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Albrecht Haushofer

Geograph, Widerstandskämpfer, Diplomat und Schriftsteller

Leben und beruflicher WerdegangBearbeiten

Albrecht Haushofer war der ältere von zwei Söhnen des königlich bayerischen Offiziers und Geographen Karl Haushofer (1869–1946) und dessen Frau Martha, geborene Mayer-Doss (1877–1946).[1] Für seine Erziehung war hauptsächlich die Mutter zuständig. Das zeitweilig im Elternhaus tätige Kindermädchen aus England brachte ihm frühzeitig die englische Sprache nahe. Seine Erziehung war fördernd, fordernd und streng, Willensschwäche wurde unnachgiebig bekämpft. Insgesamt wuchs er in einer harmonischen bildungsbürgerlich-kultivierten und weltoffenen Atmosphäre auf.

Die Schule besuchte Albrecht Haushofer in München. Hier galt er als Einzelgänger und Sonderling. Neben der Schule erhielt er Klavier- und Kompositionsunterricht. Er spielte gern Klavier, zeigte großes Interesse für Atlanten und Geschichte. Während der Münchener Revolutionszeit 1918/1919 wurde er von der Mutter für mehrere Wochen aufs Land geschickt. Nach dem Abitur am humanistischen Theresien-Gymnasium in München studierte er Geschichte und Geographie. Sehr früh begann er, sich politisch zu orientieren, und trat 1919 gemeinsam mit den Eltern der nationalliberalen DVP bei. Hier spielte er eine aktive Rolle, wurde Vorsitzender der Studentengruppe an der Münchener Universität und Vorsitzender der Jugendgruppe für Bayern. Im dritten Studienjahr erweiterte er seine Studienfächer um Geologie und Nationalökonomie. 1924 wurde er mit der Dissertation Pass-Staaten in den Alpen promoviert. Doktorvater war Erich von Drygalski (1865–1949). Das Thema interessierte Haushofer besonders, da er ein passionierter Bergwanderer war.

Danach unternahm Albrecht Haushofer eine mehrmonatige Brasilienreise. Im Oktober 1924 kehrte er nach Deutschland zurück, bewarb sich auf eine Assistentenstelle bei dem damals berühmtesten Geographen Deutschlands Albrecht Penck in Berlin und trat diese Stelle am 1. Oktober 1925 an. Berlin reizte ihn vor allem wegen seines Theater- und Konzertangebots. Mit dem Ausscheiden aus der Assistentenstelle 1928 wurde er bis 1940 Generalsekretär der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin und bis 1938 Herausgeber ihrer Zeitschrift.[2] In Berlin gewann er, nicht zuletzt durch die Bekanntheit seines Vaters Karl Haushofer, einen recht großen Umgangskreis. Dazu gehörte auch Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007), den er später zu seinen wichtigsten Freunden zählte. Auf Anraten von Albrecht Penck hatte er sich als Habilitationsthema „Die Entstehung von Lösschichten, ausgehend von Studien im Pannonischen Becken“ ausgewählt. Die Bearbeitung des Themas war ihm aber zunehmend zur Qual geworden, da es, wie er es ausdrückte, nicht seiner Haltung entsprach, sich mit Dingen zu beschäftigen, an die er nicht glaube, während es ringsherum „in allen Fugen kracht“.[3] Viel mehr beschäftigte ihn die zunehmende Gefahr einer Machtergreifung durch die NSDAP und der dadurch zu erwartenden Verschärfung der inneren und europäischen Gegensätze. Über die aggressive Agitation der Nationalsozialisten äußerte er sich mehrfach auch öffentlich.

Albrecht Haushofers Sorge vor einer weiteren Radikalisierung der Gesellschaft nahm besonders durch den Ausgang der Reichstagswahl vom 14. September 1930 weiter zu. Politisch gesehen, so seine Einschätzung, hätten sich die Rechten schon so weit demagogisiert, dass reale und angemessene Schritte von ihnen nicht mehr zu erwarten seien. Die damit entstandene Gefahr der Auslöschung Deutschlands in der Weltpolitik sei noch nie so groß gewesen wie jetzt. Deshalb sah er es als seine Aufgabe an, dieser Entwicklung mit seinen Möglichkeiten entgegenzuwirken: durch das Eintreten für eine Politik der Kriegsverhinderung und die Stärkung der friedensfördernden Kräfte. Dazu knüpfte er Netze von politischen Beziehungen und hielt Vorträge, zum Teil auch im Rundfunk, zur Meinungsbildung. An der Spitze stand aber seine Überlegung, selbst in die Politik zu gehen. Eine Netzwerkbildung erhoffte er sich auch davon, dass er 1931 zusätzlich Geschäftsführer des Deutschen Geographentages wurde und sich damit intensiver an Kolloquien der Berliner Universität beteiligen konnte. Im Mai des gleichen Jahres reichte er seine Habilitationsschrift ein, zog sie aber zurück, als erste kritische Stimmen zu vernehmen waren. Ein Jahr darauf schrieb er seine erste Komödie Und so wird Pandurien regiert, die dann auf einer Provinzbühne aufgeführt wurde.

Entwicklungen in der Zeit des NationalsozialismusBearbeiten

Ab 1933 veränderten sich die politischen Rahmenbedingungen für Albrecht Haushofer gravierend. Mit den Bedingungen der Weimarer Republik hatte er sich arrangiert. Ein System mit extremer ideologischer Polarisierung und absolutem Totalitarismusanspruch war für ihn nicht akzeptierbar. Das warf auch seine bisherige Lebensplanung um. Eine politische Laufbahn war nun ausgeschlossen, und eine akademische Karriere schien nach dem neuen Beamtengesetz kaum umsetzbar. Denn nach den NS-Kriterien galt er als „Vierteljude“, war damit diskriminiert und potentiell gefährdet. Aufgrund einer Intervention von Rudolf Heß, der seit 1919 eng mit seinem Vater befreundet war, erhielt er eine Dozentur für Geopolitik an der Hochschule für Politik in Berlin, die er im Juli 1933 trotz schwerer Bedenken gegen das neue Regime antrat. Dabei leitete ihn die Hoffnung, auf diesem Weg die Außenpolitik beeinflussen zu können, die er als eine Gefahr für den europäischen Frieden erkannt hatte. Sein Mitwirken sah er als eine Möglichkeit des Gegenwirkens. Seinem Vater schrieb er dazu am 14. August 1933, dass er sich zum Mitarbeiter, „überhaupt zum Weiterleben zwingen muss“, denn nun komme er in den „wahrhaft falschen Geruch eines P.G.“ (Parteigenossen).[4] Aber die Dozentur bot ihm Chancen, weiter einwirken zu können. Es folgten erste Aktivitäten, um Rudolf Heß zu zu arbeiten und Anliegen an ihn herantragen zu können.

Dazu fungierte Albrecht Haushofer ab 1933 als Berliner Stellvertreter seines Vaters im Vorsitz des „Volksdeutschen Rates“, eines Rudolf Heß unterstellten beratenden Gremiums. Dadurch erhielt er gute Beziehungen zu Joachim von Ribbentrop, der zu dieser Zeit persönlicher Berater Adolf Hitlers in außenpolitischen Fragen war und großen Wert auf den Rat Albrecht Haushofers legte. Ab 1934 war er freier Mitarbeiter der Dienststelle Ribbentrop und unternahm in dessen Auftrag Reisen in geheimer Mission nach Großbritannien, Spanien, Tschechoslowakei, Südosteuropa und Japan. So führte ihn 1936 ein Auftrag von Ribbentrop zum tschechischen Präsidenten Edvard Beneš (1884–1948). Ziel war es hier, durch einen Vertrag mit der Tschechoslowakei die kleine Entente zwischen Frankreich und der Sowjetunion zu schwächen. Bei positivem Ausgang, so das Urteil von Albrecht Haushofer, könne das „ein Beitrag für den europäischen Frieden“ werden. Im Sommer 1937 finanzierte ihm die Dienststelle Ribbentrop eine Reise nach Japan. Hier ging es in erster Linie um Informationsbeschaffung aus japanischen militärischen Kreisen und die Aktivierung von zukünftigen Gesprächspartnern für politisch-militärische Bündnisse. Haushofer war kaum in Japan, als der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke am 7. Juli 1937 den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg auslöste. In Abänderung seines ursprünglichen Reiseprogramms bekam er nun Gelegenheit, Schauplätze der Schlacht um Peking-Tianjin zu besuchen und die Auswirkungen eines „modernen Kriegs“ vor Ort kennenzulernen. Voller Entsetzen gab er seine Eindrücke in dem Gedicht Nankau-Pass wieder:

