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Werkdaten
Titel: Idomeneus
Originaltitel: Idomeneo
Deutsches Titelblatt des Librettos, München 1781

Deutsches Titelblatt des Librettos, München 1781

Form: Tragédie lyrique in drei Akten
Originalsprache: Italienisch
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto: Giambattista Varesco
Literarische Vorlage: Idoménée von Antoine Danchet
Uraufführung: 29. Januar 1781
Ort der Uraufführung: Residenztheater, München
Spieldauer: ca. 3 Stunden (ohne Ballett)[1]
Ort und Zeit der Handlung: Sidonia (Kydonia), Hauptstadt von Kreta, kurz nach Ende des trojanischen Krieges.
Personen
  • Idomeneo/Idomeneus, König von Kreta (Tenor)
  • Idamante, sein Sohn (Sopran, Kastrat)
  • Ilia, Prinzessin von Troja, Tochter des Priamos (Sopran)
  • Elettra/Elektra, Tochter des Agamemnon, König von Argos (Sopran)
  • Arbace, Vertrauter Idomeneos (Tenor)
  • Oberpriester des Neptun (Tenor)
  • die Stimme (Bass)
  • Trojaner, Kreter, Krieger aus Argos und Kreta, Schiffsleute, Priester, Volk (Chor)
  • Gefolge Idamantes, Gefolge Idomeneos, Gefolge Ilias (Statisten)
  • Kreterinnen, Kreter (Ballett)

Idomeneo (KV 366, dazu Ballettmusik KV 367) ist eine Tragédie lyrique (Originalbezeichnung: „Dramma per musica“) in italienischer Sprache und in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart auf ein Libretto von Giambattista Varesco. Uraufgeführt wurde sie am 29. Januar 1781 im Münchener Residenztheater.

HandlungBearbeiten

Der antike Stoff erzählt vom kretischen König Idomeneus, der sich nach seiner Heimkehr vom trojanischen Krieg gezwungen sieht, seinen eigenen Sohn zu opfern, um den Gott Neptun zu besänftigen. Sie behandelt das Verhältnis von Menschen und Göttern.

Die folgende Inhaltsangabe und Szeneneinteilung basiert auf dem Libretto der Neuen Mozart-Ausgabe.

Erster AktBearbeiten

An die Gemächer Ilias grenzende Galerie im Königspalast

Szene 1. Ilia, als kriegsgefangene trojanische Prinzessin nach Kreta verschleppt, sehnt sich nach ihrer verlorenen Heimat und fühlt gleichzeitig Liebe zu ihrem Kriegsfeind, dem kretischen Prinzen Idamante, der sie vor dem Ertrinken gerettet hat. Der jedoch ist bereits Elettra versprochen – der Tochter des besiegten Agamemnon, die auf Kreta Zuflucht gefunden hat (Nr. 1. Arie Ilia: „Padre, germani, addio!“).

Szene 2. Idamante verkündet glücklich, dass die heimkehrenden Schiffe seines Vaters Idomeneo gesichtet wurden. Er schenkt den Trojanern die Freiheit und gesteht Ilia seine Liebe (Nr. 2. Arie Idamante: „Non ho colpa“).

Szene 3. Vor dem versammelten Volk werden den gefangenen Trojanern die Fesseln gelöst (Nr. 3. Chor: „Godiam la pace, trionfi Amore“).

Szene 4. Die eifersüchtige Elettra kritisiert die Freilassung der Feinde als Beleidigung ganz Griechenlands.

Szene 5. Da erscheint Arbace mit der Nachricht, die Flotte des Königs sei in Seenot geraten und Idomeneo tot. Idamante eilt bestürzt zum Strand.

Szene 6. Zurück bleibt äußerst wütend Elettra, die den Prinzen liebt und es nicht ertragen kann, dass er sich Ilia zuwendet (Nr. 4. Arie Elettra: „Tutte nel cor vi sento“).

