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Christian Dietrich (Pfarrer)

deutscher Pfarrer und DDR-Bürgerrechtler

Christian Dietrich (* 21. September 1965 in Jena) ist ein deutscher evangelischer Pfarrer. Er war ein Vertreter der Bürgerrechtsbewegung in der DDR und bis 2018 Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Leben und WirkenBearbeiten

Christian Dietrich wurde aus politischen Gründen das staatliche Abitur verwehrt. Er besuchte daraufhin von 1982 bis 1985 das Kirchliche Proseminar in Naumburg. Seit 1981 beteiligte er sich an Aktionen des kirchlichen Widerstands der Jungen Gemeinde und der Evangelischen Studentengemeinde Naumburg. 1983 stellte seine Familie einen Ausreiseantrag. Nachdem er diesen 1986 zurückgezogen hatte, begann er Theologie in Naumburg und später in Leipzig und Marburg zu studieren. Er gehörte zum Naumburger Friedensarbeitskreis und zum Deutschlandpolitischen Arbeitskreis um Edelbert Richter.[1] Er beteiligte sich an der Initiative für Blockfreiheit in Europa und forderte die Abschaffung der Todesstrafe in der DDR.[2] 1986 begründete er mit einer Vielzahl evangelischer Bürgerrechtlern den DDR-weiten Arbeitskreis Solidarische Kirche.[3] In Abstimmung mit der Initiative Frieden und Menschenrechte entwickelte er Kontakte zu Dissidenten in Prag und Budapest. Er war Autor in verschiedenen kulturellen und politischen Samisdatzeitschriften und Mitherausgeber von Ostkreuz und Glasnot. Mit u. a. Ibrahim Böhme und dem Pfarrer Lothar König organisierte er Seminare zur Geschichte des Stalinismus. Außerdem leitete er einen Arbeitskreis zum gewaltfreien Widerstand und beteiligte sich an der Organisation von oppositionellen Demonstrationen in Naumburg und Leipzig. Im März 1989 begründete er mit Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns und Michael Arnold die Initiative zur demokratischen Erneuerung, die zur Demonstration gegen die 'Pseudowahlen' am 7. Mai 1989 aufrief und ein Archiv des Widerstandes ankündigte.[4] Wegen seiner Beteiligung an Demonstrationen wurde er mehrfach festgenommen. Auf der Leipziger Montagsdemonstration am 4. September 1989 trug er ein Transparent mit den Worten Versammlungs- und Vereinsfreiheit. Der Versuch der Staatssicherheit, Dietrich am Rande der Montagsdemonstration am 18. September festzunehmen, scheiterte an der Solidarisierung der Umstehenden.[5]

Das Ministerium für Staatssicherheit verfolgte ihn unter dem Operativen Vorgang „Kerze“. Im Herbst 1989 beteiligte er sich am Aufbau der Strukturen des Neuen Forums und des Demokratischen Aufbruchs. Er war dessen Geschäftsführer und Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zu Korruption und Amtsmissbrauch im Kreis Naumburg. 1991 war er Mitbegründer und längere Zeit im Vorstand des Archiv Bürgerbewegung Leipzig[6] und des Vereins für politische Bildung in Sachsen, Stiftung Runder Tisch. Er setzte sich für ein "Archiv Deutsche Einheit" ein, in derem Ergebnis das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig entstand. 1992 legte er in Naumburg sein erstes Theologisches Examen ab und wurde Mitarbeiter am Institut für kirchliche Zeitgeschichte in Naumburg und Repetent an der Kirchlichen Hochschule Naumburg. Zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 1997 erarbeitete er eine Ausstellung zu den Leipziger Kirchentagen in der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ unter dem Motto „1954 - Fröhlich in Hoffnung, 1978 Geduldig in Trübsal, 1989 Haltet an am Gebet“.[7] 1997 wurde er Vikar in Oberweißbach und Scheibe-Alsbach. 2000 bis 2013 war er Pfarrer in Nohra (bei Weimar) mit den Orten Mönchenholzhausen, Bechstedtstraß, Isseroda und Troistedt, 2019 in Klettbach. Er arbeitete mit an dem EKD-Papier zur „Kirche im ländlichen Raum“.[8] Im November 2013 wurde er vom Thüringer Landtag für fünf Jahre als Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gewählt.[9] Dietrich ist verheiratet und hat vier Kinder.

Politische PositionenBearbeiten

Christian Dietrich ist Mitglied der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden.[10] 2006 war Dietrich Unterzeichner des „Appells für die Pressefreiheit“ der Wochenzeitung Junge Freiheit gegen deren Ausschluss von der Leipziger Buchmesse.[11][12][13] 2018 unterzeichnete er die „Gemeinsame Erklärung zu Chemnitz“ gegen den Versuch populistisch-rechter Gruppierungen, das Erbe der Friedlichen Revolution zu vereinnahmen[14], und 2019 unterschrieb er den Protest zur geplanten Festrede von Gregor Gysi zum 30. Jahrestag der ostdeutschen Revolution in Leipzig von mehr als 700 Bürgerrechtlern[15] eines breiten politischen Spektrums. September 2019 erhielt er für seinen demokratischen Widerstand die "Goldene Henne" für Politik des MDR.[16]

SchriftenBearbeiten

  • "Was war los in Leipzig?" Samisdat, Anfang 1989.
  • "Vierzig rumänische Jahre im Report". In: OSTKREUZ 1/1989.
  • Mitteleuropa in uns. In: GLASNOT 1989.
  • Europa war fern, zu Katrin Hattenhauer. In: Zweite Person 1/1990
  • (mit Uwe Schwabe als Hrsg.): Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebeten in Leipzig, 1994 [3].
  • Der Protest formiert sich... Zur Entwicklung der Opposition in der DDR in den 80er Jahren. In: Bernd Lindner (Hrsg.): Für ein offenes Land mit freien Menschen, 1994, S. 38–52.
  • Fallstudie Leipzig 1987 – 1989. Die politisch-alternativen Gruppen in Leipzig vor der Revolution. In: Enquete-Kommission Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, Band VII/1, 1995, S. 602–666 [4].
  • Das Konzept der Gewaltlosigkeit und das friedliche Ende der DDR. In: Gestrich, Andreas/Niedhart, Gottfried/Ulrich, Bernd (Hrsg.): Gewaltfreiheit. Pazifistische Konzepte im 19. und 20. Jahrhundert (Jahrbuch für Historische Friedensforschung, Bd. 5), 1996, S. 151–164.
  • Roland Jahn. In: Walter Jahn, Du bist wie Gift. Erinnerungen eines Vaters, Erfurt 1996.
  • (mit Martin Jander): Die Ausweitung zum Massenprotest in Sachsen und Thüringen. In: Eberhard Kuhrt und andere (Hrsg.), Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft, 1999, S. 737–786.
  • Die Entstehung des Werkes „Innere Mission und Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in der DDR“ und des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR. In: Jochen-Christoph Kaiser und Ingolf Hübner (Hrsg.), Diakonie im geteilten Deutschland, 1999, S. 103–116.
  • Die Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR in den Jahren 1968/69, in: Thomas A. Seidel (Hrsg.), Gottlose Jahre? Rückblicke auf die Kirche im Sozialismus der DDR, 2002, S. 23–34.
  • Herausgeber der 2. überarbeiteten Auflage Oktoberfrühling. Die Wende in Weimar (Weimarer Schriften – Heft 49), 2009.
  • Im Vorfeld der friedlichen Revolution – Die Bedeutung der Evangelischen Studentengemeinde. In: Raimund Hoenen u. a. (Hrsg.): Katechetisches Oberseminar – Kirchliche Hochschule Naumburg (Saale) 1949–1993, 2009, S. 44–48.
  • Es brannte in unserem Gewissen – Oskar Brüsewitz und die Gewissensbildung in der DDR. In: Mariano Delgado, Volker Leppin, David Neuhold (Hrsg.), Ringen um die Wahrheit: Gewissenskonflikte in der Christentumsgeschichte, 2011, S. 369–398.
  • Jiri Dienstbier lebt nicht mehr bei Die Achse des Guten [5].
  • Der Weimarer Arbeitskreis, die Ost-CDU und der Thüringer Weg der evangelischen Kirche. In: epd-Dokumentation 20/2012, S. 38–53.
  • Franz Böhm: Freiheit und Ordnung, in: Christian Dietrich (Hrsg.): 'FÜR EDELBERT RICHTER - FREUNDESGABE anlässlich des 70. Geburts- und Taufjubiläums', Weimar 2013, S. 63–72.
  • Revolution und Kirche in der DDR: Politischer Wandel in kirchlicher Perspektive, in: Ronald Lutz(Hg.), Doron Kiesel(Hg.): Religion und Politik, Frankfurt / New York 2015, S. 155–183.
  • Das politische Mandat der Christen bzw. der Kirche in der Diktatur und die Erinnerung von Schuld und Scheitern, in: Abgeschlossen? Stand und Folgen der Aufarbeitung der Geschichte der Kirche in der DDR. Tagung an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 12.-13.6.2015. 2015, Heft 40
  • Die innerhalb der DDR Zwangsausgesiedelten sollen nicht vergessen werden. Studie des Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Erfurt 2018 [6]
  • Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hrsg.): 'Vertreibungen im Kommunismus'. Zwangsmigration als Instrument kommunistischer Politik, Halle 2019

