Medienfassade

Coöperatie De Volharding (1930)
Deutsche Hauptverwaltung der SKF in Schweinfurt (1970)
Altes Ku’damm-Eck mit Avnet Bildwand (1990)
Blinkenlights am Haus des Lehrers (2001)
Pong am Haus des Lehrers (2001)
Post Tower Bonn (2002)
Kunsthaus Graz (2003)
ABC Supersign (2004)
Park Kolonnaden (2005)
Dexia Tower (2006)
PSD-Bank Westfalen-Lippe (2008)
Dortmunder U (2010)
Zeilgalerie (2011)
Bahnsteighalle des Hauptbahnhofs Chemnitz mit Installation an der Medienfassade (2018)

Eine Medienfassade ist eine flächige, animierte Lichtinstallation, typischerweise an großstädtischen Geschäfts- und Kulturbauten, die Zwecken der Werbung, der Information oder der Kunst dient.

Medienfassaden sind alle Fassaden, die neben dem bauphysikalischen und gestalterischen Gebäudeabschluss einen Mehrwert durch medialen Austausch, Transport von Informationen oder optische Reize erzeugen.[1]

GeschichteBearbeiten

Mit der flächendeckenden Einführung der Elektrizität Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte die Lichtwerbung eine Blütezeit. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Berlin Glühlampentableaus an Häuserfassaden und auf Dächern installiert. Bereits um 1910 kamen auch Neonröhren und Moore-Licht zur Anwendung. Eine Häufung dieser Anlagen ergab sich an Stadtplätzen der Metropolen wie dem Potsdamer Platz, dem Piccadilly Circus oder dem Times Square, deren hohe Passantenfrequenz optimale Reichweite erwarten ließ.

In der Zwischenkriegszeit kamen an diesen Plätzen, wie auch an Pressehäusern und Bahnhöfen, Wanderschriftanlagen zum Einsatz, die neben der Werbung auf teils beträchtlichen Flächen tagesaktuelle Kurznachrichten präsentierten. Auch erzielte die Inszenierung von Architektur mit Installationen wie Berlin im Licht anlässlich der Berliner Festwochen 1928 öffentliche Aufmerksamkeit; es wurde der Begriff der Lichtarchitektur geprägt. Architekten der Klassischen Moderne, namentlich Erich Mendelsohn und Wassili Luckhardt beschäftigten sich mit der Integration der Werbeträger und der Planung der nächtlichen Wirkung der Gebäudefassaden, deren wachsender Glasanteil die beabsichtigten Effekte begünstigte. Auch der größte Lichtturm Europas am Europahaus von Otto Firle und Lichtspielpaläste wie der Titania-Palast weisen in diese Richtung, die im Gebäude der Coöperatie De Volharding kulminierte, dessen Fassade nahezu vollständig in Glasbausteine, Fenster und hinterleuchtete Opalglasfelder aufgelöst war, auf denen Wechselbuchstaben montiert waren. Eine Weiterentwicklung dieser vielversprechenden Ansätze wurde jedoch durch die Weltwirtschaftskrise, die nachfolgende Kriegswirtschaft und die Verdunkelung im Bombenkrieg vereitelt. 1936 entstand noch ein Entwurf von Oskar Nitschke für ein Maison de la Publicité, dessen Fassade bereits Bewegtbildprojektionen vorsah, aber leider nicht mehr umgesetzt wurde. Auch die im gleichen Jahr von August Karolus auf der Funkausstellung vorgeführte 10-Zeilen-Zellenraster-Großbildtafel mit 10.000 Glühlampen auf etwa 4 m²[2] zur Anzeige von Fernsehbildern kam, bedingt durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, nicht mehr zum Einsatz.

Die Rasterfassaden der Bürohäuser des Internationalen Stils der Nachkriegszeit eigneten sich besonders für Lichtwerbung unter Verwendung der regulären Beleuchtung: ein Beispiel hierfür ist das SKF-Hochhaus in Schweinfurt. Hier wurden bei Arbeitsende an bestimmten Fenstern blaue Rollos heruntergelassen, die von Leuchtstoffröhren an den Fensterstürzen angestrahlt wurden und so das Unternehmenslogo in einer Größe von 25x36 m abbildeten.[3] In anderen Gebäuden war es möglich, die Raumbeleuchtung der Büros zentral von der Nachtportiersloge zu schalten; so konnte ab etwa 1960 am Verwaltungsgebäude der Phoenix-Rheinrohr AG in Düsseldorf mit 138 blauen Leuchtstoffröhren in den Fensterleibungen von 13 Etagen ebenfalls das Firmenlogo dargestellt werden.

Ausgereizt wurde dieser Ansatz schließlich vom Projekt Blinkenlights am Haus des Lehrers, wo das Publikum eigene Animationssequenzen zur Aufführung bringen und – ungeachtet der relativ geringen Auflösung von nur 8x18 „Pixel“ – sogar das klassische Videospiel Pong spielen konnte.

1977 wurde durch die von George N. Stonbely gegründete Spectacolor Inc. die erste vollfarbtaugliche, durch Computer angesteuerte Großwerbefläche am Verlagsgebäude der New York Times, One Times Square installiert, was zu einem Paradigmenwechsel führte, insoweit dort nunmehr Sendezeit anstelle von Werbefläche vermarktet werden konnte. In der Folge wurden am Times Square und anderenorts mehr als 100 derartige Anlagen installiert, darunter das Eastman Kodak Kodarama Display; dies wurde als Rückkehr der Werbewirtschaft in die Innenstädte gewertet. In die laufenden Werbeanimationen des Spectacolor Light Board am Times Square wurden seit 1982 im Rahmen einer Medienkunstinitative des Public Art Fund unter anderem die Truisms der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer eingeschaltet.[4]

In Berlin betrieb Gruner & Jahr um 1989 am Ku’damm-Eck mit ähnlicher Zielsetzung die kurzlebige Avnet Bildwand, deren Alleinstellungsmerkmal ihre eigenartige Anzeigetechnologie war.

Seit der Jahrtausendwende ist in Europa – bedingt durch Fortschritte sowohl im Bereich der Lichttechnik (LED), als auch der Steuerung (KNX, Arduino) – ein Boom der Medienfassaden zu verzeichnen: das Spektrum erstreckt sich von medienkünstlerischen Projekten über solche mit dem Focus auf Betonung der Architektur bis hin zu werbeorientierten Großbildvideodisplays. Seitens Corporate-Identity-Strategen und Stadtmarketing wird ihnen eine identitätsstiftende Wirkung beigemessen.

2008 wurden erstmals 19 Projekte auf dem Medienfassaden-Festival Berlin präsentiert; seither richtet das Media Architecture Institute eine Biennale zum Thema aus.[5]

TechnologieBearbeiten

Zunächst beschränkte sich die Aktualisierung der dargestellten Inhalte auf manuellen Austausch von Wechselbuchstaben. Entsprechende gebäudeintegrierte Rasterpaneelen kamen insbesondere bei der Kinowerbung zum Einsatz. Auch Transparentfolien mit Motortransport eigneten sich in dieser Situation. Bei den Wanderschriftanlagen wurden Endlosbänder mit Prägebuchstaben an Federkontakten vorbeigezogen, die den Stromkreis der korrespondierenden Lampe durch Eintauchen in ein Quecksilberbad schlossen, sobald sie durch die Kontur eines Buchstabens angehoben wurden; später wurden auch gestanzte Lochstreifen verwendet.

Die dynamische Ansteuerung der Anlagen erfolgte bis in die 1970er Jahre über Schrittschaltwerke oder der Vermittlungstechnik entlehnte Relaisgruppen. Seitdem werden diese durch Computer mit Benutzerinterfaces zunehmenden Komforts abgelöst.

Beginnend mit dem Sony Jumbotron wurden seit den frühen 1980er Jahren Großbildvideoanzeigen entwickelt, die in Ermangelung blauleuchtender LED zunächst aus Modulen spezieller Kathodenstrahlröhren, deren jede 2 bis 16 Pixel darstellen konnte, bestanden. Diese Displays hatten Diagonalen von 9 bis höchstens 35 Meter bei einer Auflösung ab 240×192 Pixel. Aufgrund der hohen Kosten fanden sie bevorzugt in Stadien Aufstellung, so etwa im SkyDome Toronto. Seit der Einführung preiswerter LED- und neuerdings OLED-Leuchtmittel von hoher Lichtstärke lassen solche Anlagen mittlerweile ebenfalls Anwendungen an Fassaden zu.

In neuester Zeit gibt es auch Drahtgewebe mit eingeflochtenen LED.[6]

TendenzenBearbeiten

  • wachsende bespielte Fläche
  • steigende Bildwechselfrequenz
  • fallender Energieverbrauch
  • Interaktive Anwendungen
  • Standardisierung von Protokollen zur Gebäudeautomatisierung
  • Preisgünstige Verfügbarkeit energieeffizienter Leuchtmittel
  • Open Source Software/Hardware für die Steuerung
  • fallender Aufwand für die Erstellung der Inhalte

InhalteBearbeiten

Je nach Anlagenkonzeption und verwendeter Technologie eignen sich Medienfassaden für

  • abstrakte Licht- und Farbeffekte
  • Laufschrift
  • Pixelbilder
  • Video
  • Interaktivität

Die technisch bedingten Einschränkungen hinsichtlich Farbigkeit, Auflösung und Bildwechselfrequenz werden auch als eigene stilistische Qualität wahrgenommen, insbesondere wenn die Zielsetzung der Anlage eher auf Lichtkunst denn auf Werbung ausgerichtet ist.[7]

Ausgeführte ProjekteBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Dietrich Neumann (Hrsg.): Architektur der Nacht. Prestel, München 2002
  • Fabian Wurm (Hrsg.): Signaturen der Nacht – Die Welt der Lichtwerbung. avedition, Stuttgart 2009

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Baunetzwissen: Sonderform Medienfassaden
  2. Fritz Schröter u. a.:Grundlagen des Elektronischen Fernsehens. Springer, Berlin und Heidelberg 1956
  3. Main-Post: Wie das Gebäude zu seiner Leuchtschrift kam, 26. August 2009
  4. Messages to the Public
  5. Baunetz: Medienfassaden-Festival Berlin
  6. Haver&Boecker
  7. a b Convertible City Projekt SPOTS Licht- und Medienfassade
  8. The New Yorker. Heft 3/1977: Spectacolor
  9. Artikel in der Berliner Zeitung. 10. Mai 2001
  10. Avnet Bildwand (Detail)
  11. Magic Monkey: Marnix
  12. Kunstfassade
  13. Lichtsysteme Fischer
  14. Arup : Galleria Fashion Store
  15. Saint Gobain PRIVA-LITE®
  16. Greenpix media wall by Simone Giostra & Partners
  17. PSD Westfalen-Lippe: Medienfassade: Architektur und Technik
  18. Kölner Stadt-Anzeiger: Medienfassade – Konstrukteur versteht das Aus nicht
  19. Haver&Boecker: Hypercube (Digitalisat)
  20. Klubhaus St.Pauli: Weltweit einzigartige Medienfassade
  21. Detail. Heft 6/2013
  22. Benedikt Kraft: Wie man aus Zitronen Limonade macht Im Gespräch mit Almut Grüntuch-Ernst und Armand Grüntuch, Berlin. Deutsche Bauzeitschrift, 14. Juli 2016, abgerufen am 5. November 2018.
  23. Matthias Zwarg: Multimedial unter Tage – Mit "Pochen" soll ein genreübergreifendes Festival die Chemnitzer Kultur bereichern. Zu Beginn schürft es tief in der Wismut-Geschichte. Freie Presse, 5. November 2018, abgerufen am 5. November 2018.
  24. Nominierung bei den Media Architecture Awards 2018 in der Kategorie Animated architecture