Ufer des noch bewegten Meeres mit Schiffstrümmern

Szene 7. Die Schiffbrüchigen flehen die Göttern um Rettung an (Nr. 5. Chor: „Pietà! Numi, pietà!“).

Szene 8. Auf dem Meer erscheint der Gott Neptun, der den Winden befiehlt, sich zurückzuziehen. Allmählich beruhigt sich das Meer. Idomeneo fleht Neptun um Hilfe an. Neptun zieht sich mit finsteren Blicken in das Meer zurück. Die Heimkehrer sind gerettet (Pantomime und Rezitativ Idomeneo: „Eccoci salvi alfin“).

Szene 9. Idomeneo ist nicht nur glücklich über die Rettung. Um Neptun zu besänftigen, hat er geschworen, das erste Lebewesen zu opfern, das er am Strand trifft. Er wird von Schuldgefühlen geplagt und fragt sich, wer das unschuldige Opfer sein wird (Nr. 6. Arie Idomeneo: „Vedrommi intorno l’ombra dolente“).

Szene 10. Idomeneo trifft am Strand auf seinen Sohn Idamante. Der ist hochbeglückt, seinen vermeintlich toten Vater lebend wiederzusehen. Idomeneo dagegen ist entsetzt über das tragische Zusammentreffen. Er wendet sich ab und eilt davon. Idamante bleibt tief betroffen über die schroffe Zurückweisung zurück (Nr. 7. Arie Idamante: „Il padre adorato“).

IntermezzoBearbeiten

Die zusammen mit Idomeneo heimgekehrten kretischen Truppen betreten das Land (Nr. 8. Marsch) und werden von ihren glücklichen Frauen begrüßt (Nr. 8a. Tanz der kretischen Frauen). Die Soldaten preisen den Gott Neptun (Nr. 9. Chor: „Nettuno s’onori, quel nome risuoni“).

Zweiter AktBearbeiten

Königliche Gemächer

Szene 1. Arbace rät Idomeneo, seinen Sohn, der nichts von dem Gelübde weiß, weit weg zu schicken, um ihn nicht opfern zu müssen (Nr. 10a. Arie Arbace: „Se il tuo duol“).

Szene 1 (alternativ). Ilia will auf Idamante verzichten, damit er sein Eheversprechen Elettra gegenüber halten kann. Idamante liebt jedoch nur Ilia (Nr. 10b. Rondo Idamante: „Non temer, amato bene“).

Szene 2. Ilia dankt Idomeneo für die gute Behandlung. Er ist für sie jetzt wie ein Vater (Nr. 11. Arie Ilia: „Se il padre perdei“).

Szene 3. Der König erkennt die gegenseitige Liebe Ilias und Idamantes. Er vermutet, dass sie der Auslöser für Neptuns Zorn sein könnte (Nr. 12a oder 12b. Arie Idomeneo: „Fuor del mar“).

Szene 4. Idomeneo hat seinen Sohn zum Begleiter Elettras bei deren Heimkehr nach Argos bestimmt. Elettra hofft, Idamante unterwegs wieder für sich gewinnen zu können (Nr. 13. Arie Elettra: „Idol mio, se ritroso“ – Nr. 14. Marsch und Rezitativ Elettra: „Odo da lunge armonioso suono“).

Der Hafen von Kydonia mit Schiffen am Ufer

Szene 5. Elettra und ihre Leute sind bereit zur Abreise. Da das Meer still ist, sind alle zuversichtlich (Nr. 15. Chor Elettra/Chor: „Placido è il mar, andiamo“).

Szene 6. Idamante und Elettra verabschieden sich von Idomeneo (Nr. 16. Terzett Elettra/Idamante/Idomeneo: „Pria di partir, oh Dio!“). Kurz vor Ablegen der Schiffe braust ein neuer Sturm auf, der die gesamte Flotte vernichtet. Ein schreckliches Ungeheuer entsteigt dem Meer (Nr. 17. Chor: „Qual nuovo terrore!“). Der Meeresgott fordert seinen Tribut, und vergebens bietet sich ihm Idomeneo als Opfer dar, um seinen Sohn zu schonen. Die Kreter fliehen entsetzt (Nr. 18. Chor: „Corriamo, fuggiamo“).

