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Seepferdchen

Gattung der Familie Seenadeln (Syngnathidae)
Seepferdchen
Seepferdchen (Hippocampus spec.)

Seepferdchen (Hippocampus spec.)

Systematik
Acanthomorphata
Stachelflosser (Euacanthomorphacea)
Barschverwandte (Percomorphaceae)
Ordnung: Seenadelartige (Syngnathiformes)
Familie: Seenadeln (Syngnathidae)
Gattung: Seepferdchen
Wissenschaftlicher Name
Hippocampus
Rafinesque, 1810

Die Seepferdchen (wissenschaftlich seit den 1570er Jahren Hippocampus, nach dem mythologischen Meeresungeheuer Hippokamp)[1] gehören zu den Fischen. Sie fallen besonders durch ihr Äußeres auf, das nur sehr wenig an andere Fische erinnert. Ihr Kopf ähnelt eher dem eines Pferdes, ihr Hinterleib einem Wurm. Gemeinsam mit den Fetzenfischen und weiteren Arten bilden sie die Familie der Seenadeln (Syngnathidae).

Inhaltsverzeichnis

MerkmaleBearbeiten

Der Körper, in der Regel in vertikaler Haltung, ist von ringförmig angeordneten Knochenplatten umgeben, deren Kanten Ringe um den Körper und Leisten längs des Körpers formen. Am im Querschnitt siebeneckigen Rumpf befinden sich gewöhnlich 11, gelegentlich auch 12 bis 13, am Schwanz gewöhnlich 30 oder mehr Ringe. Die Stellen, an denen sich Ringe und Längsleisten kreuzen, sind sie normalerweise erhöht und bilden Tuberkel oder Stacheln. Die Stacheln können Unterscheidungsmerkmale für einzelne Arten sein, variieren jedoch je nach Alter und Geschlecht. Generell sind Jungtiere stacheliger als Erwachsene und Weibchen stacheliger als Männchen. Der Kopf ist nach vorne und abwärts gerichtet, bei adulten Tieren in einem Winkel von weniger als 90°. Das kleine Maul befindet sich an der Spitze einer röhrenförmigen Schnauze, die Kiefer sind unbezahnt.[2] Der Hals ist gut entwickelt und beweglich, der Bauch seitlich stark abgeflacht.[3] Der vierseitige Schwanz ist zum Greifen geeignet, bei den Männchen befindet sich unter dem vorderen Teil des Schwanzes ein Brutbeutel.[2]

Die Rückenflosse sitzt gewöhnlich erhöht über einigen Rumpfringen und ein bis zwei Schwanzringen, Brustflossen sind vorhanden. Rückenflosse und Brustflossen werden von 10 bis 20 Flossenstrahlen gestützt. Die Afterflosse ist klein und kann bei adulten Tieren auch fehlen, eine Schwanzflosse ist nicht vorhanden.[2]

VerbreitungBearbeiten

Seepferdchen leben weltweit in tropischen und gemäßigten Meeren. Die meisten Arten kommen in den gemäßigt temperierten Meeren um Südaustralien und Neuseeland vor. Ihr Schwanz dient als Wickelschwanz der Verankerung an Seegras u. Ä. oder auch an Artgenossen. Interessant ist, dass dabei der Schwanz nicht – wie sonst bei Knochenfischenlateral bewegt wird, sondern nach unten: Die Rumpfmuskulatur ist reduziert, die beiden hinteren unteren Carinalmuskeln sind hingegen stark entwickelt. Bei großer Gefahr flüchten Seepferdchen aber auch noch ausgestreckt.

Die Seepferdchen des Ärmelkanals und der europäischen Atlantikküste gehören nach Kuiter zur Art H. europaeus.[4] Im Mittelmeer leben mindestens drei Arten von Seepferdchen: Das Langschnäuzige Seepferdchen (H. guttulatus) und das Kurzschnäuzige Seepferdchen (H. hippocampus), die aufgrund ihrer Kopfform so genannt werden, und Hippocampus fuscus, das über den Suezkanal aus dem Roten Meer ins Mittelmeer eingewandert ist. Die Populationen des Langschnäuzigen Seepferdchens im Schwarzen Meer stellen möglicherweise eine eigene Art dar.

FortpflanzungBearbeiten

 
Männchen von Hippocampus whitei mit gefüllter Bauchtasche

Neben ihrem Aussehen weist auch ihre Lebensweise einige Besonderheiten auf. So werden bei ihnen nicht die Weibchen, sondern die Männchen trächtig. Die Weibchen produzieren die Eier und legen mit ihnen einen recht großen Dottervorrat an. Beim Geschlechtsakt spritzen sie diese dem Männchen in die dafür vorgesehene Bauchtasche, wo sie vom männlichen Sperma befruchtet werden. Diesem Einspritzen der Eier in die männliche Bruttasche geht eine lange gemeinsame Balz voraus, die aus einem spiraligen Auf und Ab im Seegras besteht. Männchen und Weibchen treffen sich in den Morgenstunden und schwimmen eine Weile synchron mit ineinandergehakten Schwänzen nebeneinander her. Ist das Weibchen paarungsbereit, so beginnt es mit dem speziellen Balztanz, der mit der Begattung endet. Die Weibchen legen je nach Art zwischen 150 und 2000 Eier in die Bruttasche der Männchen.[5][6][7] Im Innern dieser Tasche werden die Eier von einem Gewebe umwachsen, das vor allem die Atmung der Embryonen regelt, also Kohlenstoffdioxid aus den Eiern aufnimmt und Sauerstoff an die Eier abgibt. Daneben stellt das Gewebe eine Umgebung her, die dem Salzgehalt im Meerwasser entspricht. Die Entwicklung der jungen Fische dauert etwa zehn bis zwölf Tage. Nach dieser Zeit zieht sich das trächtige Männchen in das Seegras zurück und beginnt die Jungfische zu gebären.

Die kleinen Fische sind von nun an auf sich selbst gestellt und beginnen mit der Jagd auf kleine, planktonische Krebstiere. Bei einigen Arten findet nach nur einem Tag die erneute Paarung statt.

SystematikBearbeiten

Weltweit gibt es je nach Autor zwischen 35 und 80 Seepferdchenarten. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren viele Arten dazugekommen sind und in der aktuellen Literatur[4] noch einige unbeschriebene Arten abgebildet sind, lässt vermuten, dass die Artenzahl eher am oberen Ende dieser Spanne liegt. Bei einer 2002 beschriebenen Art handelt es sich um eines der kleinsten Seepferdchen, das nur 13,5 Millimeter große Denise-Zwergseepferdchen (Hippocampus denise). Die größten Arten, Hippocampus abdominalis und Hippocampus bleekeri, erreichen 35 Zentimeter Länge.

 
Hippocampus erectus
 
Hippocampus sp.
 
Zwei Dickbauchseepferdchen mit umschlungenen Schwänzen

ArtenBearbeiten

Gegenwärtig (November 2017) werden 43 Seepferdchenarten anerkannt[8]:

bargibanti-Artenkomplex“Bearbeiten

 
Hippocampus bargibanti

Eine Gruppe sehr kleiner Seepferdchen weicht anatomisch von den anderen Seepferdchen ab. Hippocampus bargibanti wurde als erste dieser Arten erst 1970 beschrieben, alle weiteren seit dem Jahr 2003. Die Tiere werden nach der ersten bekannten Art als „bargibanti-Artenkomplex“ oder als „Pygmäenseepferdchen“ bezeichnet. Sie sind nur 14 bis 22 mm lang und mit ihrer äußeren Erscheinung sehr eng an eine Wirtskoralle, Moostierchen oder an Seegras angepasst. Bei diesen Seepferdchen sind die Kiemenöffnungen zu einer einzigen Austrittsöffnung zusammengewachsen, die mittig am Hinterkopf liegt.[4][9]

Zwerg-NadelpferdchenBearbeiten

Neben den eigentlichen Seepferdchen der Gattung Hippocampus werden von einigen Wissenschaftlern noch drei Gattungen seepferdchenähnlicher Seenadeln, die im Deutschen als Zwerg-Nadelpferdchen bezeichnet werden, zu der Unterfamilie Hippocampinae gerechnet. Es sind winzige, durch zahlreiche Hautauswüchse ähnlich wie die Fetzenfische getarnte Fische. Sie werden 4 bis 6,5 Zentimeter lang. Wie die eigentlichen Seepferdchen verfügen die Männchen über eine Bauchtasche, in die die Weibchen die Eier legen. Ihr Schwanz ist flexibel wie der der Seepferdchen und wird benutzt, um sich an Pflanzen festzuhalten.

Gattungen und Arten:

Seepferdchen und MenschenBearbeiten

 
Seepferdchen werden in Guangzhou (China) als Heilmittel getrocknet

GefährdungBearbeiten

Seepferdchen gehören zu den gefährdeten Tiergattungen. Sie haben nur sehr wenige Fressfeinde, da sie mit ihren Knochenplatten, Stacheln und vielen Gräten eine schwer zu verzehrende Nahrung darstellen. Der Rückgang ihrer Population liegt vor allem an der massiven Zerstörung ihrer Lebensräume, der unterseeischen Seegraswälder, und der intensiven Befischung der Gewässer, wodurch sie häufig als Beifang in den Netzen landen. Hinzu kommt vor allem in China und Südostasien der Glaube, dass zerstoßene Seepferdchen heilende, aber auch potenzsteigernde Wirkung haben. Die Bestände der beiden einzigen Seepferdchenarten Europas sind in den letzten 10 Jahren um bis zu 30 Prozent gesunken.[13]

MythologieBearbeiten

In der griechischen Mythologie waren Seepferdchen die Nachfahren jener Rösser, die Poseidons Streitwagen zogen. Die wundersamen Tiere fanden einen Platz in Kunst und Literatur. Ihnen werden noch heute in manchen Kulturen besondere Heilkräfte zugesprochen.

Mythische Darstellungen des Seepferdes (vorne Pferd, z. T. sogar mit Vorderhufen, hinten oft mit der Flosse eines Fisches oder Delfins ausgestattet, möglicherweise ein Missverständnis aufgrund von Beschreibungen des Tieres im späten 15. Jahrhundert), finden sich weltweit relativ häufig in Wappendarstellungen von Küstenorten, insbesondere in England und im Commonwealth. Das Fabelwesen Seepferd ist nicht mit dem Seepferdchen zu verwechseln.

HeraldikBearbeiten

Als Wappentier ist das Seepferdchen in der Heraldik wenig verbreitet, so unter anderem im Ortswappen von Timmendorfer Strand.

LiteraturBearbeiten

  • Rudie H. Kuiter: Seepferdchen: Seenadeln, Fetzenfische und ihre Verwandten. Eugen Ulmer, 2001, ISBN 3-8001-3244-3
  • Rudie H. Kuiter: Revision of the Australian Seahorses of the Genus Hippocampus (Syngnathiformes: Syngnathidae) with Descriptions of Nine New Species, Records of the Australian Museum (2001) Vol. 53: 293–340. ISSN 0067-1975 PDF
  • Joseph S. Nelson, Terry C. Grande, Mark V. H. Wilson: Fishes of the World. Wiley, Hoboken, New Jersey, 2016, ISBN 978-1-118-34233-6

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wortgeschichte von hippocampus Online Etymology Dictionary (englisch)
  2. a b c Rudie H. Kuiter: Revision of the Australian Seahorses of the Genus Hippocampus (Syngnathiformes: Syngnathidae) with Descriptions of Nine New Species. 2001 in Records of the Australian Museum (Online)
  3. Bray, D.J. 2017, Hippocampus in Fishes of Australia, accessed 03 Oct 2018, http://fishesofaustralia.net.au/home/genus/674
  4. a b c Rudie H. Kuiter: Seahorses and their relatives. Aquatic Photographics, 2009, ISBN 978-0-9775372-1-1.
  5. http://www.taucher.de/seepferdchen
  6. http://www.biologie-schule.de/seepferdchen-steckbrief.php
  7. Diese Tiere produzieren in einem Schwung den meisten Nachwuchs. In: National Geographic, 9. November 2017.
  8. Lourie, S.A., Pollom, R.A. & Foster, S.J. (2016): A global revision of the Seahorses Hippocampus Rafinesque 1810 (Actinopterygii: Syngnathiformes): Taxonomy and biogeography with recommendations for further research. Zootaxa, 4146 (1): 1–66. doi:10.11646/zootaxa.4146.1.1
  9. Daniel Knop: Zwerg- und Pygmäenseepferdchen. In: Koralle, Meerwasseraquaristik-Fachmagazin, Nr. 60 Dezember/Januar 2009, Natur und Tier Verlag Münster, ISSN 1439-779X
  10. Acentronura auf Fishbase.org (englisch)
  11. Amphelikturus auf Fishbase.org (englisch)
  12. Idiotropiscis auf Fishbase.org (englisch)
  13. Gewinner und Verlierer im Jahr 2017. In: wwf.ch. 27. Dezember 2017, abgerufen am 28. Dezember 2017.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Seepferdchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wiktionary: Seepferdchen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen