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Impfgegnerschaft

bezeichnet generelle Ablehnung von Impfungen

Impfgegnerschaft bezeichnet generelle Ablehnung von Impfungen und unterscheidet sich von der Haltung etwa der Impfskeptiker. Die generelle Ablehnung wird unterschiedlich begründet. Sie ist beispielsweise religiös motiviert oder beruht auf unangemessener Angst vor Impfschäden. Andere grundsätzliche Impfgegner machen beispielsweise geltend, Impfungen beruhten auf einer Verschwörung, oder sie leugnen die Existenz oder zumindest Pathogenität von Viren.[1] Die von grundsätzlichen Impfgegnern vorgebrachten medizinischen Argumente sind wissenschaftlich widerlegt, insofern handelt es sich um eine Form der Wissenschaftsleugnung,[2] oder sie sind unbelegt. Die Weltgesundheitsorganisation zählt die aus verschiedenen Gründen bestehende Impfzurückhaltung zu den zehn wichtigsten Gefahren der Gesundheit.

Inhaltsverzeichnis

Historische Ursprünge, Verbreitung und demografische CharakteristikaBearbeiten

 
Karikatur zu Impfgegnern, die befürchteten, durch die Pockenimpfung zu Kühen zu werden (1802)

Die ersten Impfungen der allgemeinen Bevölkerung in vielen Ländern richteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts gegen Pocken und stießen bald mit unterschiedlicher Begründung auf Ablehnung.

Immanuel KantBearbeiten

Der Philosoph Immanuel Kant wird gelegentlich als Beispiel einer ethisch begründeten Ablehnung von Pockenimpfungen benannt.[3] Kant war allerdings vor allem in seinen späten Jahren kein genereller Impfgegner, sondern lediglich Skeptiker und Kritiker der damals verfügbaren Pockenimpfungen. Dabei waren seine Argumente ausgesprochen differenziert, enthielten auch weltanschauliche Begründungen, die heute schwerlich noch vertretbar sind, und beruhten zudem auf der geringen Sicherheit der damals eingesetzten Pockenimpfstoffe.[4][5] Außerdem änderte Kant im Laufe seines Lebens seine Auffassung zur Pockenimpfung. So bezog er zwar in seiner 1797 veröffentlichten Metaphysik der Sitten noch eher kritisch Stellung zur Pockenimpfung:[6] Wer sich gegen Pocken impfen lasse, der „wagt sein Leben aufs Ungewisse“. Da die Selbsttötung ethisch verboten sei, stelle sich die Frage: „Ist also die Pockeninoculation erlaubt?“ Kant vermied es aber, diese Frage im selben Text oder in anderen Zusammenhängen zu beantworten.[7] Später, in seinem erst postum veröffentlichten Alterswerk, mahnte Kant zwar, man solle „der Vorsehung“, welche übermäßiges Bevölkerungswachstum auch durch Pockenepidemien begrenze, nicht durch Impfungen in den Arm fallen.[8][9] Pocken und Kriege seien dazu „gelegt“ (bestimmt), das Bevölkerungswachstum zu begrenzen: „Damit Staaten nicht mit Menschen überfüllt werden und man sie in ihrem Keim ersticke: zwey Übel als Gegenmittel in sie Gelegt — die Pocken und den Krieg“. Schutzimpfungen seien zwar „heroische Mittel der Ärzte“. Aber man müsse sich darauf verlassen, dass „die Vorsehung“ in ihrer Weisheit durch Krieg und Pocken eine Überbevölkerung verhindere: „Heroische Mittel der Ärzte sind die, welche auf Tod und Leben oder, was eben so viel ist, auf die Gefahr des Patienten lebenslang krank zu werden dabey gewagt würden (auch nur eine Ansteckung beständig fürchten zu müssen). — Der Weise Gebrauch solcher Mittel kann nicht von einzelnen Menschen, sondern muß von der Vorsehung erwartet werden, welche Krieg und Kinderpocken (und zwar absichtlich) gewollt zu haben scheint, um die große Vermehrung hiedurch einzuschränken.“ Später dagegen hielt Kant sowohl durch die Obrigkeit angeordnete Impfkampagnen gegen Pocken, als auch die Hinnahme solcher Impfungen durch die Untertanen für ethisch erlaubt: „ist doch das zweyte mittel, nämlich das der kinderpocken, durch andere Menschen erlaubt: daß namlich die Regierung die Pockeninoculirung durchgängig anbefehle, da sie dann für jeden Einzelnen unvermeidlich: mithin erlaubt ist.“

