Schneekatastrophe in Norddeutschland 1978

Die Schneekatastrophe in Norddeutschland 1978/1979 war ein Schneefall mit Schneesturm in Norddeutschland zur Jahreswende 1978/1979 von außergewöhnlichem Ausmaß. Ein zweites Ereignis im Februar 1979 führte ebenfalls zu schweren Behinderungen in weiten Gebieten Norddeutschlands.

Schneewinter 1978/1979
Großwetterlage Nordostlage mit Aufeinandertreffen von Polarluft und feuchter, milder Luft über Mitteleuropa (beide Ereignisse)
Daten
Beginn 30. Dezember 1978 / 13. Februar 1979
Ende 3. Januar 1979 / 18. Februar 1979
Schneemenge Silvester[1] 70 cm (Ostholstein, ‎1. Januar 1979 06 UTC)
Jahresschneemenge[2] bis 100 cm (16. Februar 1979)
Jährlichkeit (gesamt) ≈ 50[3]
Folgen
Betroffene Gebiete BRD: Norddeutschland

DDR: gesamtes Territorium

Schadenssumme BRD: mind. 140 Mio. Mark

DDR: ca. 8 Milliarden Mark volkswirtschaftlich

Eine derartige Wetterlage für Norddeutschland ist sehr ungewöhnlich (siehe Klima in Deutschland). Der Schneesturm der Jahreswende wurde als Katastrophenfall bezeichnet. Auch bei dem Februarereignis gab es Katastrophenalarme.

Dezember-/Januar-EreignisBearbeiten

 
Soldaten beim Schneeräumen in Neubrandenburg (2. Januar 1979)

Wetterlage und -ablaufBearbeiten

Über Weihnachten herrschte in ganz Deutschland Tauwetter. In Berlin gab es Temperaturen von bis zu 12°C. Die deutschen Alpen waren bis ungewöhnlich weit hinauf schneefrei, Flüsse im Vorland führten Hochwasser. Zum Jahreswechsel 1978/79 erlebte der Norden Deutschlands einen Wintereinbruch, dessen Ausmaße zunächst nicht abzusehen waren. Ende Dezember 1978 verschärften sich die Temperaturdifferenzen in Europa; ein stabiles, im Laufe mehrerer Wochen aufgebautes Hochdruckgebiet über Skandinavien und ein Tiefdruckgebiet aus dem Rheinland berührten sich über der Ostsee. Luft aus Hochdruckgebieten strömt generell in Gebiete mit Niedrigdruck; sie rotiert dabei auf der Nordhalbkugel im Uhrzeigersinn um den Kern des Hochs und wird dabei von ihm weggedrückt: Ein massiver Kälteeinbruch begann.

An der Rückseite des Tiefdruckgebiets strömte vom Atlantik milde Luft nach Frankreich und Süddeutschland; über Nordrussland und Nordskandinavien herrschten verbreitet Temperaturen von unter −30 °C. Über der südlichen Ostsee bildete sich eine scharfe Luftmassengrenze und zog südwärts. Der Temperaturunterschied am 28. Dezember war extrem: −47 °C in der schwedischen Provinz Norrland begegneten der mitteleuropäischen Warmluft mit ihrer relativen Luftfeuchte von über 90 Prozent. Das extreme Wetter begann am 29. Dezember 1978, als man in Gdansk bereits −18°C und 1 m Neuschnee maß. Im nördlichen Teil Schleswig-Holsteins begann es im Laufe des Nachmittages und auf Rügen abends zu schneien, während es südlich der Eider noch stark regnete, und in Freiburg 15 °C gemessen wurden. Schon am Abend wurden Straßen, und sogar eine Autobahn unpassierbar. Während der Nacht wurde aus dem zunächst dichten Schneegestöber, das nach und nach das ganze Land überzog, ein ausgewachsener Schneesturm, der mit bis zu Windstärke 10 wütete und fünf Tage andauerte. Die Ostsee vor Sassnitz fror innerhalb weniger Stunden vollständig zu, gleichzeitig gab es ein Ostseesturmhochwasser. In Ostholstein wurden Schneehöhen bis 70 cm verzeichnet. Innerhalb weniger Stunden fielen die Temperaturen um 20 °C.