 
Nan Kau Paß bei Peking, alternative Schreibweise Nankou oder Nankow (siehe auch Juyongguan)

„Krächzend kreisen schwarze Schwärme.
Suchen, warten, stoßen nieder.
Hacken Augen und Gedärme
Sterbender. Und kreisen wieder.“[5]

Eine erneute Reise nach Japan, um politische und militärische Kreise zu besänftigen, bei denen der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt im August 1939 große Irritationen ausgelöst hatte, konnte er abwenden.

Seine mehrmaligen Warnungen in Artikeln der „Zeitschrift für Geopolitik“ vor der Gefährdung des Friedens, die er anfangs noch versteckt, später aber in erstaunlicher Offenheit äußerte, gipfelten im Juni 1938 in einer Art Denkschrift. Mit sehr klaren Worten warnte er darin den inzwischen zum Reichsaußenminister avancierten Joachim von Ribbentrop vor einem Krieg gegen die Tschechoslowakei.[6] Dieser vermerkte lediglich lakonisch am Rande des Dokumentes „Secret Service Propaganda“. Spätestens im Herbst 1938 hatte Albrecht Haushofer erkannt, dass seine Bemühungen, den Kurs der Außenpolitik zu beeinflussen, aussichtslos waren. Bei einigen seiner auswärtigen Gesprächspartner war er durch seine Versuche des Entgegenwirkens, vor allem bei seinen Verbindungen nach England, in Interessenkonflikte geraten. Ende Januar 1939 erfuhr er von dem deutschen Vorhaben einer Okkupation Böhmens. Nach der britisch-französischen Garantieerklärung für Polen vom 31. März 1939 sah Albrecht Haushofer für sich endgültig keine Möglichkeit mehr, einen Krieg zu verhindern, der, wie er seinen Eltern im Oktober und Dezember 1939 nach der Niederwerfung Polens schrieb, die Katastrophe des Deutschen Reiches, die „große Zerstörung Europas“, den Zusammenbruch „unserer ganzen Kulturwelt“ herbeiführen werde.[7]

In seiner schriftstellerischen Arbeit, die weitgehend unbekannt blieb, versuchte er verdeckt das politische Zeitgeschehen kritisch zu deuten. Von seinen historischen Dramen Scipio (1934), Sulla (1938) und Augustus (1939) wurden das erste und das letzte vor 1945 aufgeführt. Bis 1943 verfasste er die Dramen Die Makedonen und Chinesische Legende, die erst postum veröffentlicht wurden.

Ab Mitte 1936 stand Albrecht Haushofer mit oppositionellen Kräften in direkter, oft vertrauensvoller Beziehung, so mit Akteuren der sogenannten Blomberg-Fritsch-Krise 1938 wie Albrecht von Kessel (1902–1976) und Gerhard Graf von Schwerin (1899–1980), der seit 1938 im Bereich Abwehr, Abteilung Fremde Heere West, für die USA und England zuständig war. Dass er von den konkreten Putschplänen vor der Münchener Konferenz im September 1938 gewusst hat, ist aber nicht belegbar. Im März 1940 kamen Otto Kiep (1886–1944) und Ulrich von Hassell (1881–1944) zu der Erkenntnis, dass Albrecht „jetzt“ so denkt „wie wir.“[8] Anfang 1941 knüpfte Albrecht Haushofer gezielt Beziehungen zu Kreisen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Als Angehöriger des Popitz-Kreises stellte er bewusst seine England-Kontakte zur Verfügung und war ab dieser Zeit an verschwörerischen Aktivitäten beteiligt. Dabei gehörte er mit zu den Kräften, die auf einen baldigen Staatsstreich drängten. Deutschland solle nicht schwach in die Verhandlungen um einen Verständigungsfrieden gehen. Er gehörte zu den Wenigen, die bereit waren, auch mit der Sowjetunion zu verhandeln. Zu seinen Gesprächspartnern innerhalb der Widerstandkreise gehörten Peter Graf Yorck von Wartenburg und Helmuth James Graf von Moltke vom Kreisauer Kreis, Eduard Brücklmeier, Diplomat an der englischen Botschaft, sowie Mitglieder weiterer Berliner Widerstandsgruppen wie Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack, die an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät lehrten oder studierten.

In der Zeit des Zweiten WeltkriegesBearbeiten

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Haushofer freier Mitarbeiter der Informationsstelle I, einer formell unabhängigen Dienststelle des Auswärtigen Amtes. Meist erledigte er die ihm übertragenen Aufgaben zum eigenen Schutz, aber in vollem Hass auf die menschliche Unvernunft, die sich bei den Entscheidungsträgern in Politik und Militär breit gemacht hatte. Er hatte sich seit dem Überfall auf Polen zu einem „Nazi-Hasser“ entwickelt, der sich wie auf einem „havarierten, schon brennenden und von Narren und Verbrechern weithin beherrschten und geführten Schiff“ fühlte. Ab diesem Zeitpunkt hatte er die monatliche Berichterstattung in der Zeitschrift für Geopolitik eingestellt, weil er nicht bereit war die Verantwortung für eine Kriegsberichterstattung zu übernehmen. Er selbst veröffentlichte von da an auch keinen eigenen Artikel mehr in der Zeitschrift. Anfang 1940 wurde die Hochschule in die neue Auslandswissenschaftliche Fakultät der Berliner Universität überführt. Albrecht Haushofer erhielt dort eine Professur für Politische Geographie und Geopolitik. Im August 1940 wurde er durch Joachim von Ribbentrop kurzfristig nach Wien beordert, um als Experte am Zweiten Wiener Schiedspruchverfahren über die Aufteilung Siebenbürgens zwischen Ungarn und Rumänien mitzuwirken. Als er in Wien eintraf, stellte er erleichtert fest, dass die Entscheidung bereits durch die Außenminister von Deutschland und Italien getroffen war. Ich wollte, so schrieb er seiner Mutter, „vor der Geschichte auch nicht die geringste Verantwortung (für so etwas) tragen.“[9]

Ab Sommer 1940 war er von Rudolf Heß in dessen Vorbereitungen eines geplanten Sondierungsfluges nach Großbritannien einbezogen worden. Er schrieb Briefe an Kontaktpersonen in England und unterbreitete Vorschläge für ein Treffen im neutralen Portugal, die aber ohne Resonanz blieben. Fünf Tage vor dem Flug am 10. Mai 1941 hatte er noch ein letztes Gespräch mit Heß. Dessen Aktion, auf eigene Kappe, empfand er als eine Narrheit. Nach Heß’ Flug nach Schottland geriet Haushofer in eine äußerst schwierige Lage. Er wurde zwei Tage später zum Obersalzberg beordert und daraufhin verhaftet. Er blieb 6 Wochen im Gestapo-Hausgefängnis Prinz-Albrecht-Straße inhaftiert. Vernommen wurde er zum Teil durch Reinhard Heydrich (1904–1942) selbst. Als besonders entwürdigend empfand Albrecht Haushofer, dass die Gestapo-Leute sich für seine allerpersönlichsten Angelegenheiten interessierten. Während der Haft schrieb er das Schauspiel Die Makedonen über den Zerfall eines Imperiums nach dem Tod seines Begründers. Die SS-Aufseher schlossen jeden Abend die Manuskript-Seiten sorgfältig ein. Nach seiner Freilassung wurde er sofort aus seiner Tätigkeit bei der Informationsstelle I entlassen. Auch danach blieb er unter Aufsicht der Gestapo. Ihm angetragene Termine für ein öffentliches Auftreten hinterfragte er von nun an vorher in der Parteizentrale und war froh, dass ihm der Auftritt versagt wurde.

 
Eines der Zitate aus Albrecht Haushofers Moabiter Sonetten
im Geschichtspark Ehemaliges Zellengefängnis Moabit:
„Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk und Eisengittern ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern“

Im Dezember 1943 wurden in einer Bombennacht Albrecht Haushofers Institut und seine Wohnung in Berlin zerstört. Aufnahme fand er im Norden von Berlin im Elternhaus zweier Studenten.

Seit 1942 schrieb Haushofer an dem Fragment gebliebenen Werk Allgemeine politische Geographie und Geopolitik. Es sollte auch eine Auseinandersetzung mit der missbräuchlichen Nutzung der Geopolitik in der Zeit des Nationalsozialismus werden. Mit Rücksicht auf seinen Vater formulierte er einige Passagen der Kritik an der Geopolitik recht zurückhaltend.

Im Sommer 1944 war er der Auffassung, dass es nun kurz vor der sicheren Niederlagte für ein Attentat auf Hitler zu spät sei, da außenpolitisch nichts mehr zu erreichen sei und die Verantwortung Hitlers für die Katastrophe nicht verunklärt werden sollte. Vermutlich war er über den Termin des Attentats informiert. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 tauchte Albrecht Haushofer in Bayern unter. Unterschlupf fand er auf dem Bauernhof von Anna Zahler in der Nähe des Anwesens seiner Eltern auf der Partnachalm. Bei einer Haussuchung am 7. Dezember 1944 wurde er dort durch einen Zufall gefunden: Sein Versteck auf dem Heuboden war recht sicher, aber ein blanker Manschettenknopf verriet ihn. Er wurde verhaftet und im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit inhaftiert. Hier entstanden seine Moabiter Sonette als Resümee seines Lebens und Ausdruck überwundener Verzweiflung. In Moabit schrieb er außerdem an einem unvollendet gebliebenen Drama über Thomas Morus.

 
ULAP-Freitreppe 2010

Ab Januar 1945 erhielt Albrecht Haushofer alle möglichen Hafterleichterungen. Denn er hatte von Heinrich Himmler den Auftrag erhalten, seine aktuelle Ansicht zur eingetretenen Lage aufzuschreiben. Nachdem 80 Sonette fertig waren, schrieb er sie in zwei Exemplaren ab. Ein Exemplar ließ er über einen Mithäftling seinem Bruder Heinz zukommen, der ebenfalls im Moabiter Gefängnis einsaß. Das zweite Exemplar behielt Albrecht Haushofer selbst. Am 2. März 1945 teilte sein Rechtsanwalt mit, dass sein Ermittlungsverfahren noch nicht zum Abschluss gebracht sei. In der Nacht zum 23. April 1945, kurz vor der Befreiung Berlins, wurde er zusammen mit fünfzehn weiteren Gefangenen, darunter die zum Tode Verurteilten Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher, auf Befehl des SS-Gruppenführers Heinrich Müller unter dem Vorwand einer Verlegung von einem SS-Trupp unter dem Kommando des SS-Sturmbannführers Kurt Stawizki auf das nahegelegene, von Bomben zerstörte ULAP-Gelände geführt und dort hinterrücks erschossen.[10] Dort fanden ihn am 12. Mai seine ehemalige Mitarbeiterin Irmgard Schnuhr und sein Bruder Heinz Haushofer, der im April aus der Haft entlassen worden war. In der Manteltasche trug Albrecht Haushofer fünf Blätter mit seinen 80 Sonetten bei sich. Sein Leichnam wurde auf dem Friedhof Wilsnacker Straße bei der Moabiter Johanniskirche beigesetzt.

GedenkenBearbeiten

Irmgard Schnuhr trug eine Abschrift der 80 Sonette bei sich, als sie im Juli 1945 durch amerikanische Truppen für drei Monate inhaftiert wurde. Dabei fiel das Manuskript dem bei der amerikanischen Dienststelle tätigen Historiker Friedrich Wilhelm Eule in die Hand, der Albrecht Haushofer auch gekannt hatte. Er legte die Sonette seinen amerikanischen Vorgesetzten vor, und diese waren so beeindruckt, dass sie einen Privatdruck veranlassten.

1946 erschien dann die erste gedruckte Ausgabe unter dem Titel Moabiter Sonette mit einem Nachwort des ehemaligen Schülers von Albrecht Haushofer, Rainer Hildebrandt.[11]

 
Kriegsgräberfriedhof Wilsnacker Straße

Haushofers Grab auf dem nunmehrigen Kriegsgräberfriedhof Wilsnacker Straße wurde in die Liste der Ehrengräber in Berlin aufgenommen. Eine Tafel am Eingang des Friedhofs zitiert Verse aus einem der Moabiter Sonette („Dem Ende zu“):

„Der Wahn allein war Herr in diesem Land.
In Leichenfeldern schliesst sein stolzer Lauf,
Und Elend, unermessbar, steigt herauf.“

In Berlin-Heiligensee ist die Albrecht-Haushofer-Schule nach ihm benannt, an der sich auch eine Gedenkstele befindet. In Hildesheim und Leverkusen[12] gibt es „Albrecht-Haushofer-Straßen“. 2016 wurde in Machtlfing der Entwurf einer geplanten Gedenkstele für Haushofer vorgestellt.[13] Das ULAP-Gelände ist noch heute (2017) eine Brache. Von der Bebauung hat sich nur eine überwucherte Freitreppe erhalten. An die dort verübten Morde erinnert nichts.

 
Gedenkstele für Albrecht Haushofer, Berlin-Heiligensee

Wissenschaftliche VeröffentlichungenBearbeiten

  • Pass-Staaten in den Alpen. Vowinckel, Berlin-Grunewald 1928 (zugleich Dissertationsschrift, Universität München 1924).
  • Zur Problematik des Raumbegriffs, in: Zeitschrift für Geopolitik, Jg. 9. 1932, H. 12, S. 723–734.
  • Englands Einbruch in China. Junker u. Dünnhaupt, Berlin 1940.
  • Allgemeine politische Geographie und Geopolitik, Band 1 (mehr nicht erschienen), Vowinckel, Heidelberg 1951.

Literarische VeröffentlichungenBearbeiten

  • Abend im Herbst, Drama, 1927.
  • Und so wird in Pandurien regiert, Drama, 1932.
  • Scipio. Ein Schauspiel in 5 Akten, Drama, Propyläen-Verlag, Berlin 1934.
  • Sulla. Ein Schauspiel in 5 Akten, Drama, Propyläen-Verlag, Berlin 1938.
  • Gastgeschenk, Gedichte, Privatdruck 1938.
  • Augustus. Ein Schauspiel in 5 Akten, Drama, Propyläen-Verlag, Berlin 1939.
  • Chinesische Legende. Eine dramatische Dichtung, Blanvalet, Berlin 1949. Uraufführung am 8. Februar 1948 in Göttingen durch Heinz Dietrich Kenter, Chinesische Legende. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1947 (online).
  • Thomas Morus. Unvollendetes tragisches Schauspiel, hrsg. nach dem Manuskript des Autors von Hubertus Schulte Herbrüggen, Paderborn u. a., Schöningh, 1985.
  • Moabiter Sonette. Nach der Originalhandschrift herausgegeben von Amelie von Graevenitz. Biographisches Nachwort von Ursula Laack. 6. Aufl. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-64166-4 (1. öffentliche Ausgabe bei Blanvalet, Berlin 1946, s:Benutzer:Vsop.de/Moabiter Sonette; zu dem sehr stark von dem Manuskript Haushofers abweichenden Text dieser Ausgabe siehe Diskussion).
  • Hans-Edwin Friedrich, Wilhelm Haefs (Hrsg.): Albrecht Haushofer. Gesammelte Werke. Teil I: Dramen I [Scipio, Sulla, Augustus] (= Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. und 21. Jahrhunderts, Band 24). Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2014, ISBN 3-631-64478-7.