Weiterer Widerstand gegen ImpfungenBearbeiten

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte die Impfdebatte Breitenwirkung und die Zahl der gegen Pocken Geimpften sank.[10] Ersten organisierten Charakter hatte die Impfgegner-Szene durch das 1874 beschlossene Reichsimpfgesetz (gegen die Pocken) erlangt.[11] Wichtige impfkritische Vertreter waren der Vorsitzende des „Verein[s] impfgegnerischer Ärzte“ Dr. med. Eugen Bilfinger und der Hauptschriftführer des 1881 gegründeten Monatsblattes "Der Impfgegner" und Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Impffrage" Hugo Wegener.[12]

1881 erschien die einflussreiche Kampfschrift Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort. von Eugen Dühring, einem der wichtigsten Vordenker des späteren Nationalsozialismus und der mit ihr verbundenen Rassenlehre. In ihr behauptete er, das Impfen sei ein Aberglaube, von jüdischen Ärzten aus Gründen der persönlichen Bereicherung erfunden.

In der Regel übten hauptsächlich medizinische Laien Kritik an der Pockenschutzimpfung.[11] Manche Impfgegner stellten hierbei die Wirkung der Pockenschutzimpfung in Frage. Andere stritten zwar den Sinn von Impfungen nicht ab. Stattdessen standen sie dem gesetzlich verankerten Pockenimpfzwang kritisch gegenüber, befürchteten Langzeitfolgen oder kritisierten z. B. als Vegetarier das Einbringen tierischer Materialien durch die Impfung (Impflymphe aus Kuhpocken).[11] Schließlich gab es Impfgegner wie den Frankfurter Ingenieur Hugo Wegener in den 1910er Jahren, die bewusst durch Berichte angeblicher Impfopfer die Bevölkerung „in Furcht und Schrecken“ versetzen wollten.[11] Zwischen 1908 und 1914 wurden sogar mehrtägige Kongresse von Impfgegnern organisiert.

Ablehnung in jüngerer ZeitBearbeiten

Laut RKI sind schätzungsweise drei bis fünf Prozent der deutschen Bevölkerung Impfgegner, eine Befragung kam 2014 auf zwei bis vier Prozent.[13] Etwa ein Prozent von befragten Eltern lehnen es strikt ab, ihre Kinder impfen zu lassen.[14] In Ländern mit niedrigerem Bildungsstandard liegt der Anteil teils deutlich höher.[15] Negative Berichte über Impfschäden oder die Leugnung des Impfprinzips selber werden von Impfgegnern in Büchern, in wissenschaftskritischen Internet-Foren und insbesondere auf impfablehnenden Webseiten mit verschwörungstheoretischen Inhalten publiziert, die bei Suchen häufig in den ersten Stellen platziert sind.[3] Diese Webseiten verweisen in der Regel auf andere Webseiten ähnlicher Ausrichtung. Eine Befragung von deutschen Hebammen im Mai 2007 ergab, dass zwei Drittel von ihnen die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) befürworteten, ein Viertel lehnte die MMR-Impfung ab.[16] Letzteres verunsichert manche junge Eltern und kann dazu führen, dass sie aus Angst vor der Impfung den Schutz ihrer Kinder vor Infektionskrankheiten verweigern. Impfgegner sind oft durch alternativmedizinische, anthroposophische oder esoterische Ansichten motiviert. Nachweislich erhalten die Kinder von Anhängern der Alternativmedizin signifikant seltener die empfohlenen Schutzimpfungen,[17] auch unter den Eltern, die Attachment Parenting nach Sears praktizieren, finden sich überdurchschnittlich viele Impfgegner.[18] So werden Masernerkrankungen in der Schweiz seit Jahren im Wesentlichen aus den Kantonen Basel-Landschaft und Luzern gemeldet, in denen Anthroposophen und deren Einrichtungen sehr aktiv sind.[19] Mehrere hundert Kinder mussten wegen schwerer Masern-Komplikationen in Krankenhäuser eingewiesen werden, ein Mädchen starb.[20] Diese Entwicklung ist auch in Deutschland zu beobachten. So starb ein Kleinkind in Berlin während eines größeren Masernausbruchs mit einigen hundert registrierten Fällen im Herbst 2014.[21] In Deutschland waren in den 2010er die anthroposophischen Waldorfschulen wiederholt Ausgangspunkt für Masern-Epidemien.[14]

Zu solchen Ansichten tragen oft übertriebene Angst vor Impfschäden, Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen, gegenüber der Pharmaindustrie und gegenüber der Medizin im Allgemeinen sowie Unwissenheit und irreführende Medienberichte bei.[22] Im Mai 2019 hat Facebook angekündigt, ab sofort unwahre Aussagen, welche auf Instagram veröffentlicht werden, zu löschen.[23]

Die argumentativen Grundmuster der Impfgegner von heute ähneln dabei denen der des Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.[11]

Reaktion von Behörden und OrganisationenBearbeiten

Im Gegensatz dazu stellten die Vereinten Nationen und UNICEF im Jahr 2002 fest, dass jedes Kind ein Recht auf Impfung gegen verhütbare Krankheiten hat. In der Ausgestaltung des Paragraph 24 der UN-Kinderrechtskonvention,[24] der Kindern das Recht auf größtmögliche Gesundheit zuspricht, wurde zu Impfungen die Position eingenommen, dass „die Routineimpfung von Kindern notwendig ist, um das Recht der Kinder auf Gesundheit zu gewährleisten“.[25][26][27]

Die Weltgesundheitsorganisation nahm 2019 „Impfzurückhaltung“ (vaccine hesitancy), „die Abneigung gegen oder die Verweigerung von Impfungen trotz verfügbarer Impfstoffe“, in ihre Liste der zehn weltweit größten Gesundheitsbedrohungen auf.[28] Nach Angaben der Vereinten Nationen sterben noch immer „jedes Jahr rund drei Millionen Kinder an Krankheiten, die mit einer bis drei Einheiten einfach erhältlicher Impfstoffe leicht hätten verhindert werden können, vor allem in Entwicklungsländern. Millionen weiterer Kinder werden durch diese Krankheiten geschwächt oder schwerbehindert“.[25] Dagegen sind viele schwerwiegende Infektionskrankheiten in den Industrienationen durch Impfprogramme und gute Durchimpfung der Bevölkerung selten geworden.[29] Auch Impfverweigerer werden dabei Nutznießer der hohen Populationsimmunität durch das Impfen. Vergessen oder verharmlost werden in der Folge die Konsequenzen von Infektionskrankheiten mit ihren Komplikationen, angefangen bei Entwicklungsschäden über bleibende körperliche Behinderungen bis hin zum Tod.[30] Diese Risiken werden auch bei den so genannten Masernpartys unterschätzt. Die empfohlene Masernimpfung bietet einen sicheren und sehr gut verträglichen Schutz, ohne das Risiko einer Lungen- oder Hirnentzündung. Die Kontroversen im Detail werden in den Artikeln über Impfstoffe erörtert (MMR-Impfstoff, hexavalenter Impfstoff u. a.).

BegründungenBearbeiten

Die Zurückhaltung gegenüber Impfungen lässt sich bei Befragungen weitgehend auf fünf Einstellungen und Auffassungen zurückführen, die auch „Die 5C“ genannt werden:[31][32]

  • Confidence: mangelndes Vertrauen in die Wirksamkeit oder Sicherheit von Impfungen
  • Complacency: als niedrig wahrgenommenes Risiko, durch die Infektion schwer zu erkranken
  • Constraints: Einschränkungen wie Stress oder Zeitnot, die Impfungen im Alltag entgegenstehen
  • Calculation: eigene Versuche, sich Informationen zu beschaffen, die aber zu Falschinformationen führten
  • Collective responsibility: geringe Bereitschaft, sich zum Schutz Dritter impfen zu lassen

Einige Argumente der Impfgegner werden als Verschwörungstheorie bezeichnet.[33][34][35] Sie beziehen sich in der Regel auf einen oder mehrere der in den folgenden vier Abschnitten genannten, sich hiermit teilweise überdeckenden Kritikpunkte.[15]

WirksamkeitBearbeiten

Jährliche Infektionsfälle in den USA vor und nach Einführung von Impfprogrammen[36]
Impfstoff vorher nachher
Diphtherie 175.885
(1922)
1
(1998)
Haemophilus
Influenzae B
20.000
(1982)
54
(1998)
Keuchhusten 147.271
(1925)
6.279
(1998)
Masern 503.282
(1962)
89
(1998)
Mumps 152.209
(1968)
606
(1998)
Pocken 48.164
(1904)
0
(1998)
Röteln 47.745
(1968)
345
(1998)

Einige grundsätzliche Impfgegner sind der Meinung, dass es keine Nachweise für die Wirksamkeit von Impfungen gebe, die „wissenschaftlichen Kriterien“ standhielten. Richtig ist zwar, dass keine Impfung hundertprozentig vor der jeweiligen Erkrankung schützen kann und sich die Wirksamkeit des Schutzes je nach Impfung unterscheidet. Grundsätzlich senken aber Impfungen die Erkrankungswahrscheinlichkeit deutlich. Zahlreiche veröffentlichte Studien, die den Anforderungen der evidenzbasierten Medizin genügen, bestätigen dies. So brechen in der Regel die Erkrankungszahlen von Infektionskrankheiten kurz nach Einführung der Impfungen ein. Beispielsweise wurden vor der Einführung der Masernimpfung in den USA (im Jahr 1963) jährlich mehrere Hunterttausend Masernerkrankungen (mit 400 bis 500 Toten, 48.000 Hospitalisierungen und 1000 Enzephalitis-Fällen) erfasst. Wenige Jahre nach der Einführung der zunächst einmaligen (1963) Impfung (und später der zweimaligen Impfung 1993) wurde ein Rückgang der Erkrankungen um 99 % registriert.[37] Auch die Häufigkeit anderer Infektionskrankheiten wie z. B. bei Mumps[38] oder Polio[39] konnten durch Impfungen signifikant gesenkt werden.

Antikörper und SchutzwirkungBearbeiten

Von grundsätzlichen Impfgegnern wird auch die Wirksamkeitsmessung mittels Antikörpertiter in Frage gestellt. Zahlreiche Interventions-Studien und epidemiologische Analysen beweisen aber eine gute Übereinstimmung zwischen Antikörperwerten und Schutz vor der Infektionskrankheit.[40]

Schutz DritterBearbeiten

Geschätzte Schwellenwerte
für die Herdenimmunität[41]
Krankheit Schwellenwert
Diphtherie 85 %
Masern 83–94 %
Mumps 75–86 %
Keuchhusten 92–94 %
Polio 80–86 %
Röteln 80–85 %
Pocken 83–85 %

Auch die Herdenimmunität durch Impfungen ist für viele Infektionskrankheiten belegt. Oberhalb eines bestimmten Anteils Immunisierter in einer Bevölkerung („Schwellenwert“) findet ein Erreger nicht mehr genügend viele benachbarte Menschen, die noch nicht durch Impfung geschützt sind und daher infiziert werden können. Dieser Schwellenwert ist im Wesentlichen abhängig von der Basisreproduktionszahl des jeweiligen Krankheitserregers. Die jeweilige Infektion tritt dann selbst nach Reimport von Erregern nicht mehr endemisch, sondern nur noch sporadisch lokal auf.

Unerwünschte WirkungenBearbeiten

Impfgegner argumentieren, dass es Krankheiten und Spätfolgen gebe, die als Nebenwirkungen der Impfung oder ihrer Inhaltsstoffe gesehen werden könnten. Als Spätfolgen von Impfungen wurden unter anderem Allergien, Autoimmunerkrankungen, Asthma, Autismus, Diabetes, Heuschnupfen, HIV, Homosexualität, Krebs, Kriminalität, Morbus Crohn, Multiple Sklerose oder plötzlicher Kindstod angeführt. Diese Aussagen basieren zum Teil auf Fälschungen, wie etwa der Fall Wakefield beim angeblichen Zusammenhang zwischen MMR-Impfstoffen und Autismus, und wurden durch viele Studien entkräftet,[30][42][43][44][45]

Die Widerlegungen werden aber oftmals von Impfgegnern ignoriert.

So konnten beispielsweise zahlreiche Untersuchungen einen kausalen Zusammenhang zwischen Allergien und Impfungen nie belegen. Zwar wurde zunächst die Zunahme von Heuschnupfen und anderen allergischen Symptomen in den Neuen Bundesländern nach Beitritt der DDR zur BRD auf die damalige Abnahme von Impfungen zurückgeführt.[46][45][47][48][49] Dazu passte allerdings nicht, dass in derselben Zeit auch in den Alten Bundesländern die Häufigkeit solcher allergischer Symptome zunahm, obwohl dort die Impfquoten zunahmen.[50] Das Robert-Koch-Institut fasst daher zusammen:[51] „Sicher ist: Es gibt heutzutage mehr Impfungen – und mehr Allergien. Ob das eine jedoch mit dem anderen zusammenhängt, ist nicht belegt“. In jüngerer Zeit wird daher vor allem auf Grund der Untersuchungen durch Erika von Mutius[52] die Zunahme allergischer Symptome ab 1990 in den Neuen Bundesländern eher auf geänderte Ernährungs- und Lebensstil-Gewohnheiten („westliche Lebensweise“) zurückgeführt.[53][54][55] Impfstoffe stimulieren wie Infektionen durch Umweltkeime das frühkindliche Immunsystem. Der wichtigste Anstoß für die Immunreifung basiert aber auf der bakteriellen Besiedlung innerhalb der ersten Lebenstage,[56] also dem intestinalen Mikrobiom.

Auch die Behauptung, Impfungen könnten Krebs verursachen, ist bisher wissenschaftlich nicht belegt: Zwar wurde in einer Langzeitunteruchung, die 2016 durch eine renommierte Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, gezeigt, dass es nach Impfung gegen Tetanus regelmäßig zu genetischen Veränderungen bei den Geimpften in Form von Methylierungen an der DNS kommt, die über Jahre hinweg nachweisbar sind.[1] Das ist ein suspekter Befund, denn ebenfalls durch Methylierungen werden z.B. bei Bestrahlung und Chemikalien Krebszellen erzeugt. Es fehlen bisher aber ergänzende Untersuchungen.

Aufgrund der Tatsache, dass weltweit jede sechste Tumorerkrankung auf Infektionen mit pathogenen Bakterien oder Viren, wie z. B. Helicobacter pylori, Hepatitis-B- und C-Viren, zurückzuführen ist, ergibt sich zu Gunsten von Impfungen, dass die meisten dieser infektionsbedingten Krebserkrankungen mit einer geeigneten Impfung vermeidbar wären.[57] Ein möglicher Zusammenhang zwischen Leukämien, gerade bei Kindern, und Impfungen (MMR, Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Hepatitis B, Haemophilus influenzae b-Infektion) wurde durch zahlreiche Studien widerlegt.[58]

Angeführt wird von Impfgegnern auch, dass Zulassungsstudien von Impfungen aufgrund ihrer beschränkten Größe nur einen Bruchteil der Nebenwirkungen erfassen könnten und so Nebenwirkungen, die seltener als 1:500 auftreten, nicht ermittelt würden. Darüber hinaus sei das Meldesystem des Infektionsschutzgesetzes nicht in der Lage, das tatsächliche Ausmaß der Impfkomplikationen in Deutschland zu erfassen; infolgedessen werde das Verhältnis von Nutzen und Schaden falsch eingeschätzt.

Tatsächlich müssen Impfstoffe – ebenso wie alle anderen Medikamente – vor ihrer Einführung ein komplexes Zulassungsverfahren durchlaufen.[56] Für diese Zulassung müssen vom Hersteller umfangreiche Studien vorgelegt werden, welche die Wirksamkeit und Verträglichkeit belegen. Nach Einführung eines Impfstoffes muss den zuständigen Zulassungsbehörden periodisch in vorgeschriebenen Zeitabständen ein Bericht vorgelegt werden, der die aktuelle Datenlage zur Unbedenklichkeit – wie beispielsweise unabhängige Folgestudien von Universitätskliniken und anderen Forschungseinrichtungen oder Meldungen von Nebenwirkungen an die Gesundheitsbehörden – zusammenfasst.[59] Das Meldesystem ist dabei ein wichtiges Instrument für erste, möglichst zeitnahe Ermittlungen von möglichen Nebenwirkungen. Aufgrund dieses Verfahrens wurde beispielsweise die mangelhafte Langzeitwirkung der Hepatitis-B-Komponente des Sechsfachimpfstoffes Hexavac erkannt, so dass dieser Impfstoff vom Markt zurückgezogen wurde.[60]

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Vorstellung, dass „zu viele“ Impfungen oder Kombi-Impfungen das Immunsystem „überlasten“ würden. Dies berücksichtigt jedoch weder die Tatsache, dass durch eine einzige Mahlzeit mehr Fremdantigene aufgenommen werden als insgesamt im Leben durch Impfungen,[45] noch die verbesserte Verträglichkeit der moderner Impfstoffe.[45] So konnte die Spezifität durch Fortschritte in der Produktion erhöht werden, die Anzahl der zu einer Immunantwort nötigen Antigene ist gesunken. Während heute genutzte azellulären Keuchhustenimpfstoffe drei bis fünf Komponenten erhalten, waren in den früheren Ganzkeim-Pertussis-Impfstoffen etwa 3000 unterschiedliche Antigene vorhanden.[45] Insgesamt werden im ersten Jahr einem Säugling etwa 150 Antigene durch Impfungen präsentiert, was im Vergleich zu früher eine Reduktion um den Faktor 10 entspricht. Außerdem ist das Immunsystem eines Säuglings bereits für alle wesentlichen Abwehrfunktionen bereit, nach einer Schätzung könnte ein Kleinkind die Antigenmenge in 10.000 Impfungen auf einmal verkraften.[61] Eine große in den USA durchgeführte Studie bestätigt, dass viel Impfen nicht schadet.[62] Impfungen können im Gegenteil das generelle Infektionsrisiko eines Kleinkindes senken, wenn es innerhalb der ersten drei Monate eine Kombinationsimpfung gegen Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Hib und Kinderlähmung erhalten hatte.[63]

DatenlageBearbeiten

Von Impfgegnern wird angeführt, dass die Impfstoffhersteller Einfluss auf die zuständigen Gesundheitsbehörden (z. B. die STIKO des Robert-Koch-Instituts in Deutschland und das CDC in den USA) sowie auf die Wissenschaftler in diesem Feld ausüben würden, so dass es mangelhafte Aufklärung gebe.[64]

Für die Zulassung von Impfungen müssen Studien bei den zuständigen Zulassungsbehörden (z. B. das Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland und die U.S. FDA) vorgelegt werden, welche die Wirksamkeit und Verträglichkeit belegen und in der Tat vom Antragsteller finanziert werden. Ausgeführt werden diese Studien in einer Klinik oder mehreren Kliniken. Im Rahmen der Pharmakovigilanz finden jedoch durchaus auch Studien statt, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden.

Gegen den Vorwurf fehlender Neutralität und persönlicher Bereicherung wird erwidert, dass die Gesundheitsbehörden von Regierungen unterschiedlichster politischer Ausrichtung (z. B. die ehemaligen Ostblockstaaten) zu im Wesentlichen gleichen Empfehlungen gelangten.

Wirtschaftliche InteressenBearbeiten

Impfstudien werden – wie alle Medikamentenstudien – größtenteils von der Pharmaindustrie finanziert.[65] Aus den Tatsachen, dass einige Mitglieder der Ständigen Impfkommission früher Kontakt zu Pharmaunternehmen hatten[66] sowie ein wirtschaftlicher Kontakt zu einer Firma bestand, die auch Impfstoffe herstellt,[67] mutmaßen einige Impfgegner, dass die STIKO anstelle der Volksgesundheit hauptsächlich die Unternehmensinteressen verfolge.

Umgekehrt wird von manchen Impfbefürwortern angeführt, dass es Impfgegner gebe, die mit ihrer Kritik ein wirtschaftliches Interesse verfolgen. Beispielsweise zahlte eine Anwaltskanzlei, die Impfgegner vertrat, mehrere Millionen britische Pfund an Wissenschaftler, um einen Nachweis für Nebenwirkungen zu erhalten (siehe dazu den Artikel MMR-Impfstoff).[68] Auch mit impfgegnerischen Büchern, Seminaren und Beratungen gegen das Impfen sowie mit alternativmedizinischen Behandlungen der Krankheit oder dem „Ausleiten“ angeblicher Impfnebenwirkungen werden Gewinne erzielt.

Zudem beschränken sich die wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie nicht einseitig auf Impfungen als Vorsorgemaßnahmen. Viele der durch Impfung verhinderbaren Infektionen führen zu Erkrankungen mit chronischem Verlauf. Bei Hepatitis B stehen die Einnahmen aus der in der Regel dreimaligen Impfung den Einnahmen gegenüber, die aus medikamentöser antiviraler Therapie erzielt werden, die über viele Jahre aufrechterhalten werden muss.[69] Die Hepatitis-B-Therapie kostet im Monat etwa 1000 Euro pro Patient, andere chronische Erkrankungen stehen dem in nichts nach. Die Impfungen hingegen kosten einmalig durchschnittlich 50 bis 100 Euro und erzielen bei der Hepatitis B hohe Immunitätsraten.

Das Unternehmen Sanofi Pasteur MSD hat auf der 4. Nationalen Impfkonferenz 2015 eine Rechnung vorgestellt, nach der die gesetzliche Krankenversicherung für eine Frau im Schnitt 1.976 Euro für den lebenslangen Impfschutz vor 15 verschiedenen Infektionskrankheiten ausgibt, darunter 1.530 Euro für die Impfstoffe und 446 Euro für die Honorarkosten der Ärzte.[70] Die Kosten für Männer liegen wegen der kürzeren Lebenserwartung und der fehlenden HPV-Impfung etwa 400 Euro darunter, bei Menschen mit Grunderkrankungen liegen die Kosten höher.[70] Der Anteil der Impfstoffkosten an den Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen beträgt 0,4 %.[70]

Religiöse GründeBearbeiten

Verschiedene Gruppierungen lehnen Impfungen aus religiösen Gründen ab. Bei den Christen sind dies z. B. die Amischen in den USA oder Menschen im Bibelgürtel in den Niederlanden, was dort zu regelmäßigen Ausbrüchen vermeidbarer Erkrankungen geführt hat, z. B. Kinderlähmung;[34] einige dieser streng orthodoxen Calvinisten verzichten im Gottvertrauen freiwillig auf eine Krankenversicherung.[71] Impfverweigerer finden sich auch unter ultraorthodoxen Juden wie in New York, bei denen etwa 14 % nicht gegen Masern geimpft sind. Dies führt regelmäßig zu Masernausbrüchen in deren Gemeinden.[72][73] In Jerusalem sind in den teils abgeschotteten Viertel ultraorthodoxer Juden die Hälfte gegen Masern geimpft, was auch dort zu Masernepedemien führt.[74]

Muslimische Bevölkerungsgruppen in Nigeria behindern das Polio-Eradikationsprogramm der WHO und boykottieren dieses mit falschen Behauptungen.[75][76][77]

Die Taliban in Pakistan und Afghanistan verhindern das Polio-Eradikationsprogramm, insbesondere nachdem es von als Ärzte getarnten CIA-Agenten als Deckmantel für militärische Operationen missbraucht wurde.[78] Unabhängig davon sehen dort religiöse Fanatiker und islamistische Extremisten Impfungen als „un-islamisch“ an oder sogar als einen angeblichen Plan des Westens, die Bevölkerung unfruchtbar zu machen.[79] Dies führte dazu, dass schon mehrere Helfer des Polio-Impfprogrammes angegriffen oder ermordet wurden.[80]

LiteraturBearbeiten

  • P. Davies, S. Chapman, J. Leask: Antivaccination activists on the world wide web. in: Archives of Disease in Childhood 87, Heft 1 (2002), S. 22–25, doi:10.1136/adc.87.1.22.
  • Sven Ove Hansson: Science denial as a form of pseudoscience. In: Studies in History and Philosophy of Science 63, (2017), S. 39–47
  • Matthew J. Hornsey, Emily A. Harris, and Kelly S. Fielding: The Psychological Roots of Anti-Vaccination Attitudes: A 24-Nation Investigation. In: Health Psychology 37, No. 4 (2018), S. 307–315; apa.org (PDF) abgerufen am 15. Mai 2019.
  • Daniel Jolley, Karen M. Douglas: The Effects of Anti-Vaccine Conspiracy Theories on Vaccination Intentions. In: PLOS, 20. Februar 2014, doi:10.1371/journal.pone.0089177
  • C. Meyer, S. Reiter: Impfgegner und Impfskeptiker. Geschichte, Hintergründe, Thesen, Umgang. In: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 47 (2004), S. 1182–1188; rki.de (PDF) abgerufen am 15. Mai 2019).
  • Paul A. Offit: Autism’s False Prophets. Bad Science, Risky Medicine, and the Search for a Cure. Columbia University Press, New York 2008
  • Paul A. Offit: Deadly Choices. How the Anti-Vaccine Movement Threatens Us All. Basic Books, New York 2011
  • Sandra Stricker: Impfkritiker und Impfgegner. Eine Analyse der Kritik an Impfungen am Beispiel der MMR-Impfung. Dissertation, Medizinischen Hochschule Hannover 2006.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Avoxa Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH: Pharmazeutische Zeitung online: Impfgegner: Von Aids-Leugnern und Verschwörungstheoretikern. Abgerufen am 24. Juli 2017.
  2. Sven Ove Hansson: Science denial as a form of pseudoscience. In: Studies in History and Philosophy of Science. Band 63, 2017, S. 39–47, doi:10.1016/j.shpsa.2017.05.002.
  3. a b C. Meyer, S. Reiter: Impfgegner und Impfskeptiker – Geschichte, Hintergründe, Thesen, Umgang. In: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, Springer Medizin Verlag. Band 47, 2004, S. 1184, doi:10.1007/s00103-004-0953-x (rki.de [PDF; abgerufen am 30. April 2015]).
  4. Arno Frank: Seuchen und Aufklärung: Gottes gerechte Strafe, taz, online 20. August 2014, Abruf 31. August 2019
  5. Jürgen Stolzenberg: Kant und die Medizin, Vortrag am 21. – 23. April 2014 im Rahmen der XI Internationalen Kant-Konferenz in Kaliningrad, online 23. April 2014, Abruf 31. August 2019
  6. Bonner Kant-Korpus: AA VI, Die Metaphysik der Sitten, (…) Von der Selbstentleibung, 1797
  7. Lambros Kordelas und Caspar Grond-Ginsbach: Kant über die „moralische Waghälsigkeit“ der Pockenimpfung. Einige Fragmente der Auseinandersetzung Kants mit den ethischen Implikationen der Pockenimpfung. NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, ISSN 0036-6978, Band 8, Ausg. 1, S. 22 ff, März 2000
  8. Bonner Kant-Korpus: Handschriftlicher Nachlass, AA XV, Zweiter Anhang Medicin, Seiten 971
  9. Bonner Kant-Korpus: Handschriftlicher Nachlass, AA XV, Zweiter Anhang Medicin, Seiten 972
  10. Martin Dinges (Hrsg.): Medizinkritische Bewegungen im Deutschen Reich: (ca. 1870 - ca. 1933). Stuttgart 1996, S. 83–85.
  11. a b c d e Thomas Meißner: Impfen und zweifeln – damals wie heute. Hrsg.: Ärzte Zeitung. Nr. 86-161, 23. August 2019, S. 14.
  12. Patrick Tassilo Mayr: Die Impfgegnerschaft in Hessen – Motivationen und Netzwerk (1874–1914). Marburg 2018, S. 98, 124.
  13. tagesschau.de: Braucht Deutschland eine Impfpflicht? Abgerufen am 24. Juli 2017.
  14. a b Alina Schadwinkel, Sven Stockrahm: Masern: Schluss mit den Masern-Mythen! In: Die Zeit. 23. Februar 2015, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 30. Januar 2019]).
  15. a b Schutzimpfungen – 20 Einwände und Antworten des Robert-Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts. Robert Koch-Institut, 23. Oktober 2013, abgerufen am 4. Januar 2015.
  16. Impfstatus sowie Einstellung und Verhalten von Hebammen zu Impfungen – Ergebnisse einer Querschnittsstudie. RKI, Epi Bull 21, 2008 (PDF)
  17. T. J. Zuzak, I. Zuzak-Siegrist, L. Rist, G. Staubli, A. P. Simoes-Wüst: Attitudes towards vaccination: users of complementary and alternative medicine versus non-users. In: Swiss medical weekly. Band 138, Nummer 47–48, November 2008, S. 713–718, PMID 19043817.
  18. Cashing In On Fear: The Danger of Dr. Sears. Abgerufen am 27. Januar 2015.
  19. Tages-Anzeiger vom 26. Februar 2008 (Memento vom 27. September 2012 im Webarchiv archive.today): Viele entscheiden sich bewusst, nicht zu impfen
  20. Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.bag.admin.chBAG, Neue Masernausbrüche in der Schweiz und ein Todesfall, 4. Februar 2009.
  21. Tages-Anzeiger vom 23. Februar 2015: In Berlin stirbt ein Kleinkind an Masern.
  22. Bericht (PDF; 340 kB) der AAP (englisch)
  23. Nadine Brügger: Instagram löscht ab sofort unwahre Posts von Impfgegnern. In: nau.ch. 10. Mai 2019, abgerufen am 12. Mai 2019.
  24. englisch Convention on the Rights of the Child, CRC
  25. a b Sondertagung über Kinder (08.–10. Mai 2002, New York), Vereinte Nationen, UNICEF. Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa (UNRIC), abgerufen am 4. Mai 2012.
  26. Wolfgang Maurer: Impfungen und Kinderrechtskonvention Kurze Stellungnahme. (Memento vom 10. August 2007 im Internet Archive) impfinformationen.de
  27. D. N. Durrheim, P. Cashman: Addressing the immunization coverage paradox: A matter of children’s rights and social justice. In: Clin Ther. Band 32, Nr. 8, 2010, S. 1496–1498, PMID 20728762.
  28. WHO: Ten threats to global health in 2019. Auf who.int, eingesehen am 21. Januar 2019
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