Chandos Anthems

Chandos Anthems[1] heißt eine Sammlung von elf Kantaten, die der Komponist Georg Friedrich Händel in den Jahren 1717 und 1718 auf dem Schloss Cannons[2] des Herzogs von Chandos James Brydges schrieb.

EntstehungBearbeiten

Warum Händel, der damals bereits ein bekannter Opernkomponist in London war, eine Anstellung als residence composer (etwa „Hauskomponist“) in Cannons annahm, ist nicht genau bekannt. Jedenfalls fand er dort in Brydges einen ihm wohlgesonnenen Mäzen sowie eine funktionierende Hofkapelle mit Instrumentalisten und Chorleuten vor, mit denen er seine Werke einstudieren und aufführen konnte. Die Zeit auf Cannons gilt als Experimentierzeit und eine der „fruchtbarsten Epochen seines Lebens“[3], viele der dort entstandenen Werke hat er später umgearbeitet oder in andere Werke eingebaut.

Text und MusikBearbeiten

Die Texte der Chandos Anthems sind alle dem alttestamentlichen Buch der Psalmen entnommen. Als Vorlage diente das Book of Common Prayer bzw. im Falle des 2. und 9. Anthems Nahum Tates und Nicolas Bradys metrische Psalmenübertragung A New Version of the Psalms of David. Auffällig in der Orchestrierung ist das Fehlen der Bratschen (wohl weil Händel keine Bratschisten auf Cannons vorfand) sowie im Chor das Fehlen der Altstimmen in den Anthems 1 bis 6. Jedes Anthem außer Nr. 9 beginnt mit einer instrumentalen Einleitung (Sonata oder Sinfonia, langsam — schnell), daran schließen sich fünf bis acht Sätze für Chor und Solisten an. Die Orchestrierung ist eher sparsam: Zu den Streichern treten eine Oboe, ein Fagott und zwei Blockflöten in den Anthems 8 und 10. Trotz der Reduzierung bei Stimmen und Instrumenten „repräsentieren [die Anthems] in ihrer geradezu augusteischen Kraft und Würde auf treffliche Weise den selbstbewussten und hedonistischen Geist ihrer Epoche“[4] und lassen etwas von der Prachtentfaltung auf Cannons und dem Selbstbewusstsein des barocken Schlossherrn ahnen.

ÜbersichtBearbeiten

Nr. HWV Titel verwendete Psalmen Aufführungsdauer Partitur auf ISMLP
1 246 O be joyful in the Lord 100 ca. 20 min.
2 247 In the Lord put I my trust 9, 11, 12, 13 ca. 20 min.
3 248 Have mercy upon me 51 ca. 20 min.
4 249b O sing unto the Lord a new song 93, 96 ca. 15 min.
5 250a I will magnify Thee 144, 145 ca. 23 min.
6 251b As pants the hart for cooling streams 42 ca. 20 min.
7 252 My song shall be alway 89 ca. 20 min.
8 253 O come, let us sing unto the Lord 95, 96, 97, 99, 103 ca. 30 min.
9 254 O praise the Lord with one consent 117, 135, 148 ca. 25 min.
10 255 The Lord is my light 18, 20, 27, 28, 29, 30, 34, 45 ca. 28 min.
11 256a Let God arise 68, 76 ca. 22 min.

RezeptionBearbeiten

Romain Rolland urteilt in seinem Händel-Buch:

„Die Anthems (oder Psalmen) für Chandos sind für die späteren Händelschen Oratorien, was die italienischen Kantaten für die Opern sind: wundervolle Skizzen, epische Bruchstücke. In diesen religiösen Kantaten, für die Kapelle des Herzogs geschrieben, räumt Händel den Chören den ersten Platz ein, [...]“[5]

In Konzert oder Gottesdienst sind die Anthems eher selten zu hören, dagegen liegen maßgebliche Einspielungen auf Vinyl oder CD vor, u. a. von:

WeblinksBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Richard Friedenthal: Händel (= rowohlts monographien). Rowohlts Taschenbuch Verlag GmbH, Hamburg 1998.
  • Romain Rolland: Georg Friedrich Händel. R.Piper GmbH & Co. KG, München 1985.
  • Dieser Artikel verwendet Informationen aus der englischen Wikipedia.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. die Hallische Händel-Ausgabe Serie III / Bd. 4–6 verwendet den Titel Anthems für Cannons
  2. Edgware, ehem. Grafschaft Middlesex, heute Greater London (zerstört)
  3. Friedenthal S. 63
  4. Simon Heighes im Booklet zu Handel Chandos Anthems Complete, Chandos digital CHAN 0554-7
  5. Rolland S. 56