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Bernauer Straße

Straße in Berlin-Mitte und Berlin-Pankow

Die Bernauer Straße ist eine 1,4 Kilometer lange Straße in den Berliner Bezirken Mitte und Pankow. Auf der Südseite der Straße stand zwischen 1961 und 1989 ein Teil der Berliner Mauer. Die Bernauer Straße wurde zum Ort einer Reihe von Fluchten und Fluchtversuchen nach West-Berlin. Seit 1998 befindet sich hier mit der Gedenkstätte Berliner Mauer der zentrale Erinnerungsort der deutschen Teilung. Die Straße ist Teil des Berliner Innenstadtrings.

Bernauer Straße
Wappen
Straße in Berlin
Bernauer Straße
Bernauer Ecke Ackerstraße, 2012
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Gesundbrunnen,
Mitte,
Prenzlauer Berg
Angelegt 13./14. Jahrhundert
Neugestaltet um 2006
Hist. Namen Straße 50,
Straße 80
Anschluss­straßen
Julie-Wolfthorn-Straße,
Eberswalder Straße
Querstraßen Gartenstraße,
Bergstraße,
Ackerstraße,
Hussitenstraße
Strelitzer Straße,
Brunnenstraße,
Wolgaster Straße,
Ruppiner Straße,
Swinemünder Straße,
Wolliner Straße,
Schwedter Straße
Plätze Mauerpark
Nutzung
Nutzergruppen Straßenverkehr
Straßenbahn
Technische Daten
Straßenlänge 1420 Meter

LageBearbeiten

Die Bernauer Straße verläuft überwiegend auf der Grenze zwischen den Ortsteilen Mitte und Gesundbrunnen des Bezirks Mitte und für 80 Meter im Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow.[1] Sie gehört zu den historischen Stadtteilen Oranienburger Vorstadt und Rosenthaler Vorstadt[2] und verläuft von der Gartenstraße nordostwärts bis zur Schwedter Straße. Die Hausnummern verlaufen in Hufeisenform, beginnend mit dem Haus Nr. 1 an der Ackerstraße bis zur Schwedter Straße und von dort zurück zum Haus Nr. 119 an der Gartenstraße.

NamenserläuterungBearbeiten

Die Bernauer Straße wurde am 29. Mai 1862 nach der Stadt Bernau nordöstlich von Berlin benannt.

GeschichteBearbeiten

 
Versöhnungskirche, 1894 erbaut
 
Antiamerikanischer SloganGo home, Ami“ (auf West-Berliner Seite) an der ehemaligen Sektorengrenze Bernauer Ecke Schwedter Straße, 1950.
Das Schild „Sie betreten jetzt den französischen Sektor“ (links) wurde übermalt.
 
Ernst-Reuter-Schule, Erweiterungsbau an der Bernauer Straße

Bis zum Mauerbau im August 1961Bearbeiten

Die Straße existierte schon frühzeitig als Handels- und Heerweg zwischen Berlin und Orten in der Mark Brandenburg. Bei der Planung zum Ausbau von Berlin hatte James Hobrecht sie in Teilen zunächst als Straße 50 und Straße 80, Abt. IX, bezeichnen lassen. Sie führte in Nordostrichtung von der Bergstraße bis zur Kreuzung Schwedter/Oderberger Straße. 1862 erhielt sie ihren heutigen Namen. 1865 wurde die Lazarus-Kapelle eingeweiht und ein Jahr später ein Krankensaal, der bereits 1870 zum Krankenhaus erweitert wurde. 1872 wurde die 35. Gemeindeschule, Bernauer Straße 98/90 zur schulischen Versorgung der rasch wachsenden Quartiere nördlich der Bernauer Straße eröffnet[3]. Im Jahre 1894 wurde die nach Plänen von Gotthilf Ludwig Möckel errichtete Versöhnungskirche eingeweiht. Am 4. Juli 1904 wurde die südwestliche Verlängerung zwischen Berg- und Gartenstraße in die Bernauer Straße einbezogen.[4] Seit der Bildung Groß-Berlins im Jahr 1920 und der damit verbundenen Bezirksaufteilung lagen die Grundstücke der Südseite mit den Hausnummern 1–50 im Bezirk Mitte, die der Nordseite mit den Nummern 51–121 im Bezirk Wedding, wobei das Straßenland ganz zu Wedding gehörte. Daher verlief nach 1945 entlang der Straße die Grenze zwischen dem sowjetischen und dem französischen Sektor Berlins. Nördlich der Bernauer Straße entstand 1953–1955 die Ernst-Reuter-Siedlung nach einem Entwurf von Felix Hinssen und Peter Matischiok. Dazu gehört auch die 1952–55 erbaute Ernst-Reuter-Schule.

