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Großer Wachaufzug Unter den Linden

Großer Wachaufzug zum 40. Jahrestag des Sieges und der Befreiung, Ost-Berlin 1985

Der Große Wachaufzug Unter den Linden in Berlin war ein militärisches Ehrenritual. Soldaten des preußischen Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 hatten diesen Aufzug erstmals am 18. September 1818 anlässlich des Besuchs Zar Alexanders I. vor der im gleichen Jahr errichteten Neue Wache durchgeführt. Die Haupt- und Königswache für das gegenüberliegende Königliche Palais war von Anfang an auch der Erinnerung an die Befreiungskriege gewidmat.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

 
Eine Marine-Ehrenwache zieht 1931 am Tag der Skagerrak-Schlacht mit Musik über den Pariser Platz
 
Großer Wachaufzug in der Zeit des Nationalsozialismus, Neue Wache 1938
 
Aufzug zur Ehrenwache vor der Neuen Wache zu Berlin im Stechschritt, Sommer 1990

Das Ritual fand 100 Jahre lang bis zum Ende der Monarchie im November 1918 statt, wobei die Regimentszugehörigkeit der Wachtruppe jeden Tag wechselte. Nach einem bestimmten Schlüssel kam jede Formation des in Berlin und Umgebung stationierten Gardekorps mindestens einmal im Jahr an die Reihe. Die Veranstaltung klang mit einem Konzert der jeweiligen Regimentskapelle im Kastanienwäldchen aus.[1]

Die Weimarer Republik hatte Wachtruppen samt Wachaufzug zunächst abgeschafft, bis die Reichswehr 1921 die Wachtruppe Berlin gebildet hatte. Sie war aus für je drei Monate turnusmäßig nach Berlin kommandierten Kompanien aller Infanterie-Regimenter zusammengesetzt.[2] Erst Reichspräsident Paul von Hindenburg führte ab 1925 wieder große Wachaufzüge ein. Zweimal wöchentlich zog eine Kompanie der Wachtruppe mit Musik durchs Brandenburger Tor über den Pariser Platz in die Straße Unter den Linden, um dann in die Wilhelmstraße abzubiegen und vor dem Reichspräsidentenpalais die Wache abzulösen. Am 21. Mai, dem Jahrestag der Skagerrakschlacht, veranstaltete die Reichsmarine den Wachaufzug.[3]

An der 1931 zur Gedenkstätte für die Opfer des Ersten Weltkrieges umgestalteten Neuen Wache fand kein militärischer Wachaufzug statt. Zwei Polizisten bewachten die Gedenkstätte. Am 12. März 1933 führten die Nationalsozialisten den „Wachaufzug unter den Linden“ wieder ein, wie in der Kaiserzeit an der Neuen Wache mit Musik,[4] veranstaltet von dem aus der Wachtruppe (ab 1937 „Wachregiment Berlin“) hervorgegangenen Wachregiment Großdeutschland und später auch vom Wachbataillon des Regiments General Göring der Luftwaffe jeweils unter dem Kommando eines Leutnants zu Pferd.[5] Der Große Wachaufzug zog bis zur Schlacht um Berlin in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs über die Linden vor die Neue Wache.

In der Zeit der DDR nahm am 1. Mai 1962 die Nationalen Volksarmee (NVA) an der zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus umgestalteten Neuen Wache das Ritual des großen Wachaufzugs wieder auf.[6] Eine Ehrenwache von zwei Soldaten mit Paradegewehr und aufgepflanztem Bajonett stand tagsüber rechts und links des Eingangs zur Neuen Wache und wurde stündlich abgelöst. Jeden Mittwoch sowie an hohen Staatsfeiertagen fand um 14.30 Uhr, direkt übertragen vom Berliner Rundfunk, der Große Wachaufzug statt. Dazu marschierte eine Ehrenkompanie in Paradeuniform mit dem Stabsmusikkorps der NVA von der Friedrich-Engels-Kaserne am Kupfergraben über die Straßen Am Kupfergraben – Friedrichstraße – Unter den Linden bis zum Mahnmal. Dort erfolgte die Wachablösung und anschließend ein Vorbeimarsch im Exerzierschritt. Dieses militärische Ritual, ursprünglich das des alten Preußens, entwickelte sich in der DDR zur Attraktion für Berlin-Touristen.

Die Teilnehmer des Großen Wachaufzugs gehörten zum NVA-Wachregiment Friedrich Engels, das in der Friedrich-Engels-Kaserne am linken Spreeufer gegenüber der Museumsinsel stationiert war. Der letzte Große Wachaufzug erfolgte nach 28 Jahren am 26. September 1990[7], wenige Tage vor der Deutschen Wiedervereinigung. Die Bundesrepublik Deutschland setzte die Tradition des Großen Wachaufzuges vor der Gedenkstätte Neue Wache nach der Wiedervereinigung nicht fort. Die Gedenkstätte jedoch wurde noch einmal umgestaltet.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Klaus-Rainer Woche: Vom Wecken bis zum Zapfenstreich. Die Geschichte der Garnison Berlin. Vowinckel, Berg am Starnberger See, Potsdam 1998, ISBN 3-921655-87-0, S. 97–99
  2. Klaus-Rainer Woche: Vom Wecken bis zum Zapfenstreich. Die Geschichte der Garnison Berlin. Vowinckel, Berg am Starnberger See, Potsdam 1998, ISBN 3-921655-87-0, S. 133 f.
  3. Laurenz Demps: Die Neue Wache. Vom königlichen Wachhaus zur zentralen Gedenkstätte [Einzelveröffentlichung des Landesarchivs Berlin]. Vbb, Berlin 2011, ISBN 978-3-86650-086-0, S. 102.
  4. Laurenz Demps: Die Neue Wache. Vom königlichen Wachhaus zur zentralen Gedenkstätte [Einzelveröffentlichung des Landesarchivs Berlin]. Vbb, Berlin 2011, ISBN 978-3-86650-086-0, S. 104.
  5. Klaus-Rainer Woche: Vom Wecken bis zum Zapfenstreich. Die Geschichte der Garnison Berlin. Vowinckel, Berg am Starnberger See, Potsdam 1998, ISBN 3-921655-87-0, S. 141 f. u. 147 f.
  6. Laurenz Demps: Die Neue Wache. Vom königlichen Wachhaus zur zentralen Gedenkstätte [Einzelveröffentlichung des Landesarchivs Berlin]. Vbb, Berlin 2011, ISBN 978-3-86650-086-0, S. 133.
  7. Als der Große Aufzug abzog, In: Berliner Zeitung vom 27. September 1990, S. 16.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten