Eva Schlotheuber

deutsche Historikerin

Eva Schlotheuber (* 25. Oktober 1959 in Osnabrück) ist eine deutsche Historikerin.

Eva Schlotheuber, aufgenommen von Werner Maleczek im Jahr 2011.

Nach einer Professur für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Münster (2007–2010) lehrt sie seit 2010 als Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie forscht vor allem zur Ordensgeschichte sowie zur Geschichte Kaiser Karls IV. Als erste Frau wurde sie 2016 Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.

Leben und WerkBearbeiten

Eva Schlotheuber studierte an den Universitäten Göttingen und Kopenhagen. Sie wurde 1994 in Göttingen promoviert mit der von Hartmut Hoffmann betreuten Arbeit Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek. Von 1999 bis 2001 war sie wissenschaftliche Assistentin bei Claudia Märtl an der Technischen Universität Braunschweig. 2001 war Schlotheuber als wissenschaftliche Assistentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). 2003 erfolgte dort die Habilitation mit einer Arbeit über die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter. 2003 war sie Oberassistentin an der LMU München und hatte Lehrstuhlvertretungen in Braunschweig und Marburg inne.

Von 2007 bis 2010 lehrte Schlotheuber als Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Hilfswissenschaften an der Universität Münster. Seit 2010 lehrt sie als Nachfolgerin des verstorbenen Johannes Laudage an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit 2014 ist sie ordentliches Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica und seit 2016 Mitglied im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Sie ist außerdem Mitglied des Collegium Carolinum und der Società Internazionale di Studi Francescani. Seit dem 51. Deutschen Historikertag in Hamburg 2016 ist sie Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Sie ist damit in gut 120 Jahren Verbandsgeschichte die erste Frau als Vorsitzende. Im Jahr 2020 wurde Schlotheuber in die American Philosophical Society gewählt. Seit 2021 ist sie corresponding fellow der Medieval Academy of America.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Bildungs- und Bibliotheksgeschichte, die Kulturgeschichte, die Ordensgeschichte, insbesondere Lebens- und Ausdrucksformen in den mittelalterlichen Frauenklöstern sowie die materielle Kultur des Mittelalters, die Persönlichkeitsdarstellung in der hoch- und spätmittelalterlichen biographischen und autobiographischen Literatur und die Herrschaftsauffassung Kaiser Karls IV. sowie die politischen Strukturen und kulturellen Strömungen des 14. Jahrhunderts. Ihre Arbeiten sorgten seit Beginn des 21. Jahrhunderts für einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in der Erforschung von geistlichen Frauen im Mittelalter. Die Perspektive verschob sich von den Ausnahmefrauen hin zu den strukturellen Bedingungen des religiösen Lebens von Frauen. Weiterhin rückten die Wechselwirkungen zwischen dem religiösen Bereich und der mittelalterlichen Gesellschaft sowie zu den Geschlechterverhältnissen zwischen den Religiosen in den Blickpunkt des Forschungsinteresses. In ihren Arbeiten legte sie ein besonders Ausgenmerk auf die Binnensicht der Klosterfrauen durch die Auswertung konventsinternen Gebrauchsschriftguts, wie den sogenannten „Konventstagebüchern“.

 
Treffen der Projektgruppe Lüner Briefe in der Old Library, St Edmund Hall, University of Oxford im Jahr 2016 (von links nach rechts: Edmund Wareham, Lena Vosding, Eva Schlotheuber, Torsten Schaßan)

In der Ordensgeschichte hat sie sich auf die Franziskaner und auf die Frauenklöster spezialisiert. Sie gilt durch zahlreiche Veröffentlichungen als eine der besten Kennerinnen zum Klosterleben weiblicher Ordensgemeinschaften.[1] In ihrer Habilitation wertete sie das zwischen 1484 und 1507 entstandene „Konventstagebuch“ einer anonymen Nonne aus dem Zisterzienserkloster von Heilig-Kreuz bei Braunschweig als Quelle zur „innerklösterlichen Organisation“ und zu den „Beziehungen zwischen dem Kloster und seinem unmittelbaren sozialen Umfeld“ aus. Zugleich legte sie eine Edition des Konventstagebuches (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 1159 Novi) vor (S. 313–478).[2] Schlotheuber organisierte im Herbst 2017 mit Sigrid Hirbodian eine Reichenau-Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte mit dem Thema „Zwischen Klausur und Welt. Autonomie und Interaktion spätmittelalterlicher geistlicher Frauengemeinschaften“. Zusammen mit Jeffrey Hamburger, Margot Fassler, Susan Marti hat sie die zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert entstandenen liturgischen Handschriften aus dem westfälischen Dominikanerinnenkloster Paradies bei Soest analysiert. Als Ergebnis wurden 2016 nach jahrelanger Forschungsarbeit zwei Bände mit über 1000 Seiten vorgelegt.[3]

SchriftenBearbeiten

Aufsatzsammlung

  • „Gelehrte Bräute Christi“. Religiöse Frauen in der mittelalterlichen Gesellschaft (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. Bd. 104). Mohr Siebeck, Tübingen 2018, ISBN 978-3-16-155367-7.

Monografien

  • mit Jeffrey Hamburger, Margot Fassler, Susan Marti: Liturgical Life and Latin Learning at Paradies bei Soest, 1300–1425. Inscription and Illumination in the Choir Books of a North German Dominican Convent. 2 Bände, Aschendorff, Münster 2016, ISBN 978-3-402-13072-8.
  • Klostereintritt und Bildung. Die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter. Mit einer Edition des 'Konventstagebuchs' einer Zisterzienserin von Heilig-Kreuz bei Braunschweig (1484–1507). Mohr Siebeck, Tübingen 2004, ISBN 3-16-148263-8.
  • Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek. Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, ISBN 3-87163-222-8.

Herausgeberschaften

  • mit Jeffrey Hamburger: The Liber ordinarius of Nivelles. Liturgy as Interdisciplinary Intersection (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation. Bd. 111). Mohr Siebeck, Tübingen 2020, ISBN 978-3-16-158242-4.
  • mit Hubertus Seibert: Soziale Bindungen und gesellschaftliche Strukturen im späten Mittelalter (14.–16. Jahrhundert). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-37304-0.
  • mit Hubertus Seibert: Böhmen und das Deutsche Reich. Ideen- und Kulturtransfer im Vergleich (13.–16. Jahrhundert). Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59147-7 (Rezension).
  • Nonnen, Kanonissen und Mystikerinnen. Religiöse Frauengemeinschaften in Süddeutschland. Beiträge zur interdisziplinären Tagung vom 21. bis 23. September 2005 in Frauenchiemsee. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-35891-7.

Digitale Projekte

  • mit Henrike Lähnemann, Simone Schultz-Balluff, Edmund Wareham, Philipp Trettin, Lena Vosding und Philipp Stenzig: Netzwerke der Nonnen. Edition und Erschließung der Briefsammlung aus Kloster Lüne (ca. 1460–1555). In: Wolfenbütteler Digitale Editionen. Wolfenbüttel 2016–, online.

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Eva Schlotheuer: Sprachkompetenz und Laienvermittlung. In: Nathalie Kruppa, Jürgen Wilke (Hrsg.): Kloster und Bildung im Mittelalter. Göttingen 2006, S. 61–87 (online); Falk Eisermann, Eva Schlotheuber, Volker Honemann (Hrsg.): Studien und Texte zur literarischen und materiellen Kultur der Frauenklöster im späten Mittelalter. Ergebnisse eines Arbeitsgesprächs in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 24.–26. Febr. 1999. Leiden u. a. 2004.
  2. Vgl. dazu die Besprechungen von Martin Kintzinger in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15. Oktober 2006], (online); Klaus Naß in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 62 (2006), S. 783–784 (online); Christina Lutter in: Zeitschrift für Historische Forschung 33 (2006), S. 645–648; Thomas Scharff in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte 86 (2005), S. 218–219 (online); Anne E. Lester in: Speculum 82 (2007), S. 235–236.
  3. Vgl. dazu die Besprechungen von Letha Böhringer in: Historische Zeitschrift. 307, 2018, S. 497–499; Julia Burkhardt in: Zeitschrift für Historische Forschung 44, 2017, S. 740–742 (online); Jennifer Thomas in: Renaissance Quarterly 72, 2019, S. 325–327; Milvia Bollati in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 2 [15. Februar 2018], (online); Nancy van Deusen in: Journal of the American Musicological Society 71, 2018, S. 530–534; Philipp Lenz in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 128, 2017, S. 409–410.