August 1961 bis November 1989Bearbeiten

Nach Errichtung der Berliner Mauer wurden die zur Bernauer Straße gelegenen Eingänge und Fenster der Häuser der südlichen (Ost-Berliner) Straßenseite sukzessive zugemauert und die Dächer mit Sperren versehen. Im Herbst 1961 sind die letzten Grenzhäuser zwangsgeräumt worden. Die Gebäude wurden in den Jahren nach 1963 schließlich bis auf die Straßenfassaden der Erdgeschosse abgetragen, um zu militärisch „übersichtlichen“ Verhältnissen unmittelbar an der Grenze zu kommen. Die Ruinenreste verdeckten zunächst die wenige Schritte dahinter errichtete und mit Stacheldraht bewehrte Betonmauer.

 
Als „Vormauer“ dienende Häuserreste entlang der Bernauer Straße, 1978

Internationale Bekanntheit erlangte die Bernauer Straße durch Fluchtaktionen aus den Fenstern von Häusern im Ostteil Berlins auf die Straße, deren Bürgersteig bereits in West-Berlin lag.[5]

Bekannt ist das Foto des jungen Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann, der am 15. August 1961 über Stacheldrahtrollen hinweg in das Gebiet des französischen Sektors sprang und dabei seine Maschinenpistole wegwarf. Der Vorfall ereignete sich an der Ecke Bernauer/Ruppiner Straße.[6] In der Bernauer Straße kam es aufgrund der besonderen örtlichen Gegebenheiten in den ersten Jahren der Mauer immer wieder zu Kontakten zwischen den Grenzsoldaten der DDR und West-Berliner Polizisten bzw. Zollbeamten; so gab es beispielsweise Gespräche über die Mauer hinweg oder die Übergabe von Zigaretten.

Von Hauskellern auf der West-Berliner Seite der Bernauer Straße wurden Fluchttunnel in den lehmigen Boden getrieben. Der Tunnel 29 endete 1962 in der Schönholzer Straße 7 auf Ost-Berliner Gebiet. Bewohner von Ost-Berlin, von der Großmutter bis zum Kleinkind, krochen damals – von den Grenzwachen unbemerkt – in den Westteil der Stadt.[7][8] Dramatischer ging es 1964 bei einer weiteren Tunnelunternehmung zu, dem Tunnel 57, dessen Endpunkt die Strelitzer Straße 55 im Osten war. In zwei Nächten ermöglichte er 57 Ost-Berlinern und Ostdeutschen die Flucht. Es kam aber auch zu einem Schusswechsel mit den Grenzwächtern, bei dem der Grenzsoldat Egon Schultz ums Leben kam.[9] Mehrere Tunnelverläufe sind heute an der Geländeoberfläche markiert.

 
„Modernisierung“ der Berliner Mauer an der Bernauer Straße, 1980
 
Der Zugang zur 1985 gesprengten Versöhnungskirche war in die Grenzbefestigung eingemauert

Auf der Weddinger Seite der Bernauer Straße entstand in den 1960er Jahren Europas größtes Stadterneuerungsgebiet, in dem das mit Flächenabriss verbundene Neubauprogramm des West-Berliner Senats umgesetzt wurde. Nahezu die gesamte noch erhaltene Bebauung, 28 Wohnhäuser, wurden abgebrochen und bis in die 1970er Jahre Zug um Zug durch Neubauten ersetzt. Das jüngste Vorhaben war die Siedlung Vinetaplatz mit dem Wohnquartier Bernauer Straße 67/68, das nach einem Entwurf von Josef Paul Kleihues gebaut und 1977 fertiggestellt wurde.

Gleichzeitig wurden auf der gegenüberliegenden Straßenseite die alten Grenzbefestigungen beseitigt und schrittweise durch eine massive, 3,6 m hohe Betonplattenkonstruktion mit runder Mauerkrone ersetzt. In der Bernauer Straße wurde 1980 das letzte Teilstück der Berliner Mauer auf diese Weise „modernisiert“. In dem nun noch breiter ausgebauten Grenzstreifen stand immer noch die Versöhnungskirche, die am 22. und 28. Januar 1985 gesprengt wurde.

Von Zerstörungen betroffen waren auch ein Teile der an die Bernauer Straße grenzenden Friedhöfe der St. Elisabeth-Gemeinde und der Sophiengemeinde (Friedhof II). Auf letzterem wurde unter anderem das Grab des Berliner Verlagsbuchhändlers und langjährigen Stadtverordneten Julius Springer beseitigt.

An zehn namentlich bekannte Personen, die ihren Fluchtversuch im Bereich der Bernauer Straße mit dem Leben bezahlten, erinnert ein um 1995 aufgestellter Gedenkstein an der Einmündung der Swinemünder Straße.

Ab 1990 – Neubebauung und MauergedenkstätteBearbeiten

Auf einem Teilabschnitt der an der Bernauer Straße gelegenen Grenzbefestigungsanlagen wurde zwischen 1998 und 2014 die Gedenkstätte Berliner Mauer errichtet.[10] Dazu gehören das Denkmal zur Erinnerung an die geteilte Stadt und die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft, entworfen vom Stuttgarter Büro Kohlhoff & Kohlhoff, die Kapelle der Versöhnung (im Jahr 2000 an Stelle der gesprengten Versöhnungskirche errichtet), das Dokumentationszentrum, die Open-Air-Ausstellung, die Ausstellung im S-Bahnhof Nordbahnhof über Grenz- und Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin sowie das Besucherzentrum.[11]

Im Juni 2007 wurde eine ausführliche Dokumentation von Resten der Grenzanlagen in der Bernauer Straße vorgelegt, die im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt erstellt worden ist. Am 12. Dezember 2007 wurde ein internationaler Wettbewerb für die Erweiterung der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße entschieden. Als Gewinner gingen die Berliner Landschaftsarchitekten sinai.Faust.Schroll.Schwarz mit ihren Team-Kollegen Mola Winkelmüller Architekten BDA und ON architektur hervor.[12] Das Konzept sieht eine Freihaltung des Mauerstreifens zwischen der Garten- und der Brunnenstraße und darüber hinaus eine Freihaltung des ehemaligen Postenweges bis zur Schwedter Straße mit verschiedensten Erinnerungs- und Gedenkelementen auf der ganzen Strecke vor. Die Planung wurde schrittweise 2014 umgesetzt. Auch wenn zwischen Brunnen- und Schwedter Straße wieder eine straßenseitige Bebauung entstanden ist, so vermittelt doch heute noch die breite Schneise auf der Südseite der Bernauer Straße im südwestlichen Teil einen Eindruck von den einstigen Grenzanlagen.

VerkehrBearbeiten

Mit der Verbreitung der Straßenbahn als Nahverkehrsmittel wurden Linien über die Eberswalder und Bernauer Straße bis zum Stadtzentrum eingerichtet. Als Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg eine Viersektorenstadt wurde, kreuzte die Trasse an der Einmündung der Schwedter und Oderberger Straße die Grenze zwischen dem sowjetischen und französischen Sektor. Die Fahrer und Schaffner mussten an dieser Stelle ausgetauscht werden (West-BVG, Ost-BVG). 1964 wurde der Straßenbahnverkehr auf der Bernauer Straße eingestellt, und die Oberleitungen und Schienen wurden größtenteils entfernt.

 
U-Bahnhof Bernauer Straße nach der Sanierung

Der U-Bahnhof Bernauer Straße der Linie U8 liegt unmittelbar südlich der Kreuzung mit der Brunnenstraße. Während der Teilung war er geschlossen und galt als „Geisterbahnhof“. Der nördliche Ausgang, der direkt auf die Bernauer Straße führt, war zu Mauerzeiten zugemauert. Da der U-Bahnhof komplett im Grenzgebiet lag, war das Betreten weder von der Ost- noch von der Westseite möglich.

Im Jahr 2006 wurden einige alte Straßenbäume unter starkem Protest der Anwohner für den Umbau der Straße gefällt. Im Rahmen der Planungen für den nördlichen Innenstadtring wurden das Kopfsteinpflaster gegen eine Asphaltdecke ausgetauscht, Fahrradwege angelegt und die Straßenbahnlinie M10 von ihrer Endhaltestelle am Mauerpark bis zum Nordbahnhof verlängert; die Gleise liegen in der Straßenmitte.

Entlang des größten Teils der Bernauer Straße verläuft der Berliner Mauerweg. Er ist für Fußgänger und Radfahrer nutzbar. Auf der Höhe der Schwedter Straße und des Mauerparks wird die Bernauer Straße vom Radfernweg Berlin–Usedom gekreuzt.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Marion Detjen: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-834-3, S. 134 ff..
  • Bettina Effner, Helge Heidemeyer (Hrsg.): Flucht im geteilten Deutschland: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. (Ausstellung Flucht im Geteilten Deutschland, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde e. V.) Berlin 2005, ISBN 3-89809-065-5.
  • Gisela Helwig (Hrsg.): Die letzten Jahre der DDR. Texte zum Alltagsleben. Edition Deutschland Archiv, Köln 1990, ISBN 3-8046-8760-1.
  • Norbert Nail: Handeln und Sprachhandeln an der Berliner Mauer. Zur frühen Dekonstruktion einer Staatsgrenze. In: Muttersprache 106, 1996, S. 302–307. ISSN 0027-514X.
  • Die Berliner Mauer – Ausstellungskatalog Dokumentationszentrum Berliner Mauer. Verein Berliner Mauer. Berlin/Dresden, ISBN 3-930382-80-6.
  • Peter Brock (Hrsg.): Berliner Straßen neu entdeckt. 33 Streifzüge durch die Hauptstadt. Jaron Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-89773-114-2, S. 33–38: Die Schneise.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten