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Quereinsteiger

Als Quereinsteiger oder auch Seiteneinsteiger wird eine Person bezeichnet, die aus einer fremden Sparte/Branche in ein neues Betätigungsfeld wechselt, ohne die für diesen Beruf/Branche sonst allgemein übliche „klassische“ Berufsausbildung/Studium absolviert zu haben.

Inhaltsverzeichnis

Rechtliche RahmenbedingungenBearbeiten

  Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

In Deutschland gibt es geschützte Berufsbezeichnungen, die für Quereinsteiger und einstellende Unternehmen/Arbeitgeber zu beachten sind. Dies betrifft zum Beispiel die Berufsträger Arzt, Zahnarzt, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychotherapeut, Tierarzt, Apotheker, Rechtsanwalt, Patentanwalt, Wirtschaftsprüfer, vereidigter Buchprüfer, Steuerberater oder Steuerbevollmächtigte, deren Titelmissbrauch ausdrücklich in § 132a Abs. 1 Nr. 2 StGB genannt und somit strafbar ist, wobei dieser Katalog nicht abschließend ist, d.h. andere Berufsbezeichnungen ebenfalls geschützt sein können, was der Gesetzgeber jedoch in die Einzelfallentscheidung der Gerichte bzw. vorgelagert der Strafverfolgungsbehörden gestellt hat.

Im Allgemeinen können Unternehmen jede Person mit beliebiger Qualifikation und Erfahrungen einstellen. Sie dürfen nur in der Ausführung von Tätigkeiten nicht gegen bestehendes Recht verstoßen und müssen in der Außenwirkung unmissverständliche Titel führen. Siehe hierzu Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen.

Im weiteren Sinne sind auch Personen als Quereinsteiger zu bezeichnen, die einen extremen Branchenwechsel vollziehen. Hierbei entfällt die Problematik von geschützten Berufsbezeichnungen, da diese unangetastet bleiben.

Nach dem Niedersächsischen Beamtengesetz (NBG), das am 1. April 2009 in Kraft getreten ist, können Quereinsteiger gemäß § 14 NBG (Zugang zu den Laufbahnen) beim Eintritt in den öffentlichen Dienst in Niedersachsen bis zum Lebensalter 45 verbeamtet werden, wenn sie nachweisbare Fachkenntnisse und Berufserfahrungen mitbringen.

Keine Probleme ergeben sich bei nicht geschützten Berufsbezeichnungen wie Schauspieler, Journalist, Politiker, Sänger, Produzent, Moderator, Künstler usw.

HintergrundBearbeiten

Quereinsteiger setzen häufig ihre Talente, Fähigkeiten und Erfahrungen ein, um ihr Interesse an bestimmten Aufgaben in ein Beschäftigungsverhältnis umzuwandeln. In einigen Fällen werden auch Hobbys zum Beruf gemacht.

Dieser Schritt wird zum einen durch Selbstmotivation ausgelöst oder durch geänderte Rahmenbedingungen im aktuellen Berufsleben (zum Beispiel Kündigung, neue Aufgaben in Unternehmen) begünstigt.

Quereinsteiger werden auch gezielt von Unternehmen eingestellt, um zum Beispiel branchenfremdes Wissen zu erhalten. Hierbei spielen artfremde und exotischen Berufs- und Lebenserfahrungen für die Unternehmen eine wichtige Rolle. Die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten erwirbt der Quereinsteiger in der Regel im Training on the Job und Weiterbildung.

Selbständige die sich in einem neuen Aufgabengebiet verwirklichen, welches nicht unmittelbar mit der eigenen Qualifikation/Branchenerfahrung verbunden ist, können auch als Quereinsteiger bezeichnet werden.

Staatliche UnterstützungBearbeiten

In Deutschland fördert die Bundesagentur für Arbeit die Aufnahme eines Beschäftigtenverhältnisses oder die Existenzgründung aus der Arbeitslosigkeit für Quereinsteiger bei einem für die Sicherung des Lebensunterhalts tragfähigen Konzept. Bei einem Lehrberuf oder einem Beruf, bei dem ein Studium oder eine sonstige fachliche Ausbildung zwingend vorgeschrieben ist – etwa Fleischer, Konditor, Arzt oder Krankenschwester – ist ein Quereinstieg grundsätzlich nicht möglich. So darf sich in Deutschland zum Beispiel jemand, der keine Lehre als Uhrmacher absolviert hat oder die Gesellenprüfung nicht bestanden hat, zwar als Quereinsteiger selbständig machen, auf dem Firmenschild jedoch keine Berufsbezeichnung führen, die seine Qualifikation höher erscheinen lässt als sie ist oder die zu Verwechslungen führen kann.

Quereinsteiger in der WirtschaftBearbeiten

Quereinsteiger ist zum Beispiel ein Ingenieur, der zum Vorstand in einer großen deutschen Aktiengesellschaft für das Ressort Personal oder Controlling/Finanzen berufen wird. Auch Juristen, die zum Beispiel vom Verband in die freie Wirtschaft wechseln, oder Diplom-Kaufleute, die von der Automobil- in die Medizinbranche wechseln.

In Ländern wie Australien und Neuseeland sind Quereinsteiger (Career Changer) in fast allen Unternehmensbereichen anzutreffen. Der lokale Fachkräftemangel in Neuseeland wird aktiv mit Quereinsteigern bekämpft.

Prominente Beispiele in der Wirtschaft sind: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Axel Springer Verlag, der Germanistik, Theater- und Musikwissenschaft studiert hat. Markus Bauer, Vorstandsmitglied Allianz Versicherungen, der Ingenieur ist. Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der BVG, die unter anderem Psychologie und Pädagogik studierte.

Im weiteren Sinne sind Quereinsteiger dem Prinzip des Diversity Managements zuzuordnen. Unternehmen, die diesem Prinzip folgen, nutzen konstruktiv Vielfalt in der Mitarbeiterstruktur, um Unternehmensziele zu erreichen.

Quereinsteiger in der PolitikBearbeiten

Als Quereinsteiger gelten Menschen, die auf einem hohen Niveau in die Politik wechseln – und vorher eine Karriere in einem politikfernen Beruf gemacht haben. Ausschlusskriterien sind dabei eine sogenannte Ochsentour in einer Partei sowie Erfahrungen in politischen Funktionen.[1] Insgesamt wurden in Deutschland von 1949 bis 2009 auf Bundesebene nur 250 der insgesamt 4088 zu vergebenden Positionen mit Seiteneinsteigern besetzt, eine Quote von sechs Prozent.[2] Zum Beispiel könnte man den früheren deutschen Bundesaußenminister Joschka Fischer als Quereinsteiger bezeichnen, da er unüblicherweise keine Ausbildung absolvierte, die ihn zu einer Karriere an der Spitze der deutschen Diplomatie empfohlen hätte. Auch in der Politik sind Quereinsteiger gelegentlich anzutreffen, zum Beispiel Hochschulprofessoren oder Künstler, die von der jeweiligen Partei entweder wegen ihrer Sachkunde oder wegen ihrer imagefördernden Prominenz nominiert oder in ein exponiertes Amt gewählt werden, ohne die klassische Parteikarriere absolviert zu haben. Beispiele in den USA sind die Wahl des Hollywood-Schauspielers Clint Eastwood 1986 zum Bürgermeister von Carmel oder von Arnold Schwarzenegger 2003 zum Gouverneur von Kalifornien. In Deutschland sind unter anderem die Hochschullehrerinnen Uta Ranke-Heinemann (parteilos für die PDS), Dagmar Schipanski (CDU) und Gesine Schwan (SPD) zu nennen, die jeweils (erfolglos) für das Amt der Bundespräsidentin kandidierten oder der ehemalige Manager von Werder Bremen Willi Lemke, der nach seiner Managerkarriere schließlich Innensenator für die SPD in Bremen wurde. In den Parteien sind sie nicht selten umstritten, vor allem bei altgedienten Berufspolitikern.

In Österreich gibt es zahlreiche prominente Politik-Quereinsteiger die zuvor für den Österreichischen Rundfunk (ORF) tätig waren, beispielsweise Helmut Zilk, Franz Kreuzer, Eugen Freund, Ursula Stenzel, Josef Broukal, Karin Resetarits, Monika Lindner, Theresia Zierler, Reinhard Jesionek, Gertrude Aubauer, Hans Kronberger, Jutta Wochesländer, Hans-Jörg Schimanek, Gerhard Seifried, Walter Sonnleitner, Ursula Pasterk und Ingrid Turković-Wendl.[3][4] Prominente Politik-Quereinsteiger aus der Wirtschaft sind Hans Peter Haselsteiner, Frank Stronach und Richard Lugner. Weitere prominente österreichische Quereinsteiger sind Sophie Karmasin, Patrick Ortlieb, Liese Prokop, Elmar Lichtenegger, Helga Rabl-Stadler, Ulla Weigerstorfer, Karl Habsburg-Lothringen, Hans-Peter Martin, Franz Morak, Mercedes Echerer, Helene Partik-Pablé, Peter Sichrovsky und Hans Pretterebner. Der Journalist Armin Wolf hat einige davon in seinem Buch Promi-Politik - Prominente Quereinsteiger im Porträt sowie seiner Dissertation und zuvor im Österreichischen Jahrbuch für Politik 2004 beschrieben.[5] Umgekehrt haben sich Politiker auch als Quereinsteiger in anderen Branchen betätigt. Nach seiner politischen Karriere war Franz Vranitzky Quereinsteiger bei Magna International, Johannes Hahn war, obwohl Geisteswissenschafter, sogar während seiner politischen Laufbahn im Vorstand der Novomatic.[6]

Quereinsteiger im BildungswesenBearbeiten

  Die Artikel Quereinstieg (Lehramt), Lehrerausbildung#Quereinsteiger und Seiteneinsteiger und Quereinsteiger#Quereinsteiger im Bildungswesen überschneiden sich thematisch. Hilf mit, die Artikel besser voneinander abzugrenzen oder zusammenzuführen (→ Anleitung). Beteilige dich dazu an der betreffenden Redundanzdiskussion. Bitte entferne diesen Baustein erst nach vollständiger Abarbeitung der Redundanz und vergiss nicht, den betreffenden Eintrag auf der Redundanzdiskussionsseite mit {{Erledigt|1=~~~~}} zu markieren. Jbergner (Diskussion) 09:49, 23. Apr. 2017 (CEST)

Bei besonderem Fachkräftemangel kann man als Seiten- bzw. Quereinsteiger jedoch auch Zugang zu stark reglementierten Berufen wie beispielsweise dem Lehrerberuf (Lehrerausbildung) erhalten. Mit der Niedersächsischen Laufbahnverordnung (NLVO) – Bildung, die am 1. Juni 2010 in Kraft getreten ist, können Quereinsteiger in den Lehrerberuf gemäß § 8 in Verbindung mit § 13 Absatz 1 bis zum Alter von 45 Jahren direkt (in der Regel zunächst auf Probe) verbeamtet werden.

Quereinsteiger in anderen BereichenBearbeiten

Quereinsteiger wäre auch jemand, dem man ohne Fußball-Vorerfahrung im Leiten einer Fußballmannschaft deren Trainingsleitung anvertraut. Ein Quereinsteiger war im gewissen Sinne auch zum Beispiel Franz Beckenbauer als Bundestrainer (man nannte es dann „Teamchef“), da er keine formale Trainerausbildung absolviert hatte und der sich daher auf ausgebildete, lizenzierte Trainer stützen musste.

LiteraturBearbeiten

  • Marc Böhmann: Das Quer-Einsteigerbuch. So gelingt der Start in den Lehrerberuf. Beltz Verlag, Weinheim/ Basel 2011, ISBN 978-3-407-25563-1.
  • Sylvia Knecht: Erfolgsfaktor Quereinsteiger - Unentdecktes Potenzial im Personalmanagement. Verlag Springer Gabler, 2014, ISBN 978-3-658-02687-5.
  • Moritz Küpper: Politik kann man lernen. Politische Seiteneinsteiger in Deutschland. Mitteldeutscher Verlag, Halle an der Saale 2013, ISBN 978-3-95462-062-3.
  • Robert Lorenz, Matthias Micus (Hrsg.): Seiteneinsteiger. Unkonventionelle Politiker-Karrieren in der Parteiendemokratie. VS Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16483-0.
  • Armin Wolf: Prominente Quereinsteiger als Testimonials der Politik. In: Österreichisches Jahrbuch für Politik 2004. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005, ISBN 3-486-57822-7, S. 619–668.[7]
  • Armin Wolf, Euke Frank: Promi-Politik - Prominente Quereinsteiger im Porträt. Czernin-Verlag, Wien 2006, ISBN 3-7076-0068-8.
  • Armin Wolf: Image-Politik - Prominente Quereinsteiger als Testimonials der Politik. Nomos-Verlag, Baden-Baden 2007, ISBN 978-3-8329-2874-2.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Zitiert nach Moritz Küpper: Definition Seiteneinsteiger und Quereinsteiger. Auf: seiteneinsteiger.info, abgerufen am 28. März 2013.
  2. Zitiert nach Moritz Küpper: Daten. Auf: seiteneinsteiger.info, abgerufen am 28. März 2013.
  3. derStandard.at - Seitenwechsel: Vom ORF in die Politik. Artikel vom 13. Januar 2014. abgerufen am 14. Januar 2014.
  4. Tiroler Tageszeitung Online - EU-Wahl: ORF als Rekrutierungs-Pool für die Politik. Artikel vom 14. Januar 2014, abgerufen am 14. Januar 2014.
  5. derStandard.at - Armin Wolf: "SPÖ holt sich Eugen Freund als Wählerattraktion". Artikel vom 14. Januar 2014. abgerufen am 14. Januar 2014.
  6. Wiener Zeitung - Der missverstandene Quereinsteiger Abgerufen am 12. Februar 2014.
  7. Österreichisches Jahrbuch für Politik 2004, S. 619–668: Prominente Quereinsteiger als Testimonials der Politik. Abgerufen am 14. Januar 2014.