Münchner Stadtmuseum

Museum in Deutschland
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Münchner Stadtmuseum (2008)

Das Münchner Stadtmuseum am St.-Jakobs-Platz in der Münchner Altstadt wird vom Kulturrefererat der Landeshauptstadt München getragen. Es wurde am 29. Juli 1888 vom damaligen Stadtarchivar Ernst von Destouches begründet. Die Verwaltung des Museums befindet sich im Ignaz-Günther-Haus, einem spätmittelalterlichen Haus aus dem 15. Jahrhundert, in welchem sich eine „Himmelsleiter“ befindet, die zum zweiten Stock führt.[1]

Museumsdirektorin ist seit Januar 2020 Frauke von der Haar; sie ist die Nachfolgerin von Isabella Fehle,[2] die das Museum seit 2010 leitete und im November 2019 in den Ruhestand trat.

GebäudeBearbeiten

Das Museum befindet sich auf einem geräumigen Areal im ehemaligen Zeughaus der Stadt München, im Marstall und in drei weiteren anliegenden Bauabschnitten. Das Zeughaus der Stadt entstand 1500 und ist ein Bau der späten Gotik. Der ebenfalls spätmittelalterliche Marstall wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut.

Seit 1999 war der Sanierungsbedarf des Stadtmuseums bekannt.[2] Im Juli 2019 beschloss der Münchner Stadtrat eine Generalsanierung des Hauses, einen neuen Eingang und einen Erweiterungsbau im Innenhof, wobei man von 183 Millionen Euro plus 20 Millionen Euro für die Neugestaltung der Ausstellungsbereiche ausging.[3] Als Ausweichquartier für Büros und Restaurierungsateliers wurden Räumlichkeiten auf dem Stammareal der Arri Group in der Türkenstraße für zehn Jahre angemietet.[4] Nach der Kommunalwahl 2020 verschob die grün-rote Stadtratskoalition die (nun auf 140 Millionen Euro veranschlagte)[5] Sanierung mindestens bis 2026; Direktorin von der Haar sagte, dies komme einem Aus für die Generalsanierung gleich.[6]

DauerausstellungenBearbeiten

Dauerausstellung „Typisch München!“Bearbeiten

 
Das Stadtmuseum auf einer Zeichnung nach dem Sandtnerschen Stadtmodell

Eingebettet in den kulturgeschichtlichen Kontext wird in einem Rundgang über drei Etagen alles dargestellt, was typisch für die Stadt und ihre Bewohner ist. Vom angeblichen Schlüsselbein Herzog Heinrichs des Löwen bis zur Allianz Arena beleuchtet die Ausstellung die Kulturgeschichte Münchens von ihrer Gründungslegende bis zur Gegenwart. Ein Anziehungspunkt sind die um 1480 entstandenen Moriskentänzer von Erasmus Grasser (1450–1518), die für den Ballsaal des Alten Rathauses geschaffen worden waren. Die Moriskentänzer gelten als Standardbeispiele der bürgerlichen Kunst der Spätgotik. Bedeutend ist auch eine Kopie des Stadtmodell Münchens von Jakob Sandtner aus dem Jahre 1570. Auch das Grabrelief der Indianerkinder Juri und Miranha befindet sich seit 1892 im Besitz des Museums und wurde in die Ausstellung Typisch München! integriert.[7]

Auf insgesamt 2400 m² zeigt die Ausstellung rund 400 Objekte, beginnend mit dem alten München über Stationen wie Königreich oder Schwabinger Bohème bis hin zu den Olympischen Sommerspielen 1972 und zur Gegenwart. Zu sehen sind die bedeutendsten Werke, die das Münchner Stadtmuseum seit seiner Gründung 1888 gesammelt hat. Die Ausstellung stellt drei Fragen: Was ist typisch München, seit wann und vor allem warum?

Die Ausstellung zeigt ausschließlich Werke aus den eigenen Beständen und gibt einen umfassenden Einblick in die Sammlungsbereiche des Münchner Stadtmuseums: Graphik, Plakate und Gemälde, Möbel, Skulptur, Kunsthandwerk, Mode, Stadtkultur, Fotografie, Film, Musik und Schaustellerei. Im Hinblick auf eine Auswahl wurden die Bestände für die Ausstellung wissenschaftlich neu bearbeitet, restauratorisch betreut und in den jeweiligen stadthistorischen Kontext gestellt.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen einer kommunalen Emanzipation, in der sich die Stadt von ihrer durchwegs höfisch dominierten Geschichte verabschiedet, um ein städtisches Selbstbewusstsein gerungen und den Ruf der „heimlichen Hauptstadt“ der Bundesrepublik erworben hat. Die Dauerausstellung zeigt, wie dieser Prozess seit dem 19. Jahrhundert, seit der 700-Jahr-Feier von 1858 bis heute wirksam ist.

Zur baulichen Umsetzung des Unternehmens wurde das Münchner Zeughaus grundlegend saniert und mit moderner Museumstechnik ausgestattet. Es handelt sich um einen Akt der Denkmalspflege, durch den sich das Gebäude seiner historischen Bedeutung angemessen in das neue Ensemble am St.-Jakobs-Platz mit Jüdischen Gemeindezentrum und Jüdischen Museum einfügt.

Nationalsozialismus in MünchenBearbeiten

 
Leuchtschrift „Kaufhaus Uhlfelder“ in den Fenstern zum Oberanger

Die seit 2003 bestehende Dauerausstellung Nationalsozialismus in München zeigt Entstehung, Ausprägung und Folgen des Nationalsozialismus in München zwischen 1918 und 1945.[8] Der Akzent liegt auf den Besonderheiten, die die Stadt zum Standort der NSDAP-Zentrale, „Hauptstadt der Bewegung“ und „Hauptstadt der deutschen Kunst“ werden ließen. Dazu gehören Informationen über Akteure und Verfolgte, über Akzeptanz und Widerstand in München.

Im Rahmen der Ausstellung wurde in den dem Oberanger zugewandten Fenstern des Museumsgebäudes eine blaue Leuchtschrift mit dem Schriftzug „Kaufhaus Uhlfelder“ installiert, die daran erinnert, dass das Gebäude zum Teil am Standort des früheren Kaufhauses Uhlfelder steht, das während der Pogromnacht geplündert und dessen jüdischer Besitzer von den Nationalsozialisten enteignet wurde.

SammlungenBearbeiten

Sammlung FotografieBearbeiten

 
Detailansicht, 2009

Die 1963 eröffnete Sammlung Fotografie (damals Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum) zählt mit einem Sammlungsbestand von über 500.000 Fotografien zu den führenden fotografischen Sammlungen Europas. Der Schwerpunkt der Bestände liegt im Zeitraum bis 1980, wird aber durch zeitgenössische Fotografien ständig erweitert. Durch den Ankauf der Sammlung des Fotografen und jüdischen Emigranten Josef Breitenbach kamen 1977 über 600 Originale international bekannter Fotografen wie Berenice Abbott, Robert Adamson & David Octavius Hill, Julia Margaret Cameron, Robert Capa, Alfred Eisenstaedt, Roger Fenton, André Kertész und Lisette Model an die Sammlung Fotografie, die das Herzstück der heutigen Bildbestände bilden. Eine wichtige Ergänzung erfuhr die Sammlung 1984 durch den Ankauf der über 1000 Objekte umfassenden Sammlung Uwe Scheid zur Geschichte der Fotografie im 19. Jahrhundert. 1985 gelangte die Stiftung Franz Hanfstaengl an das Museum. Seit 1991 haben zahlreiche Archive und Nachlässe den Weg in die Sammlung gefunden, darunter der über 1.100 Vintageprints umfassende Nachlass von Herbert List sowie umfangreiche Archive unter anderem von Thomas Höpker, Barbara Lüdecke, Stefan Moses, Floris M. Neusüss, Norbert Przybilla, Regina Relang, Hans Schreiner und seinem Institut für Bildjournalismus, Frank Eugene Smith, Vladimir Vinski sowie das Archiv der Illustrierten Quick.

Eine Publikumsattraktion ist das im Originalzustand erhaltene, in der Dauerausstellung Typisch München! präsentierte Kaiserpanorama – ein um 1900 in Europa ausgesprochen populäres Massenmedium – das es 25 Personen gleichzeitig ermöglichte, dreidimensionale Zyklen in- und ausländischer Reise- und Städtebilder zu betrachten.

