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Klassifikation nach ICD-10
M79.7 Fibromyalgie (M79.7 seit ICD-10-GM Version 2005; zuvor M79.0)
ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Druckschmerzhafte paarige tender points (ACR)

Fibromyalgie oder Fibromyalgiesyndrom (von lateinisch fibra ‚Faser‘, altgriechisch μῦς mŷs, deutsch Muskel und ἄλγος álgos, deutsch Schmerz) ist ein Syndrom ausgebreiteter Schmerzen in verschiedenen Körperregionen, Schlafstörungen und vermehrter Erschöpfung. Zu diesen Kernsymptomen kommen eine Reihe von Begleitsymptomen wie Morgensteifigkeit und Konzentrationsstörungen. Fibromyalgie ist keine entzündliche Erkrankung, sondern vorrangig eine Störung der Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung. Zur Diagnosestellung wird oft die Untersuchung schmerzhafter Druckpunkte (tender points) genutzt. Die meisten Betroffenen sind Frauen. Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht aufgeklärt, es ist aber bekannt, dass bei Fibromyalgie-Patienten eine generell erhöhte Schmerzempfindlichkeit, eine sogenannte zentrale Sensibilisierung, vorliegt. Medikamentöse Therapien sind nicht etabliert, der Fokus der Behandlung liegt auf Sport- und Bewegungsangeboten. Fibromyalgie wird umgangssprachlich Weichteilrheuma genannt.

VerbreitungBearbeiten

Nach Schätzungen sind in Europa und Nordamerika etwa 0,5 bis 5,8 % der Bevölkerung vom Fibromyalgiesyndrom betroffen.[1] In Deutschland erfüllten 2013 rund 2 % der Bevölkerung formale Kriterien des Fibromyalgiesyndroms, wobei das Geschlechterverhältnis ausgeglichen war. In klinischen Einrichtungen sind „bis zu 80 % der Patientinnen Frauen im Alter von 40 bis 60“.[2]

UrsachenBearbeiten

Es wird als unwahrscheinlich angenommen, dass Fibromyalgie auf einen einzelnen Ursachenfaktor oder Auslöser zurückgeführt werden kann. Zur Entstehung der Störung werden aktuell multifaktorielle Entwicklungsmodelle diskutiert. Wahrscheinlich ist, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und verschiedenen psychischen, sozialen und biologischen Einflüssen zu der Krankheit führt.

Daneben:

  • ein Vitamin-D-Mangel,
  • der individuelle Lebensstil (Rauchen, Übergewicht und mangelnde körperliche Aktivität),
  • psychische Faktoren wie die Erfahrung sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt in der Kindheit sowie sexueller Gewalt im Erwachsenenalter,
  • depressive Störungen.

Für die einzelnen Faktoren ist nicht klar, inwieweit sie ursächlich mit der Entstehung der Krankheit in Verbindung stehen.[4]

PathophysiologieBearbeiten

Als Hauptfaktor in der Entstehung der Fibromyalgie wird nervliche Sensitivierung (Sensibilisierung), einschließlich einer zentralen Sensitivierung, angesehen.[5] Das bedeutet, dass die Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem so gestört ist, dass das Gehirn Schmerzen wahrnimmt, ohne dass ein schädigender Reiz vorliegt, und dass die Schmerzschwelle sinkt, wodurch normalerweise nicht schmerzhafte Reize als schmerzhaft wahrgenommen werden. Diese Annahme beruht auf verschiedenen pathophysiologischen Befunden:

So wurden bei Erkrankten unter anderem im Nervenwasser erniedrigte Spiegel von Serotonin-Stoffwechselprodukten festgestellt. Neben Serotonin wird auch die Rolle anderer Hormone und Neurotransmitter wie beispielsweise jene der Substanz P oder des Wachstumshormons Somatotropin in der Entstehung der Fibromyalgie untersucht.

Gewebe-Studien des Unterhaut-Bindegewebes bei Fibromyalgie-Patienten deuten auf eine veränderte Anzahl und Zusammensetzung der sensorischen Nervenendigungen in dieser Gewebeschicht hin. So scheint die Anzahl der freien Nervenendigungen im Allgemeinen gegenüber Nicht-Erkrankten deutlich verringert zu sein („small fibre pathology“). Gleichzeitig ist eine spezielle Kategorie dieser Nervenendigungen besonders zahlreich vorhanden. Hierbei handelt es sich um solche, die mit der Regulation der Durchblutung des Unterhautbindegewebes in Zusammenhang stehen und die sich in der Nähe der sogenannten arteriole-venule shunts (AVS) befinden. Diese Shunts sind kleine Gefäßverbindungen zwischen Arteriolen und Venolen und ermöglichen eine Regulation der Körpertemperatur in dieser Gewebeschicht. Es wird vermutet, dass die häufig beobachteten Störungen in der Temperaturempfindung von Fibromyalgie-Patienten mit dieser veränderten Innervation des Unterhautbindegewebes im Zusammenhang stehen.[6][7]

SymptomeBearbeiten

Im Zentrum des Syndroms stehen chronische, also über mehrere Monate bestehende Schmerzen in mehreren Körperregionen, ein gestörter oder nicht erholsamer Schlaf und Müdigkeit bzw. vermehrte Erschöpfbarkeit.[8] Eine Studie der Deutschen Fibromyalgievereinigung ergab als häufigste Beschwerden Gelenk- und Muskelschmerzen an wechselnden Orten sowie Rückenschmerzen, Morgensteifigkeit, „Zerschlagenheit“ und das Gefühl, schlecht geschlafen zu haben am Morgen, sowie Müdigkeit, geringe Leistungsfähigkeit, Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit.[9]

Das Fibromyalgiesyndrom geht häufig mit einer Depression einher. Zwischen 62 und 86 % der Patienten zeigen im Laufe ihres Lebens Anzeichen einer Depression.[10] Insbesondere bei den berichteten kognitiven Einschränkungen (wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen) ist unklar, inwieweit sie auf Depressionen, Ängste oder unerwünschte Nebenwirkungen verwendeter, im zentralen Nervensystem wirkender Medikamente zurückzuführen sind.[11]

DiagnoseBearbeiten

Die Diagnose einer Fibromyalgie gestaltet sich recht schwierig, da sowohl Röntgenbilder als auch Laborwerte keinen eindeutigen Aufschluss geben, auch wenn sie zum Ausschluss wichtiger Differentialdiagnosen hilfreich sind. Die Diagnosestellung beruht daher auf den Befunden der körperlichen Untersuchung und der Befragung der Patienten (Anamnese).

DifferentialdiagnosenBearbeiten

Vor der Diagnosestellung des Fibromyalgiesyndroms müssen einige Krankheiten ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome wie die Fibromyalgie hervorrufen. Einige davon, insbesondere die entzündlichen rheumatischen Erkrankungen, gehen oft gleichzeitig mit einem Fibromyalgiesyndrom einher oder ihm voraus. Die folgenden Differentialdiagnosen können in Betracht kommen (Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit).[12]

LabordiagnostikBearbeiten

Ergeben sich aus der Anamnese und der körperlichen Untersuchung Hinweise auf das Vorliegen einer der oben genannten Differentialdiagnosen, können durch eine zielgerichtete Untersuchung des Blutes weitere Erkenntnisse gewonnen werden, etwa durch Bestimmung von Hormonen und Entzündungsparametern. Erhöhte Entzündungswerte im Blut (Blutsenkungsreaktion, C-reaktives Protein) sprechen beispielsweise für eine entzündliche Erkrankung – da die Fibromyalgie keine entzündliche Erkrankung ist, wären hier keine Auffälligkeiten zu erwarten. Weitere Untersuchungen sollten sich nach der vermuteten Krankheit richten, eine wahllose Bestimmung aller möglichen Laborwerte ist nicht empfehlenswert, da Marker, die auf bestimmte Erkrankungen hindeuten (wie beispielsweise antinukleäre Antikörper oder Rheumafaktoren) auch bei Personen positiv ausfallen, die überhaupt nicht an einer solchen Erkrankung leiden, wodurch die Diagnose in die falsche Richtung gelenkt werden kann.[14]

