Chuch’e-Ideologie

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Die Chuch’e-Ideologie (von koreanisch주체 Chuch’e, deutsch 'Subjekt'[1]; oft unübersetzt gelassen oder als ‚Selbstständigkeit‘ (englisch self-reliance) übersetzt; Aussprache in IPA: [ʨu.ʨʰe], sprich Dschutsche), meist Juche-Ideologie geschrieben, ist eine politische Ideologie, die unter dem ersten Präsidenten Nordkoreas (Demokratische Volksrepublik Korea, DVRK), Kim Il-sung, entstanden ist. Sie ist dort Bestandteil des Personenkults um die herrschende Kim-Familie.

Koreanische Schreibweise
Koreanisches Alphabet: 주체사상
Hanja: 主體思想
Revidierte Romanisierung: Juche sasang
McCune-Reischauer: Chuch’e sasang

Chuch’e ersetzte im April 1992 den klassischen Marxismus-Leninismus als Weltanschauung in der Verfassung der Demokratischen Volksrepublik Korea.[2] Unter der Regierung Kim Jong-ils, dem Sohn Kim Il-sungs, wurde neben der Chuch’e-Ideologie die Songun-Politik als Leitideologie etabliert, die seit 2009 in der nordkoreanischen Verfassung an erster Stelle genannt wurde.[3] In der Verfassung von 2013 steht wieder die Chuch'e-Ideologie an erster Stelle.[4]

InhalteBearbeiten

Die Chuch'e-Ideologie soll am Marxismus-Leninismus anknüpfend Fragen beantworten, die sich nach dem Sieg der sozialistischen Revolution beim Aufbau der neuen Gesellschaft stellen. Kim Jong-il umreißt ihren Inhalt folgendermaßen:

„In der Dschutsche-Ideologie sind die Ideen und Theorien zusammengefasst, die im revolutionären Kampf unter dem Banner des Marxismus-Leninismus entwickelt, bereichert und neu aufgestellt wurden, und hier findet man eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die neuen Fragen, die in der Revolution und beim Aufbau unserer Epoche aufgeworfen wurden. […] Seit der Begründung der Theorien des wissenschaftlichen Kommunismus durch Marx führt die Menschheit einen ununterbrochenen Kampf für die Verwirklichung des Ideals, der kommunistischen Gesellschaft. Und heute ist der Kommunismus nicht mehr die Sehnsucht nach einer fernen Zukunft, sondern steht als eine reale Aufgabe auf der Tagesordnung der Geschichte. [5]

Die Lehre vom SubjektBearbeiten

Das Wort chuch'e bzw. juche bedeutet wörtlich übersetzt „Subjekt“ im Gegensatz zu „Objekt“. Der vollständige Name der Ideologie, chuch'e sasang, lässt sich also mit „Subjekt-Denken“, „Lehre vom Subjekt“ u. dgl. übersetzen.

In Nordkorea wird die Bevölkerung häufig aufgefordert, „eine Chuch'e-Haltung“ zu jeder erdenklichen Frage einzunehmen: Landwirtschaft, Industrieproduktion, Bauwesen oder Militär. Das bedeutet folglich, auf diesen Gebieten „Die Rolle eines Hausherrn“ zu spielen (주인의 지위를 차지하다 juin-ui jiwireul chajihada) und den eigenen Willen (bzw. die Beschlüsse der Partei) durchzusetzen, anstatt die eigene Unabhängigkeit von äußeren Umständen, welcher Art sie auch immer sein mögen, beschränken zu lassen: Der Mensch soll Subjekt, nicht Objekt der Entwicklung sein und die Entwicklung der Gesellschaft selbst in die Hand nehmen.

Aus dem „Subjekt“-Gedanken, der den Kern der Ideologie bildet, werden unter anderem drei Dinge abgeleitet:

  1. Um „das Chuch'e zu erreichen“, braucht das koreanische Volk seinen „großen Führer“. Nur so kann die ganze Gesellschaft als „einheitlicher sozioökonomischer Organismus“ „das Chuch'e ausüben“, also in der Innen- und Außenpolitik selbstständig auftreten und handeln.
  2. Um „das Chuch'e auszuüben“, muss die Nation die Interessen des Militärs an die erste Stelle setzen (Songun).
  3. Dabei sind die Interessen der eigenen Nation (Chajusong) denen der kommunistischen Weltbewegung nicht untergeordnet.

