Von Parish Kostümbibliothek

Spezialbibliothek in München

Die Von Parish Kostümbibliothek ist eine wissenschaftliche Spezialbibliothek und museale Sammlung zur Mode- und Kostümgeschichte und gehört weltweit zu den größten und thematisch umfassendsten Fachsammlungen ihrer Art. Sie trägt den Namen ihrer Stifterin Hermine von Parish (* 10. April 1907 in Rom; † 31. Oktober 1998 in München) und befindet sich in München-Nymphenburg, Kemnatenstraße 50.

Von Parish Kostümbibliothek
Von Parish Kostümbibliothek.jpg

Gründung 1970
Bibliothekstyp wissenschaftliche Spezialbibliothek
Ort München Welt-IconKoordinaten: 48° 9′ 6,8″ N, 11° 30′ 7″ O
ISIL DE-M458
Betreiber Münchner Stadtmuseum/Landeshauptstadt München
Leitung Esther Sophia Sünderhauf
Website www.muenchner-stadtmuseum.de/sammlungen/modetextilienkostuem/vonparish-kostuembibliothek.html

SammlungsgebieteBearbeiten

Im Zentrum der Sammlung steht die europäische Kostümgeschichte. Darüber hinaus sind Bücher und Abbildungen von nahezu jeglicher Bekleidung und Körpergestaltung weltweit und aus allen Epochen vorhanden. Thematische Schwerpunkte sind zudem europäische Volkstrachten, Modedesign, Berufskleidung, Accessoires, Sportbekleidung, Jugendmode, Bühnenbekleidung für Theater und Film sowie Textilkunde, Textiltechniken und Schnittmuster. In der Dokumentation werden Einzelabbildungen, Zeitungsartikel, Postkarten, Kaufhauskataloge, Firmenprospekte, Schnittmuster u. a. m. gesammelt.

 
In der Sammlung der Von Parish Kostümbibliothek, so die aktuelle Schreibweise, befinden sich auch unzählige Nähanleitungen wie z. B. zum Erstellen von Hauswäsche aus dem Jahr 1924.

Umfang der SammlungBearbeiten

 
Hermine von Parish dokumentierte die Entwicklung der Pariser Mode, indem sie Zeitschriften wie das Journal des Desmoiselles aus dem Jahr 1899 sammelte.

Die beständig wachsende Sammlung umfasst derzeit ca. 10.000 Bücher und 2.000 Zeitschriftenbände, zudem 3.500 Stehsammler mit Einzelheften. Ein Großteil davon sind reich illustrierte Werke aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Der Bestand von 1.500 verschiedenen Zeitschriftentiteln, beginnend mit teils raren Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert, ist von weltweitem Rang. 30 internationale Modejournale sind fortlaufend abonniert. Ein zentraler Bestandteil der Sammlung ist das Bildarchiv mit 40.000 Grafiken und 30.000 Fotos. Die Dokumentation umfasst 4.000 Archivschachteln mit rund 1,5 Mio. Einheiten, die chronologisch und systematisch geordnet sind. Zusammen mit der bereits 1899 öffentlich zugänglich gemachten Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin zählt die Von Parish Kostümbibliothek damit zu den weltweit größten Spezialbibliothekent zur Kostümgeschichte.

Überdies wird in der Von Parish Kostümbibliothek ein umfangreiches Familienarchiv verwahrt, darunter der künstlerische und persönliche Nachlass des Malers Emanuel Spitzer, eines Großvaters Hermine von Parishs.

Geschichte der SammlungBearbeiten

Den Grundstock der heutigen Sammlung legte in den 1850er Jahren Hermine von Parishs Urgroßvater mütterlicherseits, Rudolf Marggraff. Er war von 1841 bis 1855 Generalsekretär der Königlichen Akademie der Bildenden Künste und verfasste u. a. das erste Verzeichnis der Gemälde in der Alten Pinakothek (München 1865). Seine Enkelin Hermine Viktoria von Parish, Mutter von Hermine von Parish, baute diese erste Kostümbildsammlung aus, als ihr dafür durch die Heirat mit dem begüterten Edmund von Parish ab 1906 die finanziellen Mittel zur Verfügung standen. Nach dem Tod ihres Mannes 1916 hat sie kontinuierlich weiter gesammelt und ihre damals erst neunjährige Tochter Hermine an dieses Gebiet herangeführt. 1936 erfolgte der Umzug in die Villa Kemnatenstraße 50 (damals Wotanstraße), die Hermine von Parish sen. bereits Ende 1916 aus dem Erbe ihres Mannes erworben hatte.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Wohnhaus beschädigt. Kostümbildsammlung und Bibliothek wurden daher 1944 mit Hilfe des Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege evakuiert und auf sieben verschiedene Orte in Bayern verteilt. Der wertvollste Teil, aufbewahrt in der von den Behörden als „sicher“ eingestuften Lazarettstadt Bad Tölz, wurde in den Nachkriegswirren vollständig geplündert und verheizt.

In den 1950er Jahren wurde aus der privaten Kostümbildsammlung und Bibliothek das "Institut für Kostümforschung". Seit 1959 unterstützt die durch Hermine von Parish selbst ins Leben gerufene gemeinnützige „von Parish-Gesellschaft zur Förderung der Kostümforschung e.V.“ die Arbeit des Hauses. 1970, im Alter von 63 Jahren, verkaufte Hermine von Parish ihre Villa mit Grundstück der Stadt München, blieb jedoch darin wohnen; Bibliothek und Sammlung wurden in Form einer Schenkung übereignet. Seitdem ist das Haus dem Münchner Stadtmuseum als externe Abteilung angeschlossen, die Hermine von Parish selbst mit Hilfe wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen bis zu ihrem Tod 1998 leitete. Die hohe Leibrente der Stadt München, die sie für das Nachbargrundstück Kemnatenstraße 48 erhielt, hatte sie bis dahin komplett in den Ankauf neuen, besonders wertvollen Sammlungsguts investiert. In ihrem Testament vermachte sie der Stadt auch noch diesen seit 1970 erworbenen Bestand mit der Auflage, die Sammlung auf Dauer in ihrem Haus Kemnatenstraße 50 zu belassen.

Für ihre Verdienste erhielt Hermine von Parish 1980 die Medaille München leuchtet in Gold und posthum 2007 für ihr Lebenswerk den „Preis zur Bewahrung Europäischen Kulturerbes“. 2018 ehrte sie die Stadt München mit der Benennung der Hermine-von-Parish-Straße in Pasing-Obermenzing.

Seit 1998 wird in bescheidenem Maße weiter angekauft und gesammelt, um den Bestand fortlaufend zu aktualisieren und systematisch zu ergänzen.

Herkunft und Familie der Hermine von ParishBearbeiten

Hermine Elisabeth "Harriet" von Parish wurde während eines Aufenthaltes ihrer Eltern am 10. April 1907 in Rom geboren. Ihr Vater Edmund von Parish (Hamburg 1861–1916 München) stammt aus der bedeutenden Hamburger Kaufmannsfamilie von Parish. Edmunds Urgroßvater John Parish (Leith/Schottland 1742–1829 Bath/England) kam 1756 aus Schottland nach Hamburg. Große internationale Handels- und Finanztransaktionen machten ihn und seine Söhne zu den reichsten Männern ihrer Zeit. Letzte Reste dieses Erbes gingen auch auf Hermine von Parish über. Ihre Mutter, Hermine Viktoria von Parish (München 1881–1966 München), war Tochter des aus Ungarn stammenden Genremalers Emanuel Spitzer (Pápa 1844–1919 Waging am See), der seit 1871 in München wirkte und Erfinder des Bilddruckverfahrens „Spitzertypie“ war. Hermine von Parish entstammte der zweiten Ehe ihres Vaters. Aus dessen erster Ehe mit Georgine Jung, die von 1890 bis 1901 bestand, stammen die drei Halbgeschwister Helena, Richard und John von Parish, aus der Beziehung mit Helene Martha Heines die drei Halbgeschwister Edmund Heines, Martha und Oskar Heines.

Ausbildung und berufliche Stationen der Hermine von Parish bis 1945Bearbeiten

Eine durchgängige Schulausbildung hat Hermine von Parish jun. nicht erhalten, ihre Mutter hat sie gelegentlich selbst unterrichtet. Im Bereich der Kunstgeschichte und Kostümgeschichte, ihrem späteren Arbeitsfeld, war sie Autodidaktin; ihre Kenntnisse hat sie sich durch intensive Lektüre im Selbststudium angeeignet. Da nach dem Tod des Vaters 1916 das Erbe in den Kauf der Villa Kemnatenstraße 50 (damals Wotanstraße) investiert wurde, mussten Mutter und Tochter bald selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Hermine von Parish arbeitete in der von der Mutter seit den frühen 1920er Jahren erfolgreich betriebenen „Manufaktur für künstlerische Kostüm- und Trachtenpuppen“ mit, die mindestens bis Ende 1948 existierte. 1938 erhielt sie von der Reichskulturkammer eine Berechtigung zur Berufsausübung als Entwerferin und Herstellerin von Künstlerpuppen. Parallel dazu wurde von Mutter und Tochter der Aufbau der Kostümbildsammlung und Bibliothek kontinuierlich weiter betrieben.

Die „von Parish Schule für freie und angewandte Kunst“ (1946–1973)Bearbeiten

1945, als eine Einquartierung von Umsiedlern in der Nymphenburger Villa bevorstand und damit die Auslagerung der Kostümbibliothek drohte, gründete Hermine von Parish sen., die sich selbst als „Kunstmalerin“ bezeichnete, im Haus die „von Parish Schule für freie und angewandte Kunst“. Die Genehmigung der amerikanischen Besatzungsbehörde dafür datiert vom 17. Dezember 1945. Ab 8. August 1946 betrieben zunächst Mutter und Tochter die staatlich anerkannte private Kunstschule gemeinsam. Ab 1956 führte sie Hermine von Parish jun. mit alleiniger Lehrbefugnis im Atelier des 2. Obergeschosses der Villa. Der Lehrplan umfasste die Hauptfächer Zeichnen (Akt, Kopf, Figur, Entwurfs- und Modezeichnen), Malen, Modellieren, Illustration, Gebrauchsgrafik, Bühnenbild und Innenarchitektur. Hilfsfächer waren Kunstgeschichte sowie Stil- und Kostümkunde, die Hermine von Parish persönlich unterrichtete. In ihrem Unterricht wurden das Bildarchiv, die Bücher und die Grafiksammlung als Anschauungsmaterial genutzt, auch unternahm sie mit den Schülern diverse Ausstellungsbesuche und Exkursionen, u. a. 1956 nach Paris. Nach sechs Semestern konnte eine Abschlussprüfung in Anwesenheit eines Regierungsvertreters abgelegt werden.

