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Albert Gessner

deutscher Architekt und Hochschullehrer
Fabrik und Wohngebäude für F. W. Gantenberg in der Bahnhofstraße in Aue (Sachsen), Gessners erste realisierte Bauten

Albert Gessner (auch Geßner) (* 19. März 1868 in Aue; † 2. Juni 1953 in Berlin-Kladow) war ein deutscher Architekt und Hochschullehrer, der vor allem auf dem Gebiet des Geschosswohnungsbaus arbeitete, Beachtung fanden vor allem seine Beiträge zur Entwicklung des großstädtischen Mietshauses. Seine Bauten befinden sich vor allem in Sachsen und in Berlin sowie im Berliner Umland und stehen fast alle unter Denkmalschutz.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Gessner besuchte zunächst in Aue die Bürgerschule, dann folgten die Realschule und das Gymnasium in Zwickau, das er 1886 abschloss. Anschließend studierte er an der Gewerbeakademie Chemnitz sowie an der Technischen Hochschule Dresden und an der Technischen Hochschule (Berlin-) Charlottenburg im Fach Architektur. Eine erste Anstellung erhielt er in Charlottenburg im Architekturbüro Kayser & von Großheim für drei Jahre. Gleichzeitig belegte er Kunstgewerbekurse, studierte die mittelalterliche und Renaissance-Architektur und erweiterte seine Kenntnisse auf zahlreichen Reisen durch Deutschland, durch Italien und besuchte auch Wien, Prag und Paris. Im Jahr 1896 trat Albert Gessner als Mitarbeiter in das Atelier von Alfred Messel ein.

Seinen ersten eigenen Architekturauftrag erhielt Gessner aus seiner Geburtsstadt Aue. Der Wäschefabrikant Friedrich Wilhelm Gantenberg ließ sich ein Wohnhaus in der Bahnhofstraße projektieren. Aufgrund seiner vorangegangenen Studien in Europa entschied sich Gessner für ein vierstöckiges Wohnhaus mit reich gegliederter Fassade aus einer Mischung historisierender Elemente wie Türmchen, Erker, kleinen Balkons, das Erdgeschoss mit einem Laden und hier alle Fenster und Zugänge als Rundbogen. Das Haus wurde 1897 fertiggestellt. Daran schloss sich noch die Arbeit für die Fabrik Gantenbergs an, die neben dem Wohnhaus entstand. Nach diesen ersten erfolgreichen Bauten gab Gessner seine Mitarbeit bei Messel auf und wurde freiberuflicher Architekt mit Wohnsitz in Charlottenburg bei Berlin.

Nun folgten weitere Aufträge aus dem Raum Sachsen und aus anderen deutschen Ländern. Daneben war Gessner in dieser Zeit auch im Kunstgewerbe aktiv und schloss sich dem Werkring an. Seine kunsthandwerklichen Arbeiten wurden auf der Pariser Weltausstellung 1900 und auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1901 gezeigt. Auch später entwarf Gessner Kunstgewerbliches, er gestaltete unter anderem für die Porzellanmanufaktur Burgau an der Saale 1911 das Dekor „Else“ für ein Kaffee- und Speiseservice.[1]

 
Wohnmietshaus Mommsenstraße 6 in Berlin-Charlottenburg, seit den 1990er Jahren ein Baudenkmal

Gessners erster Bauauftrag für das spätere Berlin war ein Mietshaus mit 15 Wohnungen in der Mommsenstraße 6 in Charlottenburg, das 1904 bezugsfertig war. Weil Gessner Else Harnisch, Tochter des Architekten und Immobilienunternehmers Ferdinand Harnisch, geheiratet hatte, stellte ihm sein Schwiegervater das Baugrundstück zur Verfügung. Beim Bau entdeckte er, dass die Architektur sich bisher kaum des großstädtischen Mietshauses als Gebäudetypus angenommen hatte, dieses vor allem von Bauunternehmern und Behörden geplant und gebaut worden war. Mit der Fertigstellung des Gebäudes in der Mommsenstraße erregte Gessner das Interesse der Fachöffentlichkeit. Das Haus erhielt wegen des gelben Rauputzes die Bezeichnung „Gelbes Haus I“ und wurde mehrfach positiv besprochen und rezensiert.[2]

Gessner bekam in der Folge weitere Aufträge in Charlottenburg und den Nachbarorten Grunewald, Westend, Deutsch-Wilmersdorf, Zehlendorf; selbst für Spandauer und Kladower Bürger baute er Wohnhäuser. Eine seiner ersten größeren Auftragsarbeiten war ein Wohnblock mit zehn Häusern am Zusammentreffen von Bismarckstraße, Grolmanstraße und Schillerstraße (1906/1907).

Er begann, sich auch theoretisch mit dem Bau und der künstlerischen Gestaltung von Mietshäusern zu befassen. In seinem 1909 erschienenen Buch Das deutsche Mietshaus beklagte er den schlechten Bau dieser Häuser und stellte innovative Lösungen für die benannten Probleme dar. Neben seinen eigenen Arbeiten erwähnte er auch Bauten von Hans Poelzig, August Endell oder Paul Mebes als positive Beispiele.

 
„Einküchenhaus“ in Berlin-Friedenau, Wilhelmshöher Straße 17

Weitere Ergebnisse dieser Beschäftigung waren die Einküchenhäuser in der Wilhelmshöher Straße in Friedenau sowie diverse Einzelhäuser in und um Berlin. Gessner betätigte sich auch stadtplanerisch, wie sein Entwurf für den von 1908 bis 1910 laufenden Wettbewerb zur Gestaltung Groß-Berlins „Berlin 1910, Kult des großen Plans“ zeigt, in dem er eine kolorierte Perspektive Von der Südbahnhofstraße zum Müggelsee einreichte.[3] Die Darstellung wurde angekauft.

Im großen Maßstab wurde er wieder in der Villenkolonie Wilhelmshorst bei Potsdam aktiv, für die er die Bebauungspläne zeichnete, Plätze, öffentliche Gebäude wie den Bahnhof und auch viele der einzelnen Häuser entwarf. Sein Schwiegervater stellte die Mittel bereit, damit Gessner hier als Investor tätig werden konnte. Er ließ die Gebäude auf seine Rechnung bauen und vermietete oder verkaufte sie anschließend.

Mit dem Ersten Weltkrieg begann das Geschäft zu leiden. Viele seiner Angestellten wurden zum Kriegsdienst eingezogen, die Wirtschaftskrise seit 1914 beschädigte sein Immobiliengeschäft schwer. Gleichzeitig begann aber die öffentliche Würdigung seines Werks. 1915 wurde er in die Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung gewählt, 1919 zum Mitglied der preußischen Akademie des Bauwesens, 1923 zum Mitglied der preußischen Akademie der Künste. Von 1925 bis 1937 lehrte er als außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Berlin, 1926 wurde er in den Vorstand des Bundes Deutscher Architekten (BDA) gewählt. Seine Bauprojekte führte er nun vor allem in Wilmersdorf und Schmargendorf durch. Darunter befanden sich eine Wohnsiedlung für Beamte sowie mehrere Wohnsiedlungen mit Kleinwohnungen.

In den 1920er Jahren begann er, sich auch architekturpolitisch zu engagieren. Gessner fürchtete eine Internationalisierung des deutschen Bauens durch Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Hans Poelzig, Walter Gropius, Hans Scharoun und andere. Als jene Architekten die Vereinigung Der Ring gründeten, um ihre Architekturvorstellungen zu fördern, gründete Gessner als Gegenbewegung die Gruppe Der Block. In seinen späten Jahren prägte sich sein Nationalismus aus. Er begann stärker, einen typisch deutschen Baustil zu fördern und engagierte sich in deutschnationalen Organisationen wie dem Kampfbund für deutsche Kultur und dem Nordischen Ring, was bis zum Eintritt in die NSDAP 1932 führte. Dies half ihm jedoch wirtschaftlich nicht, so dass sich der Verfall seines Vermögens auch in der Zeit des Nationalsozialismus fortsetzte. Gessner wurde 1948 entnazifiziert. Neue Bauaufträge gab es seit 1931 nicht mehr.

FamilieBearbeiten

Im Jahr 1901 mietete Albert Gessner eine Wohnung in der Großgörschenstraße 7, wo er auch sein „Atelier für Architectur“ einrichtete.[4]

Im Jahr 1902 heiratete er, und nachdem ihm eine Tochter geboren worden war, zog die Familie 1903 samt Architekturbüro in die Wartenburgstraße 25 um.[5] Im Jahr 1911 richtete man sich in der Bismarckstraße 109 neu ein, zwei Töchter waren noch hinzugekommen.[6] Von 1932 bis 1938 wohnten die Gessners in der Düsseldorfer Straße 35a.[7] Danach zog die Familie in das ausgebaute Landhaus in Berlin-Kladow. Hier starb Albert Gessner und wurde auf dem Friedhof Heerstraße beigesetzt.[8]

WerkBearbeiten

Bauten und EntwürfeBearbeiten

 
Gasthaus Muldental in Aue, direkt neben der Mulde und über einem Betriebsgraben der Firma Weberei Curt Bauer errichtet; Zustand im Sommer 2012
 