Eine Fachbibliothek mit über 10.000 Bänden sowie 600 seltene Fotobücher stehen für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung. Den Ruf der Sammlung Fotografie begründeten in den 1970er Jahren zahlreiche monografische und thematische Ausstellungen. In den letzten 15 Jahren wurden hier Retrospektiven von Nobuyoshi Araki, Felice Beato, Bernd und Hilla Becher, den Brüdern Bisson, Joachim Brohm, Samuel Bourne, John Deakin, Hugo Erfurth, Frank Eugene, Theodor Hilsdorf, Peter Keetman, Philipp Kester, William Klein, Annie Leibovitz, Herbert List, Will McBride, Stefan Moses, Irving Penn, Pierre et Gilles, Alexander Rodtschenko, Toni Schneiders, Giorgio Sommer, Dimitri Soulas, Paul Strand und Juergen Teller gezeigt. Im ersten Stock des Museums präsentiert das Forum eine Auswahl zeitgenössischer Fotografien. Dort fanden Ausstellungen von zeitgenössischen Künstlern wie Katharina Gaenssler und Franz Wanner statt.

Sammlung Graphik / GemäldeBearbeiten

Die Sammlung Graphik und Gemälde umfasst heute weit über 200.000 Objekte. Der Schwerpunkt liegt auf der Münchner Stadtgeschichte. Besonders umfangreich sind die Bestände aus dem 19. Jahrhundert. Der historische Kern dieser Sammlung stammt aus dem Ankauf der Bestände Joseph Maillingers (1831–1884), dessen Bilder-Chronik der Stadt München rund 18.000 Blätter umfasst. Erwähnenswert sind auch weitere Monacensia-Sammlungen, wie die von Franz Xaver Zettler und Carlo Proebst. In einem Querschnitt durch alle Bestände sind im Porträt-Archiv an die 20.000 Bildnisse von Münchnern versammelt. Eine erste Auswahl ist in Kooperation mit der Bayerischen Landesbibliothek Online (BLO) abzurufen.

Von folgenden Künstlern befinden sich größere Konvolute in der Sammlung Graphik und Gemälde: Peter von Cornelius, Johann Georg von Dillis, Johann Georg Edlinger, Leo von Klenze, Wilhelm von Kobell, Moritz von Schwind, Carl Rottmann, Wilhelm von Kaulbach und Friedrich August von Kaulbach sowie den Künstlerfamilien Adam und Quaglio. Weiter bereichern Nachlässe von Münchner Künstlern die Sammlung. Hervorzuheben ist der graphische Nachlass des Bildhauers Ludwig von Schwanthaler, mit über 2.000 Studien- und Entwurfsblättern, sowie der so genannte „Krumper-Nachlass“, ein Konvolut großformatiger Architekturzeichnungen aus der Zeit um 1600, welches kunstgeschichtlich von großer Bedeutung ist. Auch der umfangreiche Nachlass des symbolistischen Jugendstilkünstlers Carl Strathmann befindet sich im Münchner Stadtmuseum.

ReklamekunstBearbeiten

Die Sammlung zur Kunst der Werbung wurde aus der allgemeinen Grafik- und Gemäldesammlung ausgelagert und besteht aus über 30.000 Plakaten vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Rund zwei Drittel stehen in Beziehung zur Werbung in München. Ein Schwerpunkt ist die Zeit um 1900.[9]

Sammlung Puppentheater und SchaustellereiBearbeiten

 
Die bundesdeutschen Wohlfahrtsmarken des Briefmarken-Jahrgangs 1970 zeigen Puppen der Münchner Sammlung

Die Sammlung Puppentheater und Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums, die in ihren Anfängen auf das Jahr 1939 (Ludwig Krafft) zurückgeht, beschäftigt sich mit allen Bereichen des Figurentheaters seit dem 18. Jahrhundert. Die international ausgerichtete Sammlung von ca. 13.000 Figuren umfasst Handpuppen, Marionetten, Stab- und Schattenfiguren mit kompletten Bühnennachlässen, Theaterdekorationen und Textbüchern. Der Schwerpunkt liegt auf der Erfassung des volkstümlichen und künstlerischen Puppenspiels vor 1945 in Deutschland. Weiter wurden der Fundus der Spieldose – Mechanisches Theater Münchner Studenten (1955 bis heute) fast vollständig gesammelt sowie die Figurensätze des Marionettenstudios in Schwabing (seit 1949). Außerdem ist die ehemalige Werkstatt des Münchner Bildhauers und Puppenschnitzers Walter Oberholzer komplett zu sehen. Oberholzer hatte auch für das Münchner Marionettentheater gearbeitet. Zudem ist der (1959) noch erreichbare Fundus des Prinzipals des Marionettentheaters Münchner Künstler vor 1933 Paul Brann in ständiger Ausstellung zu sehen. Dazu kommen reichhaltige Bestände aus anderen europäischen Ländern sowie aus Asien und Afrika. Eine Besonderheit bildet der Bestand an mechanisch-beweglichen Figuren und Automaten.

Seit 1980 erweiterte das Museum seine Interessen auf das Gebiet der Schaustellerei mit dem Blick auf die Attraktionen der deutschen Jahrmärkte und Feste vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Dabei werden auch die Sparten Varieté und Circus berücksichtigt. Die Museumsabteilung hat sich damit zur zentralen Anlaufstelle für Fragen zu volkstümlichen Vergnügungen entwickelt. Neben der ständigen Schausammlung, die vor allem die Entwicklung des Puppenspiels und der Schaustellerei in Deutschland veranschaulicht, stehen Forschern die Fachbibliothek, das Archiv und die Grafiksammlung zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit dem Münchner Verein Gesellschaft zur Förderung des Puppenspiels wird das gesamte Spektrum des Puppentheaters durch Aufführungen zeitgenössischer Bühnen gepflegt.

Sammlung MusikBearbeiten

Neben Kostbarkeiten des Instrumentenbaus aus verschiedenen Kulturen wird ein Querschnitt zur Vielfalt musikalischer Aktivität geboten. Die Sammlung, welche auf der 1940 an die Stadt München übergebenen Privatsammlung von Georg Neuner beruht, während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert war und 1962[10] im Münchner Stadtmuseum neu präsentiert wurde, umfasst inzwischen 6000 Objekte, darunter ca. 1500 Instrumente aus Afrika, Asien, Altamerika und Europa, sowie den Sonderbereich der mechanischen Musikinstrumente mit großem Stern-Orchestrion aus dem Jahr 1880. Bei Führungen gibt es die Möglichkeit unter Anleitung auf den Gamelans aus Java und Bali selbst zu spielen. Abendkonzerte und Sonntagsmatinéen verwandeln die Ausstellungsräume in einen Konzertsaal.

Filmmuseum und kommunales KinoBearbeiten

Das Filmmuseum München besteht seit 1963 als Abteilung des Münchner Stadtmuseums und ist somit Deutschlands erstes kommunales Kino. In fast täglichem Spielbetrieb stellt das Filmmuseum in seinem Kino herausragende Werke aus allen Epochen der internationalen Filmgeschichte vor. Sein Archiv umfasst Klassiker der Filmgeschichte, die zum Teil in jahrelanger Arbeit rekonstruiert wurden. Dazu zählen Stummfilmklassiker wie Die freudlose Gasse, Metropolis, Der Golem, wie er in die Welt kam und Das Weib des Pharao, ebenso wie die unvollendeten Filmfragmente aus dem Nachlass von Orson Welles. Häufig sind Regisseure, Schauspieler und Filmschaffende im Filmmuseum zu Gast, die nach der Vorführung mit dem Publikum über ihre Werke diskutieren.

Siehe auchBearbeiten

 
Burgfriedensäule aus dem Jahr 1728 im Hof des Münchner Stadtmuseums

WeblinksBearbeiten

Commons: Münchner Stadtmuseum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ignaz-Günther-Haus
  2. a b Susanne Hermanski: Die Großstadtnomadin. In: www.sueddeutsche.de. 12. Dezember 2019, abgerufen am 23. Juli 2020.
  3. Münchner Stadtmuseum: Generalsanierung und Umbau beschlossen. In: Münchner Wochenanzeiger. Abgerufen am 7. August 2019.
  4. Alfred Dürr: Neue Rolle. In: www.sueddeutsche.de. 18. Februar 2020, abgerufen am 19. Februar 2020.
  5. Heiner Effern: Welche Großprojekte die grün-rote Regierung streichen will. In: www.sueddeutsche.de. 17. Juli 2020, abgerufen am 17. Juli 2020.
  6. Susanne Hermanski: Stadtmuseum kritisiert grün-rote Stadtregierung scharf. In: www.sueddeutsche.de. 22. Juli 2020, abgerufen am 22. Juli 2020.
  7. Juri und Miranha auf www.oeku-buero.de
  8. Münchner Stadtmuseum: Nationalsozialismus in München
  9. Sammlung Reklamekunst. In: Münchner Stadtmuseum. Abgerufen am 7. August 2019.
  10. Stefan Lieser: Musikstadt Köln? Ein Musikinstrumentenmuseum soll entstehen. In: Gitarre & Laute 8, 1986, Heft 1, S. 28–35; hier: S. 30 f.

Koordinaten: 48° 8′ 6,4″ N, 11° 34′ 23″ O