LiteraturBearbeiten

  • Ernst Haiger, Amelie Ihering [geb. von Graevenitz],[14] Carl Friedrich von Weizsäcker: Albrecht Haushofer. 2. Auflage. Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 2008, ISBN 3-7846-0179-0.
  • Heinz Haushofer, Adolf Roth: Der Haushof und die Haushofer (= Schriften des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde e.V. Heft 8). Laßleben, München / Kallmünz 1939.
  • Henning Heske: Goethe und Grünbein, Aufsätze zur Literatur. Bernstein, Bonn 2004, ISBN 3-9808198-5-X, S. 29–33.
  • Rainer Hildebrandt: Wir sind die Letzten. Aus dem Leben des Widerstandskämpfers Albrecht Haushofer und seiner Freunde. Michael-Verlag (Inhaber und Lizenzträger: Friedrich Wilhelm Heinz), Neuwied / Berlin 1949.
  • Herbert Kosney: The Other Front. In: Erich H. Boehm (Hrsg.): We Survived. Fourteen Histories of the Hidden and Hunted in Nazi Germany. Westview, 2005, S. 36–51.
  • Ursula Laack-Michel: Albrecht Haushofer und der Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte (= Kieler historische Studien. Band 15). Klett, Stuttgart 1974, ISBN 3-12-905250-X.
  • Ursula Michel: Haushofer, Albrecht Georg. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 120 f. (Digitalisat).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Albrecht Haushofer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Albrecht H. äußert sich in zwei seiner Moabiter Sonette (Acheron und Der Vater) über seinen Vater und dessen Bezug zum Nationalsozialismus. Siehe Christoph Lindenberg: Die Technik des Bösen. Zur Vorgeschichte und Geschichte des Nationalsozialismus. Freies Geistesleben, Stuttgart 1978, S. 10 f. Demnach war der Vater an der Macht interessiert, die der Nationalsozialismus ihm und seinen Gedanken (Geopolitik) verlieh. Dort auch die Notiz, dass der Vater sich erst auf Drängen Außenstehender hin „wegen der Familienehre“ bereit erklärte, einen Rechtsbeistand für den Verhafteten zu besorgen; er selbst hielt Albrecht für einen „Verräter“. ebd. S. 12 mit Anm. 10.
  2. Wikisource:Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, .digizeitschriften.de
  3. Haiger/Ihring/von Weizsäcker, Albrecht Haushofer. Ernst Freiberger-Stiftung, Berlin 2002, S. 25 f.
  4. Brief an den Vater vom 14. August 1933 in: Ernst Haiger, Amelie Ihering, Carl Friedrich von Weizsäcker, Albrecht Haushofer, Ernst-Freiberger-Stiftung, Berlin 2002, S. 46 ff.
  5. Albrecht Haushofer - Rainer Hildebrandt (Hsgb), Wir sind die Letzten, 1946, S. 65.
  6. Aufzeichnung Albrecht Haushofers vom 26. Juni 1938, England Juni 1938, Streng vertraulich und Zur persönlichen Verfügung des Reichsaußenministers in: Ernst Haiger, Amelie Ihering, Carl Friedrich von Weizsäcker, Albrecht Haushofer, Ernst-Freiberger-Stiftung, Berlin 2002, S. 67f.
  7. Briefe Albrecht Haushofers an die Eltern vom 13.10.1939 und an die Mutter vom 13.12.1939, in: Ernst Haiger, Amelie Ihering, Carl Friedrich von Weizsäcker, Albrecht Haushofer, Ernst-Freiberger-Stiftung, Berlin 2002, S. 70.
  8. Ulrich von Hassel, Tagebücher 1938–1944, Eintrag vom 16.3.1941, Siedler Verlag 1989
  9. Brief an die Mutter vom 29.8.1940 in: Ernst Haiger, Amelie Ihering, Carl Friedrich von Weizsäcker, Albrecht Haushofer, Ernst-Freiberger-Stiftung, Berlin 2002, S. 72.
  10. Johannes Tuchel: "... und ihrer aller wartete der Strick": Das Zellengefängnis Lehrter Straße 3 nach dem 20. Juli 1944, Lukas Verlag Berlin 2014, S. 185–347; Rezension von Rainer Blasius, faz.net 14. Juli 2014
  11. Reinhard Schmid, Friedrich Denk: Mangel an nationalsozialistischer Weltanschauung. merkur-online.de 23. April 2005; Amelie Ihering in Haiger/Ihering/Weizsäcker (s. Literatur), S. 114–126; dort S. 128–150 Text der Sonette mit Facs. der Handschrift und Anmerkungen zu einzelnen Sonetten.
  12. Leverkusener Straßenverzeichnis leverkusen.com
  13. Ute Pröttel: Späte Ehre. In: Süddeutsche Zeitung, 17. September 2016.
  14. Das Historisch-Politische Buch, 50. Jahrgang 2002, S. 509, 510 books.google.