Nun danket alle Gott

Kirchenlied

Nun danket alle Gott ist der Titel eines von dem protestantischen Eilenburger Geistlichen Martin Rinckart (1586–1649) verfassten Chorals. Er zählt zu den bekanntesten geistlichen Liedern in deutscher Sprache.

Nun danket alle Gott, Text und Melodie mit beziffertem Bass in Johann Crügers Praxis pietatis melica 1653

Entstehung und RezeptionBearbeiten

 
Choral am Abend der Schlacht bei Leuthen, Illustration von Wilhelm Camphausen, 1864

Der Text Nun danket alle Gott erschien erstmals 1636 in Rinckarts Jesu Hertz-Büchlein,[1] wo er unter der Rubrik „Tisch-Gebetlein“ aufgeführt ist.[2] Die Melodie wird von einigen Hymnologen ebenfalls Rinckart zugeschrieben,[3] von anderen Johann Crüger,[4] in dessen Gesangbuch Praxis pietatis melica von 1647 sie erstmals veröffentlicht ist. Die drei Strophen wurden zu dieser Zeit entweder selbständig als Tischgebet oder zusammen mit der Melodie als „Lied zu Tisch“ vorgetragen. Eine traditionell oft vermutete Verbindung zum hundertjährigen Jubiläum der Confessio Augustana (1630) erschließt sich dagegen aus dem Text selbst nicht und gilt als historisch fragwürdig.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gehörte das Lied bereits zum festen Bestand vieler bedeutender evangelischer Kirchengesangbücher in Deutschland. Berühmt wurde es im 18. Jahrhundert in Anlehnung an die Schlacht von Leuthen als „Choral von Leuthen“. In der Nähe des niederschlesischen Ortes Leuthen besiegte am 5. Dezember 1757 die preußische Armee unter Friedrich II. die Österreicher im Siebenjährigen Krieg. Am Abend nach der Schlacht sollen 25.000 Soldaten spontan das Lied angestimmt haben, das in der Folgezeit zunächst in Preußen, später in ganz Deutschland zu einer beliebten vaterländischen Hymne avancierte.

Eine ungewöhnliche und wesentlich ambivalentere Rolle spielt Nun danket alle Gott in Börries Freiherr von Münchhausens Ballade Der Todspieler von 1903, in der ein evangelischer Pastor auf tragische, unerklärliche Weise durch sein besonders inspiriertes Spiel des Chorals nach und nach den Tod seiner Frau und zweier seiner drei Söhne verschuldet.[5]

Nun danket alle Gott erhielt im 1897 geschaffenen Historischen Festspiel der Dinkelsbühler Kinderzeche einen prominenten Platz als Schlusschoral der seitdem (außer 1940–1947 und 2020) alljährlich stattfindenden Aufführung. Das Lied hat hier die Funktion der Danksagung an Gott wegen der erfolgreich abgewendeten Plünderung der Stadt durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg. Die Verwendung des 1634 veröffentlichten Chorals ist allerdings anachronistisch, da die im Festspiel erzählten Ereignisse 1631 stattgefunden haben sollen.[6]

Der Choral wurde auch 1955 im Lager Friedland nach Ankunft der offiziell letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, deren Heimkehr Bundeskanzler Konrad Adenauer erwirkt hatte, angestimmt. Helmut Kohl wählte es 1998 als Teil der Serenade des Großen Zapfenstreichs anlässlich seiner Verabschiedung aus.

Tyska kyrkan (Stockholm): 12 Uhr-Schlag und Glockenspiel „Nun danket alle Gott“

Das Lied erfuhr zahlreiche musikalische Bearbeitungen, unter anderem durch Johann Christoph Altnikol, Johann Pachelbel, Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach (BWV 79, 192, 252, 386, 657 sowie mehrere Fragmente), Felix Mendelssohn Bartholdy (Lobgesang), Franz Liszt (zur Einweihung der Walcker-Orgel im Dom zu Riga, 1884[7]), Max Reger und in der englischen Übertragung von Catherine Winkworth durch John Rutter (Now thank we all our God, 1974[8]). Es ist im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 321 verzeichnet (EG 321). Im katholischen Gesangbuch Gotteslob ist es unter Nummer 405 (GL 405), im Mennonitischen Gesangbuch unter Nummer 53 (MG 53) und im Neuapostolischen Gesangbuch unter Nummer 256 (NG 256) zu finden. Durch zahlreiche Übersetzungen ist es auch über den deutschen Sprachraum hinaus verbreitet.

TextBearbeiten

Rinckarts Gedicht besteht aus drei Strophen zu je zwei Alexandriner-Paaren, einem weiblich und einem männlich reimenden.

Die ersten beiden Strophen sind die dichterische Umsetzung des apokryphen Textes Sir 50,22−24 Lut. Dabei liegt die Lutherübersetzung zugrunde:

22Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden, der uns von Mutterleib an lebendig erhält und uns alles Gute tut. 23Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Frieden zu unsrer Zeit in Israel 24und dass seine Gnade stets bei uns bleibe und uns erlöse, solange wir leben.“

Die dritte Strophe ist eine Nachdichtung des Gloria Patri.

Originaltext[9] Heutige Textfassung[10]

Nun dancket alle Gott
Mit Hertzen Mund vnd Händen
Der grosse Dinge thut
An vns vnd aller Enden
Der vns von Mutter Leib
Vnd Kindes Beinen an
Vnzehlig viel zu gut
Vnd noch j[e]tzund gethan.

Der ewig reiche Gott
Woll vns auff vnser Leben
Ein jmmer frölich Hertz
Vnd edlen Frieden geben:
Vnd vns in seiner Gnad
Erhalten fort vnd fort
Vnd uns aus aller Noth
Erlösen hier vnd dort.

Lob / Ehr v[n]d Preis sey Gott
Dem Vater vnd dem Sohne
Vnd dem der beyden gleich
Im höchsten Himmels Throne:
Dem dreymal einen Gott
Als Er vrsprünglich war
Vnd ist / vnd bleiben wird
Jetzund vnd jmmerdar.

Nun danket alle Gott
mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut
an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib
und Kindesbeinen an
unzählig viel zu gut
bis hierher hat getan.

Der ewigreiche Gott
woll uns bei unserm Leben
ein immer fröhlich Herz
und edlen Frieden geben
und uns in seiner Gnad
erhalten fort und fort
und uns aus aller Not
erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott
dem Vater und dem Sohne
und Gott dem Heilgen Geist
im höchsten Himmelsthrone,
ihm, dem dreiein’gen Gott,
wie es im Anfang war
und ist und bleiben wird
so jetzt und immerdar.

Die Originalfassung Rinckarts wurde mit geringeren Abweichungen bis ins 20. Jahrhundert hinein gesungen und fand sich im bis 1993/96 verwendeten Evangelischen Kirchengesangbuch. In der aktuellen Version ist das „jetzund“ in Strophe 1 und 3 getilgt;[11] „dem, der beiden gleich“ wurde durch „Gott dem Heilgen Geist“ ersetzt. Das „er“ in der drittletzten Zeile war schon im 19. Jahrhundert durch „es“ ersetzt und damit der Lutherübersetzung des Gloria Patri angepasst worden;[12] Glättungen des „dreimal einen“ gab es schon im 18. Jahrhundert[13] und auch im DEG 1915.[14]

ÜbersetzungenBearbeiten

Eine dänische Übersetzung „Nu takker alle Gud med hjerte, mund og hænder...“ von 1717 erschien, mehrfach bearbeitet bis 1890, in dem dänischen Gesangbuch Den Danske Salmebog, Kopenhagen 1953, Nr. 11, in Den Danske Salme Bog, Kopenhagen 1993, Nr. 11, und wurde wieder übernommen in die folgende, aktuelle Ausgabe Den Danske Salmebog, Kopenhagen 2002, Nr. 11 (mit der gleichen Nummer, also zum „Grundbestand“ gehörig). Hinweise dazu bei J. Kærsgaard, Salmehåndbog, Band 2, Kopenhagen 2003, zu Nr. 11, auf frühere Bearbeitungen und Übersetzungen von B. C. Ægidius, im dänischen Gesangbuch Flensburg 1717, im Gesangbuch Pontoppidan 1740 usw. Das Lied steht auch im dänischen Militärliederbuch, Forsvarets sangbog, 5. Auflage, Kopenhagen 1972, Nr. 9 (nach dem Gesangbuch Pontoppidan 1740). Es ist bemerkenswert, dass die dänische Übersetzung so sehr als „dänisch“ empfunden wurde, dass selbst 1920 bei der Wiedervereinigung von Sønderjylland mit Dänemark nach dem Ersten Weltkrieg dieses Lied in der Kirche am Tag der Beendigung der seit 1864 als sehr bedrohlich empfundenen deutschen Herrschaft gesungen wurde (vgl. Bericht eines Zeitzeugen, vor 1979 niedergeschrieben, in: Nyhedsbrev. Genforenings- og Grænsemuseet, Januar 2020, S. 7).[15]

LiteraturBearbeiten

  • Adolf Brüssau: Martin Rinckart (1586–1649) und sein Lied „Nun danket alle Gott“. Schloeßmann, Leipzig 1936.
  • Wilhelm Büchting, Siegmar Keil: Martin Rinckart. Leben und Werk. Pietsch-Verlag, Spröda 1996, ISBN 3-00-000740-7.
  • Siegmar Keil: Martin Rinckarts Lied „Nun danket alle Gott“ im Spiegel früher Drucke. In: Eilenburger Jahrbuch 1999, S. 82–92.
  • Siegmar Keil: „Nun danket alle Gott“. Ein Kirchenlied als Inspirationsquell. In: Die Tonkunst online. Das Online-Magazin für klassische Musik, Ausgabe 0510 vom 1. Oktober 2005.
  • Siegmar Keil: Martin Rinckarts „Nun danket alle Gott“ in unterschiedlichen Text- und Melodiefassungen. In: Forum Kirchenmusik 2007/I, S. 4–13.
  • Siegmar Keil: Der „Choral von Leuthen“ – ein preußisch-deutscher Mythos. In: Die Tonkunst 4/2007, S. 442–449.
  • Andreas Marti: 321 – Nun danket alle Gott. In: Wolfgang Herbst, Ilsabe Seibt (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Nr. 16. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-50302-7, S. 35–43 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

WeblinksBearbeiten

Commons: Nun danket alle Gott – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Martin Rinckart: Jesu Hertz-Büchlein. Leipzig 1636.
  2. Wolfgang Herbst (Hrsg.): Wer ist wer im Gesangbuch?, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-50323-7, S. 255 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  3. so Siegmar Keil (Memento des Originals vom 2. April 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lyrik-und-lied.de (2005).
  4. so Michael Fischer (2007).
  5. Digitalisat in Deutsche Balladen, Bielefeld/Leipzig 4/1933
  6. Siehe Website www.kinderzeche.de
  7. Baltikum, 1. Auflage 2005, Verlag Karl Baedeker, Seite 300
  8. John Rutter / Now thank we all our God / No. 1 of Two Hymns of Praise. Oxford University Press. 1974. Abgerufen am 5. Januar 2018.
  9. NVn dancket alle Gott (Martin Rinckart 1636); In: Eckhard John (Hrsg.): Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliedarchivs; Textfassung nach Martin Rinckart: JESV-Hertz-Büchlein darinen lauter Bernhardinische und Christ Lutherische Jubel-Hertz-Frewden gesamlet. Leipzig 1636.
  10. Nach EG 321; die AöL- und GL-Fassung hat in Strophe 2 „in unserm Leben“, in Strophe 3 „dem dreieinen Gott“.
  11. Zur Wortform vgl. Grimms Wörterbuch.
  12. So im DEKG 1854 und auch im EKG 1950.
  13. Vgl. Bachkantate 192
  14. Liederlexikon
  15. Vgl. Otto Holzapfel: Liedverzeichnis: Die ältere deutschsprachige populäre Liedüberlieferung (Online-Fassung auf der Homepage Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern; im PDF-Format; laufende Updates) mit weiteren Hinweisen.