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Fischerinsel (Berlin)

im Ortsteil Berlin Mitte

Fischerinsel ist die Bezeichnung des Wohngebietes auf dem südlichen Teil der Spreeinsel im Berliner Ortsteil Mitte.

Historisch war dieser Teil der Spreeinsel das Marktviertel (2b, siehe Abbildung) im historischen Stadtteil Alt-Kölln. Ab 1954 wurde auf dem etwa acht Hektar große Areal südlich der Gertraudenstraße ein Wohngebiet geplant und dafür der Name Fischerinsel eingeführt.[1] Nach dem Abriss von Resten historischer Bebauung in den 1960er Jahren wird seit den 1970er Jahren dieser Teil von Alt-Kölln von Wohnhochhäusern dominiert. Die frühere Bezeichnung ‚Fischerkietz‘ stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts,[2] einen historischen Kietz hat es auf diesem Inselteil nicht gegeben.

VorgeschichteBearbeiten

 
Köllnische Straße auf der Fischerinsel, 1900

11. bis 19. JahrhundertBearbeiten

Erste Besiedlungen an dieser Stelle erfolgten um das Jahr 1000 durch Mittelslawen (= Wenden), die jedoch bald spurlos verschwanden; der Grund ist nicht bekannt. Im 12. Jahrhundert errichteten Kaufleute aus dem Westen Europas hier eine völlig neue Siedlung und brachten den Ortsnamen Kölln mit. Zu den neuen Bewohnern kamen wegen der Lage am Wasser auch Fischer- und Schifferfamilien. Ab 1237 gehörte das Gebiet zur Stadt Kölln, die seit 1709 zur Residenzstadt Berlin gehört. Die Regulierung der Spree und des Spreekanals im 17. und 18. Jahrhundert führte zur verstärkten Ansiedlung von Handwerkern aus Holland und von Glaubensflüchtlingen aus Frankreich. Die Ende des 18. Jahrhunderts beginnende Industrialisierung hatte einen Bedeutungsverlust des Fischerei-Gewerbes zur Folge. Dies führte im frühen 19. Jahrhundert zum Stillstand der Bauentwicklung und zu einer Konservierung des Baubestandes, darunter der letzten giebelständigen Häuser Berlins. Ein Teil des Gebietes hieß Speicherinsel, weil an der Fischerstraße ein größerer Speicher erbaut worden war.[3] Die Siedlung galt als „Arme-Leute-Viertel“. Der in späteren Jahrhunderten eingebürgerte Name Fischerkietz bezieht sich nicht wirklich auf einen Kiez, denn der war ursprünglich eine Dienstsiedlung im Umfeld einer Burg, die es in Alt-Kölln oder Alt-Berlin nie gegeben hat. ‚Kietz‘ (auch: ‚Kiez‘) galt als Schimpfwort, dort zu wohnen war armen Leuten vorbehalten, die auch immer eng zusammenhalten mussten.

Im 20. JahrhundertBearbeiten

Die Gegend blieb von der Berliner City-Bildung weitgehend unberührt und galt als rückständig.[4] Reiseführer wie der Baedeker nannten das malerische Viertel den ältesten Teil Berlins, andere empfahlen seine Alt-Berliner Gaststätten wie den Nußbaum touristischen Besuchern. Der Fischerkietz bestand bis dahin aus einem rechtwinklig angelegten Straßennetz von neun kleinen Gassen und Straßen mit insgesamt 16 verschiedenen Namen. Seit den 1920er Jahren plante der Berliner Magistrat, große Teile der Altstadt, darunter den Fischerkietz, abzureißen, um Platz für die Neugestaltung der historischen Mitte Berlins zu gewinnen.

„Aber auf Dauer wird man die Berliner Altstadt doch weder als Wohnstadt noch als Museum retten können. Das Stadtbild, das hier […] einmal entstehen wird, wird unromantisch und traditionsarm, aber dafür hygienischer und wirtschaftlich rationeller sein“

Hermann Ehlgötz: Der Untergrund der Berliner Altstadt als Grundlage der städtebaulichen Gestaltung[5]

Diese Pläne wurden in der Zeit des Nationalsozialismus weiterverfolgt, konnten aber nur teilweise umgesetzt werden.

Planung des WohngebietesBearbeiten

Situation nach 1945Bearbeiten

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Ortslage keine flächenmäßige Zerstörung.[6] Die Fischerstraße war „verhältnismäßig gut über die Zerstörungen des Bombenkrieges“ hinweggekommen.[7]

 
Fischerinsel mit Petrikirche, Blick von der Waisenbrücke, 1952

Nach damaliger Einschätzung hätten 40–50 Prozent der Gebäude der Fischerinsel wieder aufgebaut werden können. Im Flächennutzungsplan von 1955 wurde darum die Reparatur der erhaltenswerten Bausubstanz festgelegt.