Klinische DiagnosekriterienBearbeiten

 
Ungefähre Lage der Druckpunkte (tender points)

1990 legte das American College of Rheumatology (ACR) erstmals Kriterien vor, die die Diagnose der Fibromyalgie erleichtern sollten. Berücksichtigt wurden alleine die Schmerzen: der Betroffene musste von ausgebreiteten, andauernden Schmerzen in mehreren Körperregionen berichten. Zudem definierte das ACR 18 „empfindliche Stellen“ oder Druckpunkte (tender points), die bei Fibromyalgie typischerweise schmerzhaft sein können. Bei der körperlichen Untersuchung müssen nach den Kriterien von 1990 mindestens elf der 18 Druckpunkte empfindlich sein. Die Einführung der Kriterien wurde in der Fachwelt zwar begrüßt, sie stießen in der Praxis jedoch an Grenzen. In der medizinischen Grundversorgung wurden die Druckpunkte oft nicht untersucht, weil die Ärzte ihre Diagnose lieber an den anderen Symptomen orientierten, oder die Untersuchung der Druckpunkte wurde falsch durchgeführt, was zu falschen Diagnosen führte. Ein weiterer Schwachpunkt der Kriterien trat bei Patienten zutage, deren Leiden sich besserte. Bei diesen konnte die Diagnose Fibromyalgie nicht aufrecht erhalten werden, wenn im Verlauf weniger als elf tender points schmerzhaft waren.[15]

Im Licht der Schwächen des tender points-Konzeptes veröffentlichte das ACR 2010 neue Kriterien, die ohne die Untersuchung der Druckpunkte auskommen und stattdessen auf der Erhebung der anderen Kern- und Begleitsymptome beruhen. Dabei wird durch Befragung des Patienten die Anzahl schmerzhafter Körperregionen ermittelt und ein Index zwischen 0 und 9 gebildet („widespread pain index“, WPI). Danach wird die Symptomschwere ermittelt („severity scale“, SS): Den anderen drei Hauptsymptomen (Erschöpfungszustände, nicht erholsamer Schlaf und kognitive Einschränkungen) werden zur Einordnung ihrer Schwere Punktwerte von 0 (keine Beschwerden) bis 3 (starke Beschwerden) zugeordnet. Den körperlichen Nebensymptomen werden zur Einordnung ihres Ausmaßes Punktwerte von 0 (keine Symptome) bis 3 (viele Symptome) zugeordnet. Für diese Schwere-Skala ergibt sich durch Zusammenrechnen der vier Werte ein Endwert zwischen 0 und 12. Die Diagnose des Fibromyalgiesyndroms kann nach diesen Kriterien gestellt werden, wenn der WPI mindestens 7 und die Symptomschwere mindestens 5 ist, oder wenn der WPI zwischen 3 und 6 liegt, die Symptomschwere aber mindestens 9 beträgt.[16]

Die deutschen Behandlungsleitlinien stellen es frei, nach welchen Kriterien die Diagnose gestellt wird.[17]

Abgrenzung von somatoformen StörungenBearbeiten

Bis heute ist in der Wissenschaft umstritten, wie das Fibromyalgie-Syndrom einzuordnen sei. Vertreter der Psychiatrie ordneten es den somatoformen Störungen zu, was daran liegt, dass Patienten mit Fibromyalgie die Kriterien einer somatoformen Störung gemäß ICD-10 und DSM 4 erfüllen, und zwar anhaltende körperliche Beschwerden, ohne dass eine körperliche Grunderkrankung festgestellt werden könnte, sowie eine Beeinflussung des Krankheitsverlaufs durch psychosoziale Faktoren. Die Mehrheit der Forscher lehnt die Klassifikation der Fibromyalgie als somatoforme Störung jedoch ab. Begründet wird dies zum einen mit dem Konzept der somatoformen Störung, die einen emotionalen oder psychischen Konflikt als zugrundeliegende Ursache der körperlichen Beschwerden annimmt und damit im Prinzip eine psychische Erkrankung ist. Ein solcher Konflikt liege der Fibromyalgie nicht zugrunde. Zum anderen werden die ICD- und DSM-Kriterien als schwammig und inkonsistent kritisiert. Gemäß wissenschaftlicher Mehrheitsmeinung handelt es sich beim Fibromyalgiesyndrom um ein Konstrukt mit biologischen, psychischen und sozialen Einflussfaktoren, das Überschneidungen mit somatoformen Störungen zeigt, jedoch nicht als solche zu verstehen sei.[18] Eine weitere Kategorie, in die das Fibromyalgie-Syndrom in der Literatur manchmal eingeordnet wird, sind die Funktionellen Syndrome (functional somatic syndrome).[18][19]

Schlafmedizinische AspekteBearbeiten

Die Fibromyalgie wird in der International Classification of Sleep Disorders (ICSD-2, 2005) im Anhang A und in der Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen bei den Schlafstörungen, die assoziiert mit andernorts klassifizierten Erkrankungen auftreten, aufgeführt, weil die Betroffenen wegen ihrer Beschwerden häufig zum Schlafmediziner überwiesen werden.

Bei der Störung des Schlafs handelt es sich um eine Folge der Grunderkrankung, die als Ursache der Schlafstörung erkannt und behandelt werden muss. Eine spezifische schlafmedizinische Diagnostik ist regelmäßig nicht erforderlich. In Einzelfällen wurden Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen entsprechend dem irregulären Typ beschrieben.[20]

BehandlungBearbeiten

Die Fibromyalgie ist durch medizinische Maßnahmen nur begrenzt beeinflussbar und beschränkt sich zumeist auf eine symptomatische Behandlung. Ein Behandlungskonzept ist heute die multimodale Schmerztherapie entsprechend den Erkenntnissen der modernen Schmerzforschung. Ziel der Maßnahmen sind hierbei die Erhaltung oder Verbesserung der Funktionsfähigkeit im Alltag und damit der Lebensqualität sowie die Minderung und/oder Linderung der Beschwerden. Da es sich um ein lebenslang bestehendes Beschwerdebild handeln kann, werden insbesondere Behandlungsmaßnahmen empfohlen, die von Betroffenen eigenständig durchgeführt werden können (Selbstmanagement), die keine oder nur geringe Nebenwirkungen haben und deren langfristige Wirksamkeit gesichert sein sollte. So umfasst das heutige Konzept meist eine Patientenschulung, den Einsatz von Medikamenten in Verbindung mit Sport- und Funktionstraining, physikalischen Therapien sowie Psychotherapie und Entspannungsmethoden.

MedikamenteBearbeiten

Die größte Erfahrung besteht mit dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin, das zeitlich befristet zur Therapie chronischer Schmerzen im Rahmen eines Gesamttherapiekonzeptes eingesetzt werden kann. Zusätzlich oder stattdessen werden nach neuesten Erkenntnissen die Antiepileptika Pregabalin und Gabapentin[21] oder das auch gegen den neuropathischen Schmerz wirksame Antidepressivum Duloxetin verwendet.[22] Aus der Gruppe der Antidepressiva werden auch noch häufig Fluoxetin oder Paroxetin eingesetzt.[23] Weitere einzelne, aber noch nicht vollkommen gesicherte Wirkungsnachweise gibt es aus der Gruppe der Antidepressiva für Sertralin, Moclobemid, Venlafaxin, Mirtazapin und Milnacipran. Letzteres hat in den USA sogar eine Zulassung für die Indikation Fibromyalgie erhalten, allerdings keine in Europa.[24]

Für den Einsatz nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) liegen keine Hinweise auf eine Wirksamkeit bei Fibromyalgie vor.[25] Muskelrelaxantien werden nicht empfohlen.[26] Der Einsatz starker Opioide wird ebenfalls nicht empfohlen. Das schwache Opioid Tramadol hingegen wird in zwei aktuellen Leitlinien zur Schmerzreduktion empfohlen.[27]

Weitere Wirkungsnachweise gibt es für den Dopaminagonisten Pramipexol, das Neuroleptikum Olanzapin und intravenös verabreichtes Ketamin.

BewegungBearbeiten

Bewegungsorientierte Maßnahmen stellen einen wichtigen Baustein in der Therapie dar. Zur Schmerzreduktion empfohlen wird moderates Ausdauertraining, bwp. Walking, Radfahren, Schwimmen und Aquajogging, sowie ein Funktionstraining mit Übungen in Trocken- und Wassergymnastik.[28] Ebenfalls eine Empfehlung gibt es für sogenannte meditative Bewegungsformen, also Tai-Chi, Chi Gong und Yoga.[29] Eine abgestufte Empfehlung gibt es für moderates Krafttraining.[30] Gemäß deutschen Leitlinien können auch Dehnübungen und Vibrationstraining erwogen werden.[31]

Physikalische TherapienBearbeiten

Die deutsche Leitlinie kommt zu positiven Empfehlungen für bädertherapeutische Anwendungen, genau genommen für das Baden in heißem Wasser, mineralhaltigem Wasser und Meerwasser (Thalasso).[32] Zu Stangerbädern trifft sie wegen der unzureichenden Datenlage keine Aussage(„offene Empfehlung“).[33]

In Bezug auf Wärmeanwendungen kann die Verwendung der Biosauna oder von Infrarotkabinen erwogen werden.[34] Unklar ist der Nutzen von Ganzkörperwärmeanwendungen (z. B. durch Wärmepackungen).[35] Von der Nutzung von Kältekammern rät die Leitlinie ab, aber es gebe einzelne Patienten, die davon profitierten. Weitere negative Empfehlungen gibt es zu hyperbarer Sauerstofftherapie, Lasertherapie, Magnetfeldtherapie und transkranieller Magnetstimulation.[36]

EntspannungsmethodenBearbeiten

Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation, Lachyoga und weitere Techniken der Stressbewältigung werden in Kombination mit aerobem Training empfohlen. Als alleinige Therapie sind diese Verfahren allerdings ungeeignet.[37]

Psychologische MaßnahmenBearbeiten

Psychologische Maßnahmen wie Verhaltenstherapie werden in der deutschen Leitlinie für bestimmte klinische Konstellationen empfohlen, etwa bei komorbiden psychischen Störungen. In bisherigen Arbeiten erwiesen sich die Effekte der Verhaltenstherapie auf Schmerz, Müdigkeit und gesundheitsbezogene Lebensqualität als gering. Das Nebenwirkungsrisiko von Verhaltenstherapie bei Fibromyalgie ist noch unbekannt, eine Symptomzunahme wird für möglich gehalten.

Maßnahmen wie Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, Entspannungsverfahren und therapeutisches Schreiben sollten aufgrund der minderwertigen Evidenzlage nicht als einzige Therapie angewendet werden. Solche Maßnahmen können vielmehr flankierend in ein multimodales Therapiekonzept eingebettet werden.[38]

GeschichteBearbeiten

Beschreibungen muskuloskelettaler Schmerzen reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Hier führte Guillaume de Baillou den Rheumatismus als Sammelbegriff für Schmerzen des Bewegungsapparates ein. Im 18. Jahrhundert kam der Begriff Muskelrheumatismus auf. Dieser wurde für Schmerzen verwendet, die nicht von gelenkzerstörenden Prozessen (wie Arthrose oder rheumatoider Arthritis) herrührten, somit fielen die Symptome der Fibromyalgie zusammen mit anderen Schmerzzuständen in diese Kategorie. Ab dem 19. Jahrhundert begannen Ärzte, verschiedene Unterformen des Muskelrheumatismus zu beschreiben, wobei diese frühen Definitionsversuche vage blieben und eine Unterscheidung von örtlich begrenzten und generalisierten Schmerzformen kaum ermöglichten.[39] Im Lauf des Jahrhunderts wurden fibromyalgie-typische Symptome wie die „empfindlichen Stellen“ (tender points) beschrieben. Der britische Neurologe William Richard Gowers war wie viele seiner Zeitgenossen vom Vorliegen entzündlicher Prozesse überzeugt und prägte 1904 den Begriff Fibrositis, wobei die Endung -itis bei Krankheitsnamen für eine Entzündung steht. Am Ende der 1920er Jahre und 1930 wurden weitere Begriffe vorgeschlagen: Myofasziitis, Myofibrositis und Neurofibrositis, die durch ihre Endungen weiterhin auf einen entzündlichen Prozess verwiesen. Dieser konnte in der Folgezeit aber nie nachgewiesen werden, so dass 1976 der Begriff Fibromyalgie vorgeschlagen wurde, der die Vorstellung einer entzündlichen Ursache fallen lässt und bis heute verwendet wird. Seit den 1980er Jahren sind die tender points, Schmerzen, Schlafstörungen und andere Beschwerden als typisch für das Fibromyalgie-Syndrom anerkannt. Mit der Veröffentlichung der Klassifikationskriterien durch das American College of Rheumatology 1990 wurde der wissenschaftliche Austausch über das Fibromyalgie-Syndrom erleichtert. Der Mangel an zuverlässigen apparativen oder laborchemischen Diagnoseinstrumenten hat aber nicht nur die Forschung behindert, sondern führt auch zu anhaltenden Zweifeln an der Eigenständigkeit der Fibromyalgie als Syndrom. So ist das Fibromyalgie-Syndrom unter Ärzten und Medizinstudenten gering angesehen. Patienten leiden daher darunter, dass sie sich mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen fühlen.[40]

LiteraturBearbeiten

Patientenliteratur

  • Eva Felde, Ulrike S. Novotny: Schmerzkrankheit Fibromyalgie, so kommen Sie rasch zur richtigen Diagnose, lindern Sie erfolgreich Ihre Schmerzen, mit vielen wertvollen Ratschlägen für Alltag, Familie und Beruf. , ISBN 978-3-8304-3259-3.
  • Wolfgang Brückle: Fibromyalgie. Endlich erkennen – richtig behandeln. Trias, Stuttgart 2016. ISBN 978-3-432-10028-9.
  • Eberhard Wormer: Fibromyalgie. Die Schmerzkrankheit erkennen und erfolgreich behandeln. Mankau, Murnau am Staffelsee 2014. ISBN 978-3-86374-171-6.

Fachliteratur

  • Winfried Häuser u. a.: Fibromyalgiesyndrom: Klassifikation, Diagnose und Behandlungsstrategien. In: Deutsches Ärzteblatt. Nr. 106 (23), 2009, S. 383–391 (Artikel online).
  • Erin Lawson, Mark S. Wallace (Hrsg.): Fibromyalgia. Clinical Guidelines and Treatments. Springer, New York 2015. ISBN 978-3-319-15819-8.
  • Dawn A. Marcus, Atul Deodhar: Fibromyalgia. A Practical Clinical Guide. Springer, New York 2011. ISBN 978-1-4419-1608-2.
  • Michael Schäfer: Zur Geschichte des Neurastheniekonzeptes und seiner modernen Varianten Chronique-Fatigue-Syndrom, Fibromyalgie sowie multiplen chemische Sensitivität. In: Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie. Band 70, 2002, S. 572–580.

Leitlinien

  • S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS). In: AWMF online (Stand 2017) Lang- und Kurzfassung sowie eine „Patientenleitlinie“ und einen Überblick mit dem Titel „Das Wichtigste in Kürze“, die sich an Menschen mit Fibromyalgiesyndrom und deren Angehörige wendet und ergänzend zum Arztgespräch Informationen bereithält.
  • G. J. Maclarfane et al: EULAR revised recommendations for the management of fibromyalgia. In: Annals of the Rheumatic Diseases. Nr. 76, S. 318–328 (online, PDF).

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Fibromyalgie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Commons: Fibromyalgia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Sanam Kia, Ernet Choy: Update on Treatment Guideline in Fibromyalgia Syndrome with Focus on Pharmacology. In: Biomedicines. Band 5, Nr. 2, 8. Mai 2017, S. 20, doi:10.3390/biomedicines5020020, PMID 28536363, PMC 5489806 (freier Volltext) – (englisch, mdpi.com [abgerufen am 20. Mai 2018]).
  2. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. S. 16. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
  3. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. S. 37. S3-Leitlinie, 1. Aktualisierung von 2012. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 5. Juli 2018.
  4. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. S. 29 f. S3-Leitlinie, Aktualisierung vom Juli 2019. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 7. Oktober 2019
  5. K. C. Fleming, M. M. Volcheck: Central sensitization syndrome and the initial evaluation of a patient with fibromyalgia: a review. In: Rambam Maimonides medical journal. Band 6, Nummer 2, April 2015, S. e0020, doi:10.5041/RMMJ.10204, PMID 25973272, PMC 4422459 (freier Volltext) (Review).
  6. N. Üçeyler et al.: Small fibre pathology in patients with fibromyalgia syndrome. In: Brain. Band 136, Nr. 6, 2013, S. 1857–1867, PMID 23474848 (englisch).
  7. P. J. Albrecht et al.: Excessive peptidergic sensory innervation of cutaneous arteriole-venule shunts (AVS) in the palmar glabrous skin of fibromyalgia patients: Implications for widespread deep tissue pain and fatigue. In: Pain Medicine. Band 14, Nr. 6, 2013, S. 895–915, PMID 23691965 (englisch).
  8. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. S. 12. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
  9. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 12. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
    W. Häuser, C. Zimmer, E. Felde, V. Köllner: Was sind die Kernsymptome des Fibromyalgiesyndroms? In: Der Schmerz. Band 22, Nr. 2, 1. April 2008, ISSN 0932-433X, S. 176–183, doi:10.1007/s00482-007-0602-z (springer.com [abgerufen am 20. Mai 2018]).
  10. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 14 f. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
  11. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 13. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
  12. Omar H. Henriquez, Devin Peck: Fibromyalgia Diagnosis. In: Erin Lawson, Mark S. Wallace (Hrsg.): Fibromyalgia. Clinical Guidelines and Treatments. Springer, New York 2015. ISBN 978-3-319-15819-8. S. 32.
  13. Megan Strauchman, Mark W. Morningstar: Fluoroquinolone toxicity symptoms in a patient presenting with low back pain. In: Clinics and Practice. Band 2, Nr. 4, 28. November 2012, ISSN 2039-7275, doi:10.4081/cp.2012.e87, PMID 24765486, PMC 3981197 (freier Volltext).
    Beatrice Alexandra Golomb, Hayley Jean Koslik, Alan J Redd: Fluoroquinolone-induced serious, persistent, multisymptom adverse effects. In: BMJ Case Reports. Band 2015, 5. Oktober 2015, ISSN 1757-790X, doi:10.1136/bcr-2015-209821, PMID 26438672, PMC 4600819 (freier Volltext).
  14. Omar H. Henriquez, Devin Peck: Fibromyalgia Diagnosis. In: Erin Lawson, Mark S. Wallace (Hrsg.): Fibromyalgia. Clinical Guidelines and Treatments. Springer, New York 2015. ISBN 978-3-319-15819-8. S. 32.
  15. Omar H. Henriquez, Devin Peck: Fibromyalgia Diagnosis. In: Erin Lawson, Mark S. Wallace (Hrsg.): Fibromyalgia. Clinical Guidelines and Treatments. Springer, New York 2015. ISBN 978-3-319-15819-8. S. 26.
  16. Omar H. Henriquez, Devin Peck: Fibromyalgia Diagnosis. In: Erin Lawson, Mark S. Wallace (Hrsg.): Fibromyalgia. Clinical Guidelines and Treatments. Springer, New York 2015. ISBN 978-3-319-15819-8. S. 26.
  17. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 16. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 16. Juni 2018.
  18. a b W. Häuser, P. Henningsen: Fibromyalgia syndrome: a somatoform disorder? In: European Journal of Pain. Band 18, Nr. 8, September 2014, ISSN 1532-2149, S. 1052–1059, doi:10.1002/j.1532-2149.2014.00453.x, PMID 24453056. (freier Volltext auf researchgate.net)
  19. Richard Mayou, Andrew Farmer: Functional somatic symptoms and syndromes. In: BMJ : British Medical Journal. Band 325, Nr. 7358, 3. August 2002, ISSN 0959-8138, S. 265–268, doi:10.1136/bmj.325.7358.265, PMID 12153926, PMC 1123778 (freier Volltext).
  20. S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). In: AWMF online (Stand 2009)
  21. Medknowledge: Pregabalin (Lyrica®): Antiepileptikum bei Fibromyalgie: US-Zulassung 2007 und Randomisierte Studie 2008 (Memento vom 25. Oktober 2011 im Internet Archive)
  22. DGRH-Kongress: Wirksamkeit von Duloxetin bei Patienten mit Fibromyalgie (PDF; 55 kB)
  23. Lesley M. Arnold: Biology and therapy of fibromyalgia. New therapies in fibromyalgia. In: Arthritis research & therapy. Band 8, Nummer 4, 2006, S. 212, doi:10.1186/ar1971, PMID 16762044, PMC 1779399 (freier Volltext) (Review).
  24. Medknowledge: Das Antidepressivum Milnacipran bei Fibromyalgie. (Memento vom 8. Januar 2016 im Internet Archive) 2010.
  25. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 117. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
  26. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 117. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 20. Mai 2018.
  27. Sanam Kia, Ernet Choy: Update on Treatment Guideline in Fibromyalgia Syndrome with Focus on Pharmacology. In: Biomedicines. Band 5, Nr. 2, 8. Mai 2017, S. 20, doi:10.3390/biomedicines5020020, PMID 28536363, PMC 5489806 (freier Volltext) – (mdpi.com [abgerufen am 20. Mai 2018]).
  28. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 61 ff. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  29. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 134. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  30. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 67. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  31. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 70 f. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  32. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 68. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  33. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 80. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  34. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 72. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  35. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 79. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  36. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 76 ff. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 28. Oktober 2019.
  37. S3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS). In: AWMF online (Stand 2012)
  38. Deutsche Schmerzgesellschaft: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms., S. 97. S3-Leitlinie, 2. Aktualisierung von 2017. Online (PDF), zuletzt abgerufen am 1. Juni 2018.
  39. F. Fatma Inanici, Muhammad B. Yunus: History of fibromyalgia: Past to present. In: Current Pain and Headache Reports. 8, 2004, S. 369, doi:10.1007/s11916-996-0010-6.
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