Museum Fünf Kontinente

Staatliches Museum für Völkerkunde in München

Beim Museum Fünf Kontinente handelt es sich um das frühere Staatliche Museum für Völkerkunde in der Maximilianstraße in München. Es wurde 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen Königlich Ethnographische Sammlung gegründet, seit 1917 Museum für Völkerkunde genannt und am 9. September 2014 in Museum Fünf Kontinente umbenannt.[1] Eine Zweigstelle befand sich bis Ende 2017 im Residenzschloss Oettingen. Träger ist das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.[2]

Museum Fünf Kontinente, im Mai 2017

In der Sammlung des Museums befinden sich über 160.000 Kunstwerke, Alltags- und Ritualgegenstände außereuropäischer Völker, 135.000 Fotografien und eine Fachbibliothek mit über 100.000 Büchern. Die Sammlungen des Hauses Wittelsbach bildeten hierfür die historische Basis.[3] Die ständigen Ausstellungen und themenbezogene Sonderausstellungen zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Kulturen.

MuseumsnameBearbeiten

Das erste ethnologische Museum in Deutschland änderte im Lauf seiner Geschichte mehrmals den Namen:

  • 1862–1912: Königlich Ethnographische Sammlung
  • 1912–1917: Königlich Ethnographisches Museum
  • 1917–1954: Museum für Völkerkunde
  • 1954–2014: Staatliches Museum für Völkerkunde
  • seit Herbst 2014: Museum Fünf Kontinente

Geschichte des MuseumsBearbeiten

1835 richtete der Würzburger Arzt und Naturforscher Philipp von Siebold, der von 1823 bis 1830 in Japan gelebt hatte, einen Brief mit ausführlicher Skizze an König Ludwig I. von Bayern. Darin erläuterte er seinen Vorschlag, in München ein ethnologisches Museum zu gründen. Siebold erwies sich so als Vordenker einer Entwicklung in Europa, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Gründung zahlreicher ethnologischer Museen führte. Die Herausbildung der Ethnologie als wissenschaftliche Disziplin ging damit Hand in Hand. Umgesetzt wurde Siebolds Plan im Jahr 1862: Ludwigs Sohn Maximilian II. wollte als engagierter Förderer von Wissenschaft und Kunst München zu einem führenden Zentrum im deutschsprachigen Raum machen. Im Zuge dessen beschloss er die Gründung eines ethnologischen Museums in der bayerischen Hauptstadt, das von Beginn an der wissenschaftlichen Forschung verpflichtet war. Bereits seit 1820 waren nämlich auf Veranlassung des Hauses Wittelsbach erste ethnologische Sammlungen nach München gelangt, die so genannten „Transatlantischen Sammlungen“ von Forschungsreisen nach Brasilien, der Südsee und Russisch-Amerika. Das Museum war zunächst im Galerie-Gebäude in den Hofgartenarkaden untergebracht, das sich aber als zunehmend ungeeignet erwies. In den Jahren 1925/26 erfolgte der Umzug in das heutige Gebäude in der Maximilianstraße.[4]

Direktoren

GebäudeBearbeiten

 
Museum Fünf Kontinente mit neuem Schriftzug über dem Portal

Der Museumsbau wurde 1859 bis 1865 von Eduard Riedel als Bayerisches Nationalmuseum errichtet, dessen Sammlungen seit 1900 in einem neuen Museumsbau an der Prinzregentenstraße untergebracht sind, da sich das Gebäude trotz seiner achtunddreißig Säle bald als zu klein erwies. Auftraggeber war König Maximilian II., auf dessen Initiative die Maximilianstraße errichtet wurde. Von 1906 bis 1925 diente das Gebäude dem Deutschen Museum als erster, provisorischer Ausstellungsbau. Seit 1926 ist das Völkerkundemuseum im Haus an der Maximilianstraße beheimatet.

Nachdem sich der Bauherr für den Bauplatz an dieser Stelle entschieden hatte, musste das 1858 bis zum Rohbau gediehene neue Gebäude des Taubstummendomizils auf Kosten des Stifters wieder abgetragen werden. Die Architektur des zweigeschossigen Monumentalbaus mit dreigeschossigen Mittel- und Eckrisaliten wurde vom englischen Perpendicular Style beeinflusst. Die Hauptfront ist 147 Meter lang und besteht aus fünf Blocks mit durchgehenden Arkaden und 25 Achsen mit einem reich verzierten Dachgesims. Der Eingangsbereich ist mit einer Loggia mit neun Achsen ausgestattet. Der ursprünglichen Widmung des Baus entsprechend schmücken im ersten Stock historische Fresken mit Szenen aus der bayerischen Vergangenheit einige Räume. Die königliche Inschrift „Meinem Volk zu Ehr und Vorbild“, in Großbuchstaben unter dem Dach angebracht, bezieht sich ebenfalls auf die Entstehungsgeschichte als Bau des Nationalmuseums.

SammlungsschwerpunkteBearbeiten

Neben den Kunstwerken und Alltagsgegenständen befinden sich auch mehr als 135.000 Bilddokumente in der Sammlung in Form von Glasplatten, Papierabzügen, Dias und Fotoalben. Die frühesten Aufnahmen stammen von 1870. Zu den herausragenden Werkgruppen gehören Aufnahmen von Expeditionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Afrikanische KunstBearbeiten

 
Blick in die im Herbst 2016 umgestaltete permanente Afrika-Ausstellung des Museums Fünf Kontinente

Afrika-Sammlung und permanente Afrika-Ausstellung "Lebendige Traditionen, Kreative Gegenwart. Kunst aus Afrika": Die Sammlung Afrika umfasst etwa 40.000 Alltags-, Ritual- und Kunstgegenstände aus den Ländern und Regionen südlich der Sahara sowie von in dieser Wüste lebenden Bevölkerungsgruppen wie den Tuareg. Zur Sammlung Afrika zählen auch Objekte aus Madagaskar, während Gegenstände aus Nordafrika im Museum der Sammlung Orient zugeordnet sind. Zur Sammlung gehören plastische Kunst mit Masken und Figuren, Skulpturen, Bronzen und Elfenbeinschnitzereien,[6] Waffen sowie Silberhandwerk und Körperschmuck.

Die ältesten Bestände der Sammlung entstammen der Kunstkammer der Wittelsbacher Herrscher und umfassen Elfenbeinschnitzereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Seit Gründung des Museums 1862 wurde die Sammlung durch Schenkungen und Ankäufe von zahlreichen Reisenden, Forschern, Kolonialbeamten und Missionaren, Ethnographica- und Kunsthändlern wie z. B. Max Buchner (1885), Friedl Martin (1893), Hugo Deininger (1905 und 1913), Ludwig Bretschneider (v. a. 1950er bis 1980er Jahre) sowie der Firma Umlauff (1926 und 1932) erweitert.

Dabei kristallisierten sich mehrere Sammlungsschwerpunkte heraus, z. B. Perlenarbeiten aus dem südlichen Afrika, Keramik- und Flechtarbeiten sowie christliche Volksmalerei aus Äthiopien. Eine umfangreiche Kollektion von Alltagsgegenständen verschiedener Ethnien Tansanias stammt von der Forschungsreise des Afrikanisten und Museumsmitarbeiters Meinulf Küsters in den Jahren 1927/28. Eine Besonderheit stellen die Schnitzwerke der Fang (Kamerun/Gabun) und Luba (Dem. Rep. Kongo), zentralafrikanische Kraftfiguren sowie Skulpturen der Yoruba (Nigeria/Republik Benin), darunter vor allem zwei Verandapfosten des berühmten Schnitzers Olowe von Ise (gest. 1938), dar.[6]

Der Bereich der zeitgenössischen Kunst bildet gleichfalls einen Schwerpunkt der Sammlung. Fortlaufend werden Werke bedeutender zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die in Afrika oder in der Diaspora leben und in einer globalisierten Kunstwelt agieren, erworben. Als Beispiele seien genannt Sokari Douglas Camp (Nigeria/Großbritannien), Ransome Stanley (Deutschland), Romouald Hàzoume (Republik Benin), Pieter Hugo (Südafrika), Kofi Setordji (Ghana) und El Loko (Deutschland/Togo). Im Rahmen des neuen Sammlungsbereiches Design enthält die Afrika-Sammlung Werke westlicher Designer, die von afrikanischen Vorbildern inspiriert wurden, zum Beispiel des Italieners Matteo Thun oder der US-Amerikaner Charles und Ray Eames.

Die permanente Ausstellung "Lebendige Traditionen, Kreative Gegenwart. Kunst aus Afrika" präsentiert eindrucksvolle Beispiele traditioneller Kunst aus dem Afrika südlich der Sahara. Die Bandbreite reicht von höfischen Bronzen aus dem Reich Benin, Kraftfiguren aus der Kongoregion und Jahrhunderte alten filigranen Elfenbeinschnitzereien aus Westafrika bis hin zu Ahnenskulpturen oder Masken von Mali bis Tansania.

Die „Blauer Reiter“-Künstler Franz Marc und Wassili Kandinsky suchten und fanden in der Münchner Afrika-Sammlung Inspiration für ihre eigenen Arbeiten.

Einen besonderen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Werke international bedeutender Gegenwartskünstler wie Romuald Hazoumé, El Loko, Pieter Hugo oder Ransome Stanley. Neu zu sehen sind ein Sarg in Form eines Sportschuhs des ghanaischen Künstlers Paa Joe sowie bedeutende Beispiele westlicher Design-Geschichte, die von afrikanischen Vorbildern inspiriert wurden, etwa der „Tam Tam“-Hocker von Matteo Thun und die „ABC-Stools“ von Charles und Ray Eames.

Besondere Popularität genießt das interaktive Kunstwerk „La Source - Der sprechende Schuh“ des togoischen Diaspora-Künstlers Amouzou Glikpa.

Amerikanische KunstBearbeiten

Die Sammlung umfasst Kunst und materielle Kultur der indigenen Gesellschaften Amerikas.

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    Blick in die Nordamerika-Dauerausstellung
    Nordamerika – Sammlung und permanente Ausstellung "Sonnentanz und Bisonjagd. Indianer Nordamerikas": Die Sammlung Nordamerika umfasst Bestände der First Nations aus Kanada sowie der Native Americans und American Indians der Vereinigten Staaten von Amerika. Hinzu kommen Objekte der Inuit und anderer Ethnien aus dem Bereich der Arktis und Grönlands, darunter das älteste erhaltene Kajak der Welt aus dem Jahr 1577. Wahrscheinlich gelangte das Kajak bei einer Fahrt aus der Subarktik nach Holland. Das Schiff aus Seehundleder wurde dann zu Ausstellungszwecken Herzog Wilhelm V. von Bayern geschenkt. Die komplette Sammlung besteht aus rund 5000 Objekten, darunter Lederbekleidung, Federkopfschmuck und Masken. Die ältesten, etwa 1000 Pfeil- und Lanzenspitzen, stammen aus präkolumbischer Zeit. Der Großteil der Sammlung lässt sich vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart datieren, darunter Siebdrucke von indianischen Künstlern der Nordwestküste oder Specksteinschnitzereien der Inuit. Bedeutende Sammlungen wurden unserem Haus von Prinzessin Therese von Bayern, Otto Geist, Elk Eber, Vera Laski, Lorne Balshine und den Ehepaaren Larink und Walk anvertraut. Kunstvolle Alltagsgegenstände zeigen den Erfindungsreichtum und das breite Spektrum menschlicher Anpassung ihrer Schöpfer an ihre jeweilige Umwelt: Von den arktischen Jägern im Norden und den Fischern der Nordwestküste bis zu den Viehzüchtern (z. B. Navaho) und Feldbauern (z. B. Hopi und Zuñi) im Südwesten über die Bisonjäger der Plains und Prärie bis hin zu den ehemaligen Maispflanzern im Osten (z. B. Irokesen). Die permanente Ausstellung "Sonnentanz und Bisonjagd. Indianer Nordamerikas" zeigt die Vielfalt des indianischen Nordamerika auf und belegt eindrucksvoll den Erfindungsreichtum und das ästhetische Gefühl ihrer Schöpfer. Beispiele hierfür sind die berühmten Rabenmasken der Kwakiutl von der Nordwestküste, aufwändige Perlenstickereien der Sioux aus den Plains oder die handschmeichelnden Specksteinfiguren der Eskimo. Von den Kachina-Figuren der Hopi im Südwesten Nordamerikas ließen sich bereits Künstler der Klassischen Moderne beeinflussen.

Islamische KunstBearbeiten

Islamischer Orient – Die Sammlung Orient umfasst etwa 20.000 Gegenstände materieller Kultur islamisch geprägter Gesellschaften und der mit ihnen lebenden christlichen und jüdischen Gruppen aus Südost-Europa, Nordafrika, Westasien sowie Zentral- und Südwestasien. Daneben enthält sie vorislamische archäologische Objekte aus dem antiken Südarabien und aus Luristan im westlichen Iran ebenso wie Ethnographica des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, z. B. aus dem Hindukusch (Nuristan-Sammlung).

Die islamisch geprägten ethnographischen Sammlungen beinhalten überwiegend Schmuck aus dem Jemen (Slg. Werner Daum) und Afghanistan (Slg. Kurt und Ursula Rossmanith) sowie Alltagsgegenstände und Devotionalien aus dem Kaukasus, Nordafrika, Iran, Pakistan und Zentralasien (Sammlungen Gebrüder Schlagintweit, Lucian Scherman, Jürgen Wasim Frembgen, Gottfried Merzbacher, Oskar Niedermayer, Winifred Blackman und Adolf Dirr). Dazu zählen auch eine Sammlung von 180 türkischen Schattenspielfiguren und über 200 pakistanischen Sufi-Postern.

Die über 1300 Teppiche und Teppichfragmente bilden einen in Europa einzigartigen Schwerpunkt der Sammlung.

Meisterwerke der islamischen Kunst aus der Türkei, dem Nahen Osten, Iran, Irak und Moghul-Indien belegen die Fülle künstlerischen Schaffens. Neben Architekturelementen sowie persischen und moghulzeitlichen Buchillustrationen (Slg. Emil und Lilli Preetorius) seien beispielsweise eine silbertauschierte Messingplatte, die im 13. Jahrhundert für Badr ad-Din Lulu, den Herrscher von Mossul, Irak, hergestellt wurde sowie ein bronzenes Gießgefäß in Gestalt eines Hirschen aus der ägyptischen Fatimidenzeit (10./11. Jh.), genannt.

Im Sammelgebiet der zeitgenössischen Kunst sind Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie z. B. Lalla Essaydi (Marokko/USA), Hojat Amani, Aneh Mohammad Tatari, Maryam Salour, Kamran Sharif, Homayoun Salimi (Iran/USA/Frankreich) sowie Lulwah Al Homoud (Saudi-Arabien/Großbritannien/Vereinigte Arabische Emirate), Maryam Rastghalam (Iran/Deutschland), Elisabeth Rössler (Deutschland) oder Hassan Massoudy (Irak) vertreten.[9]

 
Blick in den Buddha-Saal des Museums Fünf Kontinente

AsiensammlungBearbeiten

  • Südasien und Südostasien: Die Ausstellungsgegenstände, darunter Buddha-Skulpturen, und Skulpturen von Gottheiten entstammen insbesondere der Religions- und Kulturgeschichte Indiens, Myanmars und Thailands. Ausgestellt sind beispielsweise:

Kunst Australiens und des SüdpazifiksBearbeiten

Ozeanien: Die Exponate zeigen vor allem Götterfiguren und Kunstgegenstände, aber auch Kunstgegenstände die den Fischfang und die Verbindung zu den Ahnen durch die Tierwelt symbolisieren. Zu den Ausstellungsstücken gehören:

VeranstaltungsreihenBearbeiten

Der Ethnologische Salon (2003–2017)Bearbeiten

Von Februar 2003 bis November 2017 war der Ethnologische Salon in München ein Treffpunkt für alle, die sich auf unterhaltsame und ungezwungene Art über ethnologische Fragen und andere Kulturen informieren oder einen ethnologisch geschärften Blick auf die eigene Gesellschaft werfen wollten. Die Idee und das Konzept stammten von Karin Sommer und Stefan Eisenhofer, die diese Veranstaltungsreihe konzipierten, gestalteten und moderierten. Ziel war es, zusätzliche Perspektiven zu den in den Ausstellungen vertretenen zu ermöglichen und dadurch mehr Vielstimmigkeit und Diversität in das Museum zu bringen. Zudem wurden Schlaglichter auf vergessene, vernachlässigte, verdrängte oder unbekannte Kapitel der Ethnologie und Kulturgeschichte geworfen. Im Sinne der alten Salonkultur konnten sich ethnologisch interessierte Menschen in einem angenehmen Rahmen bei intelligenter Unterhaltung und in lockerer Kaffeehaus-Atmosphäre treffen. Dazu wurde 15 Jahre lang (fast) immer am letzten Freitag eines Monats ins Foyer des Museums Fünf Kontinente (ehemals Staatliches Museum für Völkerkunde München) eingeladen. Die Programme aller Abende finden Sie weiter unten unter den Weblinks.

Münchner EthnoFilmFest (2003–2015)Bearbeiten

Das Münchner EthnoFilmFest zeigte Dokumentar- und Spielfilme aus und über Afrika, Asien, Ozeanien, Australien, den Amerikas und Europa, die Welten jenseits eigener Erfahrungen und Denkgewohnheiten nahebringen. Besonders wichtig waren den Festivalmachern jene Filme, die nicht nur den Blick von außen, sondern auch eine Innen-Sicht der Protagonisten ermöglichen. Die Filme sollten Perspektivenwechsel und Vielstimmigkeit erlauben sowie Narrative jenseits gängiger Erzählungen des Globalen Nordens in den Mittelpunkt stellen. Gezeigt wurden daher Filme, die die Überprüfung eigener Standpunkte sowie die Erweiterung gewohnter Horizonte erlauben.

Ein fester Bestandteil des Filmfests war die Reihe „Young Professionals“ mit Filmen, die im Rahmen der Lehre von Studierenden am Institut für Ethnologie der Universität München unter Leitung von Julia Bayer entstanden sind.

Das Münchner EthnoFilmFest war eine Kooperation des Museums Fünf Kontinente und dem Institut für Ethnologie der LMU München. Das FilmFest begann im Jahr 2003 unter dem Titel „Tage des Ethnologischen Films“ in Zusammenarbeit mit Peter Neugart von der Mediengruppe München.

Organisiert und konzipiert wurde das Münchner EthnoFilmFest von Stefan Eisenhofer vom Museum Fünf Kontinente und Frank Heidemann vom Institut für Ethnologie der Universität München. Zu den Mitorganisierenden gehörten in den ersten Jahren Peter Neugart von der Mediengruppe München sowie später Margrit Prussat von der Universität Bayreuth.

Urban African Sounds (2002–2005)Bearbeiten

"Was kommt heraus, wenn in Gambia der Sohn eines Imams HipHop macht?" war das übergeordnete Motto von Urban African Sounds im Museum Fünf Kontinente. Angesichts der Erkenntnis, dass sich eine globalisierte Welt längst nicht mehr auf regional nebeneinander existierende Kulturen reduzieren lässt, fokussierte sich die Reihe auf urbane afrikanische musikalische Mischformen, denen man mit vereinfachenden Modellen wie „Verwestlichung“ oder „Amerikanisierung“ nicht gerecht wird.

Urban African Sounds hatte das Ziel, das zeitgenössische Afrika mit all seinen Widersprüchen, Koexistenzen und Ungleichzeitigkeiten abzubilden. Über aktuelle Musik ließen sich lokale DJs oder Musiker einbinden, die Teil dieser globalen Musikkulturen wie HipHop oder Ragga sind.

Die Auswahl der Bands beruhte auf folgenden Kriterien:

a) urban african sounds: Die Jugend Afrikas hat sich die modernen musikalischen Strömungen wie HipHop, Ragga oder R'n B einverleibt. In diesem Aneignungsprozess sind eigene lokale Brechungen entstanden, die aktuelle gesellschaftliche und politische Probleme zeitgemäß verarbeiten.

b) roots of urban african sounds: Alle heute bekannten afrikanischen Superstars, von Youssou N'Dour über Salif Keita bis hin zu Papa Wemba haben in ihrer Jugend Salsa gespielt, oft sogar Texte in lautmalerischem Spanisch gesungen. Popmusiken wie Soukouss (Kongo) oder Mbalax (Senegal), die heute als originär senegalesisch oder kongolesisch gelten, wären ohne Salsa nicht denkbar. Bands wie etwa das Orchestra Baobab zeigen exemplarisch, wie immer wieder internationale Tanzmoden mit lokalen Traditionen verschmolzen wurden und ganz eigene Stile entstanden.

c) future of urban african sounds: Experimentelle Fusionen im Bereich Clubkultur die etwa mit Sampling oder programmierten Beats arbeiten, versuchen auf zeitgemäße Art, lokale Elemente mit modernen elektronischen Beats zu verschmelzen.

Neben dem eigentlichen Konzert einer Band wurden vor dem Auftritt in persönlicher Atmosphäre Einblicke eröffnet in die kulturellen und persönlichen Hintergründe der Bandmitglieder, in die musikalische Arbeitsweise im Spannungsfeld Tradition/Moderne und in Rezeptionszusammenhänge (Wer hört die Musik oder reagiert wie darauf?).

Auf der Website Urban African Sounds sind die Konzerte, die von 2002 bis 2005 stattgefunden haben, aufgelistet.[10]

Das Konzept und die Organisation von Urban African Sounds lagen in den Händen von Jay Rutledge (Bayern 2 Radio/ out|here records), Patricia Müller (Kulturreferat der LH München) und Stefan Eisenhofer (Museum Fünf Kontinente)

Fokus: Afrika (2018–2021)Bearbeiten

Afrika ist im Umbruch: jung, dynamisch und zunehmend städtisch. Flucht und Migration haben den Kontinent präsenter für Europa gemacht, die Vorstellungen sind aber im Globalen Norden oft wenig differenziert. Es war an der Zeit, sich mit afrikanischen Ländern und Gesellschaften genauer zu befassen. Mit dieser Reihe wurde Afrika als komplexer Kontinent in den Fokus genommen, es wurde gefragt nach Unterschieden innerhalb des riesigen Kontinents Afrika sowie nach den vielfältigen Bedingungen ihrer Entstehung und künftigen Entwicklung.[11][12]

Fokus: Afrika war eine Kooperation der Evangelischen Stadtakademie München, der Petra-Kelly-Stiftung und des Museums Fünf Kontinente. Organisiert und koordiniert wurde die Reihe von Jutta Höcht-Stöhr (Evangelische Stadtakademie München), Gesa Tiedemann und Carmen Romano (Petra-Kelly-Stiftung) sowie Karin Guggeis und Stefan Eisenhofer (Museum Fünf Kontinente).

ProvenienzforschungBearbeiten

Im Rahmen von Provenienzforschungen setzt sich das Museum Fünf Kontinente mit der komplexen Geschichte seiner vielfältigen Sammlungen auseinander.

Als wichtige historische Quellen, die den Eingang von Objekten dokumentieren und Einblick in die Sammeltätigkeit des Museums geben, wurden im Jahr 2020 die Inventarbücher des Museums bis 1959 online der Forschung und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Erwerbungen, die in kolonialen oder NS-verfolgungsbedingten Kontexten stehen, können so überall auf Welt unabhängig recherchiert und geprüft werden.[13]

Ermöglicht wurde die aufwändige Digitalisierung der Inventarbücher des Museums Fünf Kontinente durch eine Förderung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Darüber hinaus wurden und werden am Museum Fünf Kontinente Projekte zur Provenienzforschung durchgeführt:

Der ´Blaue-Reiter-Pfosten´ und die Sammlung Max von Stettens (1893–1896) aus Kamerun im Museum Fünf Kontinente München

 
Provenienzforschung im Museum Fünf Kontinente: Karin Guggeis, Albert Gouaffo und Yrène Matchinda (v.l.)

Ziel des Projekts ist eine möglichst detaillierte Erforschung des Erwerbs der Sammlung Max von Stettens, die aus der frühen Phase der Inbesitznahme Kameruns durch das Deutsche Kaiserreich stammt und sich seit den 1890er-Jahren im Museum Fünf Kontinente befindet. Das prominenteste Objekt dieser Sammlung, das seit Jahrzehnten immer wieder solitär ausgestellt wurde, ist der sogenannte „Blaue-Reiter-Pfosten“, der bereits im Almanach „Der Blaue Reiter“ von Franz Marc und Wassily Kandinsky abgebildet ist.

Im Vordergrund des Projekts steht die Frage nach der Art der Erwerbssituationen und den Erwerbungsorten der über 200 Objekte umfassenden Sammlung bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Positionen und Aktivitäten des Sammlers, der bei den letzten Teilsammlungen Kommandeur der dortigen „Schutztruppe“ war. Exemplarisch soll zudem an der Person Max von Stetten und der von ihm zusammengetragenen Sammlung die geteilte Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun in dieser frühen Phase kolonialer Expansion erarbeitet werden.

Ein wesentlicher Bestandteil des Forschungsprojekts ist eine intensive Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Partnern in Kamerun und dortigen Herkunftsgemeinschaften.

Gesamtprojektleitung: Karin Guggeis, Museum Fünf Kontinente, München.

Koordination Kamerun: Albert Gouaffo, Université de Dschang, Kamerun.

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen für die frankophonen Regionen in Kamerun: Yrène Matchinda und Lucie Mbogni Nankeng, Université de Dschang.

Wissenschaftliche Mitarbeiter für die anglophonen Regionen in Kamerun: Joseph Ebune und Ngome Elvis Nkome, University of Buea.

Gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, Bereich koloniale Kontexte, und durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, Förderzeitraum 1. November 2019 bis 31. Januar 2022.

Hintergründe und Provenienzen von Erwerbungen chinesischer Kunst aus sogenannten „Judenauktionen“ in Berlin 1935

Vor dem Hintergrund einer Restitutionsforderung zu drei altchinesischen Objekten, die das damalige Museum für Völkerkunde (heute Museum Fünf Kontinente) 1935 auf einer Auktion bei Paul Graupe in Berlin sowie nach 1945 durch Tausch und Kauf erworben hatte, erforschte Ilse von zur Mühlen im Auftrag des Museums Fünf Kontinente die Vorprovenienzen und Hintergründe der Erwerbungen. Begleitet wurde das Projekt von Bruno J. Richtsfeld, dem Leiter der Abteilung Inner-, Nord- und Ostasien des Museums Fünf Kontinente, der im Vorfeld weitere 37 Objekte aus demselben Versteigerungsbestand feststellte. Zu überprüfen war, ob die Objekte im Sinne des Washingtoner Abkommens von 1998 als NS-verfolgungsbedingt entzogen einzuschätzen waren.

Die in Frage stehenden 40 Inventarnummern wurden 1935 in Berlin durch das Auktionshaus Paul Graupe während zweier Auktionen als Ware der Kunsthandlung Dr. Otto Burchard & Co. GmbH in Liquidation versteigert. Die Kunsthandlung gehörte zu dem internationalen Kunsthandelskonzern Margraf & Co. GmbH, dessen Geschäftsanteile den langjährigen Mitarbeitern Jacob und Rosa Oppenheimer 1929 als Vermächtnis zugesprochen worden waren. Das Ehepaar Oppenheimer wurde in der Zeit des NS-Regimes von Beginn an verfolgt. Beide waren jüdischen Glaubens und gingen bereits im April 1933 ins Exil nach Frankreich: Jacob Oppenheimer starb 1941 infolge einer Internierung durch die Franzosen, Rosa Oppenheimer wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Die Recherchen ergaben, dass die oben genannte Versteigerung infolge einer bereits seit 1929 bestehenden Überschuldung der Kunsthandelsgesellschaft durch riskante Handelsgeschäfte und die Aufnahme von Krediten beim Berliner Bankhaus Jacquier & Securius stattfand. Die Versteigerung erfolgte nicht aufgrund einer hoheitlichen Maßnahme der NS-Behörden, sondern als Folge einer Sicherungsübereignung durch die Bank und aufgrund eines einvernehmlich gezeichneten Versteigerungsvertrags zwischen dem (jüdischen) Versteigerer Paul Graupe, dem (jüdischen) Bankhaus Jacquier & Securius sowie dem gleichfalls jüdischen Geschäftsführer des Margraf-Konzerns, Ivan Bloch, einem der Schwiegersöhne des Ehepaars Oppenheimer. Die Forschung zeigte, dass auf den Versteigerungen angemessene Preise erzielt wurden. Aus dem Erlös wurden nachweislich sämtliche Kreditschulden bei dem Bankhaus beglichen. Der verbliebene Teil wurde offensichtlich ausbezahlt, nach einem Vermerk im Buchprüfungsbericht der Bank von 1938 heißt es: „Der Mehrerlös floß Margraf zu.“ Die gleichfalls 1929 fällig gewordene Erbschaftssteuer wurde 1938 auf etwa die Hälfte reduziert, der Rest der Steuerschuld durch die Haupterbin gezahlt, während der Anteil von Jacob und Rosa Oppenheimer niedergeschlagen wurde.

Diese Forschungsergebnisse führten zu dem Schluss, dass nicht von einem NS-verfolgungsbedingten Entzug durch die Versteigerung auszugehen ist. Dieses Ergebnis wird gestützt durch eine Entscheidung des Spoliation Advisory Panel (SAP), London, vom 16. September 2015, in der die Versteigerung der Kunstwerke des Konzerns Margraf & Co. weder als NS-Zwangsverkauf noch als Versteigerung unter Wert beurteilt wird. Dem SAP zufolge könne sich der Antragsteller auch nicht auf einen „moralischen Anspruch“ berufen, so dass weder eine Rückgabe noch eine freiwillige Zahlung gerechtfertigt sei.

Gefördert durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP), Berlin (übergegangen in Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste) und durch das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst von März 2014 bis Mai 2016, durchgeführt von Ilse von zur Mühlen

Die Kontextualisierung der Samoa-Sammlung aus deutscher und samoanischer Perspektive

Rund zwei Drittel der Samoa-Bestände des Museums Fünf Kontinente wurden über den Ethnographica-Händler und Völkerkschau-Impresario Carl Marquardt erworben. Sein Bruder Fritz lebte viele Jahre lang auf Samoa; der westliche Teil der Inselgruppe war von 1899 bis 1914 Kolonie des deutschen Kaiserreichs. Mit den Schaustellungen kamen zwischen 1895 und 1911 drei Gruppen meist ranghoher Samoaner nach Deutschland, welche in Deutschland und München Geschenke mit gekrönten Häuptern und anderen Würdenträgern tauschten. Die Geschenke an die Vertreter des bayerischen Königshauses sind heute ebenfalls Bestandteil der Sammlung des Museums Fünf Kontinente.

Zur Kontextualisierung der historischen und kulturellen Umstände dieser Völkerschauen und der daraus resultierenden Sammlungen wurden nicht nur Archivalien in europäischen, samoanischen, neuseeländischen und australischen Archiven gehoben, sondern auch Interviews mit Nachfahren der samoanischen Völkerschau-Reisenden geführt. So konnten erstmals samoanische Perspektiven sowie mündliche Überlieferungen zu den Völkerschauen und den Sammlungen dokumentiert werden. Im Gegensatz zu den gängigen westlichen Anschauungen über Völkerschauen, die eher eine Opferperspektive der Teilnehmer betonen, zeigte sich eines der Ergebnisse des Projektes, dass samoanische Würdenträger sehr bewusst und mit politischem Kalkül an den Völkerschau-Reisen nach Deutschland teilnahmen und während ihrer Zeit in Europa in ständigem Austausch mit Samoanern auf der Inselgruppe standen.

Das Forschungsprojekt war das einzige aus dem Bereich Ethnologie, das von der Fritz Thyssen Stiftung 2010 genehmigt und 2012 verlängert wurde. Es resultierte in der 2014 im Museum gezeigten Ausstellung „From Samoa with Love? Samoa-Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche“ sowie einem Buch in deutscher und englischer Sprache.

Die Ausstellung wurde vom Staatsoberhaupt von Samoa eröffnet und von ihm als Schirmherr begleitet. Für eine eigene Ausstellungseinheit konnte der samoanischstämmige Künstler Michel Tuffery gewonnen werden, der mit seinen Werken die samoanisch-deutsche Geschichte und die Samoa-Völkerschauen kritisch kommentierte.

Ausstellung und Publikation fanden große Resonanz in Samoa und den samoanischen Diaspora-Gemeinschaften. Sie haben dort eine nähere Beschäftigung mit dem Thema der Völkerschau-Reisen sowie die Öffentlichmachung weiterer mündlicher Überlieferungen zum Deutschland-Aufenthalt der Vorfahren angestoßen.

Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung von 2010 bis 2014, durchgeführt von Hilke Thode-Arora.

- "Aitutaki Patterns or Searching for our Future in the Discoveries of our Past" - Forschungen zu Objekten von den Cook-Inseln (Polynesien) in europäischen Museen

 
Michaela Appel und Ngaa Kitai Taria Pureariki

In der Ozeanien-Sammlung des Museums befindet sich eine weibliche Ahnenfigur von der Cook-Insel Aitutaki, die Michaela Appel in den letzten Jahren erforschte. Der Vergleich mit Skulpturen von den benachbarten Cook-Inseln Rarotonga, Mangaia und Atiu sowie von den Austral-Inseln Rurutu und Ra’ivavae ergab, dass figürliche Darstellungen im östlichen Polynesien fast immer Metaphern für den Ursprung und die Abstammung der Menschen sind. Genealogien, die auf einen ersten Ahnen zurückgeführt werden, sind dort bis heute von höchster Bedeutung, nicht nur für die Definition verwandtschaftlicher Verhältnisse, sondern auch im Hinblick auf Landrechte und erbliche politische Ämter. Durch Studien im Archiv der London Missionary Society in der School of Oriental and African Studies konnte der Weg dieser Skulptur von Aitutaki über die tahitianische Insel Ra’iatea bis nach London verfolgt werden. Dort wurde sie 1825 von Johann Georg Wagler, einem Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, für Ludwig I. und Bayern erworben.

Im Juni 2015 war auf Einladung des Auswärtigen Amtes der Wissenschaftler Ngaa Kitai Taria Pureariki aus Aitutaki als curator in residence im Museum Fünf Kontinente zu Gast. Im Laufe seines Aufenthaltes befasste er sich intensiv mit der weiblichen Ahnenfigur, vor allem mit ihren aufgemalten Tatauiermustern und deren Bedeutung.

Im Zuge der Nachforschungen, unter anderem auf Aitutaki, stellten sich genau diese Muster als unmittelbar zur Herkunftsgeschichte der Bewohner der Insel gehörig heraus. Nach Recherchen von Ngaa Kitai Taria Pureariki und Michaela Appel finden sie sich bereits als Muster auf den Booten früher Besiedler der Insel, denn jedes Boot hatte ein bestimmtes Muster, das seinerseits auf eine bestimmte Familie zurückzuführen war. Als neues Forschungsresultat kristallisierte sich heraus, dass spezifische Musterungen in direktem Zusammenhang mit traditionellen Wertesystemen stehen und sie visuell eindeutig symbolisieren. Zudem zeigte eine intensive Recherche in einigen europäischen Museumssammlungen, dass die Kenntnis dieser speziellen Muster immer wieder dabei hilft, Ethnografika aus Aitutaki zu identifizieren und ihren Sinngehalt zu bestimmen.

Die Fülle bis jetzt erbrachter positiver Forschungsergebnisse legt eine künftige Ausweitung der Recherche auf Sammlungen in Neuseeland und den USA nahe.

Das Projekt, durchgeführt von Michaela Appel, war gefördert vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland und teilfinanziert durch das Museum Fünf Kontinente von 2015 bis 2019.

- Umstrittene Sammlungen: Vom Umgang mit kolonialem Erbe aus Kamerun in ethnologischen Museen - Die Fälle Tange/Schiffschnabel und Ngonnso‘/Schalenträgerfigur in Deutschland und Kamerun (2012 - 2016)

Anne Splettstößer führte als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie der Universität Göttingen (2011–2016) und Mitglied der DFG Forschergruppe Cultural Property (2011–2014) im ethnologischen Teil des Projektes "G4 - Umstrittene Sammlungen" ( Leitung: Prof. Dr. Hauser-Schäublin) am Museum Fünf Kontinente in den Jahren 2012 und 2013 mehrmonatige Forschungen zu Provenienzfragen zu einem tange (Schiffschnabel) aus Kamerun durch.

Die Ergebnisse der Forschungen sind in der Dissertationsschrift von Anne Splettstößer zu finden, die als Band 15 der Göttinger Studien zu Cultural Property publiziert wurde,[14]

Projekte zur deutschen, europäischen und globalen Kolonial- und PostkolonialgeschichteBearbeiten

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    Ausschnitt aus GENOCIDE MONUMENT
    Genocide Monument – Die Wunden der Erinnerung. 10 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda. Skulpturen-Installation von Kofi Setordji (2004). Mit der "Sprache der Kunst" gegen die Ignoranz der Menschen vorzugehen nennt der ghanaische Künstler Kofi Setordji als einen Hauptantrieb für sein Schaffen. Als angesichts des Völkermords in Ruanda im Jahr 1994 die Worte versagten und nur Sprachlosigkeit blieb, schuf er die gewaltige Installation GENOCIDE MONUMENT, um das Unbegreifliche und das Unmenschliche im Menschen "zugänglich" zu machen. Dieses Werk setzt Erinnerungen und Erfahrungen künstlerisch um, denen sich vor allem im Globalen Norden bislang nur wenige angenommen haben. Es ist aber nicht nur ein Monument gegen das Vergessen und Verdrängen der Ereignisse in Ruanda, sondern vor allem ein Mahnmal zur Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten daran Beteiligten und dafür Verantwortlichen. Es verharrt nicht in einem Gut-Böse-Schema oder in einer simplen Täter-Opfer-Dichotomie, sondern benennt und demaskiert auch die Mitläufer, Wegschauer, Nichtstuer und Profiteure. In äußerst eindrucksvoller Weise wird in GENOCIDE MONUMENT augenfällig gemacht, dass der eruptive Ausbruch von Gewalt in Ruanda keineswegs unvermeidlich war und die Welt nicht hätte untätig zusehen müssen. Die Ausstellung war eine Kooperation des Museums Fünf Kontinente mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), dem Goethe-Forum und dem Kulturreferat der LH München. Kuratiert wurde die Ausstellung von Kofi Setordji und Stefan Eisenhofer.
  • Rostock Ritz – Eine Spurensuche in Namibia. Fotos aus dem heutigen Namibia von Eva Leitolf (2005) Das Projekt "Rostock Ritz" ist eine fotografische Aufarbeitung der Künstlerin Eva Leitolf zu den Folgen der deutschen Kolonialzeit im heutigen Namibia, das Einblicke eröffnet in eine von Ressentiments und Unsicherheiten geprägte Gesellschaft.
  • Letzte Ölung Nigerdelta. Das Drama der Erdölförderung in zeitgenössischen Fotografien (2012) Im globalen Norden wird zwar jede Erhöhung der Ölpreise lebhaft diskutiert, die Produktionsbedingungen interessieren dort in der Regel aber nicht. Das Erdöl, das zu einem wesentlichen Ausmaß unseren Lebensstandard bestimmt, hinterlässt an den Orten seiner Produktion jedoch vielfältige Spuren der Verwüstung und des sozialen Elends. Seit 1956 zerstören die Folgen der Erdölförderung die natürliche Existenzgrundlage der Bewohner des Nigerdeltas in Nigeria. Dieses Land ist der größte Ölproduzent Afrikas und der fünftgrößte der OPEC. Öl macht 90 % der Deviseneinnahmen Nigerias aus und bringt der Regierung täglich an die 20 Mio. US-Dollar ein. 70 % der Bewohner des Deltas müssen jedoch von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben. Die Ausstellung widmete sich den Spannungsfeldern zwischen künstlerischer Dokumentarfotografie und journalistischer Reportage sowie voyeuristischem Sensationsjournalismus. Mediengerecht inszenierten Bildern von medial verwertbaren Ereignissen wurde das häusliche Umfeld der Bevölkerung gegenüber gestellt, die gelernt hat, mit der Katastrophe zu leben. Ergänzt wurden die Fotografien über das Nigerdelta von Werken aus dieser Region, die der Afrika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente entstammen. Diese fungierten in der Ausstellung nicht nur als Meisterwerke traditioneller nigerianischer Schnitzkunst, sondern auch als mahnende Zeichen aus einer Welt, die rücksichtslos wirtschaftlichen Interessen geopfert wurde und wird. Kuratiert wurde die Ausstellung von Akintunde Akinleye (Nigeria), Stefan Eisenhofer (Deutschland), Hans Nevídal (Österreich) und Eva Ursprung (Österreich). Die Ausstellungsgestaltung lag in den Händen von Andreas Pawlik. Die in der Ausstellung vertretenen Fotografinnen und Fotografen waren: Akinbode Akinbiyi (NG/DE), Akintunde Akinleye (NG), Sunday Alamba (NG), Crew Sandy Cioffi (US), Pamela Dore (US), Pius Utomi Ekpei (NG), George Esiri (NG), Jane Hahn (GH), Tim Hetherington (US/UK), Chris Hondros (US), Uche James Iroha (NG), Michael Kamber (US), Ed Kashi (US), Kadir van Lohuizen (NL), Sunday Ohwo (NG), George Osodi (NG), Jacob Silberberg (US), Sven Torfinn (NL/KE), Timipre Willis-Amah (NG)
  • From Samoa with Love? Samoa‐Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche (2014) Zwischen 1895 und 1911, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, reisten mehrere Gruppen meist ranghoher Samoaner mit Völkerschauen nach Deutschland. Begleitet wurden sie von zwei Impresarios, den Brüdern Fritz und Carl Marquardt. Für das Publikum waren die Völkerschauen in erster Linie Amüsement und eine Möglichkeit, Sehnsüchte nach einem gerade populär werdenden »Zurück zur Natur« und dem »ungekünstelten Leben« zu stillen. Die Kosten und Gefahren einer weiten Reise musste man deswegen aber nicht auf sich nehmen. Denn Völkerschauen, bei denen das zahlende Publikum »für fünfzig Pfennig um die Welt« reisen und dabei »typische« Kulturtätigkeiten der Samoaner wie Tänze, Musik und Waffenspiele erleben konnte, gastierten in Vergnügungsparks, Theatern, Panoptiken - und sogar zoologischen Gärten. Viele Völkerschauen tourten durch ganz Mitteleuropa und erreichten so ein Millionenpublikum. Dabei prägten sie entscheidend und langfristig die Vorstellungen, die man sich hierzulande von fremden Kulturen macht(e). Doch was ist bekannt über Motive, Schicksale und Lebenswege der samoanischen Reisenden, die für mehrere Monate und manchmal sogar Jahre angeworben waren? Waren diese Menschen womöglich alle gegen ihren Willen von den Kolonialherren nach Deutschland gebracht worden, um dann vor einem sensationslüsternen und voyeuristischen Publikum zur Schau gestellt zu werden? Was waren die Beweggründe der deutschen Organisatoren? Welches Echo fanden Samoa-Schauen in der deutschen Öffentlichkeit? Was für eine Rolle spielten dabei für das europäische Auge kurios anmutende Kunst- und Gebrauchsgegenstände der samoanischen Kultur, die teilweise ihren Weg in völkerkundliche Museen gefunden haben? Die Ausstellung nimmt den Besucher auf eine Spurensuche durch Deutschland und Samoa mit, macht ihn bekannt mit Entdeckungen in Archiven, Privatsammlungen und samoanischen Dörfern. Ausstellungsgegenstände der Sammlung Marquardt offenbaren ihre Bedeutung, vermengen sich mit den Stimmen von heute lebenden Nachfahren der ehemaligen Völkerschau-Darsteller. Aus Phantasien und Schwärmereien von Kunstschaffenden der Kaiserzeit wie Joachim Ringelnatz, Dresdner »Brücke«-Malern und etablierten Vertretern der Berliner Akademie der Künste im Angesicht »exotisch« wirkender Samoanerinnen hallt die zeitgenössisch-romantische Einstellung zum Fremden wider. »Ach, die von Samoa!« Insgesamt entsteht ein vielfarbiges Bild, in dem nicht zuletzt die Lebensverhältnisse, Motive und mit ihrem Deutschlandbesuch verknüpften Ziele und Strategien der samoanischen Völkerschau-Reisenden im Vordergrund stehen. Mit Werken des Neuseeländers Michel Tuffery landet die Ausstellung mitten in der Gegenwartskunst. Einige seiner Arbeiten thematisieren deutsch-samoanische Geschichte und entstanden durch die Inspiration ethnografischer Objekte aus der Sammlung des Museums Fünf Kontinente. Die Ausstellungskuratorin Hilke Thode-Arora hat zusammen mit der Hörspielautorin Kristina Dumas vier Beiträge zu Samoa-Themen aufgenommen: "Samoa, die Perle der Südsee", "Samoa-Voelkerschauen im Deutschen Kaiserreich", "Samoa, von Karl May bis Theodor Adorno" und "Samoa, von Häuptlingen, Fliegenwedeln und Walzähnen".
 
Der Katalog zur Ausstellung
  • Fragende Blicke. Neun Zugänge zu ethnografischen Fotografien (2018 - 2020) 54 historische Originalfotografien wurden in der Sammlung Fotografie des Museums Fünf Kontinente ausgesucht und in Zusammenarbeit von Unterrichtenden und Studierenden des Instituts für Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München ausgewertet und bearbeitet.Die Bilder wurden zwischen 1862 und 1956 von Ethnologen, Reisenden, kolonialen Akteuren oder in Fotostudios aufgenommen. Ihre Entstehungsgeschichten und seinerzeit beabsichtigten Aussagen sind aus heutiger Sicht nicht immer unproblematisch. Um ihren Betrachtern den historischen Rahmen klar werden zu lassen und obendrein Einblicke in jene Zeit zu gewähren, als die Verschlüsse der analogen Kameras klickten, haben die jungen Ausstellungsmacher von der Universität sich viele Gedanken um Präsentation und Erläuterungstexte gemacht. „Welche Fragen können wir heute aus ethnologischer Perspektive an historische Aufnahmen richten, welche Antworten dürfen wir erwarten?“ Diese Frage stellten die Ethnologen Paul Hempel (Institut für Ethnologie, LMU München) und Anka Krämer de Huerta (Sammlung Fotografie, Museum Fünf Kontinente) sich und neun Studierenden des LMU-Praxisseminars „Ethnografisches Bildgedächtnis und museale (Re-) Präsentation“, das zur Keimzelle der Ausstellung werden sollte.
     
    Der Katalog zur Ausstellung
  • "Schwarze Götter im Exil" (2006)
     
    Der Begleitband zur Ausstellung
    Die Wanderausstellung "Schwarze Götter im Exil" präsentierte die fotografischen Arbeiten von Pierre Fatumbi Verger (1902 - 1996) und Marion Carvo Neto (* 1947). Stationen waren neben dem Museum Fünf Kontinente in München das Ethnologische Museum Berlin-Dahlem, das Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main und das Lindenmuseum Stuttgart. Die Werke Vergers beleuchten die wechselseitigen kulturellen und soziologischen Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Brasiliens, der Karibik, Nordamerikas und Europas, die seit der Sklavenzeit bis in die Gegenwart eng verflochtenen sind. Kein Fotograf des 20. Jahrhunderts hat die wechselseitigen kulturellen Beziehungen und den kontinuierlichen Wissenstransfer zwischen Europa, Afrika und den beiden Amerikas so umfangreich erforscht und dokumentiert wie der französische Fotograf und Ethnologe Pierre Fatumbi Verger (1902-1996). Während sein Werk in Europa weitgehend unbekannt geblieben ist, gilt Verger in seiner Wahlheimat Brasilien und darüber hinaus in ganz Lateinamerika seit langem als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Er spielte eine bedeutende Rolle als Wegbereiter der visuellen Anthropologie, der eine ganze Generation von Künstlern, Literaten und Wissenschaftlern beiderseits des Atlantiks beeinflusst hat. Die Ausstellung versammelte unveröffentlichte Aufnahmen Vergers aus fünf Jahrzehnten. Sie bot einen vielschichtigen Einblick in afrobrasilianische Lebens- und Glaubenswelten und ermöglichte einen einzigartigen Zugang zum Verständnis von Religion und kultureller Identität in modernen, multiethnisch geprägten Gesellschaften. Zwölf Millionen Sklaven sollen nach UNESCO Studien von Europäern aus Afrika in die "Neue Welt" verschleppt worden sein. Das kollektive Gedächtnis an diesen größten Menschenraub der Weltgeschichte wurde auf der anderen Seite des Atlantiks in rituellen Praktiken des brasilianischen Candomblé, haitianischen Voodoo oder der kubanischen Santería wachgehalten.Begleitet wurde die Ausstellung von einem interdisziplinären Rahmenprogramm, das die kulturellen Transfers im transatlantischen Dreieck von der Sklavenzeit bis in die Gegenwart untersuchte. Im Mittelpunkt dieses Programms stand ein Symposium im Goethe-Forum München zum Thema "Territorium und kulturelle Identität - Afrikanische Diaspora in Amerika und Europa" für eine neue Wahrnehmung der kulturellen Verflechtungen zwischen Europa, Afrika und Amerika. Daneben wurden im Rahmenprogramm des Museums die kulturellen Transfers im "transatlantischen Dreieck" von der Sklavenzeit bis in die Gegenwart beleuchtet durch Vorträge wie "Transit - Götterwelten in Bewegung", "Pierre Verger, Hubert Fichte, Eleonore Mau und die afrobrasilianischen Religionen", "Afrikanische Strukturen und Performance in der Musik Brasiliens", "Ikonen der Sklaverei: Afrobrasilien in der Fotografie des 19. Jahrhunderts" sowie "Sakrale Landschaft: München als Heimat afroamerikanischer Gottheiten". Kuratiert wurde die Ausstellung in München von Michael Thoss vom Goethe-Forum und Stefan Eisenhofer vom Museum Fünf Kontinente. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog. Das Projekt war eine Kooperation des Museums Fünf Kontinente mit dem Goethe-Institut und der Stiftung Pierre Verger Salvador/Bahia in Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Museum Berlin und dem Museum der Weltkulturen Frankfurt. Gefördert wurde es durch die Kulturstiftung des Bundes.

Projekte für eine globale KunstgeschichteBearbeiten

Exploring Visual Cultures (2018 - 2022)

In diesem internationalen Kooperationsprojekt werden Materialien zum globalen Lernen in der Kunstvermittlung jenseits eurozentrischer Perspektiven oder kontinentaler bzw. nationaler Grenzen entwickelt. Diese Materialien gehen von konkreten Objekten, Bildern und Zeichen aus, bei denen die Sammlungen des Museums Fünf Kontinente in München eine besonders exemplarische Rolle spielen.

Als Kooperationspartner in Bayern fungieren:

  • Akademie der Bildenden Künste – Studiengang Kunstpädagogik (Ernst Wagner)
  • Museum Fünf Kontinente (Dir. Uta Werlich, Stefan Eisenhofer, Karin Guggeis)
  • Professur für Islamische Kunstgeschichte / Kunstgeschichte Afrikas an der LMU (Kerstin Pinther, Niklas Wolf M.A.)
  • Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB, StD Werner Bloß und sechs Modellschulen)
  • Kulturreferat der Landeshauptstadt München (Martin Rohmer)

Internationale Partnerinstitutionen:

  • University of Education in Winneba (Ghana)
  • University of South Africa in Pretoria (South Africa)
  • University of Pretoria (South Africa)
  • University of Yaoundé I / Libre Academie des Beaux-arts (LABA) in Douala (Cameroon)
  • Sultan Qaboos University (Oman)
  • Technical University Nairobi (Kenya)
  • University of Education Hong Kong

Angestrebt ist ein transnationaler Perspektivwechsel auf die jeweils ausgewählten Bilderwelten und damit auch auf die dahinterliegenden Weltbilder. Auf diese Weise werden die Disziplinen Kunstpädagogik/Kunstvermittlung und Kunstgeschichte sowie deren Zugänge und Methoden im Kontext globaler Entwicklung und aktueller postkolonialer Diskurse neu verortet.

Im Verlauf des Projekts finden an der Kunstakademie, am Museum Fünf Kontinente sowie an der LMU Seminare für Studierende, Kunstworkshops, Ausstellungsprojekte und transnationale Arbeitstreffen mit unseren Partnern statt. Zur Unterstützung der Projektsteuerung und wissenschaftlichen Begleitung wurde ein Beirat eingerichtet.

Das Projekt läuft zunächst bis zur Abschlusstagung im Wintersemester 2021/22. Anschließend werden die bis dahin entstandenen Ergebnisse in einer Handreichung und einem Netzportal mit Materialien für den Unterricht zusammengeführt. Diese stehen Hochschulen und Schulen zur Verfügung. Auf diese Weise wird es gelingen, ‚Globales Lernen‘ und ‚Nachhaltige Entwicklung‘ verstärkt in die künstlerische Bildung und in die Hochschularbeit zu integrieren. Die Lehreraus- und -fortbildung spielt dabei eine besondere Rolle.

Objects of the Museum Fünf Kontinente - Perspectives from Ghana (2020/1)

„In Europa liegen die Objekte, in Afrika das Wissen!“ Auch wenn diese in letzter Zeit immer öfter zu hörende populäre Ansicht etwas zu eindimensional und vereinfachend daherkommt, spiegelt sich darin doch ein gewisses Unbehagen bezüglich afrikanischer Dinge in Museumssammlungen im Globalen Norden. Allzu lange lagen die Auswahl der Dinge etwa für Ausstellungen und Publikationen sowie deren Bewertung und die dazu vermittelten Informationen in den Händen von Menschen, die nicht in Afrika leben oder die dort sozialisiert wurden. Alles in allem wurden und werden Stimmen aus Afrika zu wenig gehört.

Dabei liegt gerade in der Vielstimmigkeit und einem unterschiedlichen Blick auf diese Dinge ein großer Reichtum dieser Sammlungen. Erst verschiedene Perspektiven und Expertisen auf diese Dinge machen die Weltbilder, das Wissen, die Lebens- und Kunstgeschichten, die Philosophien dahinter wirklich fruchtbar – und zwar sowohl für die Menschen in Afrika als auch für jene im Globalen Norden.

Im Rahmen des Projektes „Exploring Visual Cultures“, bei dem zahlreiche Expertinnen und Experten aus mehreren Kontinenten und aus zahlreichen Disziplinen zusammenarbeiten, bot es sich daher an, den jeweils vorhandenen Schatz aus Erfahrungen und Kenntnissen auch für Museumsobjekte zu nutzen.

Den Anfang bilden Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, Historikerinnen und Historiker, Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher sowie Künstlerinnen und Künstler aus Ghana. Bei Ihrem Besuch in München im Rahmen des Projektes im November 2019 hatte sich jeder der ghanaischen Kolleginnen und Kollegen eines oder mehrere Objekte in der Dauerausstellung „Lebendige Traditionen. Kreative Gegenwart: Kunst aus Afrika“ im Museum Fünf Kontinente ausgewählt, von denen sie sich jeweils besonders angesprochen fühlten.

Persönliche Zugänge waren dabei ebenso ausdrücklich erwünscht wie eher fachlich ausgerichtete Beiträge. Das Ergebnis ist ein exemplarischer transkontinentaler Perspektivenwechsel auf Dinge aus der Afrika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente im Kontext aktueller postkolonialer Diskurse im Rahmen globaler Kunsterziehung und Museumspädagogik.

Flow of Forms/ Forms of Flow (2017)

Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt "Flow of Forms/ Forms of Flow" fokussiert Designgeschichten zwischen Afrika und Europa. Es befasst sich mit den bislang in der Forschung vernachlässigten Auseinandersetzungen mit Designobjekten aus Afrika, ihren Techniken und gestalterischen Grundlagen. Aus einer verflechtungsgeschichtlichen Perspektive werden Formgenese (Forms) und kulturelle Wechselwirkungen (Flows) untersucht. Das Projekt schließt damit an den 'global turn' in den Kunst- und Designwissenschaften an, der die einseitige Ausrichtung der Forschung primär auf europäisches und amerikanisches Design durch eine weitere regionale Auffächerung und vor allem durch eine transkulturelle Perspektivierung korrigieren will.

Das Projekt ist eine Kooperation des Instituts für Kunstgeschichte der LMU und dem Architekturmuseum der TUM, Museum Fünf Kontinente, Kunstraum, Galerie Karin Wimmer und dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Die Ausstellung wird durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert und in einem, von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und dem Freundeskreis des Kunsthistorischen Instituts unterstützten, Katalog dokumentiert.

Projekte für Vielstimmigkeit, Multiperspektivität und Diversität im MuseumBearbeiten

Afrika im Ohr - Hörgeschichten für das Völkerkundemuseum (2012)

Im Rahmen des Projekts "Afrika im Ohr" bereiteten sich zwanzig Schüler mit unterschiedlichsten migrantischen Hintergründen bei der Münchner Volkshochschule im Museum Fünf Kontinente auf ihren Schulabschluss vor. Dafür beschäftigten sie sich intensiv mit Objekten aus der Afrika-Sammlung des Museums. Das Ergebnis waren ein Rap-Song, spannende Interviews und weitere Hörstücke, die als Audioguide in der Dauerausstellung des Museums zu hören waren. Für die Produktion haben die Jugendlichen drei Monate recherchiert, Hörspielszenen geschrieben und Interviews geführt. Ihre Gesprächspartner waren der Trommler Tola Sholana, der Profifußballer Eke Uzoma (damals TSV 1860 München), der Pfarrer Hans Knöpfli und der Ethnologe Stefan Eisenhofer. In den Studios des Bayerischen Rundfunks saßen die Schüler dann selbst als Sprecher, Rapper oder Sänger am Mikrofon. Entstanden sind acht sehr unterschiedliche Hörstücke.

Elke Dillmann (Journalistin) und Bernhard Jugel (Regisseur) vom Bayerischen Rundfunk, Karin Guggeis (Ethnologin) vom Museum Fünf Kontinente und Gisela Bendinger (Sozialpädagogin) von der Münchner Volkshochschule haben die Jugendlichen bei dem Projekt begleitet.

Einen filmischen Eindruck und die 8 Hörstücke finden sich auf der Projektseite des Bayerischer Rundfunk.

"Afrika im Ohr" war ein Projekt der Stiftung Zuhören, des Bayerischen Rundfunks, des Museums Fünf Kontinente (damals noch Staatliches Museum für Völkerkunde München) und der Münchner Volkshochschule. Die BuntStiftung München und die Allianz Kulturstiftung unterstützten das Projekt.

»A strong desire to see the world« - Feldforschung im Museum (2010)

Isi Kunath (* 1963) ist eine international bekannte deutsche Künstlerin und Fotografin. In den Jahren 2009 und 2010 setzte sich die damals in Amsterdam lebende Künstlerin intensiv mit dem Museum Fünf Kontinente (damals Staatliches Museum für Völkerkunde) auseinander. Sie betrieb über mehrere Monate hinweg Feldforschung im Museum, oder, wie sie es formulierte, in einem „Land von 12.000 Quadratmetern, mit 53 Einwohnern und über 150.000 Schätzen“. Ihre Feldforschungsergebnisse mündeten 2010 in die Ausstellung „A Strong Desire to See the World“ im Museum Fünf Kontinente, die Isi Kunath als „Konstruktion, Reflexion und Aufarbeitung einer erweiterten Vorstellung von (musealer) Wirklichkeit“ verstand. Der gleichnamige Ausstellungskatalog ist als Feldforschungstagebuch zu betrachten.

Kids behind the Camera. Mach Dir ein Bild – Ein Projekt von Marie Köhler mit Kindern aus Burkina Faso und Ruanda ( 2017/ 2018)

„Kids behind the Camera. Mach Dir ein Bild“ ist ein Fotografieprojekt, das Kinder in Afrika und deren Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Die Kinder sind manchmal Motiv und immer selbst Fotograf. Sie sind es, die sich selbst aussuchen, wen oder was sie wie abbilden. Einmischungen durch Erwachsene sind unerwünscht. Die Idee dazu stammt von der jungen Dortmunder Fotografin Marie Köhler. Die Ergebnisse sind niemals vorher einschätzbar. Weil die „erwachsene“ Regie fehlt, entstehen keine Klischee-Bilder. Fotos aus dem Alltag, von Festen, Handwerkskünsten, Tanz, Theater und Musik sehen auf diese Weise oft überraschend aus, erscheinen niemals in gewohnter Sichtweise.

Während eines Fotografieworkshops erhielt jedes Kind eine eigene Kamera. In einem bestimmten Zeitraum konnte es sein Umfeld schrittweise und mit zunehmender Intensität fotografisch erkunden. So entwickelten die Kinder bald individuelle Umgangsweisen mit ihrer Kamera, die zum ständigen Wegbegleiter wurde.

Das Ausstellungsprojekt hat das Ziel, erstarrte Sichtweisen aufzubrechen, den Blickwinkel Europas nach Afrika zu weiten und durch Ungewohntes zu ergänzen. „Europa und Afrika sind Nachbarn, die Kinder Nachbarskinder. Sie können einander näher kommen“, sagt Marie Köhler, „wenn sie ein ehrliches Bild voneinander bekommen“.

Imbenge Dreamhouse. Ein Telefondrahtprojekt mit Künstlern und Kunsthandwerkern aus Südafrika, Europa und Asien (2005)

Man Rays „Noire et Blanche“ – Reloaded: Eine Intervention (2020)

Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse des Münchner Theresien-Gymnasiums haben das historische Foto „Noir et Blanche“ von Man Ray neu interpretiert. Der koloniale Subtext dieses bekannten Kunstwerks war Ausgangspunkt eigener Fotoarbeiten. An die Stelle der nackten Weißen Frau in Man Rays Foto haben die Schülerinnen und Schüler ihre Selbstporträts gesetzt oder ganz neue Beziehungspaare hergestellt. So ist ein Video entstanden, das künftig im Museum Fünf Kontinente zu sehen sein wird – als künstlerischer Augenöffner in der Afrika-Abteilung.

Die Einladung ins Museum nahmen die Schülerinnen und Schüler zum Anlass, sich mit den Ausstellungsstücken der Afrika-Abteilung zu befassen. Die Jugendlichen erarbeiten eine experimentelle Führung, die aktuelle Debatten um das ethnologische Sammeln aufgreift und dabei immer wieder zu Man Rays Foto zurückführt.

Veranstalter: Museum Fünf Kontinente in Kooperation mit dem Theresien-Gymnasium München

ÜberLeben in der Wüste. Vom Nomadenzelt zum eigenen Staat: Menschen der Westsahara (1996)

Eine Ausstellung für Blinde, Sehbehinderte und Sehende im Kulturzentrum „Pasinger Fabrik“. Kuratiert von Stefan Eisenhofer, Karin Grassl, Marianne Hartan, Andrea Kugler, Arno Pascht und Kerstin Pinther in Kooperation mit Kula e.V.

Berühren erlaubt - Tanzende Gõtter (1994)

Eine Ausstellung über Tibet für Blinde, Sehbehinderte und Sehende im Kulturzentrum „Pasinger Fabrik“. Kuratiert von Stefan Eisenhofer und Barbara Schachinger in Kooperation mit dem Völkerkundemuseum der Universität Zürich

BibliothekBearbeiten

Die Bibliothek des Museums Fünf Kontinente steht als öffentliche Präsenzbibliothek allen Besuchern offen. Sie beherbergt über 100.000 Bände ethnologischer Fachliteratur, vor allem zur materiellen Kultur und Kunst außereuropäischer Regionen und Gesellschaften, sowie 120 Zeitschriften.

Ein Online- und ein Zettel-Katalog erleichtern die Literaturrecherche. Der Online-Katalog für alle Werke, die nach 1999 erschienen sind, ist auch für externe Recherchen zugänglich.


WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ein neuer Name für alte Kulturen - Völkerkundemuseum heißt jetzt "Fünf Kontinente", tz, 9. September 2014
  2. Staatliche Museen und Sammlungen in Bayern. Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, abgerufen am 1. November 2020.
  3. Claudius Müller (Redaktion): 400 Jahre Sammeln und Reisen der Wittelsbacher. Außereruopäische Kulturen. Hirmer, München 1980, S. 11–33.
  4. Website Museum Fünf Kontinente: Geschichte des Museums. 19. Juni 2017, abgerufen am 19. Juni 2021.
  5. Uta Werlich ist neue Leiterin des Museums Fünf Kontinente
  6. a b Maria Kecskési: African Masterpieces and Selected Works from Munich: The Staatliches Museum für Völkerkunde. Center for African Art, 1987.
  7. Andreas Lommel, Otto Zerries: Altamerikanische Kunst, Mexico-Peru: Katalog zur Ausstellung des Staatlichen Museums für Völkerkunde München. Staatliches Museum für Völkerkunde, München 1977.
  8. Helmut Schindler, Heiko Prümers: Bauern und Reiterkrieger: die Mapuche-Indianer im Süden Amerikas. Hirmer, München 1990.
  9. Sammlung Orient | Museum Fünf Kontinente. Abgerufen am 9. Juli 2020.
  10. +++ urban african sounds +++ urban concerts from east, west, south and north africa. Abgerufen am 14. Juni 2021.
  11. Reihe: Fokus Afrika: Veranstaltungen 18. Oktober 2018 bis 19. Februar 2019. Evangelische Stadtakademie München. Abgerufen am 14. Juni 2021.
  12. Fokus Afrika: Veranstaltungen 18. September 2019 bis 28. Januar 2021. Evangelische Stadtakademie München. Abgerufen am 14. Juni 2021.
  13. https://www.museum-fuenf-kontinente.de/forschung/provenienzforschung.html
  14. Anne Splettstößer: Umstrittene Sammlungen: Vom Umgang mit kolonialem Erbe aus Kamerun in ethnologischen Museen - Die Fälle Tange/Schiffschnabel und Ngonnso‘/Schalenträgerfigur in Deutschland und Kamerun. Göttinger Studien zu Cultural Property, Band 15. Universitätsverlag Göttingen, 2019, ISBN 978-3-86395-405-5.

Koordinaten: 48° 8′ 15,3″ N, 11° 35′ 8,5″ O