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Das Insolvenzrisiko bezeichnet die Gefahr einer möglichen Zahlungsunfähigkeit („Illiquidität“ oder mangelnde Liquidität) einer Privatperson oder eines Unternehmens.

Inhaltsverzeichnis

UrsachenBearbeiten

In unvollkommenen Märkten kann die unternehmerische Tätigkeit durch Krisen oder nicht geplanten Ereignissen nachhaltig gestört oder sogar dauerhaft beendet werden.[1] Dadurch entsteht ein gewisses Risiko, das Ertragsrisiko, welches der Eigentümer (Bewertungssubjekt) trägt. Somit ist der Unternehmenswert abhängig von den Unsicherheiten zukünftiger finanzieller Überschüsse (Zahlungen).[2] Auch die Höhe der vorhandenen Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung (vgl. Risikodeckungspotenzial) eines Unternehmens beeinflusst das Insolvenzrisiko.[3] Dieses Risiko kann durch die Insolvenzwahrscheinlichkeit (vgl. Rating) quantifiziert werden und ist abhängig vom aggregierten Risikoumfang.[4]

AuswirkungenBearbeiten

Die Existenz des Insolvenzrisikos beeinflusst den Unternehmenswert auf zwei verschiedene Arten. Zum einen durch die direkten Insolvenzkosten, welche auftreten, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet wird. Zum anderen durch indirekte Insolvenzkosten, welche aus der erhöhten Gefahr einer möglichen Insolvenz resultieren und es somit schwieriger wird Kunden oder Mitarbeiter eines Unternehmens zu halten oder neu zu akquirieren.[5] Somit hat die Insolvenzwahrscheinlichkeit einen direkten Einfluss auf den Erwartungswert der Erträge eines Unternehmens, aber auch einen Einfluss auf die zeitliche Entwicklung des Erwartungswertes von Ertrag oder Cashflow in der Fortführungsphase und wirkt dort quasi wie eine negative Wachstumsrate der Chasflows.[6] Denn je weiter man vom heutigen Standpunkt in die Zukunft schaut, desto wahrscheinlicher ist eine mögliche Insolvenz und der damit zusammenhängenden Zahlungsunfähigkeit eines vorhandenes Unternehmen.

BerücksichtigungBearbeiten

Das Insolvenzrisiko und die damit zusammenhängenden Risikoinformationen können durch Simulationsverfahren (Monte-Carlo-Simulation) im Zuge der Ermittlung des Ratings und der Unternehmensbewertung berücksichtigt werden.[7] Eine grobe Berücksichtigung ist auch mit einem Zuschlag der prognostizierten Insolvenzwahrscheinlichkeit auf den Diskontierungszinssatz möglich.[6] Die Insolvenzwahrscheinlichkeit ist auch ein Maß für die Bestandssicherheit eines Unternehmens und steht somit im engen Zusammenhang zur gesetzlichen Forderung, dass der Vorstand eines Unternehmens „gefährdende Entwicklungen“ im Sinne des §91 Abs. 2 AktG[8] frühzeitig erkennen muss.[9] Somit ist es eine der Kernaufgaben des Risikomanagements sich mit dem Insolvenzrisiko zu beschäftigen.[10]

Zuweisung des Insolvenzrisikos in der GesetzgebungBearbeiten

Die gerechte Zuweisung des Insolvenzrisikos ist ein Leitmotiv der deutschen zivilrechtlichen Gesetzgebung, namentlich des Bereicherungsrechts. Hier soll bei vertraglichen Ansprüchen jeder das Risiko der Insolvenz seines Vertragspartners tragen. Hintergrund ist, dass man sich seine Vertragspartner frei aussuchen kann (vgl. Privatautonomie). Die Wahl eines unzuverlässigen Partners soll nicht zu Lasten unbeteiligter Dritter gehen. Deshalb hat das BGB beispielsweise die gemeinrechtliche Versionsklage nicht übernommen, die dem Gläubiger ermöglichte, ungerechtfertigte Bereicherungen bei Zahlungsunfähigkeit seines Schuldners von Dritten herauszuverlangen.

Beispiel: V verkauft eine Sache an K, dieser verkauft die Sache weiter an den Dritten D. Stellt sich nun heraus, dass der Kaufvertrag zwischen V und K nichtig war, so kann V nicht einfach die Sache von D herausverlangen. Er muss sich stattdessen an seinen Vertragspartner K halten, der unter Umständen Wertersatz schuldet (Abwicklung „entlang der Leistungskette“). Kann K wegen Vermögenslosigkeit keinen Wertersatz leisten, so trägt den Verlust der V, der sich K selbst als Vertragspartner ausgesucht hat.

Zuweisung des Insolvenzrisikos als AuslegungsargumentBearbeiten

Auch bei der Gesetzesauslegung ist das Prinzip, dass jeder das Risiko der Insolvenz seines Vertragspartners tragen soll, ein häufig verwandtes Argumentationsmuster.

Bei der Behandlung des sogenannten Doppelmangels geht es um die Konstellation, dass sowohl der ursprüngliche Kaufvertrag als auch der Vertrag über den Weiterverkauf unwirksam sind. In obigem Beispiel möge demnach auch der Kaufvertrag zwischen K und D nichtig sein. Dann könnte man nach § 818 Abs. 1 BGB annehmen, K müsse an V den Herausgabeanspruch gegen D abtreten. Dann trüge aber V nicht mehr das Risiko der Insolvenz des K, seines Vertragspartners, sondern des Dritten D. Deshalb wollen andere dem V nur einen Anspruch auf Wertersatz gegen K zugestehen, § 818 Abs. 2 BGB.

Ähnlich ist das Problem, wenn eine ausgeübte Innenvollmacht angefochten wird. Dann entfiele rückwirkend die Vertretungsmacht des Stellvertreters und der Vertragspartner müsste sich an den Stellvertreter halten, der wiederum bei dem Vertretenen nach § 122 BGB Regress nehmen könnte. Dann trüge der Vertragspartner aber nicht mehr das Insolvenzrisiko des Vertretenen, mit dem er einen Vertrag schließen wollte, sondern des Vertreters. Daher wollen manche die Anfechtung entweder gar nicht zulassen oder als Anfechtung nicht der Vollmachtserteilung, sondern des Vertrages selbst werten, weil dem Vertragspartner dann unmittelbar gegen den Vertretenen der Anspruch aus § 122 BGB zustünde.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • W. Ballwieser, T. Friedrich: Peers, Marktrisikoprämie und Insolvenzrisiko: Einige Anmerkungen zu drei Problemen der Unternehmensbewertung. In: Corporate Finance. biz 12, 2015, S. 449–457.
  • T. Friedrich: Unternehmensbewertung bei Insolvenzrisiko. Lang, Frankfurt 2015, ISBN 978-3-631-66603-6.
  • W. Gleißner: Controlling und Risikoanalyse bei der Vorbereitung von Top-Management-Entscheidungen. In: Controller Magazin. Juli/ August 2015, S. 4–12.
  • W. Gleißner: Der Einfluss der Insolvenzwahrscheinlichkeit (Rating) auf den Unternehmenswert und die Eigenkapitalkosten – Zugleich Stellungnahme zum Fachtext Lobe. In: Corporate Finance. biz 3, 2010, S. 179 (182); In: Corporate Finance. biz 4, 2011, S. 243–251.
  • W. Gleißner: Ermittlung eines objektivierten Unternehmenswerts von KMU – Anregungen unter besonderer Berücksichtigung von Rating und Insolvenzwahrscheinlichkeit. In: WPg. Heft 17, 2015, S. 908–919.
  • W. Gleißner: Grundlagen des Risikomanagements. München 2008, ISBN 978-3-8006-3458-3.
  • W. Gleißner: Risikobewertung für Investitionen: Bestimmung risikogerechter Finanzierungsstrukturen und Renditeanforderungen durch Simulationen. In: Der Controlling-Berater -Investitions- und Projektcontrolling. Band 30, 2013, S. 213–236.
  • W. Gleißner: The Last Line of Defense: Der Aufsichtsrat. In: Der Aufsichtsrat. 06/2016, S. 85–87.
  • W. Gleißner: Unternehmenswert, Rating und Risiko. In: WPg. Heft 14, 2010, S. 735–743.
  • U. Kehrel: Die Bedeutung des Insolvenzrisikos in der Unternehmensbewertung. In: ZfCM. 5. Jg., Heft 6, 2011, S. 372–376.
  • M. Knabe: Die Berücksichtigung von Insolvenzrisiken in der Unternehmensbewertung. Eul, Lohmar 2012, ISBN 978-3-8441-0126-3.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. U. Kehrel, J. Leker: Unternehmenskrisen. In: Zeitschrift Führung und Organisation. 78. Jg., Heft 4, 2009, S. 200 ff.
  2. W. Gleißner: Ermittlung eines objektivierten Unternehmenswerts von KMU – Anregungen unter besonderer Berücksichtigung von Rating und Insolvenzwahrscheinlichkeit. In: WPg. Heft 17, 2015, S. 910.
  3. W. Gleißner: Ermittlung eines objektivierten Unternehmenswerts von KMU – Anregungen unter besonderer Berücksichtigung von Rating und Insolvenzwahrscheinlichkeit. In: WPg. Heft 17, 2015, S. 917.
  4. W. Gleißner: Risikobewertung für Investitionen: Bestimmung risikogerechter Finanzierungsstrukturen und Renditeanforderungen durch Simulationen. In: Der Controlling-Berater -Investitions- und Projektcontrolling. Band 30, 2013, S. 232.
  5. W. Gleißner: Der Einfluss der Insolvenzwahrscheinlichkeit (Rating) auf den Unternehmenswert und die Eigenkapitalkosten – Zugleich Stellungnahme zum Fachtext Lobe. In: Corporate Finance. biz 3, 2010, S. 179 (182); In: Corporate Finance. biz 4, 2011, S. 244.
  6. a b W. Gleißner: Unternehmenswert, Rating und Risiko. In: WPg. Heft 14, 2010, S. 739–743.
  7. W. Gleißner: Der Einfluss der Insolvenzwahrscheinlichkeit (Rating) auf den Unternehmenswert und die Eigenkapitalkosten – Zugleich Stellungnahme zum Fachtext Lobe. In: Corporate Finance. biz 3, 2010, S. 179 (182); In: Corporate Finance. biz 4, 2011, S. 251.
  8. Aktiengesetz § 91 Organisation. Buchführung. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, abgerufen am 7. Januar 2017 (ger).
  9. W. Gleißner: Controlling und Risikoanalyse bei der Vorbereitung von Top-Management-Entscheidungen. In: Controller Magazin. Juli/ August 2015, S. 9.
  10. W. Gleißner: The Last Line of Defense: Der Aufsichtsrat. In: Der Aufsichtsrat. 06/2016, S. 85.