Am 29. Dezember begann der Tag in Berlin noch mit bis zu 8°C. Dann sickerte kalte Luft ein, die Temperatur fiel innerhalb nur einer Stunde um 5 Grad. Abends war es bereits frostig, dennoch regnete es dort bei −5°C zunächst noch. Die Kaltluft war so schwer, dass sie sich als schmale Schicht unter die darüberliegende, mildere Luft, aus der es noch regnete, schob. Sie erreichte am Morgen des 30. Dezember die südlichen Mittelgebirge der DDR, sowie Hessen. Ein aus Frankreich heranziehendes Tief sorgte kurzzeitig für eine Milderung, verbunden mit Regen und Glatteis. Nach seinem Abzug nach Osten traf auf seiner Rückseite am 31. Dezember 1978 der nächste Kaltluftschwall ein. Es begann in Berlin stark zu schneien, und ein scharfer Ostwind mit Stärke 8 blies.[4] Das Zentrum der Kälte mit Temperaturen von bis zu −23°C lag nun zwischen Berlin und Dresden. In Ust-Schtschuger im russischen Uralvorland im Nordosten des Kontinents wurden −58,1 °C gemessen, die bisher tiefste registrierte Temperatur in Europa.[5] In Berlin war der Neujahrstag 1979 mit −18,6°C am Morgen der kälteste seit Beginn der Aufzeichnungen; im Thüringer Wald erfolgte ein Temperatursturz von bis zu 32 K.[6] Bedingt durch die starken Luftdruckgegensätze wehte der Nordostwind mit Sturmstärke. Am Neujahrstag erreichte die Kaltluft die Alpen. Am spätem Vormittag des 1. Januar ließ der Sturm im Norden allmählich nach, während die Kälte über die Niederlande und Belgien bis Frankreich vordrang. Zwei Tiefs aus Schottland und über der polnischen Ostsee brachten am 2. Januar eine leichte Frostmilderung und erneuten, starken Schneefall, der zum Abend bis in den Südwesten der BRD vordrang. In der Nacht auf den 3. Januar herrschten auf Rügen immer noch −15°C.

Am 3. Januar sorgte ein Tief für eine Frostabschwächung und für weitere Schneefälle. In Putbus kamen noch einmal 15 cm hinzu.

FolgenBearbeiten

 
Schnee- und Eispanzer in Warnemünde einige Tage nach dem Schneesturm (9. Januar 1979)
 
Vereiste Kieler Förde
 
Eisschollen am Schönberger Strand

Die Folgen waren gravierend. Meterhohe Schneeverwehungen brachten den Straßen- und Eisenbahnverkehr zum Erliegen; viele Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Der Rügendamm wurde in der Nacht auf den 30. Dezember durch bis zu 5 m hohe Schneewehen unpassierbar. 12 000 Einwohner und 3 000 Gäste waren vom Festland isoliert.[6] Ein Eisenbahnzug war auf Rügen mehr als 48 Stunden im Schnee eingeschlossen. Immerhin gab es auf Rügen (z. B. in der Kaserne Prora) reichlich, mit schwerem Gerät ausgestattetes Militär. Dieses rückte auf Bitte der SED-Kreisleitung am 30. Dezember zu Hilfeleistungen aus. Eine Versorgung der Einwohner aus der Luft war wegen des starken Sturmes erst ab dem 1. Januar möglich. Erst nach mehreren Tagen konnten die wichtigsten Verkehrswege notdürftig befahren werden. Selbst in diesen Tagen Verstorbene konnten in dem Schneechaos auf Rügen nicht bestattet werden.

In Dänemark mussten schon in der Nacht auf den 30. Dezember feststeckende Fahrzeuge mit Panzern freigeschleppt werden. Ähnlich dramatisch war die Lage im Kreis Schleswig-Flensburg, wo viele Ortschaften abgeschnitten waren. Auch Flensburg selbst war eine Weile weder per Straße noch per Bahn erreichbar. Der Autobahngrenzübergang zu Dänemark blieb mehrere Tage geschlossen. Die ersten Todesopfer im Norden der BRD gab es bereits am Silvestertag.[6]

Vielerorts fielen Strom und Telefonnetze aus, da sich bis zu 30 cm dicke Eispanzer um die Leitungen legten und viele Strom- und Telefonmasten unter dem Gewicht des Eises und dem Rütteln des Sturms zusammenbrachen. Räumfahrzeuge der Gemeinden konnten die Schneemassen nicht mehr bewältigen, sodass die Bundeswehr bzw. die Nationale Volksarmee und die in der DDR stationierte Sowjetarmee mit Panzern eingesetzt wurden, um zumindest liegengebliebene Fahrzeuge und Züge zu erreichen, oder Not- und Entbindungsärzte zu den Patienten zu bringen. Der Sturm wehte jedoch immer wieder Schnee auf die gerade freigeräumten Straßen. Streusalz blieb bei den tiefen Temperaturen wirkungslos. Ebenso waren die Inseln nicht mehr erreichbar und auf sich selbst gestellt. Kleinviehbestände gingen zugrunde, der Ausfall örtlicher Bäckereien führte zu Brotmangel. Neben den Hilfsorganisationen kämpften auch Stromversorger und Deutsche Bundespost bzw. Deutsche Post mit den Schneemassen, um Strom- und Telefonleitungen wieder in Betrieb zu nehmen.

Eine Koordinierung der Hilfe war anfangs nicht möglich, da eine Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Hilfsorganisationen, Armee, Stromversorgern und Post nie geplant worden war: Es gab keine gemeinsamen Funkfrequenzen, auf denen man hätte kommunizieren können. Zudem waren anfangs die Telefonleitungen unterbrochen, sodass man verbreitet vor Ort von den üblichen Kommandostrukturen abgeschnitten und auf Eigeninitiative angewiesen war. Wo technischer Sachverstand bestand, wurden Funk- und Radiogeräte manipuliert, um das Kommunikationsproblem zu lösen. Die Bundeswehr stationierte eilends ausgerüstete Funkpanzer der Fernmeldetruppe als Relaisstationen im Katastrophengebiet; dies war die erste Anwendung der wenige Jahre zuvor verabschiedeten Notstandsgesetze in der Bundesrepublik. Die Bundespost bat ihre Mitarbeiter im Verband der Funkamateure der Deutschen Bundespost (VFDB) um Hilfe. Funkamateure aus Schleswig-Holstein und Umgebung nahmen den Notfunkbetrieb auf und ermöglichten so eine Koordination der Hilfskräfte untereinander.[7] Auch Fahrzeuge der Rettungsdienste konnten auf den zugeschneiten Straßen nicht mehr verkehren; die Bundeswehr setzte ihre geländegängigen Sanitätskraftwagen ein und übernahm den zivilen Rettungsbetrieb nahezu komplett. Teils wurden eingemottete Fahrzeuge aus Bundeswehrdepots aktiviert. Wegen des herrschenden „Kalten Krieges“ war die Bundeswehr damals deutlich größer als heute; sie war ebenso wie die NVA zwar im Urlaubsmodus, aber prinzipiell einsatzbereit und darauf vorbereitet, Truppen und technisches Gerät schnell zu mobilisieren.

Auch in Hamburg kam es tagelang zu erheblichen Verkehrsproblemen – so mussten etwa im Januar und erneut im Februar 1979 die Züge der elektrischen Hamburger S-Bahn zum Teil von Diesellokomotiven gezogen werden, da die Stromschienen vereist bzw. zugeschneit waren. Die Bundeswehr setzte Ersatzbusse ein und half beim Freilegen der Schienenwege.[8]

Der Dezember 1978 war in der DDR überwiegend nass und mild, die dortige Tagebaue waren aufgeweicht, sodass die Braunkohleförderung in diesem Monat nur 75% des Plans betrug.[6] Wolfgang Mitzinger, einer der Stellvertreter des DDR-Energiemininsters Klaus Siebold, war am 29. Dezember im Ministerium alleinverantwortlich. Er erhielt, als noch 10°C gemessen wurden, Warnungen und brisante Meldungen des meteorologischen Dienstes. Er rief aber anstatt der dafür angemessenen, höchsten Einsatzstufe III, die ein sofortiges Einberufen eines Operativstabes erfordert hätte, zunächst nur die Stufe II aus, weil man sich einen derartigen Wintereinbruch nicht vorstellen konnte, und ihm in der Vergangenheit übervorsichtiges Handeln vorgehalten worden war.

Die Vereisung der Oberleitungen und der Weichen der Kohlenbahnen führte zur Unterbrechung des Braunkohletransports im Lausitzer Braunkohlerevier. Da der Strom in der DDR zu 75 % aus Braunkohle erzeugt wurde und die Vorratsbunker der Kraftwerke nur geringe Reserven boten, brachen innerhalb von 24 Stunden große Teile der Strom- und Fernwärmeversorgung zusammen. Durch den hohen Wassergehalt (bis zu 60%) gefror die Braunkohle in den Gruben, sowie in den Bahnwaggons. Ein mechanisiertes Entladen war nicht mehr möglich. Die Regierung der DDR schickte Tausende Arbeitskräfte mit Handwerkzeugen in die Lausitz, um die vereisten Kohleklumpen aus den Waggons zu lösen. Sie bot an, notwendige Werkzeuge, egal woher, zu besorgen. So wurden nach einer Anforderung des DDR-Haupt-Energiedispatchers u. a. 500 Bohrhämmer vom westdeutschen Otto-Versand innerhalb weniger Stunden in die DDR geliefert. Sie konnten erfolgreich eingesetzt werden. Den Durchbruch brachten allerdings erst auf Fahrzeuge montierte Düsentriebwerke von stillgelegten MiG-17, mit welchen die in den Waggons festgefrorene Kohle aufgetaut wurde.[9] Diese brauchten allerdings große Mengen Kerosin, und beschädigten durch die intensive Hitze Waggons. Auch Sprengladungen kamen zum Losbrechen der Kohle aus den Wagen zum Einsatz.

In Berlin sowie im NVA-Quartier Straußberg nahm man die katastrophale Lage speziell auf Rügen sowie in Polen zuerst nur beiläufig zur Kenntnis und bewertete dies als regionale Probleme, zumal es auf Rügen genug Militär gab. Siebold ließ am Silvestermorgen die Kohlezufuhr auf die Kraftwerken konzentrieren und die Brikettfabriken in den Warmhaltebetrieb gehen. Erst in der Nacht auf Neujahr trat die zentrale Katastrophenkommission im Ministerrat unter Anwesenheit von Erich Honecker, Willi Stoph und weiterer ranghoher Mitglieder zusammen und gab am Neujahrstag, einem Montag, um 4:00 Uhr morgens den Befehl zum Einsatz der NVA. Insgesamt waren 25 000 Soldaten der westdeutschen Armee und mehr als doppelt soviele der NVA im Einsatz. Sowohl im Norden der DDR, als auch der BRD wurden Ausgangssperren und Fahrverbote ausgesprochen.

Schon am arbeitsfreiem Neujahrstag stand nur noch halb so viel Energie, wie benötigt wurde, zur Verfügung. Auch die Gasproduktion ging zurück. Die Netzfrequenz von normalerweise 50 Hz sank immer mehr ab, ein bisher noch nicht vorgekommener, völliger Kollaps des gesamten DDR-Stromnetzes rückte bedrohlich nahe. Zur Vermeidung desselben lag der "Plan X", eine bisher nie umgesetzte Handlungsanweisung für den äußersten Notfall, in den Aktenschränken der Energieversorger bereit. Nur durch großflächige Abschaltungen konnte ein zur Aufrechterhaltung der Netzfrequenz notwendiges, annäherndes Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch gehalten werden. Unterstützung aus dem RGW-Energieverbundnetz "Vereinigtes Energiesystem Frieden" war nicht zu erwarten, weil dieses auch nahe am Zusammenbruch war. Die Abschaltungen wurden von Fachleuten als das kleinere Übel, als ein völliger Zusammenbruch des DDR-Stromnetzes eingeschätzt. Schon am Silvestertag 1978 war u. a. in Leipzig und Rostock, sowie in ländlichen Gegenden an der Ostsee der Strom vorübergehend abgestellt worden, kurz nach dem Jahreswechsel dann bspw. auch im hochgelegenen Oberhof, wodurch auch dort, obwohl dort −28° C[10] gemessen wurden, Heizungen ausfielen.

Schließlich kam am Neujahrstag nachmittags die Anweisung aus Berlin, den "Plan X" in den Bezirken Suhl, Erfurt und Gera unverzüglich umzusetzen: 2,5 Millionen Menschen waren dort innerhalb von drei Minuten ohne Strom; der totale Netzkollaps konnte jedoch mit dieser radikalen Maßnahme abgewendet werden. Sogar die dortige Staatsgrenze zur BRD war spannungslos; eine mit Drohungen verbundene Aufforderung des Erfurter Grenztruppenkommandanten zum Einschalten des Stroms für die Grenzanlagen wurde vom zuständigem Dispatcher mit dem Hinweis auf dort vorhandene (offenbar durch vernachlässigte Wartung funktionsuntüchtige) Notstromaggregate abgelehnt. Die Stasi erschien noch am gleichem Abend in der für die drei Bezirke zuständigen Schaltwarte in Erfurt und kassierte die dortigen Schichtbücher.

Weiteren 150 000 Verbrauchern wurde die Gaszufuhr am 1. Januar mittag abgestellt. Das einzige große Kraftwerk, welches in diesen Tagen Strom mit voller Leistung lieferte, war das KKW Lubmin. Die MitarbeiterInnen wurden dort zu den Schichtwechseln teilweise mit Armeehubschraubern gebracht und abgeholt.[6]

Am 2. Januar unterstützten allein im Senftenberger Revier nun 12 000 Angehörige der bewaffneten Organe die Kumpels; das Revier lieferte 2/3 der planmäßigen Kohlemenge. In der Nacht zum 3. Januar bekamen die Städte Leipzig, Erfurt, Gera und Suhl wieder Strom; Rügen war zu dieser Zeit immer noch ohne Strom. Am 3. Januar tags konnte ein Großteil Thüringens zugeschaltet werden, die letzten Dörfer dort jedoch erst am 5. Januar. Ab dem 4. Januar gab es wieder überall Gas. Die Industrie hatte noch bis Mitte Januar mit Energierationierungen zu kämpfen.

Mehrere Hochschwangere auf Rügen wurden mit Militärhubschraubern nach Stralsund zur Entbindung geflogen; alle Mütter und Kinder überlebten. Am 6. Januar gegen 18 Uhr war der Rügendamm wieder passierbar.

In der DDR starben mindestens fünf Menschen bei Unfällen. Eine offizielle Statistik ist nicht bekannt. Eine andere Recherche[6] gibt 18 Tote und 440 Verletzte allein bei über 700 Verkehrsunfällen an; zuzüglich der Menschen, die auf Rügen im Schneesturm und in eingeschneiten Autos erfroren, oder mit Kettenfahrzeugen überrollt wurden. 40 000 Ferkel und Kälber sowie 90 000 Küken erfroren, weil Stallheizungen oder Wärmelampen ausfielen. Schafe auf dem Darß, für die es keine Ställe gab, überlebten den tagelangen Schneesturm im Freien. Nachdem sie endlich geborgen werden konnten, wurden sie an ihren Futterstellen von hungrigen Wildschweinen, teilweise mit tödlichen Folgen, attackiert.

Die ostdeutsche Wirtschaft hatte Jahre an den Folgen des Winters 1978/79 zu tragen. Die größten Schäden entstanden infolge der Stromausfälle, unter anderem an Hochöfen. Die nationale Steinkohlereserve der DDR wurde am 3. Januar 1979 aufgelöst. Zu deren Auffüllung gab die DDR danach 200 Millionen Valutamark für Steinkohlenkoks aus der BRD aus. Der Gesamtschaden infolge dieses Wintereinbruches, von dem besonders die Industrie betroffen war, wurde mit 8 Milliarden Mark angegeben. Die Staatssicherheit registrierte einen starken Schwund des Vertrauens der Bevölkerung in die Regierung, beschädigte dieses jedoch selbst, indem sie alle wichtigen Unterlagen über die Energiekrise beschlagnahmte. Weiterhin bezeichnete sie es als "schockierend", dass die straff geführte Plan- und Volkswirtschaft, obwohl diese nun bereits 30 Jahre bestand, dermaßen anfällig war. Energieminister Siebold wurde abgesetzt; und Mitzinger sein Nachfolger. Nachdem das volkswirtschaftliche Desaster einigermaßen überwunden war, wurde es anläßlich des 30. Jahrestages der DDR in Form einer Auszeichnungswelle heroisiert.[6]

Durch den Nordost-Sturm bekamen die Hafenstädte Flensburg, Eckernförde, Kiel, Lübeck, Wismar und Rostock zusätzlich große Hochwasserprobleme, die darin gipfelten, dass sich mehr und mehr Eisschollen in den Häfen übereinander stapelten und den Schiffsverkehr völlig zum Erliegen brachten. Ein unbesetztes Ausflugsschiff kenterte. Die hafennahen Straßen waren von Eis bedeckt, Autos teilweise bis zur Türkante im Eis eingefroren. Bis zum Neujahrstag gab es in Westdeutschland bereits zwölf Tote.

In Nordfriesland wurden Soldaten und Ausrüstung des Aufklärungsgeschwaders 52 aus Leck zur Räumung der Bundesstraßen B 5 und B 199 eingesetzt; vorrangig um die Straßenverbindung zum Kreiskrankenhaus in Niebüll freizuhalten. Das Geschwader stellte auch für Zivilpersonen Unterkünfte in der General-Thomsen-Kaserne in der Gemeinde Stadum zur Verfügung.[11]

In Nordfriesland kamen Panzer aus Bayern zum Einsatz, um die Straßen freizuräumen. Das gelang ihnen jedoch nur schlecht; vielerorts blieben die Panzer stecken. Nachdem der Sturm am 1. Januar nachließ, konnten, nachdem die Monteure mit Hubschraubern hingebracht wurden, erste Stromleitungen repariert werden. Am 2. Januar waren noch 150 west- und 50 ostdeutsche Dörfer von der Außenwelt isoliert und wurden aus der Luft versorgt. Viele landwirtschaftliche Betriebe litten unter dem Stromausfall und der eisigen Kälte. Sehr viele Kühe konnten nicht maschinell gemolken werden. Die gemolkene Milch musste ans Vieh verfüttert oder zum Teil weggeschüttet werden, da sie nicht abgeholt werden konnte. Husum wurde noch am 3. Januar aus der Luft versorgt. Am 3. Januar abends konnte die seit dem 30. Dezember 1978 geschlossene Grenze nach Dänemark wieder geöffnet, und das über mehrere Tage geltende, strikte Verbot der Benutzung von Privatfahrzeugen allmählich aufgehoben werden.

In der Bundesrepublik Deutschland starben 17 Menschen. Die Schäden betrugen 140 Millionen D-Mark. Hier waren weniger die Industrie, sondern vor allem landwirtschaftliche Betriebe, sowie Privatpersonen die Geschädigten.

Februar 1979Bearbeiten

Am 13. Februar 1979 – die Verwehungen des Ereignisses sechs Wochen davor waren noch nicht abgetaut – kam es erneut zu starken Schneefällen und Schneeverwehungen mit ähnlich gravierenden Auswirkungen.[12]

Der neuerliche Einbruch traf diesmal vor allem das südliche Schleswig-Holstein sowie große Teile Niedersachsens und die drei Nordbezirke der DDR und führte zu Katastrophenalarm erneut in sämtlichen Landkreisen Schleswig-Holsteins.[13][14] Ostfriesland traf es diesmal noch härter als beim ersten Schub. Auch dieses Mal dauerten die Störungen bis zum Ende der Woche an. Erneut gab es ein Ostseesturmhochwasser, in Flensburg 1,6 Meter über normal. Auch gab es wieder Todesopfer.[12]

Klimatologische Einordnung des Schneewinters 1978/1979Bearbeiten

Mitte März 1979 gab es eine dritte Schneewelle, Ende März und Anfang April beträchtliche Tauhochwässer.[12]

