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Gerhard Eis

Hochschullehrer

Gerhard Eis (* 9. März 1908 in Aussig; † 29. März 1982 in Schriesheim) war ein deutscher germanistischer Mediävist und Medizinhistoriker. Er war Ordinarius für Germanistik an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und gilt als Begründer der Fachprosaforschung.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Nach dem Besuch der Volksschule in Aussig (1914–1919) und der Aussiger Oberrealschule (1919–1926) legte Eis in Prag am deutschen Gymnasium 1927 sein Abitur ab. Es folgte zunächst an der Deutschen Universität von Prag ein naturwissenschaftliches Studium, dann der Studienwechsel zu den Geisteswissenschaften der Deutschen Philologie und der Anglistik bei Erich Gierach mit Studienaufenthalt in London bis 1931. Im selben Jahr erfolgte die Promovierung in Prag mit einer altgermanistischen Arbeit „Die Quellen des Märtyrerbuches“ (veröffentlicht 1932 in der Reihe Prager Deutsche Studien 46, Nachdruck 1975). 1932 erfolgte die Lehramtsprüfung für höhere Schulen für die Fächer Deutsch und Englisch. Die Habilitation von Eis erfolgte 1935 ebenfalls in Prag mit der Arbeit „Beiträge zur mittelhochdeutschen Legende und Mystik. Untersuchungen und Texte“ (Druck 1935, Nachdruck 1967).

Von 1931 bis 1932 war er Hilfslehrer an der deutschen Handelsakademie in Pilsen und dort 1932 bis 1936 provisorischer Professor, 1937 Professor. Von 1937 bis 1945 war er Professor an der Deutschen Handelsakademie von Reichenberg. In dieser Zeit von 1935 bis 1940 war er Privatdozent für Ältere deutsche Sprache und Literatur in Prag, von 1940 bis 1944 beamteter Dozent und wurde 1938 Leiter eines „Sudetendeutschen Archivs in Reichenberg“. Eis, 1938 der NSDAP beigetreten, leistete von 1940 bis 1943 Kriegsdienst.

An der Universität von Preßburg wurde er 1943 bis 1945 außerordentlicher Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur. In den Jahren 1945 bis 1946 war er zunächst arbeitslos und fand nach Flucht und Vertreibung eine Anstellung bis 1947 als Hilfskraft bei der Dombibliothek von Freising. in diesem Jahr erhielt er eine Anstellung als Lehrbeauftragter und Vorstand des Germanistischen Instituts der Philosophisch-theologischen Hochschule von Bamberg bis 1953. Gleichfalls wurde er Lehrbeauftragter von 1949 bis 1950 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Passau und von 1950 bis 1955 an der TH München.

Die Berufung als außerordentlicher Professor für Deutsche Philologie und Volkskunde des Mittelalters an der Universität Heidelberg erfolgte 1955. 1957 wurde er dort als Nachfolger von Eugen Fehrle (der wegen seiner NS-Verstrickung nach dem Kriegsende 1945 aus dem Hochschuldienst entlassen worden war und dessen Stelle dem Deutschen Institut zugewiesen wurde, allerdings zunächst unbesetzt blieb) Lehrstuhlinhaber für Deutsche Philologie und Volkskunde[1] sowie Direktor des Deutschen Instituts bis 1973; sein Nachfolger wurde der Sprachhistoriker Oskar Reichmann. An der University of Maryland trat er 1967 eine Gastprofessur an, die Emeritierung erfolgte 1973.

Eis lehrte und publizierte zur althochdeutschen, altsächsischen und mittelhochdeutschen Sprache und Literatur, des Weiteren zur gotischen Sprache und Literatur (Wulfila-Bibel), zur Runologie und zur heimatlichen sudetendeutschen Geistesgeschichte. Forschungen unternahm er zur Heldendichtung und besonders zur kultur- und medizingeschichtlichen Fachprosa des Mittelalters[2][3][4] und zur Literatur des Humanismus. In dieser Hinsicht sammelte er in einer Privatsammlung mittelalterliche Handschriften. Eis gilt als Begründer einer entmythologisierten[5] Forschung zur (spät)mittelalterlichen deutschen Fachprosa. Den „Auftakt zur Fachprosaforschung“ stellt gemäß Gundolf Keil ein von Eis im Juli 1937 gehaltener Vortrag bei der „Sommer-Hochschulwoche in Böhmisch-Leipa“ dar.[6] Zu seinen Schülern gehören der Volkskundler Peter Assion und die Medizinhistoriker Gundolf Keil (Würzburg) und Wolfram Schmitt[7] (Heidelberg).

Die Tierärztliche Hochschule von Hannover ehrte ihn 1976 mit der Ehrendoktorwürde.[8] Eis war seit 1951 Mitglied des Deutschen Germanistenverbands, Auswärtiges Mitglied der Sprachwissenschaftlichen Gesellschaft von Bratislava (Jazykovedná spoločnost), sowie der World Academy of Art and Science. Für seine medizingeschichtlichen und literarischen Forschungen war er Mitglied der Internationalen Paracelsus-Gesellschaft und Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. 1980 wurde er als ordentliches Mitglied der Geisteswissenschaftlichen Klasse der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste berufen.

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

  • Ältere deutsche Handschriften als Quellen für die heimatliche Kultur- und Geistesgeschichte. In: Zeitschrift für sudetendeutsche Geschichte. Band 1, 1937, S. 281–291.
  • als Hrsg.: Meister Albrants Roßarzneibuch im deutschen Osten. Reichenberg 1939 (= Schriften der Deutschen wissenschaftlichen Gesellschaft in Reichenberg. Band 9); Neudruck Hildesheim und New York 1977 (= Documenta hippologica. Darstellungen und Quellen zur Geschichte des Pferdes. ohne Bandzahl).
  • Die Sendung der deutschen Kultur im Sudetenraum. Reichenberg 1940 (= Aus dem Sudetengau. Band 1).
  • Die Groß-Schützener Gesundheitslehre. Studien zur Geschichte der deutschen Kultur im Südosten. Brünn/München/Wien 1943 (= Südosteuropäische Arbeiten, 36).
  • Neue Wege der landeskundlichen Schrifttumsgeschichte. In: Deutsche Volksforschung in Böhmen und Mähren. Band 3, 1944, S. 165–177.
  • Gottfrieds Pelzbuch. Studien zur Reichweite und Dauer der Wirkung des mittelhochdeutschen Fachschrifttums. Callwey, München 1944; Rohrer, Brünn/München/Wien 1944 (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 38). Neudruck Olms, Hildesheim 1966
  • Studien zur altdeutschen Fachprosa. Heidelberg 1951 (= Germanistische Bibliothek, III).
  • Von der verlorenen altdeutschen Dichtung. Erwägungen und Schätzungen. In: Germanisch-romanische Monatsschrift. Band 37 (= Neue Folge, Band 6), 1956, S. 175–189.
  • Salernitanisches und Unsalernitanisches im ‚Armen Heinrich‘ des Hartmann von Aue. In: Forschungen und Fortschritte. Band 31, 1957, S. 77–81.
  • mit Gundolf Keil: Nachträge zum Verfasserlexikon. In: Studia neophilologica. Band 30, 1958, S. 232–250, und Band 31, 1959, S. 219–242, sowie Band 43, 1971, S. 377–426.
  • Mittelalterliche Fachprosa der Artes. In: Deutsche Philologie im Aufriß. Hrsg. von Wolfgang Stammler, 2. Auflage. Band 2, Berlin 1960, Sp. 1103–1216.
  • Meister Albrants Roßarzneibuch. Konstanz 1960.
  • Vom Werden altdeutscher Dichtung. Literarhistorische Proportionen. Berlin 1962.
  • Mittelalterliche Fachliteratur. Stuttgart 1962; 2. Auflage ebenda 1967 (= Sammlung Metzler. Realienbücher für Germanisten, Abt. D: Literaturgeschichte, 14).
  • Altdeutsche Zaubersprüche. Berlin 1964.
  • Forschungen zur Fachprosa. Francke, Bern/ München 1971.
  • Schriften zur altdeutschen Dichtung. Amsterdam 1979 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur. Band 38).
  • Medizinische Fachprosa des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Amsterdam 1982 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, 48).
  • mit Hans J. Vermeer (Hrsg.): Gabriel von Lebensteins Büchlein ‚Von den gebrannten Wässern‘. Stuttgart 1965 (= Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Neue Folge, 27).

LiteraturBearbeiten

  • Eis, Gerhard. In: Christoph König (Hrsg.): Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. 3 Bände, De Gruyter, Berlin/New York 2003 (= Veröffentlichungen der Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik im Deutschen Literaturarchiv Marbach. ohne Bandzahl); Neudruck 2011, ISBN 978-3-11-090805-3, Band 1, S. 424–425 (kostenpflichtig bei de Gruyter).
  • Gundolf Keil: Gerhard Eis 70 Jahre alt. In: Nachrichtenblatt der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Band 29, Nr. 1, 1979, S. 9 f.
  • Gundolf Keil: Zum Tode von Gerhard Eis. In: Nachrichtenblatt der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Band 32, 1982, S. 53–55.
  • Richard Zimprich: Universitäts-Professor emeritus Dr. Dr. h.c. Gerhard Eis – Begründer der Fachprosaforschung. Versuch einer Würdigung des Werkes des sudetendeutschen Gelehrten. In: Sudetenland. Band 23, 1981, S. 45 f.
  • Richard Zimprich: Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhard Eis †. In: Sudetenland. Band 24, 1982, S. 231 f.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Jörg Riecke: Eine Geschichte der Germanistik und der germanistischen Forschung in Heidelberg. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016, S. 102.
  2. Gerhard Eis: Die mittelhochdeutsche Fachprosa als Gegenstand der germanistischen Forschung. In: Forschungen und Fortschritte. Band 24, 1948, S. 82–84.
  3. Gerhard Eis: Die sieben Eigenkünste und ihre altdeutschen Literaturdenkmäler. In: Forschungen und Fortschritte. Band 26, 1950, S. 269–271.
  4. Gerhard Eis: Mittelhochdeutsche Literatur: Fachprosa. In: Ludwig Erich Schmitt (Hrsg.): Kurzer Grundriß der germanischen Philologie bis 1500. II: Literaturgeschichte. Berlin 1970, S. 528–572.
  5. Gundolf Keil: Literaturbegriff und Fachprosaforschung. In: Hans-Gert Roloff (Hrsg.): Jahrbuch für Internationale Germanistik. Athenäum, Frankfurt am Main 1970, S. 95–102.
  6. Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 51 f.
  7. Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und ‘Regimen sanitatis’ im Mittelalter. Medizinische Habilitationsschrift Heidelberg 1973.
  8. Gundolf Keil: Veterinärmedizinische Ehrendoktorwürde für Gerhard Eis. In: Nachrichtenblatt der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Band 26, 1976, Nr. 2, S. 52–54.
VorgängerAmtNachfolger
Eugen FehrleLehrstuhl für Deutsche Philologie und Volkskunde, Universität Heidelberg
1957–1973
Oskar Reichmann