Auswärtstorregel

Regel für Pokalwettbewerbe mit Hin- und Rückspielen

Die Auswärtstorregel wird in manchen Fußball- sowie auch Handball-Pokalwettbewerben, die ein Hin- und Rückspiel vorsehen (wie z. B. die Relegationsspiele zur Bundesliga und 2. Bundesliga des DFB sowie die K.-o.-Runden der EHF Champions League) angewendet, um eine Entscheidung über den Sieger möglichst ohne eine Verlängerung oder ein Wiederholungsspiel zu erzwingen. Sie besagt, dass bei unentschiedenem Spielstand in der Addition von Hin- und Rückspiel, also bei Punkt- und Torgleichheit, diejenige Mannschaft die nächste Runde erreicht, die mehr Auswärtstore erzielt hat. Sie wurde erstmals 1965 international angewendet, in KO-Spielen von Fußballwettbewerben der UEFA (z. B. UEFA Champions League, UEFA Europa League und UEFA Europa Conference League) wird sie jedoch ab der Saison 2021/22 nicht mehr angewendet.[1]

AnwendungBearbeiten

Die Regel kommt zur Anwendung, wenn beide Mannschaften nach Hin- und Rückspiel die gleiche Anzahl Tore aufweisen (Spezialfall siehe unten). Die Mannschaft, die dann mehr Auswärtstore aufweisen kann, gewinnt.

 Beispiel 1 (2 Heimsiege)
 Mannschaft A 1:0 Mannschaft B (Stadion Mannschaft A)
 Mannschaft B 3:2 Mannschaft A (Stadion Mannschaft B)
 Sieger: Mannschaft A (Mannschaft A 3:3 Mannschaft B → Auswärtstorregel: Mannschaft A 2:0 Mannschaft B)
 Beispiel 2 (2 Auswärtssiege)
 Mannschaft A 0:1 Mannschaft B (Stadion Mannschaft A)
 Mannschaft B 2:3 Mannschaft A (Stadion Mannschaft B)
 Sieger: Mannschaft A (Mannschaft A 3:3 Mannschaft B → Auswärtstorregel: Mannschaft A 3:1 Mannschaft B)
 Beispiel 3 (2 Remis)
 Mannschaft A 1:1 Mannschaft B (Stadion Mannschaft A)
 Mannschaft B 2:2 Mannschaft A (Stadion Mannschaft B)
 Sieger: Mannschaft A (Mannschaft A 3:3 Mannschaft B → Auswärtsregel: Mannschaft A 2:1 Mannschaft B)

In allen drei Beispielen beträgt der Spielstand beider Mannschaften 3:3, aber Mannschaft A hat jeweils (mehr) Auswärtstore erzielt als Mannschaft B. Damit ist Mannschaft A der Sieger in allen Beispielen, obwohl in Beispiel 3 sogar kein Team eine Partie gewinnen konnte.

Prinzipiell ist die Anzahl der Auswärtstore lediglich bei Punkt- und Torgleichheit von Bedeutung.

Zu Verwirrungen und falschen Schlussfolgerungen führt regelmäßig die in Fankreisen vertretene (fehlerhafte) Ansicht, dass Auswärtstore doppelt zählen würden. Verlöre beispielsweise eine Mannschaft auswärts 2:3, so würde sie nach dieser Lesart im Gesamtergebnis 4:3 führen (Verdoppelung der 2 Auswärtstore) und mit einem 0:0 im Heimspiel in die nächste Runde einziehen. Das ist jedoch nicht korrekt, vielmehr muss diese Mannschaft nach eine 2:3-Niederlage auswärts ihr Heimspiel mit 1:0, 2:1 oder mit mehr als einem Tor Differenz gewinnen, um in die nächste Runde einzuziehen. Bei einem 3:2 Heimsieg nach einer 2:3 Auswärtsniederlage ginge das Spiel in die Verlängerung.

Die Auswärtstorregel nach VerlängerungBearbeiten

Falls beide Mannschaften nach zwei Partien gleich viele Tore und gleich viele Auswärtstore erzielt haben, geht das Rückspiel in die Verlängerung. In den meisten Fällen (fast alle UEFA-Wettbewerbe wie Champions League oder Europa League bis zur Saison 2020/21) wird die Auswärtstorregel auch auf das Resultat nach Verlängerung angewendet.

 Beispiel
 Mannschaft A 2:0 Mannschaft B
 Mannschaft B 2:0 Mannschaft A
 Das Spiel geht in die Verlängerung.
 nach Verlängerung Mannschaft B 3:1 Mannschaft A
 Sieger: Mannschaft A

Falls die Verlängerung torlos war (also die Anzahl Tore und Auswärtstore danach immer noch gleich ist), fällt die Entscheidung im Elfmeterschießen. Hier kommt die Auswärtstorregel nie zur Anwendung.

Diese Regel wird in den europäischen Handballwettbewerben nicht angewendet. Sollten beide Mannschaften nach der regulären Spielzeit des Rückspiels auch gleich viele Auswärtstore erzielt haben, beide Spiele haben also mit dem gleichen Ergebnis geendet, so gibt es ein Siebenmeterwerfen ohne vorige Verlängerung.

Variation nach VerlängerungBearbeiten

In einigen Wettbewerben, z. B. der CONCACAF Champions League, wird die Auswärtstorregel nach einer Verlängerung allerdings nicht angewendet.

 Beispiel
 Mannschaft A 2:0 Mannschaft B
 Mannschaft B 2:0 Mannschaft A
 Das Spiel geht in die Verlängerung.
 nach Verlängerung Mannschaft B 3:1 Mannschaft A
 Die Entscheidung fällt im Elfmeterschießen.

Spezialfall im englischen Fußball bis 2018/19Bearbeiten

Eine ungewöhnliche Variante kam beim englischen Ligapokal im Halbfinale (der einzigen Runde mit Hin- und Rückspielen) bis zur Saison 2018/19 zur Anwendung: Hier wurde die Auswärtstorregel nur nach einer Verlängerung, nie jedoch nach der regulären Spielzeit angewendet. Es konnte sein, dass sich der Spielstand nach der Verlängerung nicht änderte, aber dennoch kein Elfmeterschießen nötig wurde.

 Beispiel
 Mannschaft A 2:0 Mannschaft B
 Mannschaft B 3:1 Mannschaft A
 Das Spiel geht in die Verlängerung.
 nach Verlängerung Mannschaft B 3:1 Mannschaft A
 Sieger: Mannschaft A

Gründe für die Einführung und Diskussion über die AbschaffungBearbeiten

Beschwerliche Anreisen der Auswärtsmannschaften und fehlende Normen z. B. bei Platzgröße führten in der Vergangenheit dazu, dass Heimteams einen immensen Vorteil bei Partien im eigenen Stadion genossen. Als Zweck der Auswärtstorregel wurde angeführt, diesen Heimvorteil zu kompensieren und das Auswärtsteam zu einer offensiveren Spielweise zu ermutigen.[2]

Im Laufe der Zeit nahm die Bedeutung des Heimvorteils allerdings ab, was sich auch in der Statistik widerspiegelte. Während im Zeitraum 1965 bis 1981 noch rund zwei Drittel der Teams ihre Heimspiele im Europapokal gewannen, gelang dies im Zeitraum 1997 bis 2013 nur noch etwas weniger als der Hälfte.[3] Die Auswärtstorregel würde zudem die Heimteams dazu animieren, defensiver aufzutreten.[4]

Aus diesem Grunde steht die Auswärtstorregel seit einiger Zeit in der Kritik. Ende Mai 2021 empfahl die Kommission für Clubwettbewerbe der Europäischen Fußball-Union die Abschaffung der Regel.[5]

Abschaffung in KO-Runden von UEFA-WettbewerbenBearbeiten

Am 24. Juni 2021 teilte die UEFA in einem Statement mit, dass die Regel ab der Saison 2021/22 für alle KO-Spiele in von der UEFA ausgetragenen internationalen Wettbewerben abgeschafft wird.[1] Damit findet die Regel in der Champions League und der Europa League ab der Saison 2021/22 keine Anwendung mehr, die neu eingeführte Europa Conference League startet ebenfalls ohne die Auswärtstorregel in KO-Spielen. Stattdessen soll nun bei jeglicher Torgleichheit nach zwei Spielen das Rückspiel in zwei 15-minütige Verlängerungen gehen. Sollte es auch dort zu keiner Tordifferenz über zwei Spiele mehr kommen wird ein Elfmeterschießen ausgetragen, in dem der Sieger aus diesem in die nächste Runde einziehen wird.

In der Gruppenphase gilt die Auswärtstorregel weiterhin, käme jedoch erst dann zur Anwendung, wenn nach jeweils sechs Spielen zwei Mannschaften nach Punkten sowie nach Tordifferenz und erzielten Toren über alle Spiele und dann erneut mit den selben Kriterien in den Spielen untereinander absolut gleich stehen würden.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Auswärtstorregel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Abolition of the away goals rule in all UEFA club competitions. uefa.com, 24. Juni 2021, abgerufen am 24. Juni 2021 (englisch).
  2. Streitpunkt Auswärtstorregel: Geschichte, Probleme, Alternativen. Abgerufen am 30. Mai 2021 (deutsch).
  3. Auswärtstorregel auf der Kippe. Abgerufen am 30. Mai 2021.
  4. Streitpunkt Auswärtstorregel: Geschichte, Probleme, Alternativen. Abgerufen am 30. Mai 2021 (deutsch).
  5. UEFA - die Abschaffung der Auswärtstorregel naht. 29. Mai 2021, abgerufen am 30. Mai 2021.