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Schma Jisrael

jüdisches Glaubensbekenntnis
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Erster Abschnitt des Schma Jisrael. In den meisten Manuskripten und gedruckten Textausgaben sind im ersten Wort das Ajin ( ע) und im letzten Wort das Dalet ( ד) größer dargestellt, so dass der Vers auch optisch aus dem übrigen Text herausgehoben wird. Beide Buchstaben bilden zusammen das Wort hebräisch עד ‘ed, deutsch ‚Zeuge‘. Durch das Aussprechen dieses Satzes bezeugt ein Jude öffentlich, dass Gott die Welt regiert.

Das Schma Jisrael (hebräisch שְׁמַע יִשְׂרָאֵל šma‘ yiśra’el, deutsch ‚Höre, Israel!‘) ist ein jüdisches Glaubensbekenntnis, das mit den Anfangsworten eines Abschnitts aus der Tora Dtn 6,4–9 EU beginnt, nach denen es benannt ist.

Schma Jisrael oder Krijat Schma (Rezitation des Schma) ist zugleich der Name eines zentralen Bestandteils zweier täglicher Gebetszeiten: Schacharit (hebr. שחרית), das jüdische Morgengebet, sowie Maariw (hebr. מעריב), das jüdische Abendgebet. Dann ist damit die Rezitation von drei Abschnitten aus der Tora sowie den vorausgehenden und nachfolgenden Lobsprüchen gemeint. Die Rezitation des Schma Jisrael ist das zentrale Ereignis des täglichen synagogalen Gottesdienstes.

Das Schma Jisrael ist der älteste Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses. Der erste Satz proklamiert die Einheit und Einzigkeit Gottes. In den rezitierten Toraabschnitten werden mehrere für die Glaubenspraxis wichtige Gebote angesprochen:

  • das tägliche Rezitieren des Schma Jisrael selbst,
  • das Anlegen der Tefillin (Gebetsriemen),
  • die Zizijot (Schaufäden),
  • die Mesusot (Kapseln an den Türpfosten),
  • die Weitergabe der Gebote an die nächste Generation.

Inhaltsverzeichnis

Geschichtliche EntwicklungBearbeiten

Im Buch DeuteronomiumBearbeiten

"Innerhalb der biblischen Textes sind die Worte des Schma Jisrael in keiner Weise herausgehoben, die anzeigen würde, welche Bedeutung diese Worte in der späteren jüdischen Tradition bekommen sollten. Ihre einmalige und zentrale liturgische sowie dogmatische Bedeutung haben sie offenbar erst in frühjüdischer Zeit erhalten."[1]

Der Textabschnitt Dtn 6,4–9 EU ist, ob synchron oder diachron gelesen, gut eingebunden in den Kontext der vorhergehenden und nachfolgenden Verse. Besonders deutlich sieht man das beim Vergleich von 6,6 („heute“) und 6,20 („morgen“).[2]

Auf der Ebene des Deuteronomiums ist mit „lieben“ wahrscheinlich die „unbedingte Bundesloyalität“ gemeint. Karin Finsterbusch sieht in den Aussagen dieses Abschnitts ein bemerkenswertes Programm: Die Gesetze des Deuteronomiums „sollen auswendig gewußt werden, sie sollen eine zentrale Rolle spielen in der alltäglichen Erziehung; sie sollen zum ‚Markierungszeichen‘ der Einzelnen werden, sie sollen in privaten wie öffentlichen Räumen sichtbar vor Augen stehen.“[3]

In der jüdischen LiturgieBearbeiten

Am Anfang stand der Textabschnitt Dtn 6,4–9 EU. Seine überragende Bedeutung zeigt die Septuaginta, die ihm folgende feierliche Einleitung hinzugefügt hat:[4] „Dies sind die Rechtssätze und Rechtssatzungen, die der Herr den Israeliten in der Wüste geboten hat, nachdem sie aus dem Lande Ägypten herausgezogen waren.“[5] Antike jüdische Gemeinden, die diesen Abschnitt in griechischer Übersetzung rezitierten, hatten ihm bereits einen festen liturgischen Wortlaut gegeben, den der Übersetzer der Septuaginta nicht seinem eigenen Stil anpasste, sondern in der ihm vorgegebenen Form übernahm.[6]

Sowohl die Mischna als auch Flavius Josephus (Jüdische Altertümer IV,8,13) sind Zeugen für die frühe Zusammenfügung der drei Abschnitte zu einem Ganzen.[7] Da der Tempel bereits am Nachmittag geschlossen wurde, war die Rezitation des Schma am Abend zu jener Zeit zwar bereits allgemein üblich, aber als Privatgebet des Einzelnen und nicht als Gemeindegottesdienst.[8]

Im Tempel trugen die Priester die drei Tora-Abschnitte gleich nach dem täglichen Opfer laut vor (Mischna Tamid 5,1). Die anwesende Gemeinde hörte still zu und antwortete nur auf den ersten Satz, der den Gottesnamen enthält, mit dem Ruf Baruch schem – der darum an dieser Stelle in die Rezitation des ersten Toraabschnitts eingefügt ist.[9]

Religionsgesetzliche PflichtBearbeiten

Die Pflicht, das Schma zu rezitieren, besteht unabhängig von der Pflicht des Gebets.[10] Nach Jehuda haNasi hat man mit dem Rezitieren des ersten Satzes die Verpflichtung des Schma Jisrael erfüllt; diese Ansicht blieb allerdings nicht unwidersprochen.[9] Wer zufällig an eine Ort vorüber kommt, an dem das Schma rezitiert wird, beteiligt sich daran, auch wenn er es für sich selbst schon rezitiert hat, um sich nicht symbolisch aus der jüdischen Gemeinde auszuschließen.[11]

Rezitation des SchmaBearbeiten

Wie die Rezitation des Schma im täglichen Gebet geordnet ist, legt bereits die Mischna fest (Berachot 1,2); demnach gibt es im Morgengebet zwei Lobsprüche vor dem Schma (Birkat Jozer Or, Ahawa rabba), das aus drei Toraabschnitten zusammengesetzt ist, und einen danach (Emet we-Jaziw).[12] Im Abendgebet dagegen, das bei Einbruch der Dunkelheit rezitiert wurde, gehen den drei Toraabschnitten zwei Lobsprüche voraus (Ha-Maariw Arawim, Ahawat Olam), und zwei folgen nach (Emet we-Emuna, Haschkiwenu).[8] Nach Ismar Elbogen sind die drei Toraabschnitte und die sie rahmenden Lobsprüche in einer längeren Entwicklung zusammengefügt worden.

Schma Jisrael (1a)Bearbeiten

 
Bedecken der Augen mit der rechten Hand

Am Anfang steht der zentrale Satz, der die monotheistische Quintessenz des Judentums enthält:

שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד
schəma jisrael adonai elohenu adonai echad (sefardisch) bzw.
schəma jisroëil adaunoi elauhëinu adaunoi echod (aschkenasisch)
„Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist eins.“[13]

Beim mündlichen Vortrag wird oft statt „der Ewige“ ein anderes Ersatzwort für den Gottesnamen gebraucht, nämlich das Wort „Adonai“ („unser Herr“) oder „HaSchem“ („der Name“): schəma jisrael haSchem elohenu haSchem echad (sefardisch). Es ist üblich, beim Rezitieren dieses Satzes die Augen mit der rechten Hand zu bedecken, um sich ganz auf den Inhalt der Worte zu konzentrieren.[11]

Während es sonst angemessen ist, beim Gebet eher leise zu sprechen, soll das Schma, als Bekenntnis, etwas lauter gesprochen werden. Die Diskussion, ob man es sitzend oder stehend rezitiert, wurde zugunsten des Sitzens entschieden; wer aber den ganzen Gottesdienst stehend betet, bleibt stehen.[14]

Baruch SchemBearbeiten

„Gepriesen sei Gottes ruhmreiche Herrschaft immer und ewig!“[13]

Dieser Satz klingt an Ps 72,19 EU an, ist aber kein Bibelvers. Die mittleren Worte – hier kursiv gesetzt – sind Ersatz für den heiligen Gottesnamen. Dieser Ausruf war im Gottesdienst des Zweiten Tempels die Antwort der Gemeinde, wenn der Gottesname rezitiert wurde.[15] Um anzuzeigen, dass dieser Satz nicht Tora ist, spricht man ihn leiser als das Schma Jisrael.[16]

Veahavta (1b)Bearbeiten

Die auf Dtn 6,4 folgenden Sätze, die nun rezitiert werden, enthalten den Zentralkontext der Tora, in welchen die Kernbotschaft der Liebe zu Gott eingebettet ist; siehe Talmud Sukka 42a und Berachot 13b (Dtn 6,5–9 EU). Nach Maimonides (Hilchot Krijat Schma 1,2) hat der erste Toraabschnitt drei Hauptaussagen:[17]

  1. Bekenntnis zur Einzigartigkeit Gottes und seiner Herrschaft über die Welt;
  2. Liebe zu Gott;
  3. Verpflichtung zum Studium der Tora.

Vehaja im-schamoa (2)Bearbeiten

Dtn 11,13–21 EU, der zweite Toraabschnitt „paßt sich in Einleitung und Schluß dem ersten an und dürfte diesem Umstande vor allem seine Aufnahme [in die Rezitation des Schma] verdanken.“[4] Mit der Rezitation des 2. Abschnitts erklärt man sich bereit, das „Joch der Mitzwot“ aufzunehmen.[18] War der erste Abschnitt als Anrede in der 2. Person Singular gehalten, steht der Abschnitt Vehaja im-schamoa in der 2. Person Plural. Er wendet sich an das ganze Volk Israel. Chajim Halevy Donin erläutert dazu, dass die Auswirkungen der Befolgung oder Nichtbefolgung der Gebote, die hier verheißen werden (z. B. ein langes Leben) nicht dem Individuum gelten, sondern dem Volk insgesamt.[18]

Vajomer (3)Bearbeiten

 
Küssen der Zizijot beim Abschnitt Vajomer

Nach Elbogen wurde der letzte der drei Toraabschnitte (Num 15,37–41 EU) auch zeitlich als letztes hinzugefügt. Als Indiz dafür wertet er, dass dieser Abschnitt aus dem Buch Numeri in Palästina noch im 9. Jahrhundert am Abend nicht rezitiert wurde.[4] Sein besonderer Akzent ist, dass er in seinem Schlußsatz die religiöse Bedeutung der Befreiung aus Ägypten und damit einen Hauptinhalt der jüdischen Religion klar herausstellt.

Es ist üblich, während der ganzen Rezitation des Schma Jisrael im Morgengottesdienst die Zizijot mit der linken Hand zu umfassen und bei der dreifachen Erwähnung von Zizijot im Abschnitt Vajomer diese an die Lippen zu führen.[14]

Krijat Schma vor dem EinschlafenBearbeiten

Damit der Tag mit dem Schma Jisrael beendet wird, ist folgendes, zusätzliches Privatgebet üblich:[19]

  • Vor dem Einschlafen betet man: „Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott Regent der Welt, der Schlaf in meine Augen legt, Schlummer in meine Augenlider. […] Gepriesen seist du, Ewiger, der die ganze Welt durch deine Gegenwart erleuchtet.“
  • Darauf Schma Jisrael (1a)
  • Baruch schem
  • Veahavta (1b).

Weitere Vorkommen des Schma in der LiturgieBearbeiten

Seiner Bedeutung entsprechend, wird das Schma Jisrael außer im Morgen- und Abendgebet sowie im privaten Nachtgebet noch an einigen weiteren Stellen im Gottesdienst rezitiert:[9]

In der MusikBearbeiten

  • Arnold Schönbergs Holocaust-Melodram Ein Überlebender aus Warschau, das die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto thematisiert, schließt mit dem von einem Männerchor gesungenen Schma Jisrael.[20]
  • Erich Walter Sternberg verwendete ein traditionelles musikalisches Motiv des Schᵉma Jisrael in seinem symphonischen Gedicht Höre Israel von 1948.[21]
  • Die Orgelsymphonie Le Cantique des Cantiques (2004) von Walter Steffens wird durch den Prolog über Höre, Israel (nach dem Mosebuch) eröffnet.
  • In seinem Debütalbum singt der jüdische Sänger Matisyahu das Schma Jisrael im Lied Got no water.
  • Der US-amerikanische Theologe und Liedermacher Michael Card lässt im zweiten Teil seines Liedes "Meditation #3 Shema" einen jüdischen Männerchor das Schma Jisrael voller Inbrunst singen (CD The Beginning, 1989)

LiteraturBearbeiten

  • Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. Morascha, Zürich, 2002.
  • Ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. 2. Auflage, J. Kauffmann Verlag. Frankfurt/Main 1924. (online)
  • Israel Meir Lau: Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste. Gütersloher Verlag, Gütersloh 1988. ISBN 3-579-02155-9.
  • Meir Seidler: Schma Jisrael. Einheit – Die jüdische Sicht. Kovar, Eichenau, 1998, ISBN 3-925845-76-3.

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: Schma – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Commons: Schma Jisrael – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Karl-Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie, Mystik. Band I: Vom Gott Abrahams zum Gott des Aristoteles. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2004, ISBN 3-593-37512-5, S. 251.
  2. Eckart Otto: Deuteronomium 4,44-27,68. In: Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament. Herder, 2012, S. 779,783.
  3. Karin Finsterbusch: Deuteronomium. Eine Einführung. In: UTB. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8252-3626-7, S. 85.
  4. a b c Ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. S. 24.
  5. Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 184.
  6. Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Einleitung Deuteronomion. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 176.
  7. Ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. S. 25.
  8. a b ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. S. 100.
  9. a b c Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. S. 140.
  10. Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. S. 139.
  11. a b Israel Meir Lau: Wie Juden leben. S. 38.
  12. Ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. S. 16.
  13. a b Seder haTefillot. Das jüdische Gebetbuch. S. 87.
  14. a b Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. S. 142.
  15. Ismar Elbogen: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung. S. 22.
  16. Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. S. 141.
  17. Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. S. 143.
  18. a b Chajim Halevy Donin: Jüdisches Gebet heute. Eine Einführung zum Gebetbuch und zum Synagogengottesdienst. S. 147.
  19. Kerry M. Olitzky, Ronalt H. Isaacs: Kleines 1 × 1 jüdischen Lebens: Eine illustrierte Anleitung jüdischer Praxis und Basisinformationen jüdischen Wissens. 3. Auflage. JVAB, London 2015, S. 96–97.
  20. Eric Werner: Contributions to a Historical Study of Jewish Music. KTAV Publishing House, 1976, S. 279
  21. Lewis Stevens: Composers of Classical Music of Jewish Descent. Vallentine Mitchell, 2003, ISBN 978-0-85303-482-7, S. 336.