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Pärnu (deutsch Pernau) ist eine estnische Hafenstadt mit 51.272 Einwohnern (2019) und ein wichtiges Seebad im gleichnamigen Kreis.

Pärnu (dt. Pernau)
Wappen
Wappen
Flagge
Flagge
Staat: Estland Estland
Kreis: Pärnumaa lipp.svg Pärnu
Koordinaten: 58° 23′ N, 24° 31′ OKoordinaten: 58° 23′ N, 24° 31′ O
Höhe: 10 m
Fläche: 858,07 km²
 
Einwohner: 51.272 (2019-01-02)
Bevölkerungsdichte: 60 Einwohner je km²
Zeitzone: EET (UTC+2)
Telefonvorwahl: (+372) +372 44
 
Bürgermeister: Romek Kosenkranius

(parteilos)

Website:
Karte von Estland, Position von Pärnu (dt. Pernau) hervorgehoben
Pärnu aus der Vogelschau

GeografieBearbeiten

Pärnu liegt an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Die Stadt hat einen etwa drei Kilometer langen Sandstrand am nördlichen Ausläufer des Rigaischen Meerbusens.

GeschichteBearbeiten

Die Stadt wurde 1251 vom Deutschen Orden gegründet, die Ordensburg um 1265 erstmals erwähnt. Pernau wurde Mitglied der Hanse (als eisfreier Hafen sehr wichtig in Livland). Sie war seit dem Livländischen Krieg 1561 in schwedischem Besitz und erlebte eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit.

1699 bis 1710 war Pernau Sitz der Dorpater Universität „Academia Gustavo Carolina“. Die Stadt kam dann nach der Eroberung Pernaus durch russische Truppen im Zuge der Belagerung von Pernau während des Großen Nordischen Kriegs im Frieden von Nystad 1721 zum russischen Kaiserreich (Gouvernement Livland). Schon unter schwedischer Herrschaft war begonnen worden, die Stadt zur Festungsstadt auszubauen, was unter russischer Herrschaft fortgesetzt wurde. Im Jahr 1835 wurde der Status als Festungsstadt wieder aufgehoben. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Rohstoffhandel für Pernau immer bedeutender. Während der Seeblockade in der Napoleon-Zeit kam es zu einem Niedergang der Handelsstadt.

Die Universität Tartu (Dorpat) hatte hier von 1699 bis 1710 zeitweise ihren Sitz und unterhält hier heute ein Kolleg (etwa 1.000 Studenten im Studienjahr 2004/05).

1838 öffnete in Pärnu die erste Badeanstalt ihre Türen. Auf dem Gelände des ehemaligen Festungsrings entstand in den folgenden Jahrzehnten ein Grüngürtel mit zahlreichen Parkanlagen. Nach und nach entwickelte sich die Stadt zum Badekurort. Der Aufschwung des Kurbetriebs setzte sich zur Zeit der Estnischen Republik nach 1920 fort und viele Badekurgäste reisten auch aus dem Ausland an, insbesondere aus Schweden, Deutschland und Lettland. Pernau war als Heil- und Seebad mit Schlammbädern und langen Sandstränden bekannt.

1939/40 verließen – wie im Ribbentrop-Molotow-Pakt festgelegt – die deutschen Einwohner von Pernau die Stadt. 1940 wurde sie von der Roten Armee besetzt und Teil der Estnischen Sowjetrepublik. Im Juli 1941 erfolgte die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht. Durch sowjetische Luftangriffe und mit Einrücken der Roten Armee im September 1944 wurde die Stadt weitgehend zerstört. Nach dem Krieg erfolgte die Restaurierung der alten Bausubstanz.

Auch zur Zeit der Sowjetunion lief der Kurbetrieb weiter, trotz erheblicher Verschmutzung des Wassers des Flusses Pärnu und der angrenzenden See. Einer der berühmtesten Kurgäste war der Geiger David Oistrach, der in den Sommern 1954 bis 1971 in Pärnu Urlaub machte. Nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands wurde Pärnu im Juni 1996 wieder zur „offiziellen Sommerhauptstadt“ Estlands ernannt. Die Wasserverschmutzung war 1993 mit dem Bau einer modernen Kläranlage beseitigt worden.

2017 wurden die Gemeinden Estlands neu gegliedert. Dadurch vergrößerte sich die Fläche von Pärnu erheblich und zahlreiche umliegende Dörfer wurde in die eigentliche Stadt eingegliedert.

BevölkerungBearbeiten

1881 1897 1922 1934 1959 1970 1979 1989 2000 2009 2017 (1) 2017 (2)
12.966 12.898 18.499 20.334 22.367 50.224 54.051 53.885 46.476 44.024 39.497 50.426
Angaben 2017 vor (1) und nach (2) der Neugliederung der Gemeinden

TourismusBearbeiten

 
Am Strand von Pärnu

Die Lage, das Klima und der Strand machten Pärnu spätestens seit Eröffnung der ersten Badeanstalt im Jahr 1838 zu einem beliebten Kur- und Badeort. Auch heute noch wird die Stadt gelegentlich als estnische Sommerhauptstadt bezeichnet: Der Bürgermeister von Tallinn übergibt zum Beginn der Sommersaison symbolisch die Hauptstadtrechte an den Bürgermeister von Pärnu. Die meisten Touristen sind Esten, Finnen, Deutsche und – wie auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg – Schweden. Die Stadt besitzt einen großen Yachthafen und einen Flughafen.

Kultur und SehenswürdigkeitenBearbeiten

Sehenswert in der Altstadt sind die Elisabeth- und die Katharinenkirche, der Rote Turm, die Villa Ammende und das Tallinner (Revaler) Tor.

Im neuen Konzerthaus der Stadt findet jeden Sommer das internationale David-Oistrach-Festival statt. Ferner findet jeweils im Juli das Pärnu International Documentary Film Festival[1] statt. Im Juni 2010 war Pärnu als Mitglied der „modernen Hanse“ außerdem Gastgeber der 30th International Hanseatic Days.[2]

Denkmal für die Ausrufung der Unabhängigkeit der Republik EstlandBearbeiten

 
Denkmal für die Ausrufung der Unabhängigkeit der Republik Estland in Pärnu

Das Manifest an alle Völker Estlands wurde am 23. Februar 1918 erstmals öffentlich vom Balkon des Theater- und Gesellschaftshauses Endla vorgelesen, das damals an Stelle des heutigen Hotels Pärnu stand. Das Denkmal symbolisiert diesen Balkon und der Text wird in verschiedenen Sprachen (u. a. auch in Braille-Schrift) präsentiert.[3]

Estonia-GedenkstätteBearbeiten

Die Gedenkstätte für die 1994 beim Untergang des Fährschiffes Estonia Gestorbenen mit einer zwölf Meter hohen Skulptur wurde im Jahr 1997 von Mati Karmin und Tiit Trummal geschaffen. Ein langes, mit Granit eingefasstes Kiesbeet führt zu einer erhöhten quadratischen Plattform. Auf dieser steht ein schwarzer Gedenkstein, über dem sich ein filigraner schwarzer „Baldachin“ aus zwei ineinander verschränkten „Toren“ aus Stahl erhebt. Im Baldachin schwebt ein schräg liegendes versilbertes Stahlkreuz.

KriegsgräberstättenBearbeiten

1993 wurde ein deutscher Soldatenfriedhof bei Pärnu eingeweiht, als letzte Ruhestätte für 960 Gefallene beider Weltkriege. In der Nähe befindet sich ein Gräberfeld mit estnischen Kriegstoten aus den Jahren 1919/20.

Waffen-SS-KriegerdenkmalBearbeiten

2002 ließ die Stadt ein Kriegerdenkmal errichten, das einen estnischen Soldaten in der Uniform der Waffen-SS zeigt, der sein Gewehr gegen Russland richtet, mit der Inschrift: »Im Gedenken an alle estnischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg für die Befreiung ihrer Heimat und für ein freies Europa 1940-1945 gefallen sind.« Nach Protesten erklärte Romek Kosenkranikus, ein Vertreter der Stadtregierung: »Die Stadt ist nicht sehr froh über das Denkmal, aber wir lehnen es auch nicht ab.« Später wurde das Denkmal doch demontiert und im August 2004 in der Stadt Lihula wieder errichtet.[4]

 
Ehemaliges Rathaus von Pärnu
 
Typisches Holzhaus
 
Zentrum der Stadt
 
Orthodoxe Kirche in Pärnu (erbaut 1768)

PolitikBearbeiten

WappenBearbeiten

Beschreibung: In Blau eine weiße Wolke im rechten Obereck, aus der ein rot bekleideter Arm hervorragt und ein goldenes Kreuz mit einseitig geschrägten Kreuzarmen hält. Links schwebt ein mit dem Bart zur Schildmitte zeigender goldener Schlüssel mit einer Dreipassreite.

StädtepartnerschaftenBearbeiten

Pärnu unterhält Beziehungen zu folgenden Partnerstädten:[5]

Weitere partnerschaftliche Beziehungen bestehen zu

Außerdem gehört die Stadt dem Städtebund Neue Hanse sowie der Union baltischer Städte (Union of Baltic Cities) an.

VerkehrBearbeiten

Pärnu liegt direkt an der Nationalstraße 4 von Riga nach Tallinn, die Teil der Europastraße 67 (Via Baltica, PragHelsinki) ist. Hier beginnt auch die Nationalstraße 5, die nach Rakvere führt. Im Nordwesten der Stadt liegt der Flughafen Pärnu. Zwischen 1928 und dem 9. Dezember 2018 bestand eine Zugverbindung mit Tallinn, die jedoch wegen der heruntergekommenen Infrastruktur eingestellt werden musste.[6] Die weiterführende Strecke nach Riga war schon länger nicht mehr in Betrieb.

BildungBearbeiten

In Pärnu befinden sich eine Außenstelle der privaten Estonian Entrepreneurship University for Applied Sciences[7] sowie unter anderem die Deutsche Technologieschule Pärnu (Pärnu Saksa Tehnoloogiakool) der Stiftung Bildung & Handwerk.[8]

Söhne und Töchter der StadtBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Pärnu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Pernau – Quellen und Volltexte