Schulsystem im Vereinigten Königreich

Überblick über die Schulsysteme in England, Nordirland, Wales und Schottland

Das Schulsystem im Vereinigten Königreich besteht seit der Devolution aus vier verschiedenen Untersystemen. So findet man in Schottland, Wales, Nordirland und England jeweils eigenständige Schulsysteme, die ähnlich sind, deren Inhalte und Strukturen aber durch regionale Behörden bestimmt werden.

AllgemeinesBearbeiten

Im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland besuchen die meisten Schüler, welche die Primary School[1] (vergleichbar der deutschen Grundschule) abgeschlossen haben, die sogenannte Comprehensive School (vergleichbar der deutschen Gesamtschule).

Man kann sich jedoch auch noch zwischen Grammar School und den Independent Schools bzw. Public Schools (in Deutschland vergleichbar mit einer Privatschule)[2] entscheiden. Daneben existieren noch Academy Schools, City Technology Colleges u.a.m.

Das Schuljahr gliedert sich in drei Teile, die als Terms bezeichnet werden. Die Ferien werden in der Regel von den Schulen nicht selbst festgelegt. Public Schools verfügen über längere Ferienzeiten als die staatlichen Schulen. Im Herbst gibt es den Autumn Half Term in der Mitte des Autumn Terms, dann folgen um Weihnachten und Neujahr die Christmas Holidays, etwa im Februar ist der Spring Half Term (Spring Term), um Ostern die Easter Holidays, denen im Mai der Summer Half Term (Summer Term) folgen. Je nach Schule beginnen dann Anfang oder Mitte Juli die Summer Holidays, die etwa sechs Wochen dauern.

Das Wiederholen einer Klassenstufe ist im Vereinigten Königreich nicht möglich. Die belegten Kurse werden entweder mit „bestanden“ oder „nicht bestanden“ zensiert und im Zeugnis dokumentiert. Konsequenzen können hierbei sein, dass im nächsten Jahr ein Kurs, der auf einen nicht bestandenen Kurs aufbaut, nicht belegt werden kann.

Laut BBC-Angaben besuchen in Großbritannien etwa 160.000 Kinder keine Schule, sondern bekommen Hausunterricht (Homeschooling), sehr viel mehr als in Deutschland.[3]

Die Bertelsmann Stiftung kritisiert, das britische Bildungssystem zeichne sich durch die Unterstellung aus, dass berufliche im Vergleich zu allgemeinbildenden Qualifikationen „minderwertig“ seien. Eine Gleichstellung der beruflichen und der hochschulischen Bildung sei lange Zeit nie gezielt verfolgt worden. Demzufolge sei erst 2015 eine Unterrichtspflicht für 16- und 17-Jährige eingeführt worden. Dieser Pflicht können Schüler in England auch durch den Besuch eines Further Education College nachkommen, das auch noch Heranwachsende im Alter von 18 bis 20 Jahren besuchen können, da diese Colleges zu einer „höheren Berufsbildung“ führen sollen.[4]

GeschichteBearbeiten

Für das Vereinigte Königreich ist im 19. Jahrhundert anders als in Deutschland der Dualismus von gering geschätzten staatlichen und elitären Public Schools (heute ca. 250) prägend geworden. Seit 1870 (Forster Act) wurden die Gemeinden gezwungen, über local school boards (Gemeindeschulräte) Elementarschulen für Kinder zwischen 5 und 10 Jahren anstelle der kirchlichen Schulen zu errichten, für die aber noch Schulgeld erhoben wurde. Seit 1899 überwachte diese ein zentrales Board of Ecucation in London als zentralistisches Gegengewicht, das 1944 zum Ministery of Education aufgewertet wurde. Unter Premier Churchills Allparteienregierung wurde 1944 der Butler Act verabschiedet, der die drei Stufen im Bildungssystem einführte, aber noch an Aufnahmeprüfungen (Eleven plus) für die höheren Schulen festhielt. Dies änderte die Labour-Regierung ab 1964 durch die nahezu vollständige Einführung der Gesamtschule, das nationale Ministerium wurde nun vom Secretary of state for education geleitet. Unter Premier Thatcher führten die Konservativen 1988 im Education Reform Act gegen die lokale Willkür und oft Qualitätsminderung eine zentralistische Steuerung sowie ein einheitliches National Curriculum ein. 1992 wurde das Office für Standards in Education (Ofsted) gegründet, das vor allem die Examina und Standardtests zu bestimmten Alterszeiten kontrollieren sollte. 1993 wurden die für England typischen Specialist schools eingeführt, die keine Allgemeinbildung mehr in der Sekundarschule anstrebten, aber zu den speziellen Hochschulen hinführen. Dagegen halten bis heute Schottland und Wales an der allgemeinbildenden Gesamtschule fest.

