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Hansjochem Autrum

Hansjochem Otto Autrum (* 6. Februar 1907 in Bromberg; † 23. August 2003 in München) war ein deutscher Zoologe mit dem Spezialgebiet Sinnes- und Nervenphysiologie.

Leben und WirkenBearbeiten

Autrum war der Sohn des Postbeamten Otto Autrum, der zuletzt Präsident der Reichspostdirektion Königsberg war. Seit 1912 lebte er in Berlin. Im Wintersemester 1925/26 schrieb er sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität für Mathematik und Physik ein, Biologie wählte er zunächst nur als Ergänzungsfach. Im Juli 1931 promovierte er beim Zoologen Richard Hesse, nach der Promotion gab es am Zoologischen Institut jedoch keine Stelle für ihn. In seiner Autobiografie stellte Autrum selbst dar, seine Promotionsarbeit sei „nie wieder zitiert worden“.[1] Seinen Lebensunterhalt bestritt er in den folgenden Jahren vor allem durch Erteilen von Nachhilfeunterricht.

Ab dem 1. Mai 1933 gehörte Autrum der NSDAP und ab dem 10. Juli 1933 der SA an.[2] Im Wintersemester 1933/34 leitete er in der Fachabteilung Biologie der naturwissenschaftlichen Fachschaft der Universität Berlin eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Thema „Rasse und Volkstum“.[3] Der Leiter der Fachschaft Martin Schultze bescheinigte ihm mit Schreiben vom 14. August 1935: „Er leitete mehrfach Exkursionen und Wissenschaftslager ..., deren wissenschaftliche, weltanschauliche und politische Ausrichtung nicht nur einwandfrei war, sondern als Aufbauarbeit im besten Sinne zu werten ist. Ka. [Kamerad] Autrum ist in jeder Weise befähigt, weiterhin führend in der Studentenschaft mitzuwirken.“[3] 1935 begann Autrums Karriere als Assistent am Zoologischen Institut, wo er die Stelle eines entlassenen jüdischen Assistenten erhielt. 1939 konnte er sich habilitieren,[1] wechselte als Dozent in die Chefabteilung des Luftfahrtmedizinischen Forschungsinstituts des Reichsluftfahrtministers Göring und übernahm dort die Leitung des Sanitätswesens der Luftwaffe.[4] Im Zweiten Weltkrieg war an das luftfahrtmedizinische Forschungsinstitut dienstverpflichtet, das 1944 von Berlin nach Welkersdorf in Niederschlesien verlagert wurde.[1]

Vor der näherrückenden Ostfront floh Autrum mit seinen Mitarbeitern und Apparaturen nach Göttingen, dort wurde er noch 1945 Assistent bei Professor Henke.[1] 1948 wurde er außerplanmäßiger Professor an der Universität Göttingen, 1952 Ordinarius an der Universität Würzburg, ehe er 1958 den Lehrstuhl von Karl von Frisch übernahm und das Zoologische Institut der Universität München bis zu seiner Emeritierung führte. Ab ca. 1965 war Autrum Vorsitzender der Hochschul-Planungskommission in Bayern und initiierte in dieser Funktion u. a. die Gründung der Universitäten in Regensburg und Bayreuth.

Zu seinen vielfältigen Forschungsgebieten gehörten Arbeiten über die Physiologie des Farbensehens bei Insekten und Wirbeltieren sowie Arbeiten über sozial bedingten Stress bei Säugetieren. Die wissenschaftlichen Leistungen Hansjochem Autrums gelten als unbestritten und spiegeln sich auch in den vielen Ehrungen nach dem Zweiten Weltkrieg wider. In München war er, auch noch nach seiner Emeritierung, Herausgeber der biologischen Fachzeitschrift Naturwissenschaften.[5]

Aus der großen Schar seiner Schüler besetzten viele die seit Ende der 1960er Jahre freigewordenen bzw. neugeschaffenen Lehrstühle für Zoologie an diversen deutschen Universitäten. Hierzu gehören Helmut Altner in Regensburg und Dietrich von Holst in Bayreuth.

Autrum war verheiratet[1] und hatte eine Tochter.[6] Er liebte Musik und spielte selbst Klarinette.

KritikBearbeiten

Autrums Eintritt in die NSDAP 1933, seine Mitgliedschaft in der SA und seine erfolgreiche Karriere 1939 bis 1945 im Luftfahrtmedizinischen Forschungsinstituts des Reichsluftfahrtministerium als Mitarbeiter des Leiters des Sanitätswesens der Luftwaffe Hubertus Strughold waren insbesondere nach seinem Tod Anlass zu kritischen Anmerkungen, die wiederum von seinen Anhängern heftig zurückgewiesen wurden.[7]

Es gibt Dokumente mit Hinweisen, dass Autrum sich von Luftwaffenseite aus dafür ausgesprochen hat, die von Sigmund Rascher unter der Verantwortung Heinrich Himmler mit KZ-Häftlingen durchgeführten scheinwissenschaftlichen Menschenversuche zur Überlebensfähigkeit von im Eismeer notgelandeten bzw. starken Druckverlusten ausgesetzten Kampfpiloten einzustellen, da er wie Hubertus Strughold Tierversuche für ausreichend und besser geeignet hielt.[8]

Hansjochem Autrum erhielt von der amerikanischen Besatzungsmacht kurzfristig wieder die Gelegenheit, seine Forschungstätigkeit fortzusetzen, wobei ihr nach entsprechenden Quellen auch ein hohes Eigeninteresse an den Ergebnissen unterstellt werden darf.[9]

Auch in der Nachkriegszeit äußerte sich Autrum in fragwürdiger Weise. So schrieb er in seiner 1996 erschienenen Biografie, in der heutigen Gesellschaft käme der „Terror der Unvernunft“ von unten: „Waldsterben, Robbensterben, Tierschutz, Retortenbaby sind nur einige Beispiele für solchen Terror von unten“.[10] Bezüglich der persönlichen Einstellung Autrums zu Fragen mit nationalem/internationalem Bezug gibt der Mediziner und Biologe Svante Pääbo, den Autrum zum „internationalen Schrott“ zählte, in seinem Werk Die Neandertaler und wir: Meine Suche nach den Urzeit-Genen einen Einblick.[5]

Ämter, Auszeichnungen und EhrungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Hansjochem Autrum: Mein Leben. Wie sich Glück und Verdienst verketten, 1995, ISBN 3-540-59236-9
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt 2003, ISBN 3-10-039309-0, S. 21.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e Hansjochem Autrum bei badw.de, abgerufen am 27. Mai 2019
  2. Archiv der HU Berlin UK A 104 Autrum 0001
  3. a b Beglaubigte Abschrift im Archiv der HU Berlin
  4. siehe Weblink Aeromedical history
  5. a b Svante Pääbo: Die Neandertaler und wir. Meine Suche nach den Urzeit-Genen (Kapitel 4 Dinosaurier im Labor)
  6. Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste. Reden und Gedenkworte, zweiunddreißigster Band bei orden-pourlemerite.de, abgerufen am 28. Mai 2019
  7. Gerhard Neuweiler: Nachruf Hansjochem Autrum In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 2003, S. 316.
  8. Viktor Harsch: Hubertus Strughold
  9. Hans Jochen Autrum: Electrophysiology of the Eye. In: The Surgeon General, US Air Force (Hrsg.): German Aviation Medicine: World War II, Bd. 2, Washington DC: US Government Printing Office, 1950, S. 966–971.
  10. Hansjochem Autrum: Mein Leben. Wie sich Glück und Verdienst verketten, Springer-Verlag 1996, S. 88.