historische und gegenwartsorientierte Disziplinen begegnen. Das Sozialarchiv begreift sich als Teil der schweizerischen Archiv- und Bibliothekslandschaft und arbeitet mit verwandten Institutionen im In- und Ausland zusammen (unter anderem als Gründungsmitglied der International Association of Labour History Institutions). Es ist seit 1974 eine von der Schweizerischen Eidgenossenschaft anerkannte Forschungsinfrastruktureinrichtung von nationaler Bedeutung und verfügt über einen eigenen Forschungsförderungsfonds (Forschung Ellen Rifkin Hill).

OrganisationBearbeiten

Träger des Sozialarchivs ist ein gemeinnütziger Verein. Präsident ist Matthieu Leimgruber. Im Vorstand des Trägervereins sind unter anderem die wichtigsten Geldgeber Schweizerische Eidgenossenschaft, Kanton Zürich und Stadt Zürich vertreten. Daneben besteht ein wissenschaftlicher Beirat. Dieser besteht aus Gianni d’Amato (Universität Neuenburg), Alice Keller (Universität Basel), Damir Skenderovic (Universität Freiburg CH), Marcel van der Linden (International Institute of Social History, Amsterdam) und Simone Walther-von Jena (Deutsches Bundesarchiv, Berlin). Das Sozialarchiv beschäftigt rund 20 Archivare und Bibliothekare und ist Ausbildungsbetrieb für Fachpersonen I + D. Direktor ist seit 2014 Christian Koller.[8]

BenutzungBearbeiten

Die Benutzung des Sozialarchivs ist öffentlich und unentgeltlich. Die Bestände werden vor allem von Forschenden, Studierenden, dem Lehrkörper aus Sozial- und Geisteswissenschaften, aber auch von Chronisten der Zeitgeschichte wie Journalisten intensiv genutzt. Mit jährlich rund 60.000 Eintritten in den Lesesaal wird das Sozialarchiv weit stärker benutzt als Institutionen von vergleichbarer Grösse. Die Bestände der Abteilung Bibliothek sind im Verbundkatalog swisscovery der Swiss Library Service Platform nachgewiesen, die anderen Bestände sind über die entsprechenden Findmittel auf der Homepage recherchierbar.

GeschichteBearbeiten

Das Sozialarchiv wurde 1906 auf Initiative des Pfarrers und Politikers Paul Pflüger als «Zentralstelle für soziale Literatur der Schweiz» gegründet. Vorbild war das «Musée social», ein sozialpolitischer Think Tank, in Paris. Der erste Lesesaal wurde 1907 am Seilergraben in Zürich eröffnet (an seiner Stelle steht heute der Verwaltungstrakt der Zentralbibliothek Zürich). Schon 1919 wurde ein Umzug in grössere Räumlichkeiten im Chor der Predigerkirche notwendig. Besonders starken Zuwachs erhielt die seit 1942 «Schweizerisches Sozialarchiv» genannte Institution am Ende des Zweiten Weltkrieges. 1957 wurde ein Neubau am Neumarkt bezogen. Seit 1984 ist das Sozialarchiv beim Bahnhof Zürich Stadelhofen domiziliert. Zusätzliche Magazine befinden sich seit 2005 im Verwaltungszentrum «Werd» der Stadt Zürich.

In den Anfängen des Sozialarchivs trafen sich im Lesesaal Emigranten aus Russland und Deutschland. Zu ihnen zählte auch Lenin.[9] In der Zwischenkriegszeit wurde das Archiv stark durch Intellektuelle genutzt, die vor den faschistischen Diktaturen in Deutschland und Italien geflüchtet waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren osteuropäische Flüchtlinge häufig im Sozialarchiv anzutreffen (u. a. Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn). Im frühen 21. Jahrhundert hat das Sozialarchiv wesentliche Infrastrukturen zur Archivierung audiovisuellen und digitalen Kulturguts aufgebaut.[10]

Leiter des SozialarchivsBearbeiten

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Schweizerisches Sozialarchiv – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Abkürzungen und Siglen von Archiven, Bibliotheken, Museen und anderen Institutionen. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Abgerufen am 25. Dezember 2021.
  2. Schweizerisches Sozialarchiv Jahresbericht 2018. (PDF) Abgerufen am 29. Oktober 2019.
  3. Christian Koller: La photographie ouvrière dans les Archives sociales suisses. In: Transbordeur: Photographie, histoire, société 4 (2020). S. 94–103.
  4. Christian Koller/Raymond Naef (Hg.): Chronist der sozialen Schweiz: Fotografien von Ernst Koehli 1933–1953. Baden: Hier und Jetzt 2019.
  5. Neue Frauenbewegung 2.0
  6. Swiss Sport History
  7. corona-memory.ch
  8. Schweizerisches Sozialarchiv Jahresbericht 2017. (PDF) Abgerufen am 29. Oktober 2019.
  9. Christian Koller: Vor 100 Jahren: Lenin im Sozialarchiv. In: Sozialarchiv Info 1 (2016). S. 4–10.
  10. Christian Koller: Digitales Sozialarchiv: Was bisher geschah. In: Sozialarchiv Info 1 (2018). S. 12–15.