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Richtfunkverbindung nach West-Berlin

Die Realisierung der Richtfunkverbindung zwischen Westdeutschland und West-Berlin war wegen der großen zu überbrückenden Distanz (> 130 km) schwierig.

Anlässlich der Berlin-Blockade (24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949) wurde zur Sicherung der Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und Westdeutschland unabhängig von den bestehenden Kabelstrecken, die jederzeit von der sowjetischen Besatzungsmacht unterbrochen werden konnten, eine Möglichkeit erforscht und realisiert, diese durch eine bzw. mehrere direkte Richtfunkverbindungen zu ergänzen.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Die Problematik bei der Realisierung war die Entfernung von ca. 135 km Richtung Lüchow bzw. 200 km Richtung Harz, die nicht mehr mit den damals üblichen Richtfunksystemen bei über 500 MHz Frequenz überbrückt werden konnte, da bei diesen hohen Frequenzen eine Sichtverbindung zwischen den Endstellen erforderlich war. Dies hätte selbst bei der kürzeren Strecke Richtung Lüchow auf beiden Seiten Richtfunktürme mit über 300 m Höhe erfordert.

Deshalb wurden nach Beginn der Blockade ab Sommer 1948 Versuche einer Sprechfunkverbindung mit UKW-Funksprechgeräten des Typs München der Firma C. Lorenz, die eigentlich für den Polizeifunk gedacht waren, durchgeführt, die ergaben, dass es trotz fehlender Sichtverbindung und nur 100 W Sendeleistung im Frequenzbereich zwischen 35 und 85 MHz möglich war, eine Sprechfunkverbindung zwischen West-Berlin und West-Deutschland herzustellen.

Zunächst wurde die Strecke Berlin – Torfhaus/Harz in Betrieb genommen, die zwar mit ca. 200 km länger war, jedoch durch die Möglichkeit, im Harz die Antennen höher zu platzieren und dadurch die längere Strecke auszugleichen sowie bessere Anschlussmöglichkeiten an das bestehende Fernsprechnetz Vorteile bot. Zur besseren Entkopplung waren die Sende- und Empfangsstellen räumlich getrennt. In Berlin stand die Sendeanlage am Wannsee, die Empfangsanlage im Grunewald, auf dem Lärchenkopf bei Torfhaus standen die Sende- und Empfangsstellen ca. 600 m voneinander entfernt.

Ab Oktober 1948 wurde auf 38,4 MHz Richtung Berlin gesendet, Berlin sendete auf 35,5 MHz, verwendet wurde ein 8-Kanal-FM-Trägerfrequenzsystem. Eine zweite Linie wurde ab Dezember 1948 auf den Frequenzen 41,7 bzw. 44,5 MHz betrieben (8-Kanal-FM). Eine dritte Linie arbeitete dann ab August 1949 auf 64 bzw. 68 MHz mit bereits 15 Fernsprechkanälen in FM, sodass im August 1949 bereits 31 Fernsprechkanäle zwischen Berlin und Torfhaus zur Verfügung standen. Alle drei Linien wurden mit UKW-Rundfunksendern der C. Lorenz AG, Typ RBS 6 / RBS 7 mit 1 kW Sendeleistung betrieben. Hinzu kam noch eine einkanalige Dienstverbindung über 100-W-UKW-Sprechfunkgeräte mit separaten Richtantennen für betriebliche Zwecke.

Anschließend wurden die beiden ersten Linien auf höhere Frequenzen und ebenfalls 15-Kanal-FM umgestellt, sodass ab Ende 1949 im unteren UKW-Bereich zusammen 45 Fernsprechkanäle zwischen Berlin und Torfhaus verfügbar waren. Die tägliche Ausfallzeit betrug lediglich ca. 2 %. [1][2]

1948 führte die britische Besatzungsmacht den ersten Richtfunkversuch zwischen dem Berliner Funkturm und dem Bocksberg im Harz durch. Es standen anfangs nur drei, später acht Kanäle für Sprachübertragung zur Verfügung. Später wurde die Sendestation nach Heckeshorn am Wannsee und die Empfangsstelle auf das Areal des heutigen Teufelsbergs verlegt.

1950 errichtete die Deutsche Bundespost in der Nähe des Strandbads Wannsee die Richtfunkstelle Nikolassee, auch Richtfunkstelle Berlin 2 genannt. Bei ihr waren Empfänger und Sender auf dem gleichen Areal untergebracht. Als Antennenträger wurden zwei abgespannte Gittermasten verwendet. Einer dieser Gittermasten bestand aus zwei Masten, die in 140 Meter Höhe durch eine 25 Meter lange Brücke verbunden waren. Die Gegenstationen für die Überhorizont-Richtfunkverbindung zum Bundesgebiet lagen in Clenze und Gartow (Sender Höhbeck).

Von 1959 bis 1961 wurde auf dem Schäferberg der 216 Meter hohe Fernmeldeturm Berlin-Schäferberg errichtet, der an seinem Schaft in 30 und 55 Meter Höhe je eine Parabolantenne mit 18 Metern Durchmesser trug. Neben diesem wurde ein freistehender Stahlfachwerkturm mit zwei weiteren derartigen Antennen errichtet. Gegenstationen waren die Sender Torfhaus/Harz, Clenze und Gartow. Insgesamt konnte diese Anlage 5460 Telefongespräche oder sieben Fernsehkanäle gleichzeitig übertragen.

 
"Abhören" von Richtfunkverbindung durch Satelitten.

1970 wurde mit dem Bau der Richtfunkanlage Berlin-Frohnau begonnen. Sie erhielt als Antennenträger einen freistehenden Stahlfachwerkturm von 117 Metern Höhe, der in 39,5, 60,5 und 81,5 Meter Höhe einen Parabolspiegel von 18 Meter Durchmesser für Überhorizont-Richtfunkverbindungen erhielt. Nach der Fertigstellung dieses Turmes wurde die Richtfunkstelle Berlin 2 stillgelegt und die dortigen Antennenträger demontiert. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde erstmals eine direkte Richtfunkverbindung zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik realisiert. Hierfür wurde in Berlin-Frohnau zwischen 1977 und 1978 ein 358,58 Meter hoher abgespannter Stahlfachwerkmast errichtet. Als Gegenstation diente ein 344 Meter hoher abgespannter Stahlfachwerkmast in Gartow. Die Übertragungskapazität dieser Verbindung, die im Frequenzband zwischen 5,688 GHz und 6,151 GHz arbeitete, betrug 11700 Fernsprechkanäle.

Ende der 1980er Jahre wurde auf dem Areal einer früheren Müllkippe in Wannsee eine Satellitenfunkstelle mit acht Parabolspiegeln, deren Durchmesser zwischen 5 und 18 Meter beträgt, errichtet. 1988 gingen die ersten Antennen dieser Anlage in Betrieb, ihre komplette Fertigstellung erfolgte erst nach der Wiedervereinigung 1991.

Wie andere Richtfunkstrecken wurden die Verbindungen nach West-Berlin vom Ministerium für Staatssicherheit und der NVA der DDR abgehört. [3]

Nach der WiedervereinigungBearbeiten

Nach der deutschen Wiedervereinigung konnte das ehemalige West-Berlin direkt an das Fernsprechnetz angeschlossen werden. 1996 wurden die großen Parabolantennen am Fernmeldeturm Berlin-Schäferberg demontiert. Die für die Richtfunkverbindungen nach West-Berlin verwendeten Antennenträger in Clenze, Gartow und Torfhaus sind heute noch vorhanden und werden als normale Richtfunktürme, Rundfunksendetürme und Mobilfunksender genutzt. Die ehemalige Richtfunkstation in Heckeshorn dient heute als Lungensanatorium. Der Mast in Berlin-Frohnau wurde am 8. Februar 2009, ein Mast in Gartow am 20. August 2009[4] gesprengt.

QuellenBearbeiten

  1. FTZ Jg. 3 Heft 7 (Juli 1950) S. 221 ff
  2. Jubiläumsschrift 75 Jahre Lorenz 1880-1955 S. 112 ff
  3. Die Hauptabteilung III des MfS
  4. http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/gartow102.html (Memento vom 26. September 2009 im Internet Archive)

WeblinksBearbeiten