Prominente Dozenten an der „von Parish Schule für freie und angewandte Kunst“ waren Eduard Aigner, akademischer Maler, Dürer-Preisträger und Mitglied der Ausstellungsleitung im Haus der Kunst, der Plakatkünstler Eugen Maria Cordier, Charles Crodel, Experte für architekturbezogene Malerei und Glaskunst, Rudolf Kriesch, Grafiker und Zeichner beim "Simplicissimus", sowie Max Unold, Maler im Stil der Neuen Sachlichkeit. Zu den Schülern zählten u. a. der Maler und Grafiker René Böll, Sohn von Heinrich Böll, und Andreas Baader, späterer Mitbegründer der RAF.

Neben der Lehrtätigkeit in der von ihr betriebenen Kunstschule unterrichtete Hermine von Parish zudem Kunstgeschichte und Kostümkunde an der Otto-Falckenberg-Schule der Münchner Kammerspiele (1957–1960) und am Staatlichen Berufspädagogischen Institut München (1960–1966).

Das GebäudeBearbeiten

Das Haus Wotanstraße 50 (so der damalige Straßenname) in Nymphenburg ließ der Offizier und Tonkünstler Friedrich von Schirach (1870 Philadelphia–1924 München) 1900/1901 bei der Münchner Baugesellschaft Gebrüder Rank in Auftrag geben. Bereits 1916 hat er es an Hermine von Parishs Mutter verkauft, die dort 1936 mit ihrer Tochter einzog. Die originale Innenraumgestaltung von 1901 hat sich in großen Teilen erhalten und wurde 2019/2020 bei einer Sanierung auf die Erstfassung zurückgeführt. Das historistische Wohnambiente der Familie von Parish wird im Erdgeschoss mit Diele, Salon, Familienbibliothek und Speisezimmer als historisches Ensemble bewahrt. In allen übrigen Räumen befinden sich Bibliothek, graphische Sammlung, Dokumentation, Archiv und Büroräume.

Ausstellungen der Von Parish KostümbibliothekBearbeiten

  • 1974: Kostüme – erdacht und getragen, Münchner Stadtmuseum, 25. Januar – 3. März 1974
  • 1976: Allongeperücke und Schleppenkleid 1670 bis 1730. Kostüme aus der Zeit des Max Emanuel, Münchner Stadtmuseum, 5. August – 3. Oktober 1976
  • 1989: Die Bekleidung ist ein Ausdruck des Zeitgeistes. Seltene Bilder und Bücher des v. Parish-Kostümforschungsinstituts, München, Institute Français, 5. Juni – 27. Juli 1989
  • 1992: Der Laufsteg kam zuletzt. Modedarstellungen aus 5 Jahrhunderten, München, Modehaus Maendler, 9. April – 4. Mai 1992 (organisiert von der Von-Parish-Gesellschaft)
  • 2000: Kostümbücher, Spottschriften, Modebreviere. Ausstellung anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Von-Parish-Kostümbibliothek, München, Von-Parish-Kostümbibliothek, 11. April – 5. Mai 2000
  • 2007: Hermine von Parish – zum 100. Geburtstag, Musikinstrumentenmuseum im Münchner Stadtmuseum, 18. April – 29. April 2007

Veröffentlichungen Hermine von ParishsBearbeiten

  • Parish, Hermine Harriet von: „Das Kostümforschungs-Archiv“, in: Münchner Stadtmuseum, ein Heft entstanden in Zusammenarbeit des Münchner Stadtmuseums und der Krauss-Maffei AG, München o. J., o. S.
  • Parish, Hermine/Heckner, Erwin (Hg.), Ausst.kat. Allongeperücke und Schleppenkleid 1670 – 1730. Kostüme aus der Zeit des Max Emanuel, Münchner Stadtmuseum, 5.8.-3.10.1976, München 1976.
  • Parish, Hermine von: „Das Museum und seine Sammlungen – v.-Parish-Kostümforschungs-Institut“, Zeitschrift Bayerland, Titel: Das Münchner Stadtmuseum, München, 84. Jg., 1. Januar 1982, H. 1, S. 42–44.
  • Parish, Hermine von: „Bibliothek und Dokumentation des Kostümforschungsinstituts von Parish in München“, in: Bayern BFB, hg. v. d. Generaldirektion der Bayerischen Staatlichen Bibliotheken, München / New York / London / Paris, 18. Jg., 1990, S. 302–311.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten