Leon Schwarzbaum

deutsch-polnisch-jüdischer Holocaustüberlebender

Leon Schwarzbaum, auch Leon „Henry“ Schwarzbaum (geb. am 20. Februar 1921 in Hamburg) ist ein deutsch-polnisch-jüdischer Holocaustüberlebender.

LebenBearbeiten

Der in Hamburg gebürtige Leon Schwarzbaum entstammt einer Familie polnischer Juden. Seine Eltern waren kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Hamburg gezogen. Der Vater, ein Altmetallhändler, ging 1922 für ein Jahr nach Argentinien, um die Auswanderung vorzubereiten. Da die Mutter aber wieder in die Heimat zu anderen Familienangehörigen zurückkehren wollte,[1] zogen die Schwarzbaums 1923 in das oberschlesische polnische Będzin,[2] wo Schwarzbaum die Schule besuchte.

Mit seinen Freunden sang und steppte er in der A-cappella-Gruppe „Die Jolly Boys“,[1] die für einen späteren Dokumentarfilm namensgebend werden sollte. 1939 legte Schwarzbaum am jüdischen Fürstenbergus Lyzeum, der Stiftung eines seiner Onkel, das Abitur ab. Nach dem Überfall auf Polen wurde Będzin völkerrechtswidrig in das Gebiet des Deutschen Reiches eingegliedert. Zunächst war Schwarzbaum in der „jüdischen Verwaltung“ des eingerichteten Ghettos Kamionka als Telefonist tätig, später als Zwangsarbeiter im deutschen Galvanisierungsbetrieb „Tönskemper“.[1] 1943 wurde das Ghetto Będzin geräumt und seine Bewohner, darunter Schwarzbaums Familie, in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort wurde seine gesamte Familie ermordet. Schwarzbaum erfuhr davon bei seiner Ankunft im August 1943. Etwa zwei Jahre wurde Schwarzbaum im KZ Auschwitz gefangengehalten.[3] Er meldete sich als „Läufer“ beim Lagerältesten, nach zehn Monaten zur Arbeit im Siemens-Schuckert-AußenlagerBobrek“ als Zwangsarbeiter bei Siemens.[1]

Mit dem Heranrücken der Roten Armee wurde Schwarzbaum im Januar 1945 mit dem „Todesmarsch von Auschwitz“ ins KZ Buchenwald verlegt und von dort mit 88 Zwangsarbeitern nach Berlin, in das KZ Sachsenhausen-Außenlager Haselhorst in Berlin-Siemensstadt beordert.[1][4] Auf dem im April 1945 von Sachsenhausen abgehenden – für Schwarzbaum zweiten – Todesmarsch wurde er am 5. Mai 1945 in der Nähe von Schwerin von amerikanischen Soldaten befreit.[1][5][6]

Nach Będzin zurückgekehrt, fand er keine Juden mehr vor und ging nach Stettin, wo er einige Monate als Übersetzer für die polnische Polizei arbeitete. Danach gelangte er mit Hilfe der Fluchthilfe-Organisation des späteren Filmproduzenten Arthur „Atze“ Brauner nach Berlin, wo er Anschluss an und Halt in einer Gruppe Holocaust-Überlebender fand.[1] Zunächst im Umfeld Brauners tätig, beschäftigte sich Schwarzbaum dann erfolgreich mit dem Export von Kunstgegenständen nach Amerika, insbesondere New York, wo mittlerweile einer der damaligen „Jolly Boys“ aus Będzin lebte. 1950 nach Amerika ausgereist, kehrte Schwarzbaum aus Heimweh nach nur einem Jahr nach Berlin zurück.[1] Mit seiner (nicht jüdischen) Frau betrieb er über Jahrzehnte einen florierenden Handel mit Antiquitäten und Kunstgegenständen.[1] Erst hochbetagt entschloss sich Schwarzbaum nach dem Tod seiner Frau, als Zeitzeuge des Holocaust von seinen Erfahrungen in Schulen und Betrieben[2] sowie im Film zu berichten, wofür ihm 2019 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.[5] Schwarzbaum ist Vertreter des Internationalen Sachsenhausen-Komitees und der Häftlingsverbände von Sachsenhausen.[7]

In einem 2016 veröffentlichten Interview schilderte Schwarzbaum den „Sonderkommando-Aufstand“ im KZ Auschwitz-Birkenau, bei dem der SS-Oberscharführer Josef Schillinger von der jungen polnisch-jüdischen Auschwitzgefangenen Franciszka Mann mit dem eigenen Revolver erschossen wurde.[8]

Neben den ehemaligen KZ-Gefangenen Justin Sonder und Erna de Vries sagte Schwarzbaum 2016 vor dem Landgericht Detmold als Zeuge im Prozess gegen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning, Wachmann im KZ Auschwitz, aus.[9]

In einem mehrjährigen Dokumentarfilmprojekt des Regisseurs Hans-Erich Viet an verschiedenen Drehorten in Deutschland (Hanning-Prozess in Detmold, JVA Zeithain, Talk-Sendung „Markus Lanz“) und Polen (Będzin, Auschwitz),[10] in dem das Filmmaterial für das dokumentarische Roadmovie Der letzte Jolly Boy entstand, erzählt Schwarzbaum aus seiner Lebensgeschichte.[11] Soweit es seine Gesundheit zulässt, begleitet er die Filmvorführungen und Kinotermine persönlich.[1]

Schwarzbaum musste – spätestens mit seiner Deportation in das KZ Auschwitz[1] – sein Abiturzeugnis abgeben und erhielt erst 80 Jahre danach, 2019, ein rekonstruiertes, neu ausgestelltes Zeugnis durch den niedersächsischen Kultusminister, Grant Hendrik Tonne, wieder.[2]

Schwarzbaum lebt in Berlin.[5]

EhrungenBearbeiten

FilmdokumentationBearbeiten

  • Der letzte Jolly Boy. 2017/18.[12] Dokumentarfilm von Hans-Erich Viet über und mit dem Auschwitzüberlebenden Leon Schwarzbaum, 2018 mit dem DGB-Filmpreis ausgezeichnet (Filmhomepage. In: derletztejollyboy.de, Hans-Erich Viet, VIET – Filmproduktion)[2]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g h i j k Der letzte Jolly Boy. Protagonist Leon Schwarzbaum. Biografie. In: derletztejollyboy.de, Hans-Erich Viet, VIET – Filmproduktion, abgerufen am 9. März 2021.
  2. a b c d Nach 80 Jahren: Holocaust-Überlebender erhält Abiturzeugnis. In: berlin.de, 16. Juli 2019, abgerufen am 19. Februar 2021 („Quelle: dpa“).
  3. Woidke besucht Gedenkstätte im KZ Auschwitz. Woidke wird bei seinem Besuch von dem 97-jährigen Leon «Henry» Schwarzbaum begleitet, zwei Jahre Lagerhaft in Auschwitz überlebt hat. In: berlin.de, 8. April 2018, abgerufen am 9. März 2021 (Quelle: dpa).
  4. Münch erinnert an die Befreiung von KZ Sachsenhausen. An der zentralen Gedenkfeier nahm neben anderen Überlebenden auch der 97-jährige Leon Schwarzbaum teil, der die Lager in Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen überstanden hatte. In: berlin.de, 22. April 2018, abgerufen am 9. März 2021 (Quelle: dpa).
  5. a b c d Müller übergibt Leon Schwarzbaum Bundesverdienstkreuz. Pressemitteilung. In: berlin.de, 11. Juli 2019, abgerufen am 19. Februar 2021.
  6. Gedenkfeiern: Konzentrationslager-Befreiungen vor 73 Jahren. In: berlin.de, 22. April 2018, abgerufen am 19. Februar 2021 („Zu der zentralen Gedenkfeier […] in Oranienburg (Oberhavel) wird neben Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) auch der Überlebende Leon Schwarzbaum zu den Teilnehmern sprechen. Der 96-Jährige hat die Lager in Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen überlebt. Im April 1945 war er auf einem Todesmarsch kurz vor Schwerin von US-amerikanischen Truppen befreit worden.“ Quelle: dpa).
  7. Stiftungsdirektor mit Verdienstorden ausgezeichnet. Das Großherzogtum Luxemburg hat den Direktor der Stiftung der Brandenburgischen Gedenkstätten, Günter Morsch, mit einem Verdienstorden ausgezeichnet. […] An der Zeremonie nahmen unter anderem Leon Schwarzbaum, ehemaliger Häftling im KZ Sachsenhausen, Vertreter des Internationalen Sachsenhausen Komitees und der Häftlingsverbände von Sachsenhausen sowie Brandenburgs Kulturstaatssekretärin Ulrike Gutheil teil. In: berlin.de, 28. Juli 2017, abgerufen am 9. März 2021 (Quelle: dpa).
  8. Zeugen der Zeitzeugen: Interview – Auschwitz-Überlebender Leon Henry Schwarzbaum (engl. subtitles) (ab 00:25:00) auf YouTube, 11. November 2016, abgerufen am 21. Februar 2021 („Der Holocaust-Überlebende Leon Henry Schwarzbaum spricht über seine Erlebnisse während des Holocausts, Auschwitz, die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten und Antisemitismus.“ – Mit englischen Untertiteln.).
  9. Hans Holzhaider: Detmold: Prozess gegen SS-Unterscharführer Hanning. „Du denkst die ganze Zeit: Gelingt es mir noch einmal, zu überleben?“ In: sueddeutsche.de, Süddeutsche Zeitung, 10. Februar 2016, abgerufen am 29. April 2016.
  10. Der letzte Jolly Boy. Informationen zu Film. In: derletztejollyboy.de, abgerufen am 9. März 2021.
  11. Der letzte Jolly Boy. Interview mit Hans-Erich Viet zum Film. In: derletztejollyboy.de, abgerufen am 9. März 2021.
  12. Hans-Erich Viet. Dokumentarfilm. Filmographie (Auswahl). In: deutsche-filmakademie.de, Deutsche Filmakademie, abgerufen am 9. März 2021.