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Die LNER-Klasse V2, ein Entwurf einer Prairie-Lokomotive des britischen Konstrukteurs Sir Nigel Gresley

Prairie (im deutschen Sprachraum auch Prärie) ist eine aus dem nordamerikanischen Sprachgebrauch stammende Bezeichnung für Dampflokomotiven mit der Achsfolge 1’C1’. Prairie-Lokomotiven besitzen eine Vorlaufachse, drei gekuppelte Achsen und eine Schleppachse. In dieser Bauform wurden vornehmlich Personenzug-Lokomotiven gebaut, daneben entstanden in dieser Achsfolge auch Schnellzug- und Mehrzwecklokomotiven.

GeschichteBearbeiten

 
Die erste Lokomotive der Achsfolge 1’C1’, die „Maxlhaid“ der EEG
 
1883 erbaute Schnellzuglokomotive Nr. 5891 des Typs Eb 3/5 der SBB, zuvor Nr. 95 der SCB

Erstmals verwendet wurde diese Achsfolge 1856 durch die Wiener Neustädter Lokomotivfabrik bei einer Tenderlokomotivenreihe für die Trauntalbahn in der seltenen Spurweite von 1106 Millimetern, den Lokomotiven Marchtrenk bis Zizlau der EEG. Die Deichselachsen dieser Lokomotiven erwiesen sich mangels einer Rückstellvorrichtung als unzureichend und ein Nachbau unterblieb.

Weitere Versuche der Belgischen Staatsbahn 1878 mit der Achsfolge brachten ebenfalls keine befriedigenden Ergebnisse. Die 1883 von der Werkstätte der Schweizerischen Centralbahn in Olten gebauten, für den Einsatz vor Schnellzügen auf der Alten Hauensteinlinie gebauten Tenderlokomotiven mit dieser Achsfolge blieben immerhin über 20 Jahre in Dienst.

In der Folgezeit setzte sich die Achsfolge in Europa zunächst für Tenderlokomotiven im Dienst vor Vorortzügen durch, da mit der Achsfolge eine gute Beschleunigung erreicht werden konnte. Zu den ersten Konstruktionen dieser Art zählte beispielsweise die ab 1895 nach einem Entwurf von Karl Gölsdorf auf der Wiener Stadtbahn eingesetzte Reihe 30 der k.k. Staatsbahnen. Ihre symmetrische Achsfolge machte Prairie-Tenderlokomotiven für solche Zugleistungen, bei denen rückwärts wie vorwärts gleich gute Laufeigenschaften der Lokomotiven nötig waren, gut geeignet.

 
Lokomotive 23 1019 der DR-Baureihe 23 (ab 1970 Baureihe 35)

Ab 1884 entstanden Schlepptenderlokomotiven dieser Achsfolge, in diesem Jahr lieferte Baldwin Lokomotiven dieser Bauart nach Neuseeland. 1901 erhielt in den Vereinigten Staaten die Lake Shore and Michigan Southern Railway (eine der Vorgängergesellschaften der New York Central Railroad), deren Netz zwischen Chicago und Buffalo lag, die ersten Schnellzuglokomotiven mit dieser Achsfolge. Die erste Lokomotive der neuen Bauart erhielt den Namen „Prairie“, der sich daraufhin schnell als Bezeichnung für Lokomotiven mit dieser Achsfolge verbreitete. Gelegentlich wird der Name auch darauf zurückgeführt, dass die ersten in den USA eingesetzten Lokomotiven dieser Achsfolge, die ein Jahr zuvor an die Chicago, Burlington and Quincy Railroad geliefert worden waren, vorwiegend vor Zügen auf Flachlandstrecken durch die weiten, als Prärie bezeichneten Ebenen des amerikanischen Mittelwestens eingesetzt wurden.

Vorteilhaft für die Verwendung als Schnellzuglokomotiven war, dass dank der als Schleppachse ausgebildeten Nachlaufachse der Stehkessel eine breite, nicht durch die Treibradsätze eingeengte Feuerbüchse erhalten konnte. Die meisten Kessel von Prairie-Lokomotiven weisen daher gute Verdampfungseigenschaften auf und sind zu hohen Dauerleistungen in der Lage. Gegenüber 2’C-Schlepptenderlokomotiven etwa gleicher Leistungsstärke konnten Prairie-Lokomotiven meist etwas leichter ausgeführt werden. Mit der Einführung des Krauss-Helmholtz-Lenkgestells für die Vorlauf- und die erste Kuppelachse erhielten die Lokomotiven zudem gute Laufeigenschaften, die mit Lokomotiven mit herkömmlichen Drehgestellen wie etwa den Pacific-Lokomotiven der Achsfolge 2’C1’ vergleichbar waren.