Der Winter gehört zu den zehn schwersten Wintern der Nachkriegszeit in Norddeutschland. Mit 67 Tagen geschlossener Schneedecke (28. Dezember 1978 – 4. März 1979) stellt die Saison einen Rekord seit dem Hungerwinter 1946/47 auf. Bei den mittleren Schneehöhen wurde sie nur von den Wintern 1984/85 und 1986/87 übertroffen.[3] In Bezug auf die Temperaturen (Kältesumme – addierte negative Tagesmitteltemperaturen – von 258 Kelvin) waren aber die Winter 1962/63 (398), 1969/70 (327), 1995/96 (293), 1984/85 (279) und 1986/87 (259) schwerer, die vier Kriegswinter verzeichneten 1946/47 (506 Kelvin), 1939/40 (504), 1941/42 (425) und 1940/41 (282).[3]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Volker Griese: Schleswig-Holstein. Denkwürdigkeiten der Geschichte. Historische Miniaturen, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-1283-1 [darin das Kapitel: Kein Wintermärchen. Die "Schneekatastrophe" 1978/79]
  • Helmuth Sethe: Der große Schnee – Der Katastrophenwinter 1978/79 in Schleswig-Holstein. 17. Auflage. Husum Verlag, Husum 2009. ISBN 978-3-88042-074-8
  • Aufklärungsgeschwader 52 Chronik. 1. Aufl., Clausen und Bosse, Leck 1993.
  • Holger Frerichs: Die weiße Flut im Jeverland. Der Schneewinter 1978/79 im nördlichen Landkreis Friesland. Bilder, Berichte und Erinnerungen. Verlag Lüers, Jever 2008, ISBN 978-3-9812030-3-5. Mit DVD von Jürgen Eden.

MedienBearbeiten

  • Katja Herr: Der Katastrophenwinter 1978/79 – Als der Osten im Schnee versank. Dokumentarfilm, Deutschland, MDR 2003.
  • Die weiße Gewalt. Dokumentation, Eigenproduktion Landkreis Aurich, 1979, DVD 2007 (Weblink, landkreis-aurich.de; Trailer zur DVD)
  • Katja Herr: Das Schneechaos 1978. Ein Film aus der ARD-Sendereihe: Protokoll einer Katastrophe. Dokumentarfilm, Deutschland, MDR 2014.
  • Gerald Grote, Claus Oppermann: Schnee von gestern. Der Private Blick auf die Schneekatastrophe 1978/79. Dokumentation, 8mm Kino, DVD 2008, nominiert als Beste Dokumentation, Norddeutscher Filmpreis 2009.
  • Katja Herr: Sechs Tage Eiszeit – Der Katastrophenwinter 1978/79. Dokumentarfilm, Deutschland, MDR 2018.

WeblinksBearbeiten

 Commons: Winter in Deutschland 1978/1979 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Meteorologisches:

Lokalberichte:

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Grafik und Tabelle Weblink klimakatastrophe: Wetterdaten
  2. Grafik Abb. 4, Weblink Tiesel: Schneekatastrophen-Winter
  3. a b c Weblink Tiesel: Schneekatastrophen-Winter
  4. Interview des MDR mit dem damals in Berlin tätigem Wetterbeobachter des DDR-Wetterdienstes, Thomas Globig, gesehen am 21. November 2019 unter https://www.mdr.de/zeitreise/schwerpunkte/video-257166.html
  5. ASU World Meteorological Organization: Global Weather & Climate Extremes
  6. a b c d e f g Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79 | Video | ARD Mediathek. Abgerufen am 1. Januar 2020.
  7. Notfunk#28. Dezember 1978 – Schneekatastrophe in Norddeutschland
  8. Lars Brüggemann: Die Hamburger S-Bahn. Von den Anfängen bis heute, Freiburg 2007, S. 33f.
  9. Vereiste Kohle, Beitrag im Rahmen der Multimediareihe Damals in der DDR, MDR, 2004, ISBN 3-89830-782-4
  10. mdr.de: So war der Katastrophenwinter '78/'79 in Oberhof | MDR.DE. Abgerufen am 2. Januar 2020.
  11. Aufklärungsgeschwader 52 Chronik, 1. Auflage 1993, S. 211
  12. a b c Thomas Sävert: Erlebnisbericht zum Schneesturm im Februar 1979. In: Naturgewalten.
  13. Weblink Sävert: Winter 1978/79
  14. Weblink: Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte: Der große Schnee. Abschnitt Jahrhundertereignis die Zweite