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Ethylendiamin (nach IUPAC-Nomenklatur: Ethan-1,2-diamin, abgekürzt häufig als EDA bezeichnet) ist eine organisch-chemische Verbindung aus der Stoffgruppe der aliphatischen primären Amine. Genauer gesagt handelt es sich um ein Diamin.

Strukturformel
Strukturformel von Ethylendiamin
Allgemeines
Name Ethylendiamin
Andere Namen
  • Ethan-1,2-diamin (IUPAC)
  • 1,2-Diaminoethan
  • 1,2-Ethandiamin
  • Dimethylendiamin
  • "en" (in Komplexverbindungen)
Summenformel C2H8N2
Kurzbeschreibung

farblose Flüssigkeit mit ammoniakartigem Geruch[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 107-15-3
EG-Nummer 203-468-6
ECHA-InfoCard 100.003.154
PubChem 3301
ChemSpider 13835550
Wikidata Q411362
Eigenschaften
Molare Masse 60,10 g·mol−1
Aggregatzustand

flüssig

Dichte

0,90 g·cm−3 (20 °C)[1]

Schmelzpunkt

°C[1]

Siedepunkt

116 °C[1]

Dampfdruck
  • 12,4 hPa (20 °C)[1]
  • 22,6 hPa (30 °C)[1]
  • 39,4 hPa (40 °C)[1]
  • 66,3 hPa (50 °C)[1]
pKs-Wert

6,90 (pKS1) bzw. 9,95 (pKS2)[2]

Löslichkeit
Brechungsindex

1,4565 (20 °C)[4]

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP),[5] ggf. erweitert[1]
02 – Leicht-/Hochentzündlich 06 – Giftig oder sehr giftig 08 – Gesundheitsgefährdend 05 – Ätzend

Gefahr

H- und P-Sätze H: 226​‐​302+332​‐​311​‐​314​‐​317​‐​334​‐​412
P: 261​‐​273​‐​280​‐​305+351+338​‐​310 [1]
Zulassungs­verfahren unter REACH

besonders besorgnis­erregend: ernst­hafte Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit gelten als wahrscheinlich[6]

MAK
  • nicht vergeben[1]
  • Schweiz: 10 ml·m−3 bzw. 25 mg·m−3[7]
Toxikologische Daten
Thermodynamische Eigenschaften
ΔHf0

−63,0 kJ/mol[8]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen. Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C

Inhaltsverzeichnis

Gewinnung und DarstellungBearbeiten

Zur großtechnischen Herstellung von Ethylendiamin existieren in der Chemischen Industrie mehrere Verfahren und Verfahrensvarianten. Das heutzutage am häufigsten eingesetzte Verfahren zur Synthese von Ethylendiamin ist die Umsetzung von Monoethanolamin mit Ammoniak bei Temperaturen von 160–230 °C und Drücken von 150–250 bar in Gegenwart von Wasserstoff an Kupfer-Nickel-Katalysatoren in der flüssigen Phase.[9]

Die Reaktion wird bevorzugt in Festbettreaktoren durchgeführt. Besonders gut geeignet sind hierfür Rohrreaktoren sowie Rohrbündelreaktoren, bei denen Salzschmelzen die gesamte Reaktion auf nahezu konstanter Temperatur halten. Bei diesem Verfahren entsteht neben Ethylenamin auch noch weitere Nebenprodukte wie Diethylentriamin (DETA) und Triethylentetramin (TETA), die durch mehrstufige destillative Aufarbeitung unter Druck abgetrennt werden müssen. Alternativ kann statt Monoethanolamin auch Monoethylenglycol eingesetzt werden. Dabei muss Ammoniak jedoch in zweifachem molaren Überschuss eingesetzt werden.[9]

Ein zweites großtechnisches Verfahren zur Herstellung von Ethylendiamin betrifft die Umsetzung von 1,2-Dichlorethan mit Ammoniak unter Druck bei 180 °C im wässrigen Medium. Als Katalysatoren werden ebenfalls Kupfer- oder Nickelkontakte, die als Festbett angeordnet sind, verwendet.[10]

Dabei bildet sich Chlorwasserstoff, der zunächst als Hydrochlorid des Amins in gebundener Form vorliegt. Das Amin wird durch Zugabe von Natriumhydroxid in seine freie Form überführt und kann anschließend durch Rektifikation aus dem Gemisch gewonnen werden. Als Nebenprodukte werden ebenfalls Diethylentriamin (DETA) und Triethylentetramin (TETA) gebildet.[10]

EigenschaftenBearbeiten

Physikalische EigenschaftenBearbeiten

Ethylendiamin hat eine relative Gasdichte von 2,07 (Dichteverhältnis zu trockener Luft bei gleicher Temperatur und gleichem Druck) und eine relative Dichte des Dampf-Luft-Gemisches von 1,01 (Dichteverhältnis zu trockener Luft bei 20 °C und Normaldruck). Die Dichte beträgt 0,90 g·cm−3 bei 20 °C. Außerdem weist Ethylendiamin einen Dampfdruck von 12,4 hPa bei 20 °C, 22,6 hPa bei 30 °C, 39,4 hPa bei 40 °C und 66,3 hPa bei 50 °C auf.[1]

Chemische EigenschaftenBearbeiten

Ethan-1,2-diamin ist eine entzündbare Flüssigkeit aus der Stoffgruppe der aliphatischen primären Amine. Es ist vollständig mit Wasser mischbar und bildet dabei ein Hydrat. Die wässrigen Lösungen von Ethylendiamin reagieren stark basisch. Außerdem ist Diaminoethan hygroskopisch und raucht an feuchter Luft. Ethylendiamin gilt als mittel bis schwer flüchtig. Eine wässrige Lösung der Konzentration 100 g·l−1 weist bei 25 °C einen pH-Wert von 12,2 auf.