Diese Vorteile führten zu einer raschen Verbreitung der Achsfolge in verschiedenen Ländern, vorwiegend für den Einsatz im Schnellzug- oder im Personenverkehr. Die unterschiedlichen „Schulen“ der Konstrukteure in verschiedenen Ländern führten allerdings dazu, dass sich teilweise erhebliche zeitliche Unterschiede in der Einführung ergaben und sich Lokomotiven dieser Achsfolge je nach Land unterschiedlich verbreiteten. Das Misstrauen vieler Lokomotivkonstrukteure gegenüber den Laufeigenschaften des Krauss-Helmholtz-Gestells führte dazu, dass sich beispielsweise in Deutschland Prairie-Lokomotiven für höhere Geschwindigkeiten erst relativ spät durchsetzten.

Ab den 1930er Jahren war die Achsfolge aber im Lokomotivbau nicht nur für vergleichsweise langsame Tenderlokomotiven, sondern auch für Schnellzug- und Personenzug-Schlepptenderlokomotiven fest etabliert und anerkannt. Besonders weit verbreitet waren sie in Österreich-Ungarn und den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie, Italien sowie der Sowjetunion, letztere setzte mit über 3350 gebauten Exemplaren die weltweit meisten Lokomotiven der Achsfolge ein.

Dagegen wurden in den USA, dem Ursprungsland der Bezeichnung für diese Achsfolge, vergleichsweise wenige Prairie-Lokomotiven beschafft und eingesetzt. In verschiedenen Ländern, so etwa Deutschland und Polen, gehörten Prairie-Lokomotiven zu den letzten Neukonstruktionen von Dampflokomotiven.

LänderübersichtBearbeiten

DeutschlandBearbeiten

 
DR-Lokomotive 75 515 (ehemalige sächsische XIV HT)
 
DB-Lokomotive 23 071

Tenderlokomotiven dieser Achsfolge verbreiteten sich in Deutschland nach den guten österreichischen Erfahrungen mit der Reihe 30 recht schnell. Die Württembergische T 5, die Badische VI b und VIc sowie die Sächsische XIV HT, alle vor dem Ersten Weltkrieg konstruiert, waren erfolgreich und wurden bis weit in die 1960er Jahre eingesetzt. Lediglich die Preußische T 6 war eine Fehlkonstruktion, die wenigen Exemplare wurden kurz nach dem Ersten Weltkrieg bereits wieder ausgemustert. Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft beschaffte ab 1928 über 500 Exemplare ihrer Einheitsdampflokomotive der DR-Baureihe 64. Auch Privatbahnen wie die Eutin-Lübecker Eisenbahn mit den ELE Nr. 11 bis 14 beschafften in der Zwischenkriegszeit Tenderlokomotiven dieser Achsfolge.

Dagegen blieben die ersten Schlepptenderlokomotiven zunächst erfolglos. Die 1916 in drei Exemplaren gelieferte Oldenburgische S 10 war ausgesprochen unwirtschaftlich und wurde bereits nach weniger als zehn Jahren wieder ausgemustert. Eine regelrechte Fehlkonstruktion war die Badische IV g, die ungenügende Laufeigenschaften hatte und weder auf Flachlandstrecken noch der Schwarzwaldbahn befriedigte. Die badische Staatsbahn gab die fünf Exemplare 1918 im Zuge der Ablieferungen nach dem Waffenstillstand von Compiègne nach Frankreich ab. Die französische Seite wollte die Lokomotiven ebenfalls bald wieder loswerden und erklärte sich zur Rückgabe nach Deutschland bereit, was in Baden wiederum abgelehnt wurde. Sie wurden in Frankreich schließlich Anfang der 1930er Jahre ausgemustert.

Erst 1941 erhielt die Reichsbahn wieder Prairie-Schlepptenderlokomotiven. Die in zwei Vorserienexemplaren beschaffte DR-Baureihe 23 sollte als Personenzuglokomotive ab 1941 in bis zu 800 Exemplaren als Ersatz für die Preußische P 8 beschafft werden, der Zweite Weltkrieg ließ diese Pläne aber zugunsten dringender erforderlicher Güterzuglokomotiven obsolet werden. Nach dem Krieg beschafften sowohl die Deutsche Bundesbahn mit der DB-Baureihe 23 wie auch die ostdeutsche Reichsbahn mit der DR-Baureihe 23.10 jeweils gut 100 neue Prairie-Lokomotiven. Die letzten Exemplare beendeten ihren Dienst durch den Strukturwandel bedingt aber bereits nach durchschnittlich weniger als 20 Jahren Einsatz bis etwa Mitte der 1970er Jahre.

Österreich-UngarnBearbeiten

 
KkStB-Reihe 110
 
Die letzte, 1959 ausgelieferte Lokomotive der MÁV-Baureihe 375

In Österreich wie auch in Ungarn waren Prairie-Lokomotiven sehr erfolgreich und wurden in großen Stückzahlen beschafft. Nachfolger der ersten in größerer Serie für eine der Staatsbahnen Österreich-Ungarns beschafften Reihe 30 der kkStB als Lokomotive für Vorortzüge und Nebenbahnen wurden die kkStB 29 und die kkStB 229, die nach 1918 auch in fast allen Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns eingesetzt wurden.

Die relativ geringen zulässigen Achslasten der kkStB-Strecken führten sowohl im Schnellzug- wie im Personenzugverkehr zu einer guten Eignung der Prairie-Lokomotiven. Karl Gölsdorf entwickelte mit der kkStB 110 eine kräftige Schnellzuglokomotive, die außer von den k.k. Staatsbahnen auch von verschiedenen Privatbahnen der Donaumonarchie wie etwa der Kaschau-Oderberger Bahn (KOB) beschafft wurde. Auf Basis der 110 entstanden weitere Nachfolgebauarten bis zur zuletzt ab 1916 beschafften kkStB 910. Als Personenzuglokomotive entwickelte Gölsdorf die kkStB 329 und ihre Nachfolgereihe, die kkStB 429.

Die ungarische Staatsbahn MÁV orderte ebenfalls Exemplare der kkStB 329 und beschaffte darüber hinaus auch mehrere Baureihen von Prairie-Lokomotiven nach eigenen Konstruktionen. Als Schnellzuglokomotive kam ab 1908 die MÁV-Baureihe 322 (MÁV IIIs) zum Einsatz, gefolgt von den ab 1909 gelieferten fast 900 Exemplaren der MÁV-Baureihe 324, der meistverbreiteten ungarischen Schnellzuglokomotive. Als Tenderlokomotiven für Nebenbahnen und den Lokalverkehr stellte die MÁV ab 1907 die Baureihen 375 und 376 in Dienst. Die letzten Exemplare der Reihe 375 wurden 1959 ausgeliefert und gehörten zu den letzten ungarischen Dampflokomotiven im Einsatz.

Die meisten Lokomotiven blieben nach 1918 bei den verschiedenen Nachfolgebahnen noch lange im Einsatz und wurden teilweise, so etwa in der Tschechoslowakei und Jugoslawien noch nachbeschafft. Die letzten Gölsdorf-Lokomotiven dieser Achsfolge waren bis nach dem Zweiten Weltkrieg im Dienst.

SchweizBearbeiten

 
Die Eb 3/5 5810 der SBB

Schlepptenderlokomotiven des Typs Prairie wurden in der Schweiz nie beschafft. Dagegen erhielt die Achsfolge als Tenderlokomotive eine weite Verbreitung.

Nachdem bereits verschiedene Privatbahnen entsprechende Lokomotiven beschafft hatten, beispielsweise die Eb 3/5 der Bodensee-Toggenburg-Bahn oder die Ec 3/5 der Thunerseebahn, beschafften die SBB ab 1911 die SBB Eb 3/5 in 34 Exemplaren. Sie wurden als Mehrzwecklokomotiven fast bis zum Ende des Dampfbetriebs bei den SBB eingesetzt.

PolenBearbeiten

 
Die PKP-Lokomotive OKl27.26

Abgesehen von den durch die PKP nach 1919 von ihren Vorgängerbahnen übernommenen Lokomotiven, unter denen auch ehemalige kkStB-Prairies, beispielsweise der als PKP-Reihe Ol11 eingeordneten kkStB-Reihe 329, waren, beschaffte die polnische Staatsbahn zwei Prairie-Baureihen, je eine als Tender- und eine als Schlepptenderlokomotive.

Ab 1928 entstanden 122 Exemplare der schweren Tenderlok der PKP-Baureihe OKl27. Nach dem Krieg erhielt die PKP die PKP-Baureihe Ol49 in 112 Exemplaren. Beide Baureihen bewährten sich gut und wurden über Jahrzehnte eingesetzt. Die letzten Exemplare der Ol49 hielten sich im Plandienst der PKP bis etwa 1990.

Vereinigtes KönigreichBearbeiten

 
GWR-Lokomotive 4566

In Großbritannien erhielt die Prairie-Type als Schlepptenderlokomotive keine große Verbreitung. Lediglich die von Nigel Gresley für die LNER konstruierte LNER-Klasse V2 wurde in größeren Stückzahlen beschafft und erwies sich als ideale Mehrzwecklokomotive, die sowohl für Schnellzüge wie auch Güterzüge geeignet war.

Außer der V2-Klasse entstanden fast ausschließlich Tenderlokomotiven. Sowohl British Railways als auch drei der vier Vorgängergesellschaften (mit Ausnahme der Southern Railway) bauten, beginnend mit der ab 1906 von der Great Western Railway beschafften GWR-Klasse 4500, größere Serien mit dieser Achsfolge, so die BR-Standardklasse 2MT, die BR-Standardklasse 3MT, die LNER-Klasse V1 und die LMS-Klasse 3MT.

Russland/SowjetunionBearbeiten

 
Russische Baureihe С im Eisenbahnmuseum in Sankt Petersburg

In Russland bzw. der Sowjetunion fand die Prairie-Bauart vor allem als Schnellzuglok sehr weite Verbreitung und entwickelte sich zu einer Standardlokomotive. Ab 1910 erhielten russische Bahnen die ersten Exemplare der Baureihe С. Bis 1919 wurden 678 Stück der Baureihe gebaut. Die Warschau-Wiener Eisenbahn erhielt weitere 15 leicht abgewandelte, in Normalspur ausgeführte Exemplare.

Nach dem Ende des Zarenreichs verkehrten Lokomotiven der Baureihe С in der Sowjetunion und in Lettland. Auf Basis dieses erfolgreichen Entwurfs entstand in der neugegründeten UdSSR ab 1924 eine verstärkte und verbesserte Version in Form der SŽD-Baureihe Су, die in den Folgejahren in großer Stückzahl beschafft wurde. Bis 1951 wurde sie mehrfach modifiziert und in insgesamt fast 2700 Exemplaren gebaut.

Für den Schnellzugverkehr in der UdSSR erbrachten die Lokomotiven bis zum Erscheinen der SŽD-Baureihe ИС ab Mitte der 1930er Jahre die meisten Leistungen. Sie blieben bis in die 1960er Jahre fast landesweit vor Schnellzügen im Einsatz. Insgesamt entstanden für die russischen und sowjetischen Eisenbahnen über 3400 Prairie-Lokomotiven, nach anderen Quellenangaben sogar ca. 3700 Stück, was weltweit die umfangreichste Flotte an Prairie-Lokomotiven war.

ItalienBearbeiten

 
Die FS 685.196 im Jahr 1986 in Mantova

Ebenfalls umfangreich Verwendung im Schnellzugdienst fanden Prairie-Lokomotiven in Italien. Ab 1906 erhielt die Ferrovie dello Stato (FS) zunächst die Vierzylinder-Nassdampf-Verbundlokomotiven der Reihe FS 680. Entsprechend der technischen Entwicklung stellte die FS bald auf Heißdampf um. Ab 1912 wurden in den Jahren bis 1927 dementsprechend 235 Exemplare der als Vierlings-Heißdampflokomotiven ausgeführten Reihe FS 685 gebaut, die damit die meistgebaute italienische Schnellzugdampflokomotive wurde.

Parallel dazu wurden weitere Exemplare als Reihe 685.8 mit Caprotti-Ventilsteuerung geliefert. Fünf Lokomotiven wurden ab 1939 zu Franco-Crosti-Lokomotiven umgerüstet und als FS 683 bezeichnet. Sie erhielten zudem Stromlinienverkleidung.

JugoslawienBearbeiten

Mit sechs ersten Exemplaren wurde bereits 1912 noch an die damalige serbische Staatsbahn eine ab 1933 als Reihe JDŽ 01 bezeichnete Schnellzuglokomotive geliefert, wie die FS 685 eine Vierlings-Heißdampflokomotive. Nachdem ab 1922 insgesamt 120 Stück als Reparationsleistung von deutschen Lokomotivfirmen geliefert wurden, war sie die meistgebaute Schnellzuglokomotive der jugoslawischen Staatsbahnen. Parallel hatte die maschinentechnische Abteilung der serbischen Staatsbahn 1912 auch eine Variante als Vierzylinder-Nassdampf-Verbundlokomotive entwickelt, die in acht Exemplaren zum Einsatz kam, sich aber gegenüber der Reihe 01 als weniger erfolgreich zeigte. Die als JDŽ 04 eingeordneten Lokomotiven wurden bis Ende der 1940er Jahre ausgemustert. Die Reihe 01, von der in den 1930er Jahren ein Exemplar Stromlinienverkleidung erhielt, blieb dagegen mit letzten Exemplaren bis 1985 im Einsatz. Die jugoslawischen Staatsbahnen setzten außerdem von Österreich und Ungarn übernommene Prairie-Bauarten ein, so die ehemalige kkStB 110 als JDŽ 110 und die ehemalige kkStB 329 als JDŽ 107. Mit 87 Stück in Jugoslawien weit verbreitet war auch die als JDŽ 22 eingeordnete ehemalige MÁV-Baureihe 324.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Prairie-Lokomotiven – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien