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Angelo Comastri

italienischer Kurienkardinal
Angelo Comastri (2014)

Angelo Kardinal Comastri (* 17. September 1943 in Sorano, Provinz Grosseto, Italien) ist ein Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche. Seit 2006 ist er Erzpriester des Petersdoms.

LebenBearbeiten

Nach seiner Schulzeit an den Seminaren von Pitigliano und Viterbo sowie dem Studium der Katholischen Theologie und Philosophie an der Lateranuniversität, wo er das Lizentiat der Theologie erwarb, empfing Comastri am 11. März 1967 durch Bischof Luigi Boccadoro in der Pfarrkirche seiner Heimatstadt Sorano das Sakrament der Priesterweihe. Anschließend wirkte er zunächst am Kleinen Seminar in Pitigliano und wurde 1968 als Mitarbeiter in der Kongregation für die Bischöfe berufen.

1971 kehrte er an das Seminar in Pitigliano zurück, zu dessen Regens er berufen worden war, und wurde 1979 Pfarrer der Pfarrei Santo Stefano Protomartire in Porto Santo Stefano. Papst Johannes Paul II. verlieh ihm am 19. April 1985 den Ehrentitel Kaplan Seiner Heiligkeit (Monsignore).[1]

Am 25. Juli 1990 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Bischof von Massa Marittima-Piombino. Die Bischofsweihe spendete ihm der Kardinalpräfekt der Kongregation für die Bischöfe, Bernardin Kardinal Gantin, am 12. September desselben Jahres. 1994 verzichtete Comastri auf die Leitung seines Bistums, nachdem er zum Präsidenten des nationalen Vorbereitungskomitees für das Heilige Jahr 2000 berufen wurde. Johannes Paul II. verlieh ihm am 9. November 1996 den persönlichen Rang eines Erzbischofs und ernannte ihn zum Prälaten der Territorialprälatur Loreto sowie zum Päpstlichen Gesandten für das Heiligtum in Loreto.

Am 5. Februar 2005 wurde Comastri Präsident der Dombauhütte von Sankt Peter, Koadjutor des Erzpriesters der Patriarchalbasilika St. Peter und Generalvikar Seiner Heiligkeit für die Vatikanstadt.[2] Als der Papst am 31. Oktober 2006 den altersbedingten Rücktritt Kardinal Francesco Marchisanos vom Amt des Erzpriesters von St. Peter annahm, folgte er diesem kraft Gesetzes nach.[3]

Am 24. November 2007 nahm ihn Benedikt XVI. als Kardinaldiakon mit der Titeldiakonie San Salvatore in Lauro in das Kardinalskollegium auf. Angelo Kardinal Comastri ist Mitglied der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse (seit 2005[4], bestätigt 2008[5] und 2013[6]) und der Päpstlichen Akademie der Unbefleckten Empfängnis. Kardinal Comastri nahm am Konklave 2013 teil, das Papst Franziskus wählte.

Am 19. Mai 2018 wurde er von Papst Franziskus unter Beibehaltung seiner Titeldiakonie als Titelkirche pro hac vice zum Kardinalpriester ernannt.[7]

Preseminario San Pio XBearbeiten

 
Blick von der Kuppel des Peters­doms auf den Palazzo San Carlo (links), wo sich die Dienstwohnung des Erzpriesters von St. Peter (Mitte) und die Schlafsäle des Knabenseminars San Pio X (hinterer Flügel) befinden. Rechts der Palast des Tribunals, wo das Verfahren stattfindet.

Kardinal Comastri ist im Rahmen der Missbrauchskrise in der römisch-katholischen Kirche eine Schlüsselfigur im ersten juristisch offenbar gewordenen Fall von Kindesmissbrauch durch Kleriker, der sich unmittelbar innerhalb des Vatikanstaates abgespielt haben soll. Als Erzpriester des Petersdoms ist er als Vertreter des Bischofs von Rom für das vatikanische Präseminar St. Pius X. zuständig, ein Internat für Jungen im Alter von 11 bis 14 Jahren, die im Petersdom als Ministranten dienen und sich für eine Priesterlaufbahn interessieren. Dort ist es nach der Darstellung von Gianluigi Nuzzi in seinem im Herbst 2017 erschienenen Enthüllungsbuch Peccato originale (deutsch Erbsünde, Zürich 2018)[8] in den Jahren vor 2012/13 zu Missbrauchstaten an minderjährigen Zöglingen durch einen jungen Priesteramtskandidaten und Internatserzieher gekommen, der von der Internatsleitung gedeckt wurde. Die vatikanische Anklagebehörde erhob nach zweijährigen Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft und der vatikanischen Strafverfolgungsbehörden im Herbst 2019 Anklage gegen den 2017 zum Priester geweihten, mutmaßlichen Täter sowie wegen Beihilfe auch gegen den früheren Rektor (2002–2014) des Knabenseminars. Kardinal Comastri hatte mit anderen Kurialen 2012 und 2013 anonyme Hinweise auf die Missbrauchsvorfälle erhalten und in Absprache mit Kardinal Angelo Sodano zusammen mit seinem Sekretär, Kurienbischof Vittorio Lanzani, sowie dem Bischof von Como Diego Coletti nachgeforscht, aber keine Anhaltspunkte für die Stichhaltigkeit des Verdachts gefunden. Im Sommer 2014 war er schließlich direkt von einem Zeugen über Einzelheiten informiert worden, hatte aber außer dem Austausch der Leitung des Seminars nichts mehr unternommen. 2017 hatte er nach den Veröffentlichungen Nuzzis behauptet, in dem Seminar habe es keinen Missbrauch gegeben und die Vorwürfe seien von dem Zeugen erfunden worden, um sich an seinen Ausbildern zu rächen. Die Anklageerhebung im Vatikan ist durch eine Verfügung von Papst Franziskus möglich geworden, der die bis dahin geltende einjährige Verjährungsfrist am 29. Juli 2018 rückwirkend aufgehoben hat.[8][9][10][11][12][13]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

 
Kardinalswappen Comastris
  1. Annuario Pontificio per l’anno 1987, Vatikanstadt 1987, S. 1816.
  2. Nomina del Coadiutore dell’Arciprete della Patriarcale Basilica Vaticana, del Vicario Generale per lo Stato della Città del Vaticano e del Presidente della Fabbrica di San Pietro. In: Tägliches Bulletin. Presseamt des Heiligen Stuhls, 5. Februar 2005, abgerufen am 14. Februar 2016 (italienisch).
  3. Rinuncia dell’Arciprete della Basilica di San Pietro e Nomina del Successore. In: Tägliches Bulletin. Presseamt des Heiligen Stuhls, 31. Oktober 2006, abgerufen am 14. Februar 2016 (italienisch).
  4. Nomina di Membri della Congregazione delle Cause dei Santi. In: Tägliches Bulletin. Presseamt des Heiligen Stuhls, 24. Oktober 2005, abgerufen am 14. Februar 2016 (italienisch).
  5. Nomina di Cardinali Membri dei Dicasteri della Curia Romana. In: Tägliches Bulletin. Presseamt des Heiligen Stuhls, 12. Juni 2008, abgerufen am 14. Februar 2016 (italienisch).
  6. Conferme nella Congregazione delle Cause dei Santi. In: Tägliches Bulletin. Presseamt des Heiligen Stuhls, 19. Dezember 2013, abgerufen am 14. Februar 2016 (italienisch).
  7. Concistoro per il voto su alcune Cause di Canonizzazione. In: Tägliches Bulletin. Presseamt des Heiligen Stuhls, 19. Mai 2018, abgerufen am 21. Mai 2018 (italienisch).
  8. a b Gianluigi Nuzzi: Erbsünde: Papst Franziskus einsamer Kampf gegen Korruption, Gewalt und Erpressung. Orell Füssli, Zürich 2018, ISBN 978-3-280-05685-1, S. 237–267 (hier: 252, 263).
  9. Franca Giansoldati: Vaticano, il cardinale Comastri si difende: «Non ci furono abusi nel pre-seminario, le indagini partirono subito dopo le lettere anonime». In: Il Messaggero. 22. November 2017, abgerufen am 19. September 2019 (italienisch).
  10. Andrea Galli: Il caso. Abusi in Preseminario san Pio X: chiesto processo per due preti. In: Avvenire. 17. September 2019, abgerufen am 19. September 2019 (italienisch).
  11. Matthias Rüb: Vatikan klagt früheren Rektor an. In: FAZ. 18. September 2019, abgerufen am 18. September 2019.
  12. Vatikan verklagt zwei Priester wegen Missbrauchs im Knabenseminar. In: Katholisch.de. 18. September 2019, abgerufen am 18. September 2019.
  13. Vatikan verklagt zwei Priester wegen Missbrauchs im Vatikan. In: Vatican News. 17. September 2019, abgerufen am 20. September 2019.
VorgängerAmtNachfolger
Pasquale MacchiPrälat von Loreto
1996–2005
Gianni Danzi
Francesco Kardinal MarchisanoErzpriester des Petersdoms
seit 2006
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