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Otto Zierer (* 8. Mai 1909 in Bamberg; † 5. März 1983 in Gröbenzell) war ein deutscher Schriftsteller und im Zweiten Weltkrieg Offizier der Fallschirmjäger. Zierer studierte Philosophie und Geschichte in München und Heidelberg.

Zierer lebte an der spanischen Mittelmeerküste und in der Villa Zierer[1] in Gröbenzell im Westen von München. Seine Bücher erreichten im Nachkriegsdeutschland Auflagen von über 30 Millionen Exemplaren. Für sein Lebenswerk wurde er mit dem Bayerischen Verdienstorden und dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

WerkBearbeiten

Zierer verfasste über 130 Bücher, darunter auch einige Romane, wie seine eigenen Kriegserlebnisse in dem Buch Rot schien die Sonne. Sein Spezialgebiet aber war die Geschichte der Menschheit seit ihrer Frühzeit, die er auf populäre Weise einer breiten Leserschaft vermitteln wollte. Dazu verfasste er auch an die 50 Lux-Lesebogen-Hefte.

Bild der JahrhunderteBearbeiten

Zierers bis heute populärstes Werk ist der Sammelband Bild der Jahrhunderte, von dem verschiedene Gesamtausgaben unter anderem im Bertelsmann Lesering, im Verlag Sebastian Lux und im Wilhelm Heyne Verlag erschienen. In 44 Bänden seiner Großen Illustrierten Weltgeschichte, wie das Bild der Jahrhunderte gelegentlich im Untertitel hieß, berichtet er über alle Epochen auf allen Kontinenten. Zierers bis heute überaus lebendiger und packender, dabei niemals salopper, im sogenannten epischen Präsens gehaltener Stil in Bild der Jahrhunderte bewegt sich zwischen erzählender Geschichtswissenschaft (vergleichbar ungefähr mit dem Stil des heutigen Historikers Richard J. Evans) und Belletristik, und gliedert sich in drei Bestandteile, von denen besonders die letzten zwei zur Bewertung des Werkes als reiner Romanerzählung beitrugen:

  • erzählende Geschichtswissenschaft, die sich nicht allein der Ereignisgeschichte, sondern auch intensiv den soziologischen Strömungen, der Kunst, Kultur, Architektur, den wirtschaftlichen wie sozioökonomischen Analysen widmet und immer wieder ausgewiesene Zitate aus historischen und anderen Sachbüchern genauso wie aus authentischen zeitgenössischen Quellen, dabei oft genaue Zahlen und Statistiken bietet, ohne je seine packende Lebendigkeit zu verlieren,
  • fiktive innere Monologe bedeutender Figuren der Geschichte, die in der dritten Person gehalten sind,
  • fiktive Dialoge zwischen bedeutenden Widerparts und Weggefährten des Zeitgeschehens, teilweise mit fiktiven Nebenfiguren und zum Teil mit authentischen ausgewiesenen Zitaten.

Kritik und WürdigungenBearbeiten

Peter Bierl wies 2008 darauf hin, dass Zierer bei seiner Entnazifizierung fälschlich behauptete, im Dritten Reich hätten Bücher von ihm nicht erscheinen können.[2] Tatsächlich kamen während der NS-Zeit neben einer Reihe von Zeitungsartikeln zwei historische Abenteuerromane von Zierer heraus, einer davon als Fortsetzungsroman in der Zeitung „Der Angriff“. In seinen Erinnerungen[3] erwähnte der Verfasser diese Bücher 1979 auch selbst. Es handelte sich um die historischen Abenteuerromane „Der Kurier von Rafalowka“ (1938) und „Der Mann ohne Herz“ (1944). Bierl betont, dass beide von antisemitischen Personenschilderungen geprägt seien.