Dritter AktBearbeiten

Königlicher Garten

Szene 1. Ilia sehnt sich nach ihrem Geliebten. Sie wünscht, dass die Lüfte und die Pflanzen ihm ihre Liebesgrüße überbringen (Nr. 19. Arie Ilia: „Zeffiretti lusinghieri“).

Szene 2. Idamante verabschiedet sich von Ilia, da er in den Kampf gegen das Monster ziehen will, und die beiden gestehen sich offen ihre Liebe (Nr. 20a. Duett Ilia/Adamante: „S’io non moro a questi accenti“ oder Nr. 20b. Duett KV 489 Ilia/Idamante: „Spiegarti non possi’io“).

Szene 3. In ihrer Umarmung werden sie vom König und von Elettra ertappt, die den Prinzen erneut auffordern, Kreta zu verlassen (Nr. 21. Quartett Ilia/Elettra/Idamante/Idomeneo: „Andrò ramingo e solo“). Idomeneo geht traurig fort.

Szene 4. Arbace berichtet, dass das Volk unter Führung von Neptuns Oberpriester den König zu sprechen verlange. Idomeneo, Elettra und Ilia machen sich auf den Weg zum Palast.

Szene 5. Arbace fürchtet den Untergang Kretas. Er hofft, dass wenigstens der Prinz gerettet werden kann (Nr. 22. Arie Arbace: „Se colà ne’ fati è scritto“).

Großer mit Statuen besetzter Platz vor dem Palast

Szene 6. Der Oberpriester schildert dem König die Schreckenstaten des Ungeheuers und bedrängt ihn, dem Volk nun endlich den Namen des Opfers zu verkünden und seinen Schwur einzulösen. Idomeneo gibt nach und nennt den Namen seines Sohnes (Nr. 23. Rezitativ Oberpriester/Idomeneo: „Vogli intorno lo sguarda, oh sire“). Alle reagieren mit Entsetzen (Nr. 24. Oberpriester/Chor: „Oh voto tremendo!“).

Außenseite des von einem großen Atrium umgebenen Poseidontempels, in der Ferne das Meeresufer

Szene 7. Im Poseidontempel wird die Opferzeremonie vorbereitet (Nr. 25. Marsch – Nr. 26. Cavatine Idomeneo: „Accogli, oh re del mar“ – Chor: „Stupenda vittoria!“).

Szene 8. Der herbeieilende Arbace berichtet von Idamantes Sieg im Kampf gegen das Ungeheuer. Idomeneo befürchtet, dass dies Neptuns Zorn erneut anfachen wird.

Szene 9. Jetzt wird Idamante, in weißem Gewand, mit einem Blumenkranz auf dem Kopf, hereingeführt. Er ist bereit zum Tod, wünscht aber, dass sein Vater selbst den tödlichen Schlag ausführt. Er bittet Idomeneo, sich anschließend wie ein Vater um Ilia zu kümmern.

Szene 10. Im letzten Moment läuft Ilia herbei, um die Klinge abzuwehren. Sie erklärt, dass Idomeneo den Willen der Götter falsch gedeutet habe. Der Himmel wolle Griechenland nicht von seinen Söhnen, sondern von seinen Feinden befreien. Zu diesen gehöre auch sie als gebürtige Phrygierin. Sie kniet vor dem Priester nieder, um das Urteil anstelle Idamantes anzunehmen. In diesem Augenblick ertönt die Stimme der Neptunstatue, die verkündet, Poseidons Zorn werde besänftigt, wenn Idomeneo die Krone an Idamante abgebe und Ilia Königin werde (Die Stimme: Nr. 28a. „Idomeneo cessi esser re“ oder Nr. 28b. „A Idomeneo perdona“).