VerwendungBearbeiten

Ethylendiamin findet in der Komplexchemie besonders Anwendung zur Synthese von Chelat-Bildnern (z. B. Ethylendiamintetraessigsäure). Des Weiteren wird es als Lösungsmittel, Stabilisator und zur Säureneutralisation in Öle eingesetzt. Es findet auch bei der Herstellung von Kunstharzen, Kautschuk-Chemikalien, Arzneimitteln, Schädlingsbekämpfungsmitteln, Inhibitoren und Wasch- bzw. Reinigungsmitteln Verwendung. In der Organischen Chemie wird Ethylendiamin auch als Base zur Isomerisierung von Allylalkoholen in Aldehyde, zur Reduktion von Nitroarenen zu Azo-Verbindungen und vielen weiteren Reaktionen eingesetzt.[3] Ferner dient es als Zwischenprodukt in den Bereichen Korrosionsschutz, Polyamidharze und Schmierstoff- sowie Treibstoffadditive.[11]

SicherheitshinweiseBearbeiten

Die Dämpfe von Ethylendiamin können mit Luft beim Erhitzen über den Flammpunkt explosive Gemische bilden. Hauptsächlich wird Ethylendiamin über den Atemtrakt und die Haut aufgenommen. Dabei kommt es akut zu starken Reizwirkungen auf die Haut und der Schleimhäute bis hinzu Verätzungen. Des Weiteren wurde eine sensibilisierende Wirkung auf die Haut und die Atemwege festgestellt. Ethylendiamin hat außerdem starke Auswirkungen auf Blut, Nieren und Herz-Kreislaufsystem des Betroffenen. Chronisch kann es bei Aufnahme oder Resorption zu Atemwegsreizungen und Asthma-Erkrankungen kommen, dessen Hergang oft unbekannt ist. Außerdem können sich irritative und allergische Hauterkrankungen ausbilden. In Tierversuchen wurde eine Beeinflussung der Leber- und Nierenfunktion ermittelt. Eine Reproduktionstoxizität, Mutagenität oder Kanzerogenität konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden. Ethylendiamin weist eine untere Explosionsgrenze von etwa 2,5 Vol.-% und eine obere Explosionsgrenze von etwa 16,3 Vol.-% auf. Die Zündtemperatur beträgt etwa 400 °C. Der Stoff fällt somit in die Temperaturklasse T2 und die Explosionsgruppe IIA. Die Grenzspaltweite wurde auf 1,25 mm ermittelt. Mit einem Flammpunkt von 34 °C gilt Ethylendiamin als entflammbar.[1]

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p Eintrag zu Ethylendiamin in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 9. März 2019 (JavaScript erforderlich)
  2. D.H. Ripin, D.A. Evans: pKa's of Inorganic and Oxo-Acids (Englisch, PDF) Abgerufen am 15. Juli 2014.
  3. a b Eintrag zu Ethylendiamin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 9. März 2019.
  4. David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Physical Constants of Organic Compounds, S. 3-232.
  5. Eintrag zu Ethylenediamine im Classification and Labelling Inventory der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), abgerufen am 9. März 2019. Hersteller bzw. Inverkehrbringer können die harmonisierte Einstufung und Kennzeichnung erweitern.
  6. Eintrag zu CAS-Nr. 107-15-3 in der SVHC-Liste der Europäischen Chemikalienagentur, abgerufen am 11. August 2018.
  7. Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA): Grenzwerte am Arbeitsplatz 2015 – MAK-Werte, BAT-Werte, Grenzwerte für physikalische Einwirkungen, abgerufen am 2. November 2015.
  8. David R. Lide (Hrsg.): CRC Handbook of Chemistry and Physics. 90. Auflage. (Internet-Version: 2010), CRC Press/Taylor and Francis, Boca Raton, FL, Standard Thermodynamic Properties of Chemical Substances, S. 5-23.
  9. a b Regine Helga Bebensee, Thomas Heidemann, Barbara Becker, Eva Koch, Hermann Luyken, Johann-Peter Melder: Verfahren zur Herstellung von Ethylenaminen. In: Google Patents. BASF SE, 13. Dezember 2018, abgerufen am 9. März 2019 (deutsch, englisch, französisch).
  10. a b Hans-Jürgen Arpe: Industrielle Organische Chemie - Bedeutende Vor- und Zwischenprodukte. 6. Auflage. WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 2007, ISBN 978-3-527-31540-6, S. 245.
  11. Ethylenediamin (EDA). In: BASF Produktsuche. BASF SE, 2014, abgerufen am 9. März 2019 (deutsch, englisch).