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Walther Müller-Jentsch

deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler

Walther Müller-Jentsch (* 28. November 1935 in Düsseldorf) ist ein deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.

Inhaltsverzeichnis

Leben und WirkenBearbeiten

Müller-Jentsch hat nach Ausbildung und mehrjähriger Berufstätigkeit als Industriekaufmann und später als freier Journalist über den Zweiten Bildungsweg am Hessenkolleg (1961–1963) in Frankfurt am Main die Hochschulreife erworben. Er studierte ab 1963 Soziologie, Politikwissenschaft und Nationalökonomie an der Universität Frankfurt am Main und Industrial Relations an der London School of Economics and Political Science (L.S.E.). Seine Lehrer waren Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und – an der L.S.E. – Ralph Miliband. Während seiner Studienzeit war er Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS).

Er war von 1969 bis 1981 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1982 wurde er als Professor für Sozialwissenschaft an die Universität Paderborn berufen. 1990 lud ihn die University of Warwick in Großbritannien als Leverhulme Visiting Professor für Europäische Industrielle Beziehungen ein. Ab 1992 lehrte er als Professor für Soziologie mit dem Lehrstuhl für Organisation und Mitbestimmung in der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. 2001 wurde er emeritiert. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Industriesoziologie, speziell Industrielle Beziehungen, Soziologie der Gewerkschaften, Organisationssoziologie sowie die Kunst- und Literatursoziologie. Zur Erforschung der Industriellen Beziehungen hat er grundlegende theoretische und empirische Beiträge geliefert.[1] Unter anderem har er die Begriffe Co-Management und Konfliktpartnerschaft in die wissenschaftliche Diskussion über Arbeitsbeziehungen eingeführt.

Müller-Jentsch ist Alleinherausgeber der Schriftenreihe Industrielle Beziehungen und, zusammen mit Hansjörg Weitbrecht, David Marsden, Dieter Sadowski, Jörg Sydow und Franz Traxler, Gründungs-Mitherausgeber der Zeitschrift Industrielle Beziehungen – Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management : The German Journal of Industrial Relations. Er war langjähriger Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft für zwei industriesoziologische Schwerpunktprogramme und engagierte sich von 1996 bis 2003 als Mitglied des Vorstands der deutschen Sektion der International Industrial Relations Association (GIRA). Als Mitglied des Gründungsvorstands der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets in Bochum gehörte er dem Vorstand von 1998 bis 2012 an und war in dieser Zeit Mitherausgeber der Schriften der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets.[2]

Mit gelegentlichen Veröffentlichungen ist Müller-Jentsch auch als Lyriker hervorgetreten. Nach früher politischer Lyrik der 1960er Jahre – publiziert in Peter Hamms Anthologie Aussichten. Junge Lyriker des deutschen Sprachraums[3] – artikuliert sich seine späte Lyrik in einem naturhaft-elegischen Ton.[4]

Müller-Jentsch lebt in Düsseldorf-Kaiserswerth.

WerkauswahlBearbeiten

  • Gewerkschaften in der Bundesrepublik (mit J. Bergmann und O. Jacobi), 2. Bände 1975 und 1977.
  • Vom gewerkschaftlichen Doppelcharakter und seiner theoretischen Auflösung im Neokoporatismus, in: Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Gesellschaftliche Arbeit und Rationalisierung, 1981.
  • Gewerkschaften als intermediäre Organisationen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 24, 1982, S. 408–433.
  • Soziologie der Industriellen Beziehungen, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2. Aufl. 1997. ISBN 3-593-35705-4.
  • Organisationssoziologie. Eine Einführung, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-36792-0.
  • Strukturwandel der industriellen Beziehungen. "Industrial citizenship" zwischen Markt und Regulierung, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15567-8, ISBN 3-531-15567-9. 2., völlig überarbeitete Auflage: Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-13727-4.
  • Der Verein – ein blinder Fleck der Organisationssoziologie. In: Berliner Journal für Soziologie Jg. 18, 2008, H. 3, S. 476–502.
  • Arbeit und Bürgerstatus. Studien zur sozialen und industriellen Demokratie, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-16051-1.
  • Die Kunst in der Gesellschaft. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17694-9.
  • Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft seit 1945. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018897-2.
  • Tarifautonomie. Über die Ordnung des Arbeitsmarktes durch Tarifverträge. Springer SV, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-21227-8.
  • Mitbestimmung. Arbeitnehmerrechte im Betrieb und Unternehmen. Springer SV, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-24173-5.

Aufsätze zur Kunst- und LiteratursoziologieBearbeiten

  • Künstler und Künstlergruppen. Soziologische Ansichten einer prekären Profession, in: Berliner Journal für Soziologie, 15. Jg. (2005), Heft 2, S. 159–177.
  • Das Kunstsystem und seine Organisationen oder Die fragile Autonomie der Kunst, in: Wieland Jäger/Uwe Schimank (Hrsg.): Organisationsgesellschaft. Facetten und Perspektiven, Wiesbaden 2005 (VS Verlag), S. 186–219.
  • Exklusivität und Öffentlichkeit. Über Strategien im literarischen Feld, in: Zeitschrift für Soziologie, 36. Jg. (2007), Heft 3, S. 219–241.
  • Vom Gegenbild zum Vorbild. Der Künstler im Widerstreit soziologischer Diskurse, in: Soziologische Revue, 35. Jg. (2012), Heft 3, S. 276–284.
  • Kunstkritik als literarische Gattung. Gesellschaftliche Bedingungen ihrer Entstehung, Entfaltung und Krise, in: Berliner Journal für Soziologie, 22. Jg. (2012), Heft 4, S. 539–568.
  • Der Künstler als Kippfigur – Artisten in der modernen Arbeitswelt?, in: Leviathan, 44. Jg. (2016), Heft 3, S. 476–481.
  • Theodor W. Adorno (1903-1969). Kunstsoziologie zwischen Negativität und Versöhnung. In: Christian Steuerwald (Hrsg.): Klassiker der Soziologie der Künste. Wiesbaden 2017 (Springer VS), S. 351–380.
  • Eine bemerkenswerte Übereinstimmung: Max Weber und Theodor W. Adorno zu gesellschaftlicher und ästhetischer Rationalität, in: Berliner Journal für Soziologie, 27. Jg., Heft 2, S. 293–301.
  • Le Tour des artistes. Warum Künstler sich in Gruppen zusammenschließen, in: Simon Fietze / Doris Holtmann / Florian Schramm (Hrsg.): Zwischen Provinzen und Metropolen. Stationen einer sozioökonomischen Reise. Festschrift für Wenzel Matiaske, Augsburg-München 2018 (Hampp), S. 267–271.

HerausgeberschaftenBearbeiten

  • (mit Otto Jacobi und Eberhard Schmidt): Kritisches Jahrbuch (Fischer Verlag: 1972–1975); Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch (Rotbuch Verlag 1977–1983).
  • Zukunft der Gewerkschaften. Ein internationaler Vergleich. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1988
  • Schriftenreihe Industrielle Beziehungen, bisher 18 Bände.[5] München/Mering 1990 ff.
  • Profitable Ethik – effiziente Kultur. Neue Sinnstiftungen durch das Management? Hampp Verlag, München/Mering 1993, ISBN 3-87988-048-4.
  • Konfliktpartnerschaft. Akteure und Institutionen industrieller Beziehungen. Hampp Verlag, München/Mering 1999 (3. Aufl.), ISBN 3-87988-358-0.
  • The Changing Contours of German Industrial Relations. Edited by Walther Müller-Jentsch and Hansjörg Weitbrecht on behalf of the German Industrial Relations Association, Hampp Verlag, München/Mering 2003, ISBN 3-87988-739-X.

Literatur über Müller-JentschBearbeiten

  • Jörg Abel/Hans Joachim Sperling (Hgg.): Umbrüche und Kontinuitäten. Perspektiven nationaler und internationaler Arbeitsbeziehungen. Walther Müller-Jentsch zum 65. Geburtstag, Hampp Verlag, München/Mering: 2001.
  • Martin Behrens: Gibt es sie noch, die Konfliktpartnerschaft? In: Mitbestimmung. Das Magazin der Hans-Böckler-Stiftung. 62. Jg./2016, Heft 6, S. 44–46.[6]
  • Cornelia Girndt: Was uns verbindet. In: Mitbestimmung. Das Magazin der Hans-Böckler-Stiftung. 61. Jg./2015, Heft 12, S. 46–47.
  • Andrea Maurer: Müller-Jentsch, Walther. Soziologie der industriellen Beziehungen. Eine Einführung. In: Georg W. Oesterdiekhoff (Hrsg.): Lexikon der soziologischen Werke. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2001, S. 490–491.
  • Wolfgang Streeck: Von Konflikt ohne Partner zu Partnerschaft ohne Konflikt: Industrielle Beziehungen in Deutschland. In: Industrielle Beziehungen – Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management. 23. Jahrgang, Heft 1, S. 48.

WeblinksBearbeiten

FußnotenBearbeiten

  1. Wolfgang Streeck: Von Konflikt ohne Partner zu Partnerschaft ohne Konflikt: Industrielle Beziehungen in Deutschland. In: Industrielle Beziehungen – Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management. 23. Jahrgang, Heft 1, S. 48.
  2. Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets
  3. Peter Hamm (Hrsg.): ‘‘Aussichten. Junge Lyriker des deutschen Sprachraums.‘‘ Bücher der Neunzehn. Biederstein Verlag, München 1966, S. 145–148.
  4. Siehe Niederrhein bei Düsseldorf. Trois Hommages. In: Sinn und Form. 68. Jahrgang, Heft 1/2016 S. 97–98.
  5. Schriftenreihe Industrielle Beziehungen, Bde. 1-18
  6. [1]