Erste PlanungenBearbeiten

Das Viertel mit allen zu restaurierenden Baudenkmalen sollte nach der Planung des Ost-Berliner Magistrats unter Bewahrung des Straßengrundrisses und der Grundstücksgrenzen als Wohngebiet bis 1965 wiederaufgebaut werden.[8] Chefarchitekt Hermann Henselmann beauftragte 1957 die „Planung der städtebaulichen Reorganisation des Stadtviertels am Fischerkiez“. Das Konzept von Hans Schmidt und Georg Münter kombinierte den Neubau von viergeschossigen Gebäuden, der mit teilweisen Abrissen verbunden gewesen wäre, mit der Sanierung der historischen Häuser. Die beiden Architekten Henselmann und Schmidt legen später umfangreiche Pläne hierzu vor.[9] Doch bereits ab 1955 vollzog sich im DDR-Bauwesen eine Wende hin zur strikten Ökonomisierung durch industrielles Bauen und typisierten Wohnungsbau.

HochhausplanungBearbeiten

Nachdem der Plan zum Aufbau des Zentrums der Hauptstadt der DDR 1962 beschlossen worden war, wurden jenseits der Gertraudenstraße neue Wohn- und Regierungsbauten errichtet, mit wenig Rücksicht auf den historsiche Stadtgrundriss. Schließlich sah das 1966 aufgestellte Programm zum Aufbau des Berliner Stadtzentrums den Bau von Wohnhochhäusern in einem Ring um das Stadtzentrum vor.

Errichtung des Wohngebietes FischerinselBearbeiten

Bei der in Vorbereitung der Errichtung der Neubauten erfolgten Kahlschlagsanierung wurden die historischen Häuser in diesem Teil Alt-Köllns abgebrochen, darunter 30 Baudenkmale,[10] und sechs 21-geschossige Gebäude in Großtafelbauweise des Typs WHH GT 18 mit jeweils 240 Wohnungen bis 1973 errichtet. So verschwand das jahrhundertelang bestehende Straßennetz bis auf die Roßstraße[11] und Gertraudenstraße, die im Sinne der autogerechten Stadt stark verbreitert wurde.[12]

Neben einer Schwimmhalle wurde 1971–1973 in extravaganter Architektur mit einem von Ulrich Müther entworfenen freitragenden Betondach die Großgaststätte Ahornblatt als gesellschaftliches Zentrum des Wohngebietes errichtet. Jenseits des südlichen Teils des Spreekanals wurde die sogenannte Traditionsinsel Märkisches Ufer geschaffen, u. a. mit dem Nachbau des 1967/1968 in der Breiten Straße abgerissenen Ermelerhauses.

Entwicklung nach 1990Bearbeiten

 
Hochhausbebauung auf der Fischerinsel mit Ahornblatt im Vordergrund, 2000

Im Jahr 2000 wurde das Ahornblatt mit allen Nebengebäuden, trotz zahlreicher Proteste, abgebrochen. An seiner Stelle wurden zwei Wohn- und Geschäftshäuser errichtet.

Entsprechend dem Planwerk Innenstadt gibt es Überlegungen das Wohngebiet Fischerinsel nachzuverdichten, das heißt, zusätzliche Gebäude am Köllnischen Fischmarkt und in der Gertraudenstraße zu errichten. Bis 2020 soll die Promenade Friedrichsgracht und der Park an der Spree neu gestaltet werden.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Fischerinsel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Entwurf Fischerinsel 1954
  2. Herbert Ludat: Die ostdeutschen Kietze. S. 33/34.
  3. Interview von Maritta Tkalec mit dem Historiker Felix Escher (siehe Literatur).
  4. Zur „Rückständigkeit“ des Fischerkietzes siehe Harald Bodenschatz, Hans-Joachim Engstfeld und Carsten Seifert: Berlin auf der Suche nach dem verlorenen Zentrum. Junius, Hamburg 1995, ISBN 3-88506-255-0, S. 56.
  5. In: Deutsche Bauzeitung Nr. 14, 1931.
  6. Zum Erhaltungsgrad siehe Erika Schachinger: Alte Wohnhäuser in Berlin. Ein Rundgang durch die Innenstadt, Verlag Bruno Hessling, Berlin 1969, S. 33–44.
  7. Otto Nagel: Berliner Bilder, Henschel, Berlin 1955, S. 16; dort auch das folgende zum geplanten Wiederaufbau, S. 8 f.
  8. | Entwurf Fischerinsel 1954
  9. Marlene Militz: DDR-Architektur und Nachwende-Rekonstruktion: Eine Geschichte, die es so nie gab. In: Die Tageszeitung: taz. 23. August 2019, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 11. November 2019]).
  10. Zum Denkmalsbestand nach 1945 siehe Hans Müther: Berlins Bautradition. Kleine Einführung, Das Neue Berlin, Berlin 1956, S. 85–112: Register der historischen Berliner Städtebau- und Baudenkmale im Stadtbezirk Mitte (mit zwei Plänen).
  11. Zur tabula-rasa-Lösung siehe Joachim Hermann et al.: Berlin: Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme, Akademie-Verlag, Berlin 1987 (= Werte unserer Heimat Band 49/50), S. 143.
  12. Herbert Schwenke: Berliner Stadtentwicklung von A bis Z, Berlin 2001, S. 61–63.

Koordinaten: 52° 30′ 47″ N, 13° 24′ 24″ O