LiteraturBearbeiten

  • Kurzbiografie zu: Dietrich, Christian. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Hermann Geyer: Nikolaikirche, montags um fünf. Die politischen Gottesdienste der Wendezeit in Leipzig. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-18482-8.
  • Hans Michael Kloth: Vom „Zettelfalten“ zum freien Wählen. Die Demokratisierung der DDR 1989/90 und die „Wahlfrage“. Links, Berlin 2000, ISBN 3-86153-212-3 (Zugleich: Lüneburg, Universität, Dissertation, 1999).
  • Ilko-Sascha Kowalczuk (Hrsg.): Freiheit und Öffentlichkeit. Politischer Samisdat in der DDR 1985–1989. Eine Dokumentation (= Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs. Bd. 7). Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2002, ISBN 3-9804920-6-0.
  • Hannes Langbein: Kulturkirche Isseroda. In: Petra Bahr, Klaus-Martin Bresgott, Hannes Langbein: Kulturkirche. Eine Reise durch Deutschland. Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2011, ISBN 978-3-374-02906-8, S. 184–187.
  • Doris Liebermann, Jürgen Fuchs, Vlasta Wallat (Hrsg.): Dissidenten, Präsidenten und Gemüsehändler. Tschechische und ostdeutsche Dissidenten 1968–1998 (= Veröffentlichungen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im Östlichen Europa. Bd. 11). Klartext-Verlag, Essen 1998, ISBN 3-88474-678-2.
  • Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR. 1949–1989 (= Bundeszentrale für Politische Bildung. Schriftenreihe. 346). 2., durchgesehene und erweiterte sowie korrigierte Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000, ISBN 3-89331-294-3 (Zugleich: Berlin, Universität, Dissertation, 1997).
  • Karsten Timmer: Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Bd. 142). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-35925-X (Zugleich: Bielefeld, Universität, Dissertation, 1999).
  • Reinhard Weißhuhn: Christian Dietrich. In: Ilko-Sascha Kowalczuk, Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos. Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2006, ISBN 3-938857-02-1, S. 233 ff.
  • PM Hoffmann und Bernd Lindner: Herbst der Entscheidung. Eine Geschichte aus der Friedlichen Revolution 1989. Graphic novel, Berlin 2014
  • Peter Wensierski, Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution: Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, ISBN 978-3-421-04751-9.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. C. Dietrich: A.E.I.O.U. In: Festschrift für Edelbert Richter 1987 und in: KOMMUNE 10/1987, S. 32–35; Christian Domnitz: Europäische Vorstellungswelten im Ostblock. In: Europa im Ostblock: Vorstellungen und Diskurse (1945–1991), 2008, S. 61–82; Rainer Eckert: Opposition, Widerstand und die deutsche Frage 1972–1988. In: Andreas H. Apelt, Martin Gutzeit, Gerd Poppe (Hrsg.): Die deutsche Frage in der SBZ und DDR, 2010, S. 111–118, 117; Herbert Ammon: Annus mirabilis 1989: Zur Vor- und Nachgeschichte einer Begegnung bei globokult
  2. In Leipzig lauerte der Tod. In: ideaSektrum ideaOst 25. Juli 2007, S. 3
  3. Joachim Goertz (Hrsg.): Die Solidarische Kirche in der DDR, 1999
  4. C. Dietrich: Initiative zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft Leipzig. In: Hans-Joachim Veen (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, 2000, S. 186. Eine Abschrift des Gründungsaufrufes war Anlage 3 der Stasi-Mitteilung an das SED-Politbüro über die Bildung DDR-weiter oppositioneller Gruppierungen vom 19. September 1989 [1]; Erhard Neubert, Unsere Revolution, 2009, 293.
  5. Christian Dietrich und Uwe Schwabe (Hrsg.): FREUNDE UND FEINDE. Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Dokumentation. (PDF-Datei; 3,91 MB) S. 401, Anm. 630.
  6. Deutschlandradio-Interview 25. Mai 2011; Protokoll der 14. Sitzung der Enquete-Kommission Aufarbeitung und Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, In: Dies. (Hrsg.), Materialien Bd. IX, 1995, S. 120–324, 123f.
  7. Christian Dietrich: Das Rosental. Ort der größten Massenveranstaltung des deutschen Protestantismus. In: WALDSTRASSENVIERTEL Nr. 10, 1997, S. 25–27. Ausstellung ist Teil des Museums in der Runden Ecke.
  8. EKD-Texte 87 "Wandeln und gestalten" [2] (PDF-Datei; 203 KB)
  9. Webseite der Behörde Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)
  10. KAS. (Nicht mehr online verfügbar.) Ehemals im Original; abgerufen am 4. Juli 2019.@1@2Vorlage:Toter Link/www.kas.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  11. nz: Prominente setzen sich für „Junge Freiheit“ ein. Archiviert vom Original am 13. Januar 2014; abgerufen am 2. Januar 2013 (in Netzeitung, 7. Februar 2006).
  12. Charta 2017 – ein Appell für die Freiheit von Meinung und Kunst. In: Conservo. 19. Oktober 2017 (wordpress.com [abgerufen am 28. November 2018]).
  13. 17.02.06 / Danke! / Ein Sieg für die Pressefreiheit / Die JUNGE FREIHEIT setzt sich durch. Abgerufen am 1. Juli 2019.
  14. DDR-Bürgerrechtler gegen jene, die Chemnitzer Straftaten instrumentalisieren für menschenverachtende Propaganda Abgerufen am 3. Juli 2019
  15. Offener Brief zum Auftritt von Gregor Gysi am 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution bei Robert Havemann Gesellschaft, Abgerufen am 3. Juli 2019
  16. Ehrung für vier Leipziger Bürgerrechtler in einer Gala des MDR, rbb und NDR in: Leipziger Volkszeitung, Abgerufen am 20. September 2019