1958 führte Zierers Darstellung des 1919 ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner in einer auch als Buch erschienenen Artikelserie für die Süddeutsche Zeitung zu heftigen Vorwürfen wegen der Verwendung antisemitischer Klischees.[4] In seinen Erinnerungen bezeichnete Zierer die Kritik zwanzig Jahre später als einseitig.[5] Nach Bierl verurteilte der Autor zwar „in seinen Nachkriegsschriften den Nationalsozialismus und die Schoa“, verbreitete aber weiterhin das Bild „vom geschäftstüchtigen, reichen Juden, der zu allen Zeiten den Neid anderer erweckt habe“.[6]

Zierers Darstellung des Mittelalters in dem Band „Das Heilige Reich“ wurde im Historischen Jahrbuch 1957[7] stark kritisiert, einerseits wegen einer Reihe von Fehlern und fehlerhaften Schreibweisen, andererseits weil das Stilmittel der erfundenen Rede hier dazu missbraucht werde, „eindeutig moderne Probleme von mittelalterlichen Menschen“ diskutieren zu lassen.

Gegen die Darstellung der afrikanischen Geschichte durch Zierer[8] wurde 1962 von katholischer Seite eingewendet, der Autor sei in den Vorurteilen des 19. Jahrhunderts stecken geblieben, urteile „ganz aus dem Blickfeld des europäischen Chronisten“ und erkläre die Schwarzen sogar für „geschichtslos“.[9] In der DDR wurde Zierers Afrika-Darstellung als diffamierend verurteilt und dabei zugleich behauptet, die Sichtweise des Autors sei für westdeutsche Historiker „charakteristisch“.[10]

Eine von Zierer 1978 veröffentlichte Biographie zu Franz Josef Strauß wurde von Kritikern als „Schwulst“ und vom CSU-Politiker Hermann Höcherl als Zeitverschwendung abgelehnt.[11]

Der Autor des 1999 erstmals erschienenen Bestsellers „Bildung“ – Dietrich Schwanitz – nahm Zierers Weltgeschichte in seine Lesetipps auf, weil die Darstellung zwar „manchmal etwas theatralisch oder auch unfreiwillig komisch“ sei, es jedoch Schüler gebe, die von der Lektüre der Bände, „sehr profitiert“ hätten.[12]

Die zahlreichen von Zierer verfassten „Lesebogen“-Hefte des Lux-Verlages in Murnau bezeichnete der Historiker und ehemalige Bibliotheksdirektor an der Niedersächsischen Landesbibliothek (heute Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek) Reinhard Oberschelp 2010 als „eindrucksvolle Reihe“. Bei seiner Schilderung der Revolution von 1848/49 stehe Zierer trotz eines vermeintlich das Gegenteil andeutenden Hefttitels „mit seinen Sympathien durchaus auf der Seite der Demokraten“.[13]

Zu den häufiger beachteten Schriften Zierers gehört eine mehrfach aufgelegte, 1979 auch im Fischer-Taschenbuch-Verlag veröffentlichte Romanbiographie über Marcus Tullius Cicero.[14] Die Zeitschrift „Welt und Wort“ urteilte 1959, dass das Cicerobild von Zierer in den wesentlichen Zügen nicht verzeichnet sei.[15] Demgegenüber sprach die in der DDR lehrende Althistorikerin Liselott Huchthausen 1980 von einem politisch missbrauchten Cicero und begründete das unter anderem damit, dass Zierer nicht Lenins Unterscheidung zwischen Staatsform und Staatstyp beachtet habe.[16] Im Standardwerk „Der Neue Pauly“ zur antiken Geschichte heißt es 2013 über den Roman, er zähle zu den seltenen literarischen Darstellungen, die Ciceros „intellektueller Persönlichkeit und philos. Interessen breiten Raum einräumen“.[17]

Werke (Auswahl)Bearbeiten

  • Geschichte Indiens und des Islam, Bertelsmann, Gütersloh
  • Sternstunden der Weltgeschichte, Prisma, 1978
  • Franz Josef Strauß. Ein Lebensbild, Ullstein Verlag, München
  • Doktor Li, Bergland-Buch, Salzburg 1980, ISBN 3-7023-0132-1
  • Christoph Columbus, Heyne Verlag, München 1981
  • als Hg.: Weißbuch zur Rettung der Sprache, Langen-Müller, München 1976
  • Rot schien die Sonne
  • München. Eine Stadt und ihre Geschichten aus 850 Jahren. Langen Müller Verlag, München 2007
  • Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien von berühmten Frauen in Wort und Bild. Mit 1000 Bildniszeichnungen von Elly Strick. Sebastian Lux Verlag, Murnau am Staffelsee
  • Große Männer der Weltgeschichte. Tausend Biographien von berühmten Männern in Wort und Bild. mit 1000 Bildniszeichnungen von Elly Strick. Sebastian Lux, Murnau

Bild der JahrhunderteBearbeiten

Sebastian-Lux-Ausgaben [Lux I, Lux II, Lux III] und Derivate [Bertelsmann]Bearbeiten

Zählung von Otto Zierers Bild der Jahrhunderte nach der Originalausgabe im Sebastian Lux Verlag Murnau mit bordeaux-rotem Kunststoffeinband [Lux I]:

(Einteilung und Titel bleiben bei den Lizenzausgaben im Bertelsmann Lesering im graubraunen Pappeinband gleich, die Zählung läuft aber etwas anders; darüber hinaus gab es vor der späteren Taschenbuchausgabe bei Heyne nochmals eine ähnlich gebundene Ausgabe im Sebastian Lux Verlag, die ausschließlich aus zusammengefaßten Doppelbänden bestand [Lux II], und eine in hellbraunes Leder gebundene Sebastian-Lux-Verlag-Luxusausgabe in Farbe [Lux III], die ebenfalls immer aus Doppelbänden bestand, was bei den vier Ausgaben [Lux I, Lux II, Lux III und Bertelsmann] zu einem recht abenteuerlichen Durcheinander und Nebeneinander der Zählungen führte, die sich alle jedes Mal mittels Doppelzählung leidlich mühten, sowohl der Originalzählung der ersten Sebastian-Lux-Verlag-Ausgabe [Lux I] wie der jeweiligen Zusammenfassung gerecht zu werden.)

  • Band 0: Registerband
  • Band 1/2: Älteste Völker: Von der Urzeit bis 500 v. Chr/Frühzeit Europas: Die antike Welt bis 500 v. Chr
  • Band 3: Klassischer Tag: 500–400 v. Chr.
  • Band 4: Aussaat im Erdkreis: 400–300 v. Chr.
  • Band 5: Die Adler von Rom: 300–200 v. Chr.
  • Band 6: Imperium Romanum: 200–100 v. Chr.
  • Band 7: Unsichtbare Krone: 100–1 v. Chr.
  • Band 8: Mittag des Reiches: 1–100 n. Chr.
  • Band 9: Abendliche Kaiser: 100–200 n. Chr.
  • Band 10: Chaotisches Jahrhundert: 200–300 n. Chr.
  • Band 11: Sieg des Kreuzes: 300–400 n. Chr.
  • Band 12: Völkerdämmerung: 400–500 n. Chr.
  • Band 13: Germanische Tragödie: 500–600 n. Chr.
  • Band 14: Allahs Flamme: 600–700 n. Chr.
  • Band 15: Krone des Westens: 700–800 n. Chr.
  • Band 16: Erben des Kaisers: 800–900 n. Chr.
  • Band 17: Cäsarische Versuchung: 900 n. Chr.–1000
  • Band 18: Das heilige Reich: 1000–1100
  • Band 19/20: Hohe Zeit des Abendlandes: 1100–1200
  • Band 21/22: Zeit und Ewigkeit: 1200–1300
  • Band 23/24: Die alten Mächte: 1300–1400
  • Band 25/26: Am Tor der neuen Welt: 1400–1500
  • Band 27/28: Die große Empörung: 1500–1600
  • Band 29/30: Entfesselte Gewalten: 1600–1700
  • Band 31/32: Hexenkessel Rokoko: 1700–1789
  • Band 33/34: Die große Revolution: 1789–1795
  • Band 35/36: Kaiser Europas: 1795–1815
  • Band 37/38: Zwischen den Zeiten: 1815–1850
  • Band 39/40: Herren der Welt: 1850–1917
  • Band 41: Das Bild unserer Zeit: Vom 1. Weltkrieg bis zur Gegenwart

(Der Bertelsmann Lesering unterteilt den letzten Band nochmal in zwei Bände, nach der Bertelsmannzählung Band 21: Das Bild unserer Zeit: Vom ersten Weltkrieg bis 1933, Band 22: Das Bild unserer Zeit: Von 1933 bis in die Gegenwart)

HeyneausgabeBearbeiten

Daneben gab es noch die neuere Taschenbuchausgabe (1969) von Heyne mit anderen Titeln und teilweise anderer Zeiteinteilung pro Band, die nicht einmal durch Parallelzählung (d. h. Nennung sowohl der alten wie der neuen Bandzahl) der alten Erstausgabenzählung gerecht zu werden versucht hat:

  • Band 1: Mensch sei dein Name: bis 500 v. Chr.
  • Band 2: Eroberer und Philosophen: 500–300 v. Chr.
  • Band 3: Karthago muß fallen: 300–100 v. Chr.
  • Band 4: Der Weg der Caesaren: 100 v.–100 n. Chr.
  • Band 5: Paläste und Katakomben: 100–300 n. Chr.
  • Band 6: In diesem Zeichen: 300–500 n. Chr.
  • Band 7: Kreuz und Halbmond: 500–700 n. Chr.
  • Band 8: Von Gottes Gnaden: 700–900 n. Chr.
  • Band 9: Kaiser und Päpste: 900–1100
  • Band 10: Ritter und Mönche: 1100–1200
  • Band 11: Wandler der Welt: 1200–1300
  • Band 12: Göttliche Komödie: 1300–1400
  • Band 13: Zu neuen Ufern: 1400–1500
  • Band 14: Der neue Mensch: 1500–1600
  • Band 15: Trommeln und Tränen: 1600–1700
  • Band 16: Nach uns die Sintflut: 1700–1789
  • Band 17: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: 1789–1795
  • Band 18: Von Korsika nach St. Helena: 1795–1815
  • Band 19: Abschied vom Biedermeier: 1815–1850
  • Band 20: Glücksspiel um die Weltmacht: 1850–1916
  • Band 21: Völker, hört die Signale: 1916–1945

WeblinksBearbeiten

QuellenBearbeiten

  1. http://www.villa-zierer.de/ueber-villa-zierer/
  2. Peter Bierl: Otto Zierer (1909–1983). Zu Leben und Werk eines Schriftstellers im Schatten des Nationalsozialismus. In: Amperland. Heimatkundliche Vierteljahresschrift für die Kreise Dachau, Freising und Fürstenfeldbruck. 44. Jg. 2008, Heft 2, S. 209–218, hier S. 213
  3. Mein Abenteuer zu schreiben, München 1979
  4. Zierer, Otto: Die Abenteuer der vielgeliebten Stadt München, Teil 2: Die Jahre seit 1914. Süddeutscher Verlag 1958
  5. Mein Abenteuer zu schreiben, S. 222ff.
  6. Bierl, S. 210
  7. Historisches Jahrbuch 76/1957, S. 340 (Rezensent: Harro Brack)
  8. Otto Zierer: Geschichte Afrikas. 2 Bände. Lux-Verlag Murnau 1959
  9. Hildegard Christoffels: Das Geschichtsbild der Europäer von Afrika. In: Orientierung. Katholische Blätter für weltanschauliche Information. 26. Jahrgang 1962, Heft 8, S.93–96, hier S. 94
  10. Manfred Nussbaum in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 14/1963, S. 243
  11. Der Spiegel Nr. 22/1978, S. 92ff.
  12. Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muß. 34. Auflage. München 2002, S. 656
  13. Reinhard Oberschelp: Die Lux-Lesebogen 1947–1964. Ein Volksbildungs-Unternehmen der Nachkriegszeit. Verzeichnis nach Nummern, Autoren und Sachen mit einer Einleitung. Manuskript [ausleihbar] Hannover 2010, S. 7. Siehe auch: Kurt Dröge: Die Lux-Lesebogen und Karlheinz Dobsky. Norderstedt 2017, (Ebook ohne Seitenzählung), Anm. 11.
  14. Otto Zierer: Und dann verschlang mich Rom. Das Leben des Marcus Tullius Cicero. München: Süddeutscher Verlag 1958, als Fischer-Taschenbuch unter dem Titel: Cicero. Republikaner ohne Republik. 1979
  15. Welt und Wort 14/1959, S. 6
  16. Liselott Huchthausen: Mißbrauchter Cicero. In: Klio 62/1980, S. 623
  17. Der Neue Pauly. Supplemente Bd. 8: Historische Gestalten der Antike. Rezeption in Literatur, Kunst und Musik. Stuttgart Weimar 2013, S. 290