Die Rolle des / eines Führers in der RevolutionBearbeiten

Der Mensch steht laut Chuch’e-Ideologie in der Position eines Gestalters und Herrschers der Welt. Jedoch müsse sich der einzelne Mensch den Volksmassen unterordnen, da er sich nur in der Gruppe entfalten könne. Die Volksmassen wiederum sollen durch die Partei und den Führer geleitet werden.

In der Chuch’e-Ideologie ist der Mensch zwar Subjekt, doch wird von ihm bedingungslose Loyalität gefordert. Er kann seine Rolle als Subjekt nur als Teil des „einheitlichen sozioökonomischen Organismus“, der Nation, spielen, und auch dann nur, wenn ein „Großer Führer“ deren denkendes und leitendes Zentrum bildet. So heißt es im Lied „Außer dir kennen wir nichts“ über Kim Jong-un: „Der Beschluss des Führers ist der Sieg des Volkes“ (령장의 결심은 인민의 승리 ryongjang-ui gyeolsim-eun inmin-ui seungni)[6]. Im Lied „Alles verdanken wir der Zärtlichkeit des Führers“ heißt es: „Dieses Glück, wer hat es uns gegeben? Das verdanken wir dem Führer“ (이 행복을 그 누가 주었나 수령님의 은덕일세 i haengbog-eul geu nuga jueonna? suryeongnim-ui eundeog-ilse)[7] .

In seiner Rede „Zur konsequenten Herausbildung der Dschutsche-Anschauung über die Revolution“ bemerkt Kim Jong-il:

„Das Subjekt der Revolution ist ein einheitliches Ganzes von Führer, Partei und Massen. [...] Da das Subjekt der Revolution außerdem ein sozialpolitischer Organismus ist [...] muss die Dschutsche-Anschauung über die Revolution durch die revolutionäre Anschauung von der Moral untermauert werden; sie erfordert, gestützt auf die revolutionäre Pflicht und Kameradschaft, Leben und Tod, Freud und Leid miteinander zuteilen. [...] Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Zentrum des Lebens im Dasein und Wirken eines Organismus von Bedeutung ist. Ohne Zusammenschluss um den Führer sind die Volksmassen als ein souveränes sozialpolitisches Kollektiv nicht existenzfähig. Wir sollten zu der ausgeprägten Überzeugung gelangen, dass der Führer das Zentrum des Lebens des sozialpolitischen Kollektivs ist und wir uns nur durch organisatorisch-ideologischen und kameradschaftlichen Zusammenschluss mit ihm eines dauerhaften sozial-politischen Lebens erfreuen können.[8]

Songun und Chuch'eBearbeiten

Seit Ende der 1990er Jahre entwickelte sich in Nordkorea als Ergänzung zur Chuch'e-Ideologie die sogenannte Songun („Militär zuerst“)-Politik, die als konsequente Umsetzung der „Chuch'e-Haltung“ zum Militär dargestellt wird und sich darin erschöpft, die Koreanische Volksarmee gegenüber den übrigen Teilen der Gesellschaft in jeder Frage bevorzugt zu behandeln. Das betraf sowohl die Durchdringung der Partei mit Militärvertretern als auch eine bevorzugte Behandlung bei der Verteilung von Lebensmitteln, Textilien und medizinischen Ressourcen. Die Songun-Politik wurde zum Markenzeichen der Ära Kim Jong-ils. Die Koreanische Zentrale Nachrichtenagentur erklärt:

“Leader Kim Jong Il clarified in a unique manner the philosophy on arms in which a revolution starts and advances and is brought to completion by dint of arms, the principle of Songun that an army precisely means a political party, state and people and the principle of giving priority to military affairs and putting the army before the working class and pursued Songun politics based on them.”

„Der Führer Kim Jong Il erklärte in einzigartiger Weise die Waffenphilosophie, der zufolge eine Revolution durch Waffen beginnt, voranschreitet und zur Vollendung geführt wird, das Songun-Prinzip, wonach eine Armee nichts anderes als eine politische Partei, ein Staat und Volk ist, und das Prinzip der Bevorzugung von Militärangelegenheiten und der Gewährung des Vorrangs gegenüber der Arbeiterklasse an die Armee, und gestützt auf diese Prinzipien folgte er der Songun-Politik.“[9]

Der Zusammenhang von Chuch'e und Songun wird in der nordkoreanischen Propaganda in folgender Weise dargestellt. Unter den Bedingungen des Zusammenbruchs des „sozialistischen Lagers“ und der angeblich existierenden unmittelbaren Bedrohung durch die USA kann das koreanische Volk nur dann „sein Chuch'e ausüben“, wenn es die Landesverteidigung absolut priorisiert. Darauf zu verzichten, hieße, vor den USA zurückzuweichen – das Gegenteil einer „Chuch'e-Haltung“. So heißt es im „Lied über die Hwasong-Artillerie“, in dem das nordkoreanische Interkontinentalraketenprogramm verherrlicht wird:

“침략자 도발자들 이 행성 어데 있건”

„Angreifer und Provokateure, wo sie sich auf dem Planeten auch befinden mögen –“

“선군조선 핵탄두를 들씌워 족치리”

Songun-Korea [„Korea, in dem das Militär über allem steht“] überzieht sie mit Atomsprengköpfen,“

“그 위력도 한계를 모르는 주체의 화성포”

„und diese Macht, die keine Grenzen kennt, ist die Chuch'e-Hwasong-Artillerie [„Die Hwasong-Artillerie des Subjekts“].“

“우리 당 결심하면 언제든타격하리”

„Wenn die Partei es befiehlt, dann schlagen wir los,“

“주체조선 보위하여 용감히 쏘리라”

„mutig schießen wir, um Chuch'e-Korea [„das Subjekt Korea“ bzw. Korea als Subjekt, als selbstständigen Akteur] zu beschützen.“

“화성포로 통일의 축포성 우리가 울리리”

„Durch die Hwasong-Artillerie erschallt der Kanonengruß der Wiedervereinigung.“[10]

Nation und InternationalismusBearbeiten

Die Wiedervereinigung Koreas gilt als notwendige Bedingung der politischen Souveränität (Chajusong, von 자주 chachu, „Selbst-Bestimmung“, sprich Dschadschusong). Politische Souveränität, wirtschaftliche Eigenversorgung (자립 charib, „Selbst-Stehen) und militärische Eigenständigkeit (자위 chawi, „Selbst-Schutz“) werden gelegentlich als „drei Prinzipien der Chuch’e-Ideologie“ bezeichnet. Der Staat habe demnach die Aufgabe, politische, wirtschaftliche und militärische Unabhängigkeit zu gewährleisten, was unter anderem aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Japan resultiere, die dem Korea unter japanischer Herrschaft vorausging.[11]

Um „sein Chuch'e auszuüben“ muss das koreanische Volk vereint sein. Es hat sonst „kein Chajusong“. Der Begriff Chajusong bleibt wie Chuch'e meist unübersetzt. In der Rede Kim Il-sungs „Über die Entwicklung der blockfreien Bewegung“ von 1986 heißt es:

„Die gegenwärtige Epoche ist eine Epoche der Souveränität. Die früher unterdrückten Völker sind als Herren der Welt aufgetreten und bringen die Geschichte nachhaltig voran. Mit dem Zeitstrom der Souveränität wird auf dem Erdball das Kolonialsystem des Imperialismus endgültig liquidiert, die Völker zahlreicher Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas haben die politische Unabhängigkeit errungen und schreiten energisch auf dem Weg zur Schaffung eines neuen Lebens vorwärts.[12]

Die Silbe 주 chu entspricht sowohl in chuch'e als auch in chachu und chajusong dem Schriftzeichen 主 (koreanisch chu, japanisch shu, chinesisch zhǔ), welches „Eigentümer, Herr, Haupt-, Kontrolle, Grundbesitzer, Meister“ und ähnliches bedeutet.[13] In seiner Rede „Vorwärts unter dem hoch erhobenen Banner des Marxismus-Leninismus und der Dschutsche-Ideologie“ führt Kim Jong-il über das Verhältnis von Chajusong und Internationalismus aus:

„Die Kommunisten können den revolutionären Kampf und die Aufbauarbeit entwickeln, wenn sie, von der konkreten Wirklichkeit ihres Landes ausgehend, selbständig die Politik festlegen und alle Probleme in der Revolution und beim Aufbau aus eigener Verantwortung lösen. Das Dschadschusong [Chajusong] ist die Grundlage für die Stärkung des proletarischen Internationalismus. Die internationalistische Geschlossenheit ist die Vereinigung der Völker, die nach dem Dschadschusong streben, und hat zum Ziel, alle Formen der Herrschaft und Abhängigkeit aus der Welt zu schaffen und das Dschadschusong zu verwirklichen. Wer nicht vom Dschadschusong ausgeht, ist außerstande, eine wahrhaft stabile Geschlossenheit zu erreichen und nationale und internationale Aufgaben zuverlässig zu realisieren.[14]

Trotz der Priorisierung der nationalen Unabhängigkeit gegenüber der Einheit der „Proletarier aller Länder“, die vom Manifest der Kommunistischen Partei über alle nationalen Grenzen gestellt wurde, hat Nordkorea folglich eine große Anzahl nationalistischer, antiimperialistischer, linksgerichteter und/oder sozialistischer Bewegungen in aller Welt militärisch und ökonomisch unterstützt. Dazu gehören:

Sozialismus und KommunismusBearbeiten

Die Chuch'e-Ideologie befasst sich mit der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und den Bedingungen ihres Übergangs zur kommunistischen Gesellschaftsformation. In ihrer Herangehensweise an diese Problemstellung tritt ihr idealistischer Charakter hervor.

„Nur wenn wir die ideologische Revolution prioritär behandeln, können wir das ideologische Bewusstsein des Volkes umformen und sie in kommunistische Menschen verwandeln und den ökonomischen und kulturellen Aufbau erfolgreich abschließen, indem wir dem revolutionären Eifer des Volkes die volle Möglichkeit geben, sich zu entfalten. Wenn wir die ideologische Revolution nicht weiter intensivieren, könnten veraltete Ideen in den Köpfen der Menschen wieder aufleben, kapitalistische Ideen könnten von außen hereinsickern und der revolutionäre Enthusiasmus der Menschen könnte schrittweise abkühlen, da sie ja schon keine Sorgen mehr um Essen, Kleidung und Wohnraum haben, in dem Maß wie sich ihr Lebensstandard verbessert. Die ideologische Revolution zu vernachlässigen, wird auf Dauer schwere Konsequenzen in der Revolution und im Aufbau mit sich bringen. Deshalb dürfen wir die ideologische Revolution niemals vernachlässigen, sondern sie im Zuge des Aufbaus des Sozialismus und Kommunismus beständig vertiefen. Unsere Partei hat der ideologischen Revolution in der Revolution und im Aufbau den absolut ersten Rang eingeräumt, hat energisch um ihre Umsetzung gekämpft, eine fundamentale Veränderung in den ideologischen und moralischen Wesenszügen und in der Lebensart des Volkes erreicht Die ganze Gesellschaft ist von der Chuch'e-Idee und von einer revolutionären Lebens- und Arbeitsweise durchdrungen. All unsere Werktätigen kämpfen ergeben für die Partei und die Revolution, für das Land und das Volk und die Gesellschaft, mit unendlicher Loyalität zur Partei und zum Führer.“[28]

Diese Herangehensweise steht in schroffem Widerspruch zur marxistischen Konzeption von Basis und Überbau, der gemäß Veränderungen der gesellschaftlichen Ideologie nicht willkürlich durchgeführt werden können, sondern sich aus der Entwicklung ihrer ökonomischen Basis ergeben. Die Staatsmacht gilt als Garant für die Realisierung der Pläne der Partei:

„Die Volksregierung ist eine großartige Schöpfung unserer Revolution, die unter dem Banner des Marxismus-Leninismus und der Chuch'e-Idee stattfand. Es ist die demokratischste und volksnächste Regierung, die den Anforderungen unserer Zeit und den Bedingungen in unserem Land entspricht. Unsere Partei und unser Volk werden die Volksregierung fest im Griff halten, deren Überlegenheit und unbesiegbare Lebenskraft im verlängerten Kampf um Revolution und Aufbau unter Beweis gestellt worden sind, und werden die Errungenschaften der Revolution gegenüber der Einkreisung durch den Feind verteidigen und erfolgreich den Sozialismus und Kommunismus errichten.“[28]

EntstehungsgeschichteBearbeiten

Die Entwicklung der Chuch’e-Ideologie wird unmittelbar Kim Il-sung zugeschrieben. Nach nordkoreanischer Geschichtsschreibung entstanden ihre Grundzüge bereits während des antijapanischen Partisanenkampfs, und im Dezember 1955 habe Kim die Chuch’e erstmals öffentlich erwähnt.[29] Andere verorten die Entstehung der Chuch’e in den 1960er-Jahren und sehen darin eine Reaktion Nordkoreas auf die Entwicklung des Ostblocks in den frühen 1960er-Jahren. Kim Il-sung habe einerseits die Entstalinisierung in der Sowjetunion abgelehnt und zudem aus dem Nachgeben Chruschtschows in der Kubakrise den Schluss gezogen, dass die Sowjetunion im Falle einer Auseinandersetzung kein zuverlässiger Verbündeter mehr sei; andererseits habe das Scheitern des Großen Sprungs nach vorn und die aufkommende Kulturrevolution einer verstärkten Anlehnung an China entgegengestanden. Kim Il-sung habe deshalb die Chuch’e als dritten Weg entwickelt, der die Eigenständigkeit Nordkoreas dokumentierte.[30]

Ideengeschichtliche HerleitungBearbeiten

Die Chuch’e-Ideologie wird von ihren Anhängern als kompatibel mit dem Marxismus-Leninismus verstanden, widerspricht diesem aber in weiten Teilen. Die zentralen Ideenstränge der Ideologie lassen sich dennoch in eine, wenn auch mit Brüchen durchsetzte, so doch stringente ideengeschichtliche Entwicklung einordnen, die bis zu G. W. F. Hegel, dem unmittelbaren philosophischen Vorgänger des Marxismus und letzten Vertreter des Deutschen Idealismus, zurückführt. Das betrifft sowohl Aussagen zur Subjekt-Objekt-Dialektik, zur nationalen Frage als auch zur Rolle des Individuums in der Geschichte.

Ein zentraler Anknüpfungspunkt ist beispielsweise die marxistisch-leninistische Begrifflichkeit vom „revolutionären Subjekt“, die zwar von den „Klassikern“ (Marx, Engels, Lenin) nicht verwendet wurde – dort ist die Rede eher von der „Klasse für sich“ – aber im marxistischen Diskurs die Arbeiterklasse beschreibt, wenn sie sich ihrer historischen Rolle bewusst wird, die darin besteht, den Kapitalismus zu stürzen und den Sozialismus zu errichten. Dieser Klasseninhalt geht in der Chuch'e-Ideologie verloren, und auch andere zentrale marxistische Konzepte wie der Klassenkampf oder gar die Arbeiterbewegung spielen keinerlei Rolle. Nur das Ideenfragment, dass zur Umgestaltung der Gesellschaft ein besonderes Bewusstsein über die eigene Situation notwendig ist, wird aufgenommen und idealistisch verabsolutiert. Chuch'e ist eine Herangehensweise an die Dinge, die den Menschen allmächtig machen soll; in der materialistischen Geschichtsauffassung des Marxismus machen die Menschen ihre Geschichte zwar „selbst, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“[31]

Die Chuch'e-Ideologie als Teil des nordkoreanischen Personenkults Bearbeiten

1997, drei Jahre nach Kim Il-sungs Tod, wurde in Nordkorea offiziell der Chuch’e-Kalender eingeführt. Er unterscheidet sich vom Gregorianischen Kalender durch die Jahreszählung, die mit dem Geburtsjahr Kims beginnt. Monate und Tage laufen synchron mit dem Gregorianischen Kalender. So gilt seitdem das Jahr 1912 als „Chuch’e (auch: Juche) 1“; das aktuelle Jahr 2020 entspricht somit dem Jahr 109 der Chuch’e-Ära. Im nordkoreanischen Alltagsleben werden Chuch’e-Jahreszählung und gregorianische Jahreszählung parallel verwendet.

Als Denkmal der Ideologie wurde im April 1982 aus Anlass des 70. Geburtstages von Kim Il-sung das Monument der Chuch’e-Ideologie in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang eingeweiht.

Internationale BedeutungBearbeiten

In den 1970er und 1980er Jahren gelang es Nordkorea, auch international Anhänger für die Chuch’e-Ideologie zu gewinnen. Vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika entstanden „Chuch’e-Ideologie-Studiengruppen“. Sie wurden großzügig mit Studienmaterialien unterstützt. Anhänger, die Werke von Kim Il-sung und anderen Vertretern der Chuch’e-Ideologie lesen, wurden häufig in den nordkoreanischen Medien gezeigt. Diese Gruppen fühlten sich auch von der Vorstellung einer von den damaligen Großmächten Sowjetunion und USA unabhängigen nationalen Entwicklung angezogen. Auch Regierungsvertreter einiger afrikanischer Staaten waren Anhänger der Chuch’e-Ideologie. So wurde das „Internationale Wissenschaftliche Seminar der Juche-Ideologie“, das vom 28. bis zum 30. September 1976 in Antananarivo, Madagaskar, stattfand, vom damaligen Staatspräsidenten Didier Ratsiraka eröffnet. Auch andere Staatsoberhäupter sprachen in den 1980er Jahren bei Staatsbesuchen in Nordkorea positiv über die Chuch’e-Ideologie.

Die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof bezog sich in ihren letzten, in der JVA Stammheim verfassten, Schriften positiv auf die Ideologie. Im Januar 1976 schrieb sie:

„der kampf selbst proletarisiert die kämpfer. besitzlosigkeit und – das ist der begriff der koreanischen partei für das proletarische verhältnis zum kampf für den kommunismus: das dschutsche charakterisieren das proletariat als antagonist des imperialismus, das heisst als subjekt der befreiung.“[32]

Dabei nimmt sie Bezug auf die wörtliche Bedeutung von „chuch'e“ als „Subjekt“.

Am 9. April 1978 wurde in Tokio das „International Institute of the Juche Idea“ (IIJI)[33] gegründet. Ziel war laut Gründungserklärung „die Verbreitung der klassischen Werke des hochverehrten und geliebten Präsidenten Kim Il-sung, die Organisation von Seminaren und Vorlesungen sowie die Veröffentlichung von Schriften, die Koordinierung der Zusammenarbeit der Juche-Studiengruppen und die Eröffnung von Bibliotheken zum Studium der Juche-Ideologie sowie Buchausstellungen zur Verbreitung der Juche-Ideologie“.[34] Erster Generaldirektor des Instituts war der Japaner Yasui Kaori. Von 1985 bis 1989 wurde das IIJI vom vormaligen österreichischen Bundesjustizminister Hans Klecatsky geleitet.[35] Gegenwärtiger Generalsekretär ist der Japaner Kenichi Ogami. Organ des IIJI ist die Zeitschrift Study of the Juche Idea.

Heute hat die Chuch’e-Ideologie außerhalb von Nordkorea kaum Einfluss. Es gibt in einigen Ländern aber noch Juche-Studiengruppen, besonders in Lateinamerika und Afrika, aber auch in Europa. In Deutschland zählt zu diesen Gruppen der „Freundeskreis der Juche-Ideologie“ in der KPD-Ost.

Von 1996 bis 1998 bestand die Partei der Arbeit Deutschlands (PdAD), die sich an der Partei der Arbeit Koreas orientierte. Die PdAD hatte kurzzeitig Kontakt zur NPD, wo die Ideologie im Rahmen des propagierten Antiamerikanismus rezipiert wurde.[36] Im Rahmen seiner Querfrontstrategie orientierte sich auch der 2008 aufgelöste neonazistischeKampfbund Deutscher Sozialisten“ an der Chuch’e-Ideologie.[37]

Am 12. und 13. April 2012 fand aus Anlass des 100. Geburtstages Kim Il-sungs in Pjöngjang eine „Weltkonferenz der Chuch’e-Ideologie“ statt.[38]

In Frankreich bezieht sich die Parti Juche de France (PJF) auf die Chuch’e-Ideologie.[39] Die Kommunistische Partei Maltas verfügt über eine eigene Studiengruppe der Chuch’e-Ideologie.

Im Marxismus bleibt die Chuch’e-Ideologie umstritten; mehrere Kritiker ordnen diese Ideologie als antimarxistisch ein.

Primärliteratur (Nordkorea)Bearbeiten

  • Kim Jong-il: Über die Dschutsche-Ideologie. Pjöngjang: Verlag für Fremdsprachige Literatur, 1982.
  • Kim Jong-il: Über die Juche-Philosophie. Pyongyang: Verlag für Fremdsprachige Literatur, 2002.
  • Kim Il-sung: Über die Beseitigung des Dogmatismus und des Formalismus sowie über die Herstellung des Juche in der ideologischen Arbeit. Verlag für Fremdsprachige Literatur, Pjöngjang 1971 (Juche-Bibliothek).
  • Kim Il-sung: On Juche in our Revolution. Bände 1–3. Foreign Languages Publishing House, Pyongyang 1975–1982.
  • Kim Il-sung: On the Juche Idea. Foreign Languages Publishing House, Pyongyang 1979, ohne ISBN.
  • The International Seminar on the Juche Idea. Foreign Languages Publishing House, Pyongyang 1977, ohne ISBN.
  • The Immortal Juche Idea. Foreign Languages Publishing House, Pyongyang 1984, ohne ISBN.

SekundärliteraturBearbeiten

  • Markus Fiedler: Die Juche-Philosophie in Nordkorea. Eine Einführung in Entstehung und politische Denken der nordkoreanischen Staatsideologie. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2018, ISBN 978-3-95948-345-2.
  • J. Thomas Belke: Juche. A Christian Study of North Korea’s State Religion. Living Sacrifice Book Company, Bartlesville 1999, ISBN 0-88264-329-0.
  • Luise Rinser: Nordkoreanisches Tagebuch. Fischer, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-24233-9.
  • Alfred Pfabigan: Schlaflos in Pjöngjang. Vom gescheiterten Versuch, einen skeptischen Europäer zu einem Mitglied der Großen Roten Familie zu machen. Verlag Christian Brandstätter, Wien 1986, ISBN 3-85447-204-8.
  • Colin Mackerras: The ‚Juche‘ idea and the thought of Kim Il Sung. In: Colin Mackerras, Nick Knight: Marxism in Asia. Croom Helm, London 1985.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Bruce Myers: The Juche Myth.
  2. North Korea Handbook by Yonhap News Agency Seoul; London, New York: M.E.Sharpe, 2003, S. 106
  3. http://www.dailynk.com/english/read.php?cataId=nk00400&num=5468
  4. Sozialistische Verfassung der Demokratischen Volksrepublik Korea, Pyongyang: Verlag für fremdsprachige Literatur, 2014, S. 4
  5. Kim Jong Il: Vorwärts unter dem hoch erhobenen Banner des Marxismus-Leninismus und der Dschutsche-Ideologie, Pjongjang: Verlag für fremdsprachige Literatur, 1983, S. 9 und S. 11
  6. 우리는 당신밖에 모른다. Abgerufen am 26. November 2019 (deutsch).
  7. Pochonbo Electronic Ensemble – That’s Thanks to the Leader’s Care. Abgerufen am 26. November 2019 (deutsch).
  8. Kim Dschong Il: Zur konsequenten Herausbildung der Dschutsche-Anschauung über die Revolution, Pjongjang: Verlag für fremdsprachige Literatur, 1988, S. 4 und S. 6
  9. KCNA: Originality of Political Theory Clarified by WPK’s Songun Revolutionary Idea Underscored. In: kcna.co.jp. 28. November 2013, abgerufen am 26. November 2019 (englisch).
  10. Moranbong Band – Song of Hwasong Artillery Piece. Abgerufen am 26. November 2019 (deutsch).
  11. Rüdiger Frank: Nordkorea. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014, ISBN 978-3-421-04641-3, S. 33.
  12. Kim Il Sung: Werke, Band 40, Pjongjang: Verlag für fremdsprachige Literatur, S. 136f.
  13. 主 - Wiktionary. Abgerufen am 5. Dezember 2019.
  14. Kim Dschong Il, Vorwärts unter dem hoch erhobenen Banner des Marxismus-Leninismus und der Dschutsche-Ideologie, Pjongang: Verlag für fremdsprachige Literatur, S. 37f.
  15. Communist Insurgency In Thailand. In: CIA Report. Abgerufen am 1. Dezember 2014.
  16. Anatomy of a Counterinsurgency Victory. Januar 2007. Abgerufen am 1. Dezember 2014.
  17. Merle Pribbenow: The -Ology War: technology and ideology in the defense of Hanoi, 1967. In: Journal of Military History. 67, Nr. 1, 2003, S. 183. doi:10.1353/jmh.2003.0066.
  18. Hedrick Smith: Flow of Soviet Jews Is Undiminished. In: New York Times. 19. Oktober 1973, abgerufen am 1. Januar 2020 (englisch, Der Artikel wurde nachträglich digitalisiert und kann deshalb Schreibfehler enthalten): „[…] Premier Kim II Sung of North Korea had met with the Egyptian and Syrian ambassadors in Pyongyang to inforrn them of his Government's decision “to give material assistance, including military aid to Syria and Egypt.” […] [this] lends credence to the [US] Defense Department's report that North Korean pilots were flying missions for Cairo.“
  19. The History Guy: Ethiopia-Somalia Wars and Conflicts.
  20. Benjamin R Young: North Korea: Opponents of Apartheid. In: NK News, 16. Dezember 2013. Archiviert vom Original am 3. November 2016. 
  21. "Operation Urgent Fury. In: GlobalSecurity.org, 5. Juli 2011, abgerufen am 13. Dezember 2019.
  22. Transcript- Rohan Gunaratne. Lessons Learnt and Reconciliation Commission. 2010. Abgerufen am 28. Juli 2011.
  23. LTTE runs illegal operations overseas – Minister Gunawardena. priu.gov.lk. 2011. Abgerufen am 29. Juli 2011.
  24. Ronald H. Cole: Operation Just Cause: The Planning and Execution of Joint Operations in Panama, February 1988 – January 1990. Joint History Office, Office of the Joint Chiefs of Staff, 1995, S. 6.
  25. Jamal S. al-Suwaidi (Hrsg.): The Yemeni War of 1994: Causes and Consequences. Emirates Center for Strategic Studies and Research, 1995, ISBN 0-86356-300-7.
  26. http://www.cfr.org/yemen/yemen-crisis/p36488
  27. North Korea’s Balancing Act in the Persian Gulf. 17. August 2015. Archiviert vom Original am 17. August 2015.  „“North Korea’s military support for Houthi rebels in Yemen is the latest manifestation of its support for anti-American forces.”“ 
  28. a b Kim Jong-Il: Let us Advance under the Banner of Marxism-Leninism and the Juche Idea. Foreign Languages Publishing House, Pyongyang, Korea 1983 (korea-dpr.info [PDF; 258 kB; abgerufen am 13. Dezember 2019]).
  29. Adrian Buzo: The Guerilla Dynasty. Politics and Leadership in North Korea. Tauris & Co., London 1999, ISBN 1-86064-415-5, S. 23.
  30. Rüdiger Frank: Nordkorea. Innenansichten eines totalitären Staates. Pantheon, 2017, ISBN 978-3-570-55293-3, S. 95.
  31. Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte – I. In: mlwerke.de. Abgerufen am 21. November 2019.
  32. Ulrike Meinhof: Letzte Texte von Ulrike. Hrsg.: internationales komitee zur verteidigung politischer gefangener in westeuropa. Eigendruck im Selbstverlag, 13. April 2007, S. 29 (socialhistoryportal.org [PDF; 3,4 MB; abgerufen am 13. Dezember 2019]).
  33. The International Institute of the Juche Idea (Memento vom 2. November 2008 im Internet Archive). In: cnet-ta.ne.jp (englisch).
  34. Pyongyang Times. 15. April 1978, S. 4.
  35. Christoph Pan: Nordkorea – Die ideologische und soziologische Basis. Braumüller Verlag, Wien 1992, S. 125.
  36. Henrik Steglich: Die NPD in Sachsen. Göttingen 2005, S. 77 (Google Books).
  37. Sebastien Nekyia: Mit Milchpulver und Armbrust. In: Jungle World. Nr. 22, 31. Mai 2012, abgerufen am 13. Dezember 2019.
  38. Pyongyang Times. 14. April 2012, S. 12.
  39. Parti Juche de France (französisch).