Letzte Szene. Idomeneo folgt dem göttlichen Befehl unverzüglich (Nr. 30. Rezitativ Idomeneo: „Popoli, a voi l’ultima legge“). In einer Pantomime empfängt Idamante die Königskrone. Alle feiern die Liebe des neuen Königspaares (Nr. 31. Chor: „Scenda Amor, scenda Imeneo“ – Nr. 32. Ballett)

GestaltungBearbeiten

OrchesterBearbeiten

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[2]

MusiknummernBearbeiten

Die Musiknummern sind in der Neuen Mozart-Ausgabe folgendermaßen aufgeführt:[3]

  • Ouvertüre

Erster Akt

  • Szene 1
    • Rezitativ (Ilia): „Quando avran fine omai“
    • Nr. 1. Arie (Ilia): „Padre, germani, addio!“
    • Rezitativ (Ilia): „Ecco, Idamante, ahimè!“
  • Szenen 2–3
    • Rezitativ (Idamante, Ilia): „Radunate i Troiani, ite“
    • Nr. 2. Arie (Idamante): „Non ho colpa“
    • Rezitativ (Ilia, Idamante): „Ecco il misero resto de’ Troiani“
    • Nr. 3. Chor (zwei Kreter, zwei Trojaner): „Godiam la pace, trionfi Amore“
  • Szenen 4–6
    • Rezitativ (Elettra, Idamante, Arbace, Ilia): „Prence, signor, tutta la Grecia oltraggi“
    • Nr. 4. Arie (Elettra): „Tutte nel cor vi sento“
  • Szene 7
    • Nr. 5. Chor: „Pietà! Numi, pietà!“
  • Szene 8
    • Pantomime und Rezitativ (Idomeneo): „Eccoci salvi alfin“
  • Szenen 9–10
    • Rezitativ (Idomeneo): „Oh voi, di Marte e di Nettuno“
    • Nr. 6. Arie (Idomeneo): „Vedrommi intorno l’ombra dolente“
    • Rezitativ (Idomeneo, Idamante): „Cieli! che veggo?“
    • Nr. 7. Arie (Idamante): „Il padre adorato“

Intermezzo

    • Nr. 8. Marsch
    • Nr. 8a. Tanz der kretischen Frauen
    • Nr. 9. Chor: „Nettuno s’onori, quel nome risuoni“

Zweiter Akt

  • Szene 1
    • Nr. 10a. Rezitativ und Arie
      • Rezitativ (Arbace, Idomeneo): „Tutto m’è noto“
      • Arie (Arbace): „Se il tuo duol“
    • oder Nr. 10b. Szene mit Rondo KV 490
      • Rezitativ (Ilia, Adamante): „Non più. Tutto ascoltai“
      • Rondo (Idamante): „Non temer, amato bene“
  • Szene 2
    • Rezitativ (Ilia, Idomeneo): „Se mai pomposo apparse“
    • Nr. 11. Arie (Ilia): „Se il padre perdei“
  • Szenen 3–4
    • Rezitativ (Idomeneo): „Qual mi conturba i sensi“
    • entweder
      • Nr. 12a. Arie (Idomeneo): „Fuor del mar“
      • Rezitativ (Idomeneo, Elettra): „Frettolosa e giuliva Elettra vien“
    • oder
      • Nr. 12b. Arie (Idomeneo): „Fuor del mar“
      • Rezitativ (Elettra): „Chi mai del mio provo“
    • Nr. 13. Arie (Elettra): „Idol mio, se ritroso“
    • Nr. 14. Marsch und Rezitativ (Elettra): „Odo da lunge armonioso suono“
  • Szene 5
    • Rezitativ (Elettra): „Sidonie sponde!“
    • Nr. 15. Chor (Elettra, Chor): „Placido è il mar, andiamo“
  • Szene 6
    • Rezitativ (Idomeneo, Idamante): „Vattene prence“
    • Nr. 16. Terzett (Elettra, Idamante, Idomeneo): „Pria di partir, oh Dio!“
    • Nr. 17. Chor: „Qual nuovo terrore!“
    • Rezitativ (Idomeneo): „Eccoti in me barbaro Nume!“
    • Nr. 18. Chor: „Corriamo, fuggiamo“

Dritter Akt

  • Szene 1
    • Rezitativ (Ilia): „Solitudini amiche“
    • Nr. 19. Arie (Ilia): „Zeffiretti lusinghieri“
    • Rezitativ (Ilia): „Ei stesso vien… oh Dei!“
  • Szene 2
    • Rezitativ (Idamante, Ilia): „Principessa, a’tuoi sguardi“
    • Nr. 20a. Duett (Ilia, Adamante): „S’io non moro a questi accenti“
    • oder Nr. 20b. Duett KV 489 (Ilia, Idamante): „Spiegarti non possi’io“
  • Szene 3
    • Rezitativ (Idomeneo, Ilia, Idamante, Elettra): „Cieli! che vedo?“
    • Nr. 21. Quartett (Ilia, Elettra, Idamante, Idomeneo): „Andrò ramingo e solo“
  • Szene 4
    • Rezitativ (Arbace, Ilia, Idomeneo, Elettra): „Sire, alla reggia tua immensa turba“
  • Szene 5
    • Rezitativ (Arbace): „Sventurata Sidon!“
    • Nr. 22. Arie (Arbace): „Se colà ne’ fati è scritto“
  • Szene 6
    • Nr. 23. Rezitativ (Oberpriester, Idomeneo): „Vogli intorno lo sguarda, oh sire“
    • Nr. 24. Chor (Oberpriester, Chor): „Oh voto tremendo!“
  • Szenen 7–8
    • Nr. 25. Marsch
    • Nr. 26. Cavatine mit Chor (Idomeneo, Priester): „Accogli, oh re del mar“
    • Chor: „Stupenda vittoria!“
    • Rezitativ (Idomeneo, Arbace): „Qual risuona qui intorno“
  • Szenen 9–10
    • Nr. 27. Rezitativ (Idamante, Idomeneo, Ilia, Oberpriester, Elettra): „Padre, mio caro padre“
    • Nr. 28a. Die Stimme: „Idomeneo cessi esser re“
    • oder Nr. 28b. Die Stimme: „A Idomeneo perdona“
    • Nr. 29. Rezitativ (Idomeneo, Idamante, Ilia, Arbace, Elettra): „Oh ciel pietoso!“
  • Letzte Szene
    • Nr. 30. Rezitativ (Idomeneo): „Popoli, a voi l’ultima legge“
    • Nr. 31. Chor: „Scenda Amor, scenda Imeneo“
    • Nr. 32. Ballett

MusikBearbeiten

Idomeneo ist Mozarts große Choroper. Einerseits steht die Oper noch in der barocken Tradition der Opera seria mit ihren ausgedehnten Rezitativen und großen Affekten, andererseits brechen Mozart und sein Librettist Varesco diese traditionelle Form schon vielfach auf. Nach jüngsten Forschungsergebnissen des österreichischen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der Idomeneo im Juli 2008 im Rahmen des Styriarte-Festivals erstmals auch selbst inszeniert hat, handelt es sich bei dieser Oper um eine unter dem Einfluss von Mozarts Paris-Reise und dem in München wirkenden Mannheimer Orchester entstandene reine Tragédie lyrique, allerdings in italienischer Sprache.[4] Dass Aktion und Reflexion, die in der herkömmlichen Opera seria auf einfache Rezitative und Arie aufgeteilt waren, im Idomeneo aber vielfach in eine geschlossene, durchgehend motivierende Linie gebracht wurde, die sich in eigengesetzlicher Konsequenz fortspinnt (so an der Eingangsszene zu studieren), ist Kennzeichen der Tragédie lyrique, ebenso der hohe Anteil an Chor- und Ballettszenen.

Für die Hauptpartie war der schon 66-jährige Publikumsliebling Anton Raaff vorgesehen, der außer virtuosen Läufen nicht mehr sehr viel zu bieten hatte. Mozart komponierte ihm daher viele „geschnittene Nudeln“, wie er die Koloraturen selbst nannte. Die Rolle des Idamante ist ursprünglich für einen Kastraten komponiert, wurde später auch oft mit einem Tenor besetzt und heute meistens von einer Mezzosopranistin gesungen. Erwähnenswert ist auch das Liebesduett Ilia – Idamante im dritten Akt, ebenso dramatisch das darauffolgende Quartett.

Beim Orakelspruch am Ende der Oper, der von einem Bassisten in Begleitung tiefer Blechbläser hinter der Bühne gesungen wird, offenbart sich noch einmal die dramaturgische Geschicklichkeit Mozarts: Vom Librettisten ursprünglich als lange Rede gedacht, verkürzte der Komponist den Spruch auf einen Satz, mit dem Argument, die gespenstische Wirkung gehe verloren, wenn das Publikum zu lange Zeit habe, sich zu überlegen, woher diese Töne kommen.

Leopold Mozart warf seinem Sohn vor, für das Orchester zu schwer zu schreiben. Tatsächlich ist schon die Ouvertüre sehr virtuos, in der Oper gibt es eine Arie mit konzertanten Holzbläsern (Nr. 11 Se il padre perdei). Mozart wusste aber, dass die Spannung einer Aufführung immer erhöht wird, wenn auch die Instrumentalisten gefordert werden. Überhaupt zeichnet sich die Partitur durch einen äußerst differenzierten und farbigen Orchestersatz aus.

Mozart schrieb zu Idomeneo auch eine prachtvolle Ballettmusik (KV 367).

Für eine geplante Wiederaufführung in Wien im Jahr 1786 schrieb Mozart für die Rolle des Idamante – der nun mit einem Tenor besetzt wurde – das Rondo mit konzertanter Violine Non temer, amato bene (KV 490). Das ursprüngliche Liebesduett zwischen Ilia und Idamante S’io non moro ersetzte er durch das neugeschriebene Duett Spiegarti non poss’io (KV 489), welches das gleiche Ausgangsmotiv wie das ursprüngliche Duett verwendet, aber wesentlich kürzer ist. Mozart verwendete einen Teil des Textes der nachkomponierten Arie Non temer auch noch für eine Konzertarie für Sopran, Klavier und Orchester (KV 505).

WerkgeschichteBearbeiten

EntstehungBearbeiten

 
Anton Raaff, erster Darsteller des Idomeneo, in einer unbekannten Rolle[5]

Den Zeitraum, in dem sich der Komponist mit seinem Idomeneo befasste, also vom Spätherbst 1780 bis Frühjahr 1781, bezeichnet sein Biograph Wolfgang Hildesheimer als eine der glücklichsten Perioden in Mozarts Leben überhaupt.

Im Jahre 1780 erhielt der vierundzwanzigjährige Mozart den Auftrag, für den Münchner Karneval 1781 eine „große Oper“ zu schreiben, und begann wahrscheinlich im September 1780 mit der Vertonung. Die aufführungspraktischen Voraussetzungen in München waren denkbar gut: Als der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz (1724–1799) Ende 1778 von Mannheim nach München übergesiedelt war, hatte er Theatertruppe, Sängerensemble und Orchester gleich mitgebracht. Sowohl das Mannheimer Orchester, über das auch Mozart schon früher in einem Brief an Vater Leopold gestaunt hatte, als auch Karl Theodors Sängerensemble waren weltbekannt. Außerdem hatte Mozart mit dem Münchner Theaterintendanten Joseph Anton von Seeau bereits 1774/75 für seine Opera buffa La finta giardiniera, seine erste Oper in München, erfolgreich zusammengearbeitet.

Das Libretto war die Umarbeitung des französischen Trauerspiels (Tragédie lyrique) Idoménée von Antoine Danchet (1671–1748). Dieser Text war bereits von André Campra vertont und das Werk 1712 uraufgeführt worden. Den Verfasser für die italienische Fassung des Librettos durfte Mozart vermutlich selbst bestimmen. Die Wahl fiel auf Abate Giambattista Varesco (1735–1805), Hofkaplan in Salzburg, der im Pipers als „kein ingeniöser Dramaturg, aber geschickter Versemacher“ charakterisiert wird. Der größte Teil der Rezitative wurde von Varesco aus dem Französischen übersetzt, während er die Arien und Ensembletexte sämtlich neu verfasste. Bei der Erstellung des Librettos war Varesco eng an einen bereits ausgearbeiteten Plan gebunden. Dieser war, wahrscheinlich schon vor Mozarts Ankunft in München am 8. November 1780, während Mozart schon mit dem Komponieren beschäftigt war, schriftlich zwischen Graf Seeau und Vater Leopold, der den Sohn des Öfteren bei derlei Korrespondenzen vertrat, ausgehandelt worden. Das gemeinsame erste Szenarium umfasste sowohl inhaltliche und dramaturgische als auch musikalische Richtlinien – etwa für den Aufbau des Stückes, die Folge der einzelnen Nummern, die Anzahl der Arien für jeden Sänger und die Länge einzelner Passagen in den Rezitativen. Weiterhin in Salzburg, konnte Leopold Mozart den Fortgang von Varescos Arbeit gut verfolgen und wohl auch mitbestimmen. Am 22. Dezember schrieb er an seinen Sohn:

„Du willst absolute 2 Recit: abgekürzt. Ich ließ den Varesco also gleich hohlen […]. Wir lasen es hin, wir lasen es her.“

Nicht nur das Entstehen des Librettos in Salzburg, sondern auch die Durchführung der Komposition in München suchte Leopold väterlich mahnend mitzubestimmen:

„Ich empfehle dir Bey deiner Arbeit nicht einzig und allein für das musikalische, sondern auch für das ohnmusikalische Publikum zu denken, – du weist es sind 100 ohnwissende gegen 10 wahre Kenner, – vergiss also das so genannte populare nicht, das auch die langen Ohren kitzelt.“

Solcherlei gut gemeinte Ratschläge erscheinen noch harmlos, und inwiefern Mozart die väterlichen Aufforderungen für den Idomeneo berücksichtigt hat, wird kaum zu beurteilen sein.

Mozarts Korrespondenz mit seinem Vater bezeugt, wie sehr es ihm um die dramatische Güte des Buches ging. Seine zahllosen Änderungen und Änderungswünsche an den Librettisten, seine Kürzungen und Umstellungen beweisen das musikdramatische Talent des erst 25-jährigen Komponisten, der die Oper zeitlebens als seine beste bezeichnete.

RezeptionBearbeiten

 
Idomeneo, Salzburger Festspiele 2006

Die Uraufführung der Oper am 29. Januar 1781 im Münchener Residenztheater unter der musikalischen Leitung von Christian Cannabich mit Bühnenbildern von Lorenzo und Joseph Quaglio und der Choreografie von Claude Legrand war ein Erfolg. Neben Anton Raaf in der Titelrolle sangen Vincenzo Del Prato (Idamante), Dorothea Wendling (Ilia), Elisabeth Wendling, Domenico De Panzacchi (Arbace) und Giovanni Vallesi (Oberpriester).[1][6] Kurfürst Karl Theodor soll zu Mozart gesagt haben: „Man sollte nicht meinen, dass in so einem kleinen Kopf so was Großes steckt.“ In der einzigen erhaltenen zeitgenössischen Notiz in den Münchner Staats-, gelehrten und vermischten Nachrichten wurde der Anteil des Komponisten allerdings übergangen:

„Am 29ten abgewichenen Monats ist in dem hiesigen Opernhause die Oper »ldomeneo« zum erstenmal aufgeführt worden. Verfassung, Musik und Übersetzung – sind Geburten von Salzburg. Die Verzierungen, worunter sich die Aussicht in den Seehafen und Neptuns Tempel vorzüglich ausnehmen, waren Meisterstücke unseres berühmten Theaterarchitekts, Hrn. Hofkammerraths Lorenz Quaglio.“[7]

Das Werk wurde bald in vielen deutschen Theatern gespielt, doch für seine Karriere beim Salzburger Hof half das dem Komponisten nicht.

Da die sperrige Hülle der Opera-seria-Konventionen leicht den Blick (und das Gehör) auf die grandiose Musik verstellt, verkannte die Nachwelt aber die Oper und Idomeneo war lange Zeit ein Geheimtipp unter Opernfreunden. Wenn er doch gespielt wurde, dann meistens in radikalen Umarbeitungen, wie in der Fassung von Richard Strauss und Lothar Wallerstein aus dem Jahr 1931, in der nicht nur die Musik, sondern auch die Handlung völlig verändert ist.

In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aber wuchs mit der Renaissance von Händel und anderen Barockopern das Verständnis für die Form der Opera seria, und auch Idomeneo kam wieder zum verdienten Ruhm.

Im September 2006 kam es an der Deutschen Oper Berlin zur Absetzung einer Inszenierung von Idomeneo aus Angst vor islamischen Fundamentalisten (siehe dazu Idomeneo-Kontroverse 2006 an der Deutschen Oper Berlin bzw. Kirsten Harms).

AufnahmenBearbeiten

Idomeneo ist vielfach auf Tonträger erschienen. Operadis nennt 58 Aufnahmen im Zeitraum von 1949 bis 2009.[8] Daher werden im Folgenden nur die in Fachzeitschriften, Opernführern oder Ähnlichem besonders ausgezeichneten oder aus anderen Gründen nachvollziehbar erwähnenswerten Aufnahmen aufgeführt.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Idomeneo, Rè di Creta – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Carl Dahlhaus: Idomeneo. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 4: Werke. Massine – Piccinni. Piper, München/Zürich 1991, ISBN 3-492-02414-9, S. 293.
  2. Idomeneo: Partitur in der Neuen Mozart-Ausgabe, S. 2.
  3. Idomeneo: Partitur in der Neuen Mozart-Ausgabe, S. 3 f.
  4. Idomeneo, Facsimile of the Autograph Score. Essay von Hans Joachim Kreutzer und musikwissenschaftliche Einführung von Bruce Alan Brown. The Packard Humanities Institute, Los Altos California 2006, Auslieferung: Bärenreiter, Kassel, ISBN 978-3-7618-1880-0.
  5. Robert Münster: Idomeneo 1781-1981. Piper, München 1981, ISBN 3-492-02648-6.
  6. 29. Januar 1781: „Idomeneo“ im Almanacco von Gherardo Casaglia.
  7. Programmheft Städtischer Musikverein Gütersloh vom 2. April 2006, S. 12. (PDF-Dokument; 341 kB)
  8. Diskografie zu Idomeneo bei Operadis.
  9. a b c d e f g h Wolfgang Amadeus Mozart. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen (= Zeno.org. Band 20). Directmedia, Berlin 2005.
  10. a b c Idomeneo. In: Harenberg Opernführer. 4. Auflage. Meyers Lexikonverlag, 2003, ISBN 3-411-76107-5, S. 564–566.
  11. a b c Idomeneo. In: Attila Csampai, Dietmar Holland: Opernführer. E-Book. Rombach, Freiburg im Breisgau 2015, ISBN 978-3-7930-6025-3, S. 224–229.
  12. Mozart’s Idomeneo. Empfohlene Aufnahmen der Zeitschrift Gramophone, abgerufen am 21. August 2019.
  13. Jürgen Otten: Eine Frage des Geschmacks. Fabio Luisi dirigiert Mozarts „Idomeneo“ in der Fassung von ­Richard Strauss. In: Opernwelt, Februar 2008, S. 55.