Igor Iwanowitsch Setschin

russischer Politiker und Manager

Igor Iwanowitsch Setschin (russisch И́горь Ива́нович Се́чин; englisch Igor Sechin; * 7. September 1960 in Leningrad, Russische SFSR, Sowjetunion) ist ein russischer Politiker und Manager. Er ist seit den 1990er-Jahren ein enger Vertrauter Wladimir Putins und war bis 2008 stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung. Als solcher ordnete er die Zerschlagung des einst größten Ölkonzerns Yukos an, der später von Rosneft übernommen wurde. Bis zum 21. Mai 2012 war er stellvertretender Ministerpräsident der Regierung der Russischen Föderation in Putins Kabinett. 2016 brachte der nunmehrige Rosneft-Chef den Wirtschaftsminister Alexei Uljukajew ins Gefängnis.[1] Derzeit ist er Vorstandsvorsitzender[2] von Rosneft, der russischen staatlichen Ölgesellschaft. Um seine Macht zu begrenzen, setzte Putin bei Rosneft mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder einen Ausländer als Aufsichtsratsvorsitzenden ein.

Igor Setschin (2021)

BiografieBearbeiten

Setschin wurde in Leningrad in eine Arbeiterfamilie geboren. Die Eltern arbeiteten in einem Stahlwerk. Sie ließen sich scheiden, als Igor und seine Zwillingsschwester Irina noch Schüler waren. Im Jahr 1977 absolvierte er die Mittelschule mit Schwerpunkt Französisch und begann im gleichen Jahr ein Studium für portugiesische Philologie an der Leningrader Universität. Nach dem Uni-Abschluss in 1982 studierte er zuerst zwei Jahre an der speziellen Oberschule des Geheimdienstes KGB, danach war er von 1984 bis 1986 Dolmetscher einer Gruppe sowjetischer Militärberater in Mosambik und Angola.[3] Ab 1988 arbeitete er als Angestellter in der Auslandsabteilung der Staatsuniversität Leningrad, ab 1991 als Wladimir Putins Sekretär in der Leningrader Stadtverwaltung. Dort war er bis 1996 tätig. 1996 wechselte er zusammen mit Putin nach Moskau in die Präsidialverwaltung unter Boris Jelzin. Im August 1999 wurde er zum Leiter des Sekretariats des Ministerpräsidenten befördert. Seit dem Amtsantritt Putins 2000 und bis zum Wechsel in die Regierung am 12. Mai 2008 bekleidete Setschin das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Präsidialverwaltung, seit März 2004 zusätzlich als Präsidentenberater.

Daneben ist Setschin laut Medienberichten einer der Initiatoren der 2003 begonnenen gerichtlichen Verfolgung des Yukos-Konzerns,[4] da er in russischen Regierungskreisen als Fachmann im Erdölexportwesen gilt und 1998 sogar ein Sachbuch zu diesem Thema veröffentlicht hatte. Auf diese Tatsache wird auch Setschins Ernennung zum Rosneft-Vorstandsvorsitzenden am 27. Juli 2004 zurückgeführt. Nach einer Aufforderung durch Präsident Medwedew trat Setschin von diesem Amt im April 2011 zurück.[5] Infolge des Ämtertauschs zwischen Putin und Medwedew wurde Setschin jedoch am 22. Mai 2012 – auf Betreiben des neuen (alten) Präsidenten Putin und per Dekret des Ministerpräsidenten Medwedew – abermals zum Vorstandsvorsitzenden von Rosneft berufen.[6] Zudem wurde er zum Sekretär der Präsidentenkommission für die Entwicklung des Energiesektors ernannt, hat in dieser Funktion aber keine Weisungsbefugnis gegenüber den Ministern.[7]

Im Zuge des Kriegs in der Ukraine 2014 verhängte die US-Regierung gegen Setschin (und einige andere Männer aus dem engen Umkreis von Putin) ein Einreiseverbot und Kontosperren.[8]

Mithilfe zweier konstruierter Gerichtsprozesse bauten Setschin und die Silowiki den Staatskapitalismus als auch die Macht von Rosneft weiter aus, als er gegen den enteigneten privaten Eigentümer von Baschneft klagte und gleichzeitig der Wirtschaftsminister Uljukajew entlassen und verhaftet wurde, welcher die Praktiken Setschins nicht billigen wollte.[9] Die staatliche Nachrichtenagentur TASS schrieb zum weitherum als fingiert betrachteten Prozess gegen Uljukajew, Setschin werde persönlich gegen Uljukjew aussagen und „habe sicher Fragen an alle Beteiligten“, was in der NZZ als „bemerkenswerte Auffassung der Rolle eines Zeugen“ bezeichnet wurde.[10]

EU-SanktionenBearbeiten

Am 28. Februar 2022 setzte die Europäische Union ihn im Zusammenhang mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 auf eine schwarze Liste.[11] Anfang März 2022 beschlagnahmten französische Behörden Setschins Yacht Amore Vero in La Ciotat.[12]

PrivatesBearbeiten

Setschin ist zum zweiten Mal verheiratet und hat zwei Kinder,[13] darunter eine Tochter, die seit November 2003 mit dem Sohn des ehemaligen russischen Justizministers Wladimir Ustinow verheiratet ist.

Setschin ist Eigentümer der Megayacht Crescent.[14]

TriviaBearbeiten

Wegen seiner Gesichtsmiene, mit der er häufig Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt, wird Setschin in Russland auch Darth Vader genannt. Vor allem im Wirtschaftssektor gilt Setschin als mächtigster und einflussreichster Mann aus dem engeren Machtkreis von Putin. Der Politologe Andrei Kolesnikow geht sogar davon aus, dass Setschin einen enormen Einfluss auf Putins Entscheidungen ausübe.[15]

Mit einem Jahreseinkommen von 50 Millionen US-Dollar führte Setschin 2013 die Liste des Wirtschaftsmagazins Forbes in der Kategorie der bestbezahlten russischen Top-Unternehmer.[16] Doch im Forbes-Ranking vom Dezember 2016 landete Setschin mit einem Jahresverdienst von 13 Millionen Dollar hinter Gazprom-Chef Alexei Miller auf Platz zwei.[17]

Nachdem ein vom Investigativjournalist Roman Anin geschriebener Bericht, der Igor Setschin mit einer Megayacht in Zusammenhang bringt (obwohl Setschin laut dem Bericht die Yacht mit seinem gemeldeten Einkommen nicht mieten, geschweige denn kaufen kann[18]), im Jahr 2013 in der Nowaja gaseta veröffentlicht wurde, verklagte Setschin die Zeitung daraufhin wegen Rufschädigung (und gewann diesen Prozess schließlich).[19][20] Roman Anin wurde außerdem wegen angeblicher Verletzung der Privatsphäre von Setschins Ehefrau angezeigt.[19][20]

WeblinksBearbeiten

Commons: Igor Iwanowitsch Setschin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Notker Blechner: Wer sind die sanktionierten Oligarchen?, Tagesschau.de, abgerufen am 4. März 2022
  2. Vorstandsvorsitzender
  3. Игорь Степанов. Адъютант его превосходительства. – журнал «Собеседник», 27. März 2007 / Kopie des Artikel an der Webseite „Compromat.ru“
  4. Margareta Mommsen, Angelika Nußberger: Das System Putin. Gelenkte Demokratie und politische Justiz in Russland C.H.Beck, 2007, ISBN 3-406-54790-7.
  5. Ti. Kaiser und E. Steiner: Russischer Vizepremier tritt bei Rosneft zurück, welt.de, 12. April 2011.
  6. RIA Novosti: Russlands Ex-Vizepremier Setschin zum Rosneft-Vorstandschef ernannt, Meldung vom 22. Mai 2012.
  7. Russland-Aktuell: Setschin bekommt doch keine Vollmacht für Energiesektor, Meldung vom 5. Juli 2012.
  8. FAZ.net: Hat der Kreml sich verkalkuliert?
  9. Zum Schatz verurteilt. Minister und Präsidentenberater sind zu Entscheidungsträgern geworden. Neue Studie: Wer bestimmt den strategischen Kurs Russlands?, Nowaja gaseta, 23. August 2019
  10. NZZ, 9. August 2017, Seite 23
  11. DURCHFÜHRUNGSVERORDNUNG (EU) 2022/336 DES RATES vom 28. Februar 2022 zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 269/2014 über restriktive Maßnahmen angesichts von Handlungen, die die territoriale Unversehrtheit, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben oder bedrohen (PDF; 707 KB), abgerufen am 28. Februar 2022.
  12. Luxus-Jacht von russischem Unternehmen beschlagnahmt. stuttgarter-nachrichten.de vom 3. März 2022.
  13. badische-zeitung.de, Ausland, 20. Januar 2017, Stefan Scholl: Putins Schattenmann (27. Januar 2017)
  14. Reuters: Spain detains yacht thought to be owned by Rosneft CEO -police source, März 2022
  15. Eduard Steiner: Der Mann, den sie in Russland Darth Vader nennen. 20. Januar 2017, abgerufen am 17. November 2017 (deutsch).
  16. Sputnik: „Forbes“: Rosneft-Chef Setschin Russlands Bestverdiener 2013. Abgerufen am 17. November 2017.
  17. Игорь Сечин. Abgerufen am 17. November 2017 (russisch).
  18. By Roman Anin (Novaya Gazeta): The Secret of the St. Princess Olga. Abgerufen am 12. April 2021 (britisches Englisch).
  19. a b OCCRP: OCCRP Concerned by FSB Raid on IStories Editor Roman Anin’s Moscow Apartment. Abgerufen am 11. April 2021 (britisches Englisch).
  20. a b Russland: Polizei durchsucht Wohnung des prominenten Kremlkritikers Roman Anin. In: Der Spiegel. Abgerufen am 11. April 2021.