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Durchimpfungsraten weltweit im Jahr 2007
Maserninfektionen sowie Masern-Todesfälle in den USA. Der Masernimpfstoff wurde ab 1963 verwendet.
Maserninfektionen in England und Wales. Der Masernimpfstoff wurde ab 1968 verwendet.

Ein Masernimpfstoff ist ein Impfstoff gegen Infektionen mit dem Masernvirus. Der Masernimpfstoff in der heutigen Version befindet sich auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation.[1]

EigenschaftenBearbeiten

Der erste zugelassene Masernimpfstoff war ein inaktivierter Spaltimpfstoff, während heute meist ein attenuierter Masern-Lebendimpfstoff (Impfstamm Moraten, von englisch more attenuated Edmonston/Enders strain, oder Schwarz oder Edmonston/Enders in Deutschland) verwendet wird, der meistens zweimal verabreicht wird.[2] Die Erstzulassung des Masernimpfstoffs erfolgte 1963 in den USA für den inaktivierten Masernimpfstoff und einen attenuierten Lebendimpfstoff (Impfstamm Edmonston B).[3][4] Aus dem Edmonston B-Stamm wurden in Folge weitere Impfstämme erzeugt wie Edmonston/Enders, Schwarz, Connaught, AIK-C, Moraten und Edmonston-Zagreb.[2] Aus anderen Stämmen wurden die Masernimpfstoffe Leningrad-16, Leningrad-Zagreb, Japan CAM-70, F22, 194 und TD 97 (abgeleitet vom Tanabe-Impfstamm) und Shanghai hergestellt.[2] Im Zuge der Herstellung werden Masernviren in embryonaler Hühner-Zellkultur (CEF-Zellen) kultiviert, aufgereinigt und auf die Endkonzentration des Arzneimittels verdünnt.

Einzelimpfungen gegen Masern sind heute unüblich, stattdessen wird der Schutz vor Masern entweder durch MMR-Impfstoff zusammen mit einem Schutz vor Mumps und Röteln[5] im Rahmen einer Dreifachimpfung empfohlen (Zulassung in den USA im Jahr 1971), oder durch eine Vierfachimpfung mit MMRV-Impfstoff, der zusätzlich auch noch vor Windpocken schützt.[6]

ImmunologieBearbeiten

Der zugelassene Masernimpfstoff erzeugt einen wirksamen Impfschutz,[7] auch bei Verabreichung einige Tage nach der Infektion.[7] Die Serokonversionsrate nach einer Impfung liegt bei 95 %, nach der Wiederholungsimpfung bei über 99 %.[8] Im Jahr 2013 hatten circa 85 % der Kinder weltweit einen Masernimpfstoff erhalten.[9] Im Jahr 2012 waren in Deutschland 92,4 Prozent der neu eingeschulten Kinder zweifach gegen Masern geimpft.[10] Die Rate der Masernimpfung in Österreich wurde für 2006 von der WHO auf 80 % für die Erst- und 61 % für die Zweitimpfung geschätzt.[11]

B-Zell-ImmunitätBearbeiten

Gegen Epitope auf dem Hämagglutinin H und dem Fusionsprotein F des Masernvirus werden im Verlauf einer Infektion neutralisierende Antikörper gebildet, die eine erneute Infektion mit Masernviren verhindern.[12][13][14]

T-Zell-ImmunitätBearbeiten

Die protektiven Epitope für HLA2-positive zytotoxische T-Zellen befinden sich auf dem Hämagglutinin.[15] Weiterhin existieren T-Zell-Epitope auf den Proteinen F, N, P, C, M und L.[15]

GegenanzeigenBearbeiten

Kontraindikationen sind Schwangerschaft[16] und Anteile von CD4-positiven T-Zellen unter 15 % bei HIV-infizierten Kindern.[17]

NebenwirkungenBearbeiten

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind Fieber (15 bis 20 % bei Kleinkindern[8]), nichtinfektiöse[18] Impfmasern (3 bis 5 %[19]), Schmerzen und Rötung an der Injektionsstelle (10 %[8]), morbiliformes oder rubelliformes Exanthem (je circa 1 bis 5 %[8]), selten auch eine rötliche Verfärbung (thrombozytopenische Purpura, 1:30.000[8]) oder Fieberkrämpfe (1:3.000[8]).[20]

KontroverseBearbeiten

Die Verwendung der Masernimpfstoffe ist unter Medizinern unumstritten, wird aber von der Impfgegnerszene abgelehnt.[8] Für März 2020 wird in Deutschland eine gesetzliche Impfpflicht für Masern vorbereitet – Eltern müssen bei Eintritt in eine Kita oder Schule für ihre Kinder einen Nachweis erbringen, dass ein ausreichender Impfschutz gegen Masern oder eine Immunität gegen Masern besteht. Eine Immunität gegen Masern wird über einen ärztliches Attest dokumentiert. Eventuelle Kontraindikationen (z. B. Allergie gegen Bestandteile der Impfseren) müssen ebenfalls vom Arzt attestiert werden. Ein solches Attest ist dann an Stelle des Impfnachweises vorzulegen. Die Nachweispflicht besteht auch für Erzieher, Lehrer, Tagesmütter und andere Beschäftigte in (medizinischen) Gemeinschaftseinrichtungen sowie für Bewohner in Ferienlagern oder auch Asyl- und Flüchtlingsunterkünften.[21]

Impfverweigerer bestreiten die Notwendigkeit einer Masernimpfung in Anbetracht der vermeintlichen Nebenwirkungen[8] und in Verkennung der Gesundheitsrisiken einer Maserninfektion. Die Impfmüdigkeit[22] sowie Impfangst und Fehlinformationen haben zu einem Rückgang der Herdenimmunität gegen das Masernvirus und zu einem Anstieg der Maserninfektionen[23] und der Maserntoten[24][25] in Deutschland, Österreich und der Schweiz geführt, während Masern im übrigen Europa weitgehend ausgerottet werden konnten.

GeschichteBearbeiten

Die ersten Masernimpfstoffe wurden von Thomas Chalmers Peebles und dem Nobelpreisträger John Franklin Enders entwickelt. Der MMR-Impfstoff wurde von Maurice Hilleman entwickelt.

HandelsnamenBearbeiten

Handelsnamen für Mono-Masernimpfstoffe sind z. B. Attenuvax (eingestellt), Masernimpfstoff Mérieux.

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. WHO Model List of EssentialMedicines. In: World Health Organization. Oktober 2013. Abgerufen am 22. April 2014.
  2. a b c Kapitel 10: Masern. S. 193.
  3. Centers for Disease Control and Prevention: Measles Prevention: Recommendations of the Immunization Practices Advisory Committee (ACIP).
  4. Centers for Disease Control, Prevention: CDC health information for international travel 2014 the yellow book 2014, ISBN 9780199948505, S. 250.
  5. Vaccine Timeline. Abgerufen am 10. Februar 2015.
  6. Deborah Mitchell: The essential guide to children's vaccines. St. Martin's Press, New York 2013, ISBN 9781466827509, S. 127.
  7. a b Measles vaccines: WHO position paper.. In: Weekly epidemiological record. 84, Nr. 35, 28. August 2009, S. 349–60. PMID 19714924.
  8. a b c d e f g h Dietrich Reinhardt: Therapie der Krankheiten Im Kindes- und Jugendalter. Springer-Verlag, 2014. ISBN 9783642418143. S. 234.
  9. Measles Fact sheet N°286. November 2014. Abgerufen am 4. Februar 2015.
  10. Epidemiologisches Bulletin Nr. 16/2014 RKI, 22. April 2014.
  11. WHO: Reported estimates of MCV coverage
  12. O. T. Ertl, D. C. Wenz, F. B. Bouche, G. A. Berbers, C. P. Muller: Immunodominant domains of the Measles virus hemagglutinin protein eliciting a neutralizing human B cell response. In: Archives of virology. Band 148, Nummer 11, November 2003, S. 2195–2206, doi:10.1007/s00705-003-0159-9, PMID 14579178.
  13. S. F. Atabani, O. E. Obeid, D. Chargelegue, P. Aaby, H. Whittle, M. W. Steward: Identification of an immunodominant neutralizing and protective epitope from measles virus fusion protein by using human sera from acute infection. In: Journal of virology. Band 71, Nummer 10, Oktober 1997, S. 7240–7245, PMID 9311797, PMC 192064 (freier Volltext).
  14. E. Malvoisin, F. Wild: Contribution of measles virus fusion protein in protective immunity: anti-F monoclonal antibodies neutralize virus infectivity and protect mice against challenge. In: Journal of virology. Band 64, Nummer 10, Oktober 1990, S. 5160–5162, PMID 2398539, PMC 248009 (freier Volltext).
  15. a b M. O. Ota, Z. Ndhlovu, S. Oh, S. Piyasirisilp, J. A. Berzofsky, W. J. Moss, D. E. Griffin: Hemagglutinin protein is a primary target of the measles virus-specific HLA-A2-restricted CD8+ T cell response during measles and after vaccination. In: The Journal of infectious diseases. Band 195, Nummer 12, Juni 2007, S. 1799–1807, doi:10.1086/518006, PMID 17492596.
  16. Guidelines for Vaccinating Pregnant Women
  17. Chart of Contraindications and Precautions to Commonly Used Vaccines
  18. RKI - Navigation - Sind Impfmasern infektiös? 20. August 2007, abgerufen am 26. Juli 2019.
  19. Masern. RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte. Robert-Koch-Institut. Stand 09/2010.
  20. Demicheli V, Rivetti A, Debalini MG, Di Pietrantonj C: Vaccines for measles, mumps and rubella in children. In: Cochrane Database Syst Rev. 2, 2012, S. CD004407. doi:10.1002/14651858.CD004407.pub3. PMID 22336803.
  21. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/M/Masernschutzgesetz_Kabinett.pdf
  22. P. Carrillo-Santisteve, P. L. Lopalco: Measles still spreads in Europe: who is responsible for the failure to vaccinate? In: Clinical Microbiology and Infection. Band 18 Suppl 5, Oktober 2012, S. 50–56, doi:10.1111/j.1469-0691.2012.03982.x, PMID 23051058.
  23. Frank Patalong: Zahl der Masernfälle steigt durch Impfabstinenz, Spiegel.de am 20. Mai 2013.
  24. Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.bag.admin.chBAG, Neue Masernausbrüche in der Schweiz und ein Todesfall, 4. Februar 2009
  25. Tages-Anzeiger vom 23. Februar 2015: In Berlin stirbt ein Kleinkind an Masern
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