Von 1707 bis 1999 war Schottland eng an die britische Zentralregierung gebunden, das über den Secretary of Scotland und das ihm unterstehende Scotch Education Department auch die Bildung bestimmte, wenn auch die eigenständige schottische Kirche ein Gegengewicht bildete. Mit dem Sieg von Premier Blair 1997 verband sich die Devolution, darunter die stärkere Aufteilung der Bildungsaufgabe auf die vier britischen Regionen. Seitdem gibt es eigentlich kein einheitliches Schulsystem mehr, auch weil besonders Schottland eine eigenständigere Entwicklung anstrebt. Die Verantwortung in Schottland liegt nun beim Scottish Executive Education Department (SEED), während für England das zentrale Londoner Bildungsministerium diese Aufgabe hat, für Nordirland das Department of Education (DENI) und für Wales das Department for Education and Skills (DfES).

Inzwischen erreicht ein Anteil von über 40 % eines Jahrgangs ein Studium, in Schottland noch mehr, die britischen Universitäten haben ein Auswahlrecht bei der Aufnahme, wodurch sich stark und international erfolgreich ihre Qualität definiert.[5] Bei der PISA-Schulstudie hat das Vereinigte Königreich im Primarbereich ganz gut, im Sekundarbereich unter dem OECD-Durchschnitt abgeschnitten.

Abschnitte und SchulartenBearbeiten

Bis zur Hochschulreife muss ein britischer Schüler 13 Schuljahre durchlaufen, begonnen mit der Infant School. Das Schulsystem ist in die folgenden Abschnitte und Schularten gegliedert:

  • Primary School (Infant School) (Vorschule) für Schüler der Altersgruppen 3–5 -
  • Primary School (Junior School) (Grundschule) für Schüler der Altersgruppen 5–11 -
  • Secondary School oder High School (bzw. die Comprehensive School) (Gesamtschule) für Schüler der Altersgruppen 11–16

Im Verlauf dieser Ausbildung werden auf bestimmten Altersstufen vier offizielle Prüfungen abgelegt (Key Stage National Curriculum Tests), die vierte führt zum General Certificate of Secondary Education (GCSE). Benotet wird von A* (beste Note) bis G, bzw. U (unbewertbar). Jeder Schüler entscheidet am Ende der neunten Klasse, welche Prüfungen (General Certificate of Secondary Education (GCSE)) er am Ende der 11. Klasse im Alter von etwa 16 Jahren antreten möchte. Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft sind Pflichtfächer. Diese Prüfungen werden in acht bis elf einzelnen Fächern abgelegt, wobei sich der Stoff an der zehnten und elften Klasse orientiert und die Vorbereitungen bereits ab der zehnten Klasse beginnen. Dieser Abschluss entspricht in etwa dem deutschen Realschulabschluss oder der Mittleren Reife. Danach kann entschieden werden, ob man eine freiwillige weiterführende Schule besucht, eine Ausbildung beginnt oder an der Comprehensive School weitere zwei Jahre bleibt und die sogenannten A-Levels (allgemeine Hochschulreife, vergleichbar dem deutschen Abitur, beziehungsweise der Matura) macht.

  • Sixth Form[6] (Oberstufe) für Schüler der Altersgruppe 16–18. Man macht seine A-Levels (Abitur) in drei bis fünf Fächern eigener Wahl. A-Levels bestehen aus 7 Modulen: 4 AS-Module nach dem ersten Jahr und 3 A2-Module am Ende der Sixth Form. Wenn die Prüfung nicht bestanden wird, gibt es eine Wiederholung. (GCE) Sixth Forms sind oft ein Teil einer Secondary School. In England besucht etwa ein Jahrgangsdrittel diese Stufe.
  • College für Schüler der Altersgruppe 16–18. Hier kann man A-Levels ablegen, aber auch den schulischen Teil einer beruflichen Ausbildung absolvieren.
    • City Technology Colleges, in den 1980er Jahren ohne Kontrolle durch die lokale Behörde der Gemeinde durch die Zentralregierung eingerichtet, sind nur wenige verblieben.

Seit 1998 bestehen sechs Haupttypen staatsfinanzierter Schulen in England:[7]

  • Academy schools, errichtet durch die Labour-Regierung (1997 bis 2010) anstelle der community schools mit schlechtem Ruf in Wohnbezirken mit ungünstigen Ausgangslagen. Oft begannen sie als Stiftungen mit privaten Mitteln, nur die laufenden Kosten werden von der Zentralregierung übernommen. Als Stiftungsschulen unterliegen sie nicht der lokalen Schulkontrolle und dem National Curriculum, brauchen nicht alle Fächer anzubieten. Die neue Regierung ab 2010 weitete das Academy Programme aus, um überall Schulen unter dem Einfluss des zentralen Department for Education zu haben. Sie unterliegen nicht mehr dem National Curriculum, sondern konzentrieren sich auf die Kernfächer. Inzwischen liegt ihr Anteil bei drei Viertel aller Sekundarschulen.[8] Man spricht von einer „Akademisierung“ der Sekundarschule, obwohl die verringerten Fächer eher das Gegenteil anzeigen.
  • Community schools, in denen die lokalen Behörden der Gemeinden das Personal beschäftigen, die Gebäude finanzieren und die Zulassung kontrollieren. Sie sind an das National Curriculum gebunden.
  • Free schools, eingeführt im Herbst 2011 durch die konservative-liberale Koalition, sind neu durch Eltern, Lehrer, Wohlfahrtsorganisationen oder Geschäftsleute errichtete Schulen. Sie werden durch Steuern finanziert und sind ohne Beschränkung zu besuchen. Die Löhne und Schulzeiten werden eigenständig festgelegt, das National Curriculum ist nicht bindend.[9]
  • Foundation schools, in denen eine Stiftung o. ä. das Personal beschäftigt und die Zulassung überwacht.
  • Voluntary Aided schools haben vielfältige Gestalten: Schulen mit konfessionellem Charakter (davon zwei Drittel bei der Church of England, ein Drittel bei der römisch-katholischen Kirche) oder nichtkonfessionelle Schulen wie die der London Livery Companies.
  • Voluntary Controlled schools, die sich freiwillig der lokalen Behörde unterstellen, die dafür das Personal bezahlt und die Zulassung kontrolliert.
  • University technical colleges (UTCs), seit 2010 eingerichtet durch die konservative-liberale Koalition, sind Sekundarschulen, die von einer Sponsorenuniversität oder der lokalen Wirtschaft getragen werden.

Schulsystem in SchottlandBearbeiten

Das schottische Schuljahr beginnt immer im August und endet Ende Juni. Das neue Curriculum heißt Curriculum for Excellence, das nicht mehr dem britischen National Curriculum folgt.[10]

Pre-school EducationBearbeiten

Die Drei- und Vierjährigen durchlaufen eine kostenlose, sogenannte Pre-school Education (Vorschulerziehung). Die Arbeit hier ist eine Zusammenarbeit der lokalen Behörden mit Freiwilligen und Privatleuten. Die Woche umfasst fünf Schultage und jeder Schultag dauert zweieinhalb Stunden. Hierbei unterscheidet sich die Dauer je nach lokaler Behörde. An den Ein- und Ausgängen werden sogar Windeln verteilt.

Primary SchoolsBearbeiten

Vergleichbar mit der Grundschule sind hier Schüler im Alter zwischen 5 und 12 Jahren. Die erste Klasse wird als Primary 1 (p1) bezeichnet und die Zählweise wird dementsprechend fortgesetzt bis zu P 7.

Secondary SchoolsBearbeiten

Das schottische Schulsystem ist ein Gesamtschulsystem. Bis in die siebziger Jahre gab es in Schottland drei weiterführende Schulen: Die Grammar School, die Secondary Modern School, und die Technical School. Um mehr Chancengleichheit zu erreichen, wurde dieses System zu Gunsten der Gesamtschule, der Comprehensive School, abgeschafft.

Der Unterricht beginnt um 09:00 Uhr und endet um 15:30 Uhr. Die Schulen sind mit Kantinen oder Schulmensen ausgestattet. Hier werden die Schüler mit Mittagessen (Lunch) versorgt. Die Schulstunden dauern 50 oder 55 Minuten. Die erste Klasse an einer Secondary School wird als S1 (Secondary 1) bezeichnet. Auch hier wird die Zählweise dementsprechend fortgesetzt, also die Bezeichnung der letzten möglichen Klasse S6.

Die meisten Schulen verpflichten die Schüler, Uniformen zu tragen, damit sie gleich gekleidet zum Unterricht erscheinen. In der Regel bestehen Uniformen aus Hemd, Krawatte, einer Stoffhose oder einem Rock, einer Jacke oder einem Pullover.

Nach elf Schuljahren kann man sich entscheiden, ob man die Schule mit dem General Certificate of Secondary Education (GCSE) verlässt und eine Ausbildung beginnt. Die Alternative besteht darin, noch zwei weitere Jahre in der Schule zu verbringen, um das General Certification of Advanced Education (GCE A-Level) zu absolvieren und dadurch die Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen.

Das Fächerangebot in einer Secondary School umfasst:

  • Mathematics (Maths)
  • English
  • Science (Naturwissenschaften)
  • Modern Languages – Auswahl einer Fremdsprache. Zur Auswahl stehen Deutsch, Französisch, Spanisch oder Italienisch. An einigen Schulen wird auch Gälisch als eine erhaltenswerte „Regionalsprache“ angeboten (ähnlich dem Plattdeutschangebot in Deutschland).
  • Classics, Chinesisch, Japanisch[11] (freiwillig und abhängig von der Schule)
  • History – Geschichte
  • Modern Studies – vergleichbar mit Gemeinschaftskunde oder Politikunterricht
  • Geography
  • Technical Education
  • Information Technology
  • Home Economics – Hauswirtschaftsunterricht
  • Physical Education (P.E.) – Sport
  • Social Education
  • Religious Education (R.E.)
  • Art
  • Music
  • Drama
  • Economics
  • Business
  • Media

Im dritten und vierten Jahr besteht eine größere Möglichkeit für Wahlfächer, wobei Mathematik, Englisch und Naturwissenschaft verpflichtend bleiben.

Denominational Schools und Independent SchoolsBearbeiten

Die konfessionellen Schulen sind meist römisch-katholisch. Zu den Privatschulen gehören Private Schools und Public Schools. Sie verlangen Schulgebühren und sind nicht an das National Curriculum gebunden, aber verpflichtet, die gleichen Prüfungen abzunehmen wie staatliche Schulen. Etwa 10 % der Schüler besuchen Privatschulen.[12]

Gaelic Medium SchoolsBearbeiten

Gaelic, zu deutsch Gälisch, ist die alte keltische Sprache Schottlands. Diese wird zusammen mit Englisch an rund 60 primary schools verwendet. Arbeitsaufträge und andere Fächer werden dort in Gälisch unterrichtet. Gleichzeitig gilt es auch als eigenständiges Unterrichtsfach. In den daran anschließenden secondary schools erfolgt der Unterricht auf die gleiche Weise. Hier gibt es verschiedene Kurse, in die die Schüler ihren Fähigkeiten entsprechend eingeteilt werden. Zumeist wird Gälisch in Schulen der Highlands unterrichtet. Aber auch an verschiedenen Schulen im Central Belt oder der Midlands ist Gälisch im Lehrplan zu finden.

ZitateBearbeiten

Das englische Schulsystem ist eines der besten der Welt, wenn man es überlebt! (Peter Ustinov)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Primary education in England, Wales, Scotland and N Ireland. Abgerufen am 3. Januar 2021 (englisch).
  2. Den Schulbesuch ihrer Kinder konnten früher nur Reiche bezahlen. Das 1382 gegründete Winchester College und das Eton College (1440) gelten als älteste Public Schools. Damals durften erstmals arme Schüler aus allen Teilen Englands diese Schule besuchen und nicht, wie bis dahin üblich, nur aus der Nahregion. Nach British Council Germany - FAQ
  3. Homeschooling & Co. als Alternative? Abgerufen am 20. Februar 2020 (deutsch).
  4. Johannes K. Schmees, Tatyana Popkova, Dietmar Frommberger: Das Higher Apprenticeship in England. Bertelsmann Stiftung 2018, S. 2f
  5. Jürgen Kamm/ Bernd Lenz: Großbritannien verstehen. WB, Darmstadt 2004, ISBN 3-89678-490-0, S. 282–291.
  6. Die beiden letzten Jahre vor dem Schulabschluss an höheren Schulen wurden historisch als lower 6th und upper 6th form (wie Klasse oder Bank) bezeichnet, ähnlich in Deutschland mit umgekehrter Zählung Unter- und Oberprima vor dem Abitur.
  7. Types of school. Abgerufen am 1. Februar 2021 (englisch).
  8. Types of school. Abgerufen am 1. Februar 2021 (englisch).
  9. Types of school. Abgerufen am 1. Februar 2021 (englisch).
  10. An overview of the Scottish education system. Abgerufen am 1. Februar 2021 (englisch).
  11. Languages. Abgerufen am 1. Februar 2021 (englisch).
  12. The Condition of Education - Preprimary, Elementary, and Secondary Education - Elementary and Secondary Enrollment - Private School Enrollment - Indicator May (2020). Abgerufen am 11. Dezember 2020.

WeblinksBearbeiten