Hauptmenü öffnen

Industrialisierung

technisch-wirtschaftliche Prozesse des Übergangs von agrarischen zu industriellen Produktion­sweisen
St.-Antony-Hütte von 1758, Abbildung von 1835
Zeche Mittelfeld, Ilmenau (Zeichnung um 1860)
Barmen um 1870 vom Ehrenberg aus gesehen, Gemälde von August von Wille
Zeche Sterkrade, Foto, ca. 1910–1913

Industrialisierung ist innerhalb eines Staates ein Prozess, während dem sich ein Agrarstaat zu einem Industriestaat entwickelt. Das Gegenteil ist die Deindustrialisierung.

Allgemeines

Weltweit gab es zunächst lediglich Agrarstaaten. Bei diesen ist zu berücksichtigen, dass die Erzeugung von Agrarprodukten starken witterungsbedingten Schwankungen (Missernten durch Dürre, Schädlinge oder Überschwemmung) unterliegen kann. Staatsziel des Agrarstaates ist vor allem die Subsistenzwirtschaft zur Selbstversorgung mit eigenerzeugten Agrarprodukten, idealerweise mit einem Selbstversorgungsgrad von 100 %. Industrialisierung bezeichnet technisch-wirtschaftliche Prozesse des Übergangs von agrarischen zu industriellen Produktion­sweisen,[1] in denen sich die maschinelle Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen durchsetzt.[2]

 
Fourastié - Entwicklung der drei Wirtschaftssektoren für Frankreich

Der Unterscheidung zwischen Industrie- und Agrarstaaten liegt der jeweils herrschende Wirtschaftssektor (Industrieproduktion oder Agrarproduktion) und deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder der Anteil der Erwerbstätigen jener Sektoren[3] an den gesamten Erwerbstätigen zugrunde. Typische Agrarstaaten sind alle Entwicklungs- und die meisten Schwellenländer. Sie besitzen das größte Marktpotenzial für ihre Industrialisierung.

Volkswirtschaftliche Ursachen

Jean Fourastié ging 1949 in seiner Drei-Sektoren-Hypothese von einem Staatsmodell aus, das drei Sektoren umfasste, nämlich den primären Sektor (Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft; im weiteren Sinne auch der Bergbau), sekundären Sektor (Baugewerbe, Energie- und Wasserversorgung, Handwerk oder verarbeitendes Gewerbe) und den tertiären Sektor (Dienstleistungen im Finanzwesen, Forschung und Entwicklung, Gastronomie, Handel, Immobilienwirtschaft, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, öffentliche Verwaltung usw.).

Mit seinem Drei-Sektoren- bzw. Drei-Phasen-Modell versuchte Fourastié die idealtypische Entwicklung einer Volkswirtschaft bis hin zur Dienstleistungsgesellschaft zu erklären (sektoraler Strukturwandel). Ausgehend vom Agrarmarkt wachse zunächst die Industrieproduktion, die zunehmend Landtechnik herstelle und technischem Fortschritt unterliege, so dass Arbeitsplätze im Primärsektor verschwänden und im Sekundärsektor benötigt würden.[4] Eine Marktsättigung tritt am schnellsten ein bei Produkten des primären Sektors, dann bei denen des sekundären Sektors, während die Nachfrage nach denen des tertiären Sektors unbegrenzt sei und bleibe.[5] Die zunehmende Automatisierung und Mechanisierung in diesen Sektoren führe zu mehr Freizeit für die Arbeitskräfte, was die Dienstleistungen des tertiären Sektors stärke.[6]

Geschichte

Im Mittelalter arbeiteten weltweit etwa 70 % der Beschäftigten im primären, 20 % im sekundären und lediglich 10 % im tertiären Sektor – die typische Struktur eines Agrarstaates. Als erster Industriestaat weltweit gilt England,[7] dessen Aufstieg das Land der Kohle und dem Eisen zu verdanken hatte. Ab 1765 trat dort ein Umschwung ein, der sich durch sinkende Getreideexporte ankündigte, die auch auf das Wachstum der Industrie und des Gewerbes zurückzuführen waren.[8] Schrittmachertechnologien waren die Erfindung der Dampfmaschine (1712 durch Thomas Newcomen, entscheidende Weiterentwicklung 1769 durch James Watt), der Spinnmaschine (Spinning Jenny), des mechanischen Webstuhls, der Werkzeugmaschine und des Puddelverfahrens bei der Eisengewinnung. Die Erfindung der Dampflokomotive und der ersten öffentlichen Eisenbahnen bildeten das Ende der (ersten) Industriellen Revolution in England. Es legte die Weichen für einen bürgerlichen Industriestaat, den Arnold Toynbee 1882 als industrielle Revolution (englisch industrial revolution) bezeichnete.[9] Für Fourastié begann hier die Übergangsperiode, als etwa 50 % im sekundären zu Lasten des primären Sektors (mit nur noch 20 %) beschäftigt waren, während der tertiäre Sektor nunmehr 30 % aufwies.

Nach dem Ende des Wiener Kongresses im Juni 1815 setzte die industrielle Revolution in Deutschland mit der Frühindustrialisierung ein. Hauptursachen waren unter anderem die Gründung der „Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrtsgesellschaft“ (Vorläuferin der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt) im Oktober 1825,[10] im Juni 1837 folgte die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft, im Oktober 1843 die Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft. Hiervon profitierten der Schiff- und Eisenbahnbau. An der Spitze des Eisenbahnbaus stand die Firma Borsig, die 1841 ihre erste und 1858 bereits die tausendste Lokomotive herstellte und mit 1100 Beschäftigten zur drittgrößten Lokomotivfabrik der Welt aufstieg (Hochindustrialisierung in Deutschland).

Die Industrialisierung Frankreichs nahm im Zeitraum zwischen 1830 und 1860 an Fahrt zu, es kam zu einem rasanten Anstieg der industriellen Produktion. Die industrielle Revolution setzte in den USA vergleichsweise spät ein, seit 1850 zügig[11] und nach dem Sezessionskrieg ab 1865 deutlich erkennbar.

Fourastiés Hypothese der „tertiären Zivilisation“ aus dem Jahre 1949 sah künftig 80 % der Beschäftigten im tertiären Sektor, die Industrie und der Agrarsektor würden auf jeweils 10 % sinken.[12] Schon früh hat sich während der Industrialisierung eine Industriekritik geäußert, die später in eine ökologische Kritik überging.

Statistiken

Die folgenden Statistiken sind in die drei klassischen Sektoren aufgeteilt, gemessen am Anteil des jeweiligen Sektors am BIP.[13]

Afrika

Bei den typischen Agrarstaaten Afrikas ist stets der tertiäre Sektor größer als der sekundäre Sektor, wie die nachstehende Auswahl zeigt:

Land Landwirtschaft
in % des BIP *)
Industrie
in % des BIP *)
Dienstleistungen
in % des BIP *)
Burundi  Burundi 39,5 16,4 44,2
Guinea-Bissau  Guinea-Bissau 50,0 13,1 36,9
Komoren  Komoren 47,7 11,8 40,5
Mali  Mali 41,8 18,1 40,5
Niger  Niger 41,6 19,5 38,7
Sierra Leone  Sierra Leone 60,7 6,5 32,8
Somalia  Somalia 60,2 7,4 32,5
Sudan  Sudan 39,6 2,6 57,8
Tschad  Tschad 52,3 14,7 33,1
Zentralafrikanische Republik  Zentralafrikanische Republik 43,2 16,0 40,8
  • (*) Anmerkung: Rundungsdifferenzen vorhanden.

Auf den ersten zehn Plätzen weltweiter Agrarstaaten befinden sich ausschließlich Staaten aus Afrika. Auch auf den weiteren Plätzen dominieren afrikanische Staaten, erst Tadschikistan folgt auf Rang 20 mit 28,6 % als erster nicht-afrikanischer Staat. Den höchsten Anteil der Agrarproduktion am BIP weist Sierra Leone (60,7 %) auf, gefolgt von Somalia (60,2 %), Tschad (52,3 %) und Guinea-Bissau (50,0 %). In allen drei Staaten ist der Dienstleistungssektor stärker als die Industrie. Bereits der Sudan und Burundi haben den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft vollzogen.

Südamerika

In Südamerika ist die Industrialisierung weitgehend abgeschlossen:

Land Landwirtschaft
in % des BIP *)
Industrie
in % des BIP *)
Dienstleistungen
in % des BIP *)
Argentinien  Argentinien 10,8 28,1 61,1
Brasilien  Brasilien 6,6 20,7 72,7
Chile  Chile 4,2 32,8 63,0
Kolumbien  Kolumbien 7,2 32,8 60,1
Mexiko  Mexiko 3,6 31,9 64,5
Peru  Peru 7,6 32,7 59,9
Uruguay  Uruguay 6,2 24,1 69,7
Venezuela  Venezuela 4,7 40,4 54,9
  • (*) Anmerkung: Rundungsdifferenzen vorhanden

Der Dienstleistungssektor dominiert in allen gezeigten Staaten Südamerikas und ist bedeutender als die Industrie. Die Landwirtschaft ist nahezu bedeutungslos.

Asien

Asien zeigt ein sehr differenziertes Bild:

Land Landwirtschaft
in % des BIP *)
Industrie
in % des BIP *)
Dienstleistungen
in % des BIP *)
China Volksrepublik  Volksrepublik China 7,9 40,5 51,6
Hongkong 0,1 7,6 92,3
Indien  Indien 15,4 23,0 61,5
Indonesien  Indonesien 13,7 41,0 45,4
Korea Nord  Nordkorea 22,5 47,6 29,9
Korea Sud  Südkorea 2,2 39,3 58,3
Malaysia  Malaysia 8,8 37,6 53,3
Philippinen  Philippinen 9,6 30,6 59,8
Singapur  Singapur 0,0 24,8 75,2
Vietnam  Vietnam 15,3 33,3 51,3
  • (*) Anmerkung: Rundungsdifferenzen vorhanden

Die Industrie ist in Nordkorea und China der jeweils stärkste Sektor.

Wirtschaftliche Aspekte

Das Pro-Kopf-Einkommen ist in Industriestaaten höher als in reinen Agrarstaaten, weil das Preisniveau von Industrieprodukten höher und die Wertschöpfungskette umfangreicher als bei Agrarprodukten sind. So betrug das Pro-Kopf-Einkommen vom Agrarstaat Burundi im Jahre 2017 knapp 700 US $, in Großbritannien dagegen 44.300 US $.[14] Um das Einkommen der Bevölkerung zu verbessern, ist eine Industrialisierung in Agrarstaaten attraktiv. Die Industrialisierungsphase ist gekennzeichnet durch industriellen Strukturwandel, bei dem Arbeitsplätze in der Landwirtschaft wegfallen und offene Stellen in der Industrie entstehen. Dieser Vorgang führt zu sektoraler Arbeitslosigkeit (Unterbeschäftigung) in der Landwirtschaft und Überbeschäftigung in der Industrie, bis die Anpassungsprozesse abgeschlossen sind.

Folgen

Als der Industrialisierung folgende Auswirkungen kann man die Urbanisierung, der Wechsel von Selbstversorgungs- (Subsistenzwirtschaft) zur Fremdversorgungsgesellschaft, Geburtenrückgang, Prosperität (in den Industrienationen), aber auch die zunehmende Demokratisierung, die auf den wachsenden Wohlstand angewiesen war[15] Es folgten eine zunehmende Umweltverschmutzung sowie insbesondere die globale Erwärmung.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe, Band 410), 4. überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, S. 260, ISBN 3-520-41004-4
  2. Flurin Condrau, Die Industrialisierung in Deutschland, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, S. 5
  3. Ute Arentzen, Eggert Winter (Hrsg.), Gabler Wirtschafts-Lexikon, Band 3, 1997, Sp. 1855
  4. Jean Fourastié, Le Grand Espoir du XXe siècle. Progrès technique, progrès économique, progrès social, 1949, S. 64 ff.
  5. Jean Fourastié, Le Grand Espoir du XXe siècle. Progrès technique, progrès économique, progrès social, 1949, S. 86 ff.
  6. Beat Hotz-Hart/Patrick Dümmler/Daniel Schmuki, Volkswirtschaft der Schweiz: Aufbruch ins 21. Jahrhundert, 2006, S. 381
  7. Hubert Kiesewetter, Das einzigartige Europa, 1996, S. 173
  8. Felix Salomon, William Pitt der Jüngere, Band 1, 1906, S. 396 f.
  9. Hans-Dieter Gelfert, Kleine Geschichte der englischen Literatur, 2005, S. 151
  10. Gabriele Oepen-Domschky, Kölner Wirtschaftsbürger im deutschen Kaiserreich, 2003, S. 150
  11. Peter Lösche (Hrsg.), Länderbericht USA, 2004, S. 81 f.
  12. Jean Fourastié, Le Grand Espoir du XXe siècle. Progrès technique, progrès économique, progrès social, 1949, S. 126
  13. Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Sektoren. In: Lexas Länderdaten. 28. November 2018, abgerufen am 10. Oktober 2019. Dort zitiert aus Field Listing :: GDP - composition, by sector of origin. In: The World Factbook. CIA, abgerufen am 10. Oktober 2019 (englisch).
  14. Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf. In: Lexas Länderdaten. 28. November 2018, abgerufen am 10. Oktober 2019. Dort zitiert aus Field Listing :: GDP - composition, by sector of origin. In: The World Factbook. CIA, abgerufen am 10. Oktober 2019 (englisch).
  15. Zum Zusammenhang von Demokratisierung und Industrialisierung vgl. Hedwig Richter, Moderne Wahlen. Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert, Hamburger Edition, 2017, S. 94–111