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Kraftwerk Zolling

Kraftwerk in der oberbayerischen Gemeinde Zolling

Das Kraftwerk Zolling ist ein Kraftwerk der Engie Kraftwerk Zolling GmbH & Co. KGaA[1] in der oberbayerischen Gemeinde Zolling. Es ist nach dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich Leininger der Isar-Amperwerke AG benannt und wird deshalb auch als Leiningerwerk bzw. Kraftwerk Leininger (Abkürzung KWL) geführt. Es dient seit 1958 der Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen.

Kraftwerk Zolling
Kraftwerk Zolling
Kraftwerk Zolling
Lage
Kraftwerk Zolling (Bayern)
Kraftwerk Zolling
Koordinaten 48° 27′ 18″ N, 11° 47′ 56″ OKoordinaten: 48° 27′ 18″ N, 11° 47′ 56″ O
Land DeutschlandDeutschland Deutschland
BayernBayern Bayern
Gewässer Amper
Daten
Typ Steinkohlekraftwerk, Gasturbinenkraftwerk, Biomassekraftwerk
Primärenergie Steinkohle
Gasturbinenanlage: Heizöl EL
Biomasseheizkraftwerk: Hackschnitzel aus Altholz
Leistung Block 1 • 40 MW
Block 2 • 50 MW
Block 3 • 75 MW
Block 4 • 100 MW
Block 5 • 501 MW
GTA • 2 × 25 MW
BMHKW • 21 MW
Eigentümer Engie Deutschland AG

BMHKW • Biomasseheizkraftwerk Zolling GmbH
Beteiligungen:
50 Prozent Engie Kraftwerk Zolling GmbH
50 Prozent Fernwärmegesellschaft Freising GmbH

Betreiber Engie Deutschland AG
Projektbeginn 1955
Betriebsaufnahme Block 1 • 4. Oktober 1958
Block 2 • 1961
Block 3 • 1964
Block 4 • 1966
GTA • 1976
Block 5 • 1986
BMHKW • 2003
Stilllegung Block 1 • 1982
Block 2 • 1984
Block 3 • 1987
Block 4 • 1987
Feuerung Block I-IV • Schmelzkammerfeuerung
Block V • Kohlenstaubfeuerung
BMHKW • Wanderrostfeuerung
Blick auf Biomasseheizkraftwerk (li.) und Block 5 (re.)
Kühlturm von Block 5 während des Leistungsbetriebs

In der Vergangenheit waren vier Steinkohleblöcke mit Schmelzkammerfeuerung in Betrieb, die Ende der 1980er Jahre stillgelegt wurden. 1986 ging mit einer elektrischen Nettoleistung von 449 Megawatt (MW) der Block 5 in Betrieb.

Das Kraftwerk Zolling verfeuert heute im Schnitt 750.000 Tonnen Steinkohle pro Jahr, die vor der Verwendung zu Steinkohlestaub gemahlen wird. Die per Eisenbahn zum kraftwerkseigenen Bahnhof an der Hallertauer Lokalbahn angelieferte Steinkohle stammt überwiegend aus polnischen Kohlerevieren. Der Brennstoffverbrauch liegt bei Volllast bei 147,5 t/h. Mit seinem 220 Meter hohen Kamin und 80 Meter hohen Kühlturm ist das Kraftwerk mit Umweltschutzeinrichtungen zur Entstickung, Entstaubung und Entschwefelung der Rauchgase ausgerüstet. Das für den Betrieb notwendige Kühlwasser wird über einen Seitenkanal der wenige hundert Meter südlich fließenden Amper entnommen und wieder zugeführt. Jährlich werden bis zu 35.000 Tonnen entwässerter Klärschlamm mitverbrannt. Bei Bedarf wird Fernwärme ausgekoppelt und unter anderem die Stadt Freising und der Flughafen München versorgt.

Bei einem möglichen Zusammenbruch des Übertragungsnetzes kann der Block 5 über eine der zwei ebenfalls am Standort befindlichen Gasturbinen zum Anfahren mit Strom versorgt werden, wodurch die Anlage schwarzstartfähig ist.

Seit Ende 2003 liefert ein weiterer, mit Biomasse gefeuerter Block, zusätzlichen Strom für rund 40.000 Haushalte, sowie (optional) Fernwärme. Die Anlage ist in der Lage auch stark belastetes Altholz, insbesondere Bahnschwellen, zu verheizen. Die Anlieferung des Brennmaterials erfolgt per LKW.

GeschichteBearbeiten

Das Kraftwerk Zolling wurde von der 1955 aus der Fusion der Amperwerke AG und der Isarwerke AG entstandenen Isar-Amperwerke AG projektiert. Am 4. Oktober 1958 erfolgte die Inbetriebnahme von Block 1 (Bruttoleistung: 40 MW). Bis 1966 wurde das Kraftwerk in vier Ausbaustufen auf eine Gesamtleistung von 265 Megawatt gebracht.[2] 1976 folgte die Inbetriebnahme einer Gasturbinenanlage mit einer Leistung von 2 × 25 MW. 1986 wurde der Block 5 (Nettoleistung: 449 MW) mit moderner Umweltschutztechnik und mit besonderer Steuerungstechnik für die Spitzenlast in Betrieb genommen.

Die Blöcke 3 und 4 sollten als Reservekraftwerke dienen. Am 23. März 1987 ereignete sich eine schwere Kesselexplosion in Block 3, bei der die Außenhaut des Kraftwerks beschädigt und das Betonfundament aus seiner Verankerung gerissen wurde. 2 Mitarbeiter kamen ums Leben. Daraufhin wurden die Blöcke 3 und 4 stillgelegt und 1989 abgerissen.[3]

Seit 1998 erfolgt die Klärschlamm-Mitverbrennung im Kraftwerk.

Im Juni 1999 wurde die Isar-Amperwerke AG von der zum VIAG Konzern gehörenden Bayernwerk AG übernommen.

13 Monate später, im Juli 2000, verschmolzen die Unternehmen VIAG und VEBA zu E.ON. Der Kraftwerksstandort wurde in die E.ON Kraftwerke GmbH eingegliedert.

2003 wurde ein zusätzliches Biomasseheizkraftwerk errichtet.

Im Mai 2008 gab E.ON bekannt, dass im Zuge der Abgabe von 4800 MW Kraftwerksleistung zur Abwendung eines Kartellverfahrens durch die EU auch das Kraftwerk Zolling verkauft werden soll.

Am 12. Oktober 2008 feierte das Kraftwerk sein 50-jähriges Standortjubiläum. Am 5. November 2009 wurde es von der GDF-Suez-Gruppe (seit 2015 Engie) übernommen.[4]

Am 14. Juli 2010 gab es einen Störfall, bei dem 1500 Liter Salzsäure ausgelaufen sind.[5]

Im Jahr 2011 wurde der Block 5 einer großen Revision unterzogen. Das Hauptaugenmerk dieser Revision richtete sich auf den Retrofit der Turbogruppe, den großen Leittechnikumbau und den Austausch des Maschinentransformators.[6] Durch die neuen Turbinen und die anschließende Änderung der Frischdampfparameter, konnte die Nettoleistung von 449 Megawatt auf 472 MW angehoben und der elektrische Wirkungsgrad auf 43,3 % gesteigert werden. Durch den Leittechnikumbau auf das Prozessleitsystem 800xA von ABB wurde die Flexibilität des Kraftwerks erhöht.[7] Insgesamt wurden bei dieser Revision rund 80 Millionen Euro investiert, um das Kraftwerk für die Zukunft vorzubereiten.[8]

Am 18. Oktober 2018 erfolgte der offizielle Spatenstich für die Klärschlammtrocknungsanlage, die jährlich für bis zu 150.000 Tonnen mechanisch entwässerten Klärschlamms genehmigt ist. Für den Betrieb der Anlage wird Energie über effiziente Kraft-Wärme-Kopplung von den beiden Kraftwerksblöcken bezogen. Der getrocknete Klärschlamm wird in einem stillgelegten Schweröltank zwischengelagert und beim Kraftwerksbetrieb den Kohlemühlen zugeführt.[9]

Nach langen Verhandlungen wurde am 26. März 2019 bekanntgegeben, dass die Beteiligungen von Engie am Kraftwerk Zolling der US-amerikanische Konzern Riverstone Holdings übernehmen wird.[10]

Technische DatenBearbeiten

Das Kraftwerk Zolling besteht heute aus zwei Kraftwerksblöcken und zwei Gasturbinen, mit einer Bruttogesamtleistung von 572 MW. Vier alte Steinkohleblöcke mit einer Bruttogesamtleistung von 265 MW sind stillgelegt und wurden 1989 komplett abgerissen. Block 5 ist mit einer elektrischen Bruttoleistung von 501 MW der leistungsstärkste Steinkohleblock Bayerns.

Übersicht über die KraftwerksblöckeBearbeiten

Kraftwerksblock Kesselart Brennstoff Baubeginn Inbetriebnahme Elektrische Leistung Netzanbindung Fernwärmeleistung Status
Netto Brutto
Block 1 Trommel Steinkohle, Schweröl 1956 1958 n.a. 40 MW 110 kV Stillgelegt
Block 2 Trommel Steinkohle, Schweröl 1959 1961 n.a. 50 MW 110 kV Stillgelegt
Block 3 Trommel Steinkohle, Schweröl ~1961 1964 n.a. 75 MW 110 kV Stillgelegt
Block 4 Trommel Steinkohle, Schweröl ~1963 1966 n.a. 100 MW 110 kV Stillgelegt
Block 5 Benson Steinkohle, Klärschlamm 1982 1986 472 MW 501 MW 220 kV 150 MWth In Betrieb
Block 6 BMHKW Trommel Biomasse (Altholz) 2002 2003 20 MW 21 MW 110 kV 30 MWth In Betrieb

Übersicht über die GasturbinenBearbeiten

 
Die beiden Gasturbinen des Kraftwerks

Im Kraftwerk Zolling sind zwei Gasturbinen mit einer Gesamtleistung von 50 MW in Betrieb und werden zur Abdeckung der Spitzenlast eingesetzt. Die Planungen für eine weitere Gasturbine wurden gestoppt.

Gasturbine Brennstoff Baubeginn Inbetriebnahme Elektrische Leistung Netzanbindung Status
Gasturbine 1 Heizöl EL 1976 1976 25 MW 110 kV In Betrieb
Gasturbine 2 Heizöl EL 1976 1976 25 MW 110 kV In Betrieb
Block 7 Erdgas (2020) (2022) ~300 MW 380 kV Planungen gestoppt

Block 7Bearbeiten

Im Jahr 2017 gab Engie bekannt, dass der Bau einer Gasturbine (Block 7) auf dem Gelände des Kraftwerks Zolling vorgesehen ist und sich das Unternehmen an der geplanten Ausschreibung beteiligen wird.[11] Ende Juni 2018 schrieben die Netzbetreiber Tennet, Amprion und TransnetBW insgesamt 1.200 MW Kapazität für besondere netztechnische Betriebsmittel nach §11 Abs. 3 EnWG europaweit und technologieoffen aus. Die Kapazität soll auf vier festgelegte Regionen in Süddeutschland aufgeteilt werden. Am 9. Januar 2019 gab TenneT als erster Übertragungsnetzbetreiber bekannt, dass für die Region südliches Bayern nun Uniper mit dem Kraftwerk Irsching den Zuschlag erhielt. Aufgrund dieser Entscheidung ist eine Weiterverfolgung des Projekts in Zolling nach derzeitigem Stand unwahrscheinlich.[12]

FernwärmeBearbeiten

 
Blick auf das BMHKW (links) und den Block 5 (rechts)

In Freising besteht seit 1988 ein von der Fernwärmeversorgung Freising GmbH betriebenes Fernwärmenetz, dessen Bedarf hauptsächlich vom Kraftwerksstandort Zolling abgedeckt wird. Gesellschafter der GmbH sind die Stadtwerke Freising und die Bayernwerk AG. Das Netz erstreckt sich über die Gemeinden Freising, Zolling, Hallbergmoos sowie über das Flughafengelände. Versorgt werden folgende Anschlüsse:

ErzeugungskapazitätenBearbeiten

Die Haupterzeuger im Versorgungsnetz sind der Steinkohleblock mit maximal 150 MWth und das Biomasseheizkraftwerk mit 30 MWth, die über Kraft-Wärme-Kopplung Fernwärme erzeugen und so den Wirkungsgrad auf bis zu 70 % steigern können.[13] Darüber hinaus stehen auf dem Kraftwerksgelände noch ein Anfahrkessel (40 MWth) und ein Elektrokessel (35 MWth) zur Verfügung, von denen einer beim Stillstand der Kraftwerksblöcke die Fernwärmeversorgung übernimmt. Als Unterstützung bei hohen Bedarfsspitzen, können zudem Heizwerke in Weihenstephan (39,5 MWth) und in Hallbergmoos (32 MWth) angefahren werden. Der Flughafen München betreibt daneben noch ein eigenes Blockheizkraftwerk und stellt damit über Kraft-Wärme-Kopplung Wärme und Strom für den Eigenbedarf her.[14][15]

Zusätzlich befindet sich auf dem Kraftwerksgelände ein Fernwärmespeicher mit 10.000 m³ Volumen und einer Speicherkapazität von 400 MWh.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. http://engie-kraftwerke.de/de/content/kontaktinformationen
  2. http://www.engie-kraftwerke.de/de/content/chronik-kraftwerk-zolling
  3. Historie
  4. http://www.gdfsuez.com/en/news/press-releases/press-releases/?communique_id=1139@1@2Vorlage:Toter Link/www.gdfsuez.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  5. Salzsäure-Störfall im Kraftwerk Zolling. In: https://www.merkur.de/. 21. Juli 2010, abgerufen am 12. Juni 2016.
  6. Premium Zeitraffer Filme CONSTRUCTION TIMELAPSE. Abgerufen am 16. November 2018.
  7. Flexibel bei volatiler Energie - ABB | Kundenmagazin. In: ABB | Kundenmagazin. 10. Oktober 2016 (abb-kundenmagazin.de [abgerufen am 16. November 2018]).
  8. Fit für die Zukunft: Im Kraftwerk Zolling kostet das 80 Millionen Euro. In: https://www.merkur.de. 19. Mai 2011 (merkur.de [abgerufen am 16. November 2018]).
  9. Freisinger Stadtwerke Versorgungs-GmbH: Freisinger Stadtwerke Versorgungs-GmbH - Spatenstich der Klärschlammtrocknungsanlage Zolling. Abgerufen am 16. November 2018.
  10. Engie macht Schluss: Das Zollinger Kraftwerk wird verkauft. 26. April 2019, abgerufen am 26. April 2019.
  11. Katharina Aurich Zolling: Fit für die Energiewende. In: sueddeutsche.de. 28. Juni 2017, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 4. März 2019]).
  12. Energiekonzern: Uniper soll Gaskraftwerk für Stromengpässe bauen. Abgerufen am 4. März 2019.
  13. Biomassekraftwerk Zolling | ENGIE Kraftwerke - Klima schützen mit Biomasse. Abgerufen am 16. November 2018.
  14. Wayback Machine. 12. September 2014, abgerufen am 17. November 2018.
  15. Freisinger Stadtwerke - Fernwärmeversorgung Freising GmbH. 4. März 2016, abgerufen am 17. November 2018.

LiteraturBearbeiten

  • Oberbayern unter Strom. Die Geschichte des Kraftwerksstandorts Zolling. Vergangenheitsverlag 2008, ISBN 978-3-940621-01-6.

WeblinksBearbeiten