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Marienkirche (Prenzlau)

Kirchengebäude in Prenzlau
Marienkirche
Merian-Stadtansicht von 1652

Die Marienkirche Prenzlau ist die evangelische Hauptpfarrkirche der Stadt und gehört zu den an Bauschmuck reichsten Kirchen der Backsteingotik in Norddeutschland.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

 
Kirchenruine nach 1950
 
Schaufassade im Osten, 2009
 
Mitteltorturm und Marienkirche

VorgängerbauBearbeiten

Der Vorgängerbau wurde von 1235 bis 1250 als dreischiffige Feldsteinhallenkirche mit einem zweijochigen Langhaus, wenig breiterem Querhaus und einem eingezogenen, geraden Chor erbaut. Nach der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde diesem Bauwerk der erhaltene zweitürmige Westbau vorgelegt.[1]

Hochgotischer NeubauBearbeiten

Von 1289 bis 1340 erfolgte der Kirchenneubau als gotische, dreischiffige Hallenkirche im Stil der Backsteingotik unter Einbeziehung des Westteils des Vorgängerbaus aus Feldsteinmauerwerk. Die großräumige Kirche mit sieben Jochen ist 56 Meter lang, 26 Meter breit und 22 Meter hoch; der Dachfirst ist heute 43 Meter hoch. Sie wurde in zwei Abschnitten errichtet, deren Grenze bei den Treppentürmen verläuft. Sie hat je einen relativ flachen, apsidialen Ostabschluss für jedes Schiff.

Im 14. und 15. Jahrhundert kamen die Anbauten der Christophskapelle mit einem Schaugiebel und der zweischiffigen, dreijochigen Margaretenkapelle mit polygonalem Schluss an der Südseite hinzu. Das Kreuzrippengewölbe der Margaretenkapelle blieb erhalten. Nach Westen schließt sich eine zweigeschossige Vorhalle an. Auf der Nordseite entstand eine von einem Maßwerkgiebel nach der Art des Hinrich Brunsberg bekrönte Vorhalle.

SchaufassadeBearbeiten

Die prächtige östliche Schaufassade gilt wegen ihrer anspruchsvollen Konstruktion als „einmalig“ in der Backsteingotik; sie ist in den Einzelformen an dem Vorbild des Fassadenrisses F des Kölner Doms orientiert.[1] Der flache Giebel steht über dem Ostabschluss der drei Schiffe. Die Apsiden sind deshalb nur gering ausgebildet mit zwei Polygonseiten in den Seitenschiffen und dreien im Mittelschiff. Einmalig ist, dass die im Inneren an den polygonen Apsiden orientierten Fenster außen in die plane Schaufassade eingepasst werden, so dass sich schräge Fensterlaibungen ergeben.

Der Giebel ist mit 22 Metern so hoch wie die senkrechte Chormauer. Die sechs Strebepfeiler enden in zierlichen Fialen. Eine fensterähnliche Gestaltung mit Stab- und Maßwerk aus rot- und schwarzglasierten Steinen, mit zusammenfassenden Wimpergen und mit Maßwerkfriesen ergänzt das Bild der Schaufassade.

SeitenwändeBearbeiten

Die äußeren Seitenwände werden gegliedert durch die vierteiligen Maßwerkfenster und die mehrfach abgetreppten Strebepfeiler. Über die Traufe ragend befindet sich über einem Maßwerkfries und zwischen Fialpfeilern ein transparenter Kranz aus durchbrochenen Wimpergen. An den vier West-Jochen der Südseite läuft ein Plattenfries mit pflanzlichen Motiven.

Vorhalle und PortaleBearbeiten

Die nördliche Vorhalle vom Anfang des 15. Jahrhunderts hat einen dreiteiligen Wimperg-Giebel im Brunsberg-Stil.

Das große fünffach abgetreppte Westportal hat Kehlen und Rundstäbe in den Abtreppungen. Darüber befindet sich in Richtung Mittelschiff ein Rundfenster. Ein reichhaltig gestaltetes Portal befindet sich an der Nordseite, ein weiteres an der Südseite.

TürmeBearbeiten

 
Blick vom Turm

Die unteren Geschosse des Westbaus aus Feldstein sind mit Ecklisenen und flachen Blenden gegliedert. Im 14. Jahrhundert wurden die Türme des ursprünglichen Westbaus um drei Geschosse aus Backstein aufgestockt, der Mittelteil erhielt zwei Backsteingeschosse. Den Abschluss des Nordturms mit 68 Metern Höhe bildet ein Satteldach in Ost-West-Richtung zwischen zwei Renaissancegiebeln. 234 Stufen führen zur Türmerstube.

Der Abschluss des Südturms mit 64 Metern Höhe besteht seit 1776. Auch er hat seit 1972 ein Satteldach wie beim Nordturm, aber ohne den 4 Meter hohen Sockel. Im oberen Geschoss wurden zwei Uhren installiert.

Die oberen Geschosse der Türme sind reichhaltiger mit spitzbogigen Blenden aus dem 14. Jahrhundert gegliedert und haben hohe spitzbogige Schallöffnungen mit einfachem Maßwerk in den Glockengeschossen. Der Westbau zeigt trotz Einbeziehung der älteren Mauerteile des Vorgängerbaus und der fragmentarischen Turmabschlüsse eine ausgesprochen monumentale Wirkung, die mit den hoch- und spätgotischen Pfarrkirchen in Wismar und Stralsund vergleichbar ist.

InneresBearbeiten

Im großräumigen, streng gehaltenen Inneren wurde das Kreuzrippengewölbe mit zwischenliegenden Scheidbögen durch die 12 reichgestalteten, kreuzförmigen Pfeiler getragen; die vier stirnseitigen Pfeilervorlagen besitzen kräftige Dreiviertelrunddienste (Vorlagen). Die Seitenwände weisen umlaufende Sockelzonen mit zwei spitzbogigen Blenden pro Joch auf. Darüber befindet sich ein Laufgang. Die schlanken Maßwerkfenster sind zumeist vierteilig. Das Fenstermaßwerk wurde bei den Restaurierungen verändert; als ursprünglich könnte das Maßwerk der drei östlichen Fenster auf der Südseite gelten. Der feinprofilierte, hochgotische Innenraum der Kirche nimmt innerhalb der Backsteingotik auf Grund eben dieser Eigenschaften eine gewisse Ausnahmestellung ein.

Vor dem Hochaltar befand sich der Grabstein[2] der Adelheid von der Asseburg († 1588), Gemahlin des Leonhard von Kotze, ihr Bildnis war im rechten Seitenschiff zu sehen. Von 1581 bis 1918 wurde auf Grund eines Legats täglich in ihrer Todesstunde gegen zwei Uhr nachmittags geläutet, bis in der Inflation ihre Stiftung verfiel; so blieb ihr Gedächtnis in der Gemeinde lebendig.[3]

Zwischen Reformation und NeuzeitBearbeiten

Der spätere Hof- und Domprediger in Berlin Johannes Fleck (1559–1628) wirkte von 1596 bis 1601 als Inspektor (Superintendent) an der Marienkirche Prenzlau.

Während des Dreißigjährigen Krieges wurde der Leichnam des schwedischen Königs Gustav II. Adolf im Rahmen der Überführung nach Schweden vom 20. bis 22. Dezember 1632 im Nordturm der Marienkirche aufbewahrt.

In den Jahren 1844/46 fand eine umfassende Umgestaltung im Innern der Kirche im neugotischen Stil durch Eduard Knoblauch statt. Zwischen 1878 und 1887 wurde das Äußere der Kirche restauriert.

WiederaufbauBearbeiten

Bei der Zerstörung am 27./28. April 1945 brannte die Kirche mit dem gewaltigen Dachstuhl des Kirchenschiffs aus und das Gewölbe stürzte ein; die Umfassungsmauern und Pfeilerarkaden blieben erhalten. Im Jahr 1947 stürzten die bis dahin erhaltenen Giebel des Nordturmabschlusses ein. In den Jahren 1949/50 wurde der Ostgiebel gegen Einsturz gesichert.[4] Der Wiederaufbau begann 1970, 1972 die Montage des Dachstuhls, 1973/74 die Eindeckung des Satteldaches mit Kupferplatten sowie die Instandsetzung der Treppenanlage in den Türmen und die Eindeckung der Margaretenkapelle. Von 1972 bis 1988 folgte die Instandsetzung der Turmfassaden, der Innenausbau der Südkapellen und die Restaurierung des Ostgiebels und der östlichen Südfassade. 1982 war der Nordturm vollendet, 1984 das Dach des Südturms, 1988 die Eindeckung und die Einwölbung der Nordvorhalle und 1990/91 die Fassadensanierung. 1990 fand eine Feierstunde für das Erreichte statt. Das moderne Rosettenfenster mit dem Thema Zerstörung und Wiederaufbau wurde vom Glasbildner Johannes Schreiter realisiert und 1995 übergeben. 1997 wurde der Altar wieder aufgestellt.

Ein Wiederaufbau der Gewölbe ist im Gang, seit 2013 werden dafür Spenden gesammelt. Für den Wiederaufbau der Gewölbe und der Empore wurden im Haushalt 2014 der Kulturstaatsministerin zusätzliche Mittel in Höhe von 3,24 Millionen € bereitgestellt.[5] Seit August 2015 haben die Ausschreibungen und Vorbereitungen zum Wiederaufbau der Gewölbe begonnen.[6] Von Juni 2018 bis Ende 2020 ist der Wiederaufbau der Gewölbe geplant.[7][8] Nach anfänglichen Verzögerungen verlaufen die Bauarbeiten nach Plan, gemäß dem eine Vollendung bis 2020 vorgesehen ist.[9] Im April 2019 waren bereits drei der sieben Joche fertiggestellt.[10]

Die Kirche steht unter Denkmalschutz.

Ausstattung und OrgelBearbeiten

HochaltarBearbeiten

 
Das Kircheninnere 1877 (von Eduard Gärtner)

Der spätgotische Hochaltar wurde um 1512 vom Meister des Prenzlauer Hochaltars in Lübeck geschaffen. Er überstand die Zerstörung der Kirche, weil er eingemauert worden war und war bis 1991 in der Klosterkirche Prenzlau aufgestellt. Nach einem Diebstahl in diesem Jahr konnte ein großer Teil der gestohlenen Figuren zurück gebracht werden, einige Figuren sind aber bis heute verschollen. Danach wurden die Figuren und Reliefs unter Freilegung der Originalfassung restauriert und in einem rekonstruierenden Aufbau angeordnet.[11]

Im Schrein ist eine Mondsichelmadonna dargestellt, die ursprünglich von vier Engeln umgeben war, von denen nur zwei erhalten sind. Seitlich davon sind vier kleinere, in zwei Reihen angeordnete Heilige dargestellt. In den Flügeln sind in zwei Reihen die Apostel dargestellt, von denen nur neun erhalten sind. In der Predella ist ein breites, lebendiges Relief der Anbetung der Könige zu sehen. Das einst sehr reiche Gesprenge zeigt die Darstellungen von Christus mit der Siegesfahne, Georg und Mauritius und eine bekrönende Madonna im Strahlenkranz.[1]

OrgelBearbeiten

1567/68 wurde die erste Orgel eingebaut. 1743 folgte eine neue Orgel mit 2 Manualen und etwa 20 Registern durch Johann Michael Röder. 1847, nach der Umgestaltung der Kirche, konnte die neue Orgel mit 2 Manualen und 33 Registern von Carl August Buchholz aus Berlin eingeweiht werden. 1945 wurde sie zerstört und bisher nicht wieder ersetzt.

1867 wurde Ernst Flügel Organist und Gymnasialgesanglehrer in Prenzlau und er war bis 1879 als Pianist und Organist auch an der Marienkirche tätig.

UmgebungBearbeiten

 
Lutherdenkmal

Der Mitteltorturm und die Marienkirche am Marktberg bilden gemeinsam die bekannteste Stadtansicht Prenzlaus. Bis zur Zerstörung im Jahr 1945 stand eine Zeile zumeist zweigeschossiger Häuser vor der Ostansicht der Kirche, die den Maßstab für die Marienkirche gab und damit die Monumentalität des Ostgiebels steigerte.[12]

Vor der Kirche steht an der Süd-Westseite das Denkmal Luthers, das 1903 nach dem Vorbild des Originals in Worms von Ernst Rietschel geschaffen wurde.

KirchgemeindeBearbeiten

Die Marienkirche ist die evangelische Hauptpfarrkirche der Kirchengemeinde mit den Filialkirchen St. Nicolai, St. Jacobi und St. Sabini und zwölf weiteren Gemeinden. Sie ist Mitglied im Kirchenkreis Prenzlau mit seinen 12 Kirchgemeinden. Der Kirchenkreis wird von einem Superintendenten und dem Kreiskirchenrat geleitet.

Dem Erhalt der Kirche widmet sich der Förderverein Marienkirche Prenzlau.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Brandenburg. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2000, ISBN 3-422-03054-9, S. 879.
  2. Abbildung des Grabsteins der Adelheid von der Asseburg
  3. Udo von Alvensleben (Kunsthistoriker), Besuche vor dem Untergang, Adelssitze zwischen Altmark und Masuren, Aus Tagebuchaufzeichnungen zusammengestellt und herausgegeben von Harald von Koenigswald, Frankfurt/M.-Berlin 1968, S. 241
  4. Götz Eckardt (Hrsg.): Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Band 1. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1980, S. 128.
  5. Pressemitteilung der Bundesregierung vom 31. Juli 2014. Abgerufen am 22. Januar 2018.
  6. Wiederaufbau nach 70 Jahren. Märkische Onlinezeitung vom 18. August 2015. Abgerufen am 2. Januar 2018.
  7. Prenzlaus Marienkirche erhält Gewölbe zurück. Meldung in der Onlineausgabe des Nordkurier vom 31. Mai 2018. Abgerufen am 2. Oktober 2018.
  8. Jahrhundertbau nach mittelalterlichem Vorbild. Bericht der MOZ am 21. Januar 2019. Abgerufen am 22. Januar 2019.
  9. 120.000 Backsteine wölben sich zu neuem Kirchendach (RBB24.de). Abgerufen am 13. Februar 2019.
  10. Wiederherstellung der Gewölbe der Marienkirche in Prenzlau. Bericht der Architekturzeitung vom 10. April 2019. Abgerufen am 21. Mai 2019.
  11. Beitrag des RBB über den Diebstahl der Figuren. Abgerufen am 5. März 2018.
  12. Bild vor der Zerstörung auf bildindex.de. Abgerufen am 2. Januar 2018.

LiteraturBearbeiten

  • Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Brandenburg. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2000, ISBN 3-422-03054-9, S. 879–884.
  • Joachim Fait: Die erste Marienkirche in Prenzlau – ein Ausgrabungs- und Rekonstruktionsbericht. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Ernst-Moritz-Arndt-Univ. Greifswald 9.1959/60, Ges.- und sprachwiss. Reihe 4/5, S. 420–421.
  • Meister des Prenzlauer Hochaltars. In: Ulrich Thieme, Felix Becker u. a.: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart., Band 37, S. 277. E. A. Seemann, Leipzig 1950.
  • Reinhard Liess: Zur historischen Morphologie der hohen Chorgiebelfassade von St. Marien in Prenzlau. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte 27, 1988, S. 9–62.
  • Reinhard Liess: Kunstgeschichtliche Anmerkungen zur Chorgiebelfassade der Prenzlauer Marienkirche. In: Kunst im Ostseeraum. Mittelalterliche Architektur und ihre Rezeption. Wissenschaftliche Beiträge der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 1990, S. 21–35.

WeblinksBearbeiten