Villa in Berlin-Grunewald, Höhmannstraße 9
 
Mehrfamilienhaus in Berlin-Grunewald, Reinzerzstraße 15–34
 
Albert Gessners Grabstein auf dem Friedhof Heerstraße
  • 1896/1897: Wohnhaus und Fabrik in Aue für den Wäschefabrikanten Gantenberg
  • 1897–1898: Landhaus für den Emaillewaren-Fabrikanten Gustav Gnüchtel[9] in Lauter im Erzgebirge, Schwarzenberger Straße
  • um 1899: Lagerhaus für die Firma Erler in Chemnitz
  • um 1900: Gasthaus Muldental in Aue (später Hotel, seit dem 21. Jahrhundert Handelseinrichtung) (Lage)[10]
  • 1901: Wohnhaus mit und für Paul Schultze-Naumburg in Saaleck
  • 1903/1904: Mehrfamilienwohnhaus, sogenanntes Gelbes Haus I, in (Berlin-) Charlottenburg, Mommsenstraße 6[11]
  • 1904/1905: Mehrfamilienwohnhaus, sogenanntes Gelbes Haus II, in (Berlin-) Charlottenburg, Niebuhrstraße 78[12]
  • 1904/1905: Mehrfamilienwohnhaus, sogenanntes Grünes Haus, in (Berlin-) Charlottenburg, Niebuhrstraße 2[13]
  • 1906: Mehrfamilienwohnhaus, sogenanntes Gelbes Haus III, in (Berlin-) Charlottenburg, Mommsenstraße 5[14][15]
  • 1906/1907: Teil einer Wohnanlage in (Berlin-) Charlottenburg, Schillerstraße 12–15[16]
  • 1908/1909: Schulgebäude mit Lehrerwohnung in Zernsdorf
Gessner wurde für diesen Bau gelobt, weil er vom bisher üblichen Gemeindeschulhaus-Typ abwich, dagegen Funktionalität und Architekturdetails beachtete. Eine zeitgenössische Einschätzung zu diesem Gebäude lautete: „Wie mannigfaltigen Aufgaben Gessner gerecht zu werden weiss, obwohl er seine Eigenart immer zu wahren versteht, das ersieht man auch aus dem kleinen Schulhaus in Zernsdorf, in dem er ganz passend für die stillen, intimen Reize der Mark eine kleine, aparte Schöpfung hingesetzt hat, einfach, schlicht und doch belebt. Mit seiner gelblichen Tönung, den hellen Fensterkreuzen und -Läden, dem Spaliergestell, der Tür, dem einfachen Zaun wirkt es ganz sachgemäss und schmucklos und hat doch als Ganzes eine durchdachte, durchempfundene Schönheit, die es als Muster für eine Dorfschule erscheinen lässt …“[17]
  • 1909–1912: Einküchenhäuser in (Berlin-) Friedenau, Wilhelmshöher Straße 17–20[18]
  • um 1911/1912: Landhaus für Ludwig Aschoff in Wünsdorf, Seestraße 19[19][20]
  • 1911/1912: Landhaus in (Berlin-) Grunewald, Höhmannstraße 9[21]
  • 1911/1912: Landhaus „Guckegönne“ oder „Geßners Guckegönne“ (hochdeutsch: (Gessners) Gucken können, also Ausblick) als eigenes Sommerhaus in (Berlin-) Kladow, Am Schwemmhorn 3[22]
  • 1912/1913: Wohnhaus für Carl Bruhns in (Berlin-) Charlottenburg-Westend, Ebereschenallee 14[23]
  • 1920: Mehrfamilienwohnhaus in Berlin-Grunewald, Reinerzstraße 15–34[24]
  • 1925: Wohnbebauung in Berlin-Wilmersdorf, Württembergische Straße / Wittelsbacherstraße / Zähringerstraße[25]
  • 1925/1926: Umbau des Landhauses Dr. Fränkel in Berlin-Kladow[26]
  • 1926/1927: Mehrfamilienwohnhaus in Berlin-Wilmersdorf, Zähringerstraße 24–24A[27]
  • 1926–1928: Wohnbebauung am Hoffmann-von-Fallersleben-Platz in Berlin-Wilmersdorf[28]
  • 1927–1930: Wohnbebauung der Heimstättengesellschaft Primus in Berlin-Wedding[29]
  • 1928: Wohnhaus in Berlin-Zehlendorf, Jaehnstraße 7–9[30]
  • 1929–1931: Wohnbebauung in Berlin-Wilmersdorf, Düsseldorfer Straße 33–36[31]

SchriftenBearbeiten

  • Das deutsche Miethaus. Ein Beitrag zur Städtekultur der Gegenwart. F. Bruckmann, München 1909 (bildsuche.digitale-sammlungen.de).
  • Albert Gessner: Das Miethaus. In: Anzeiger für Architektur, Kunsthandwerk und Bau-Industrie. Jg. 13, Heft 3, 1910, S. 35–38 (digital.zlb.de).

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Albert Gessner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Die Künstlerentwürfe – Albert Gessner, Erich Kuithan, Albin Müller, Franz Seeck und Rudolf Wille arbeiten für die Manufaktur. Ausstellung der Manufaktur Burgau, abgerufen am 8. Dezember 2012.
  2. Baudenkmal Wohnhaus Mommsenstraße 6
  3. Entwurfsblatt A. Geßner im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin.
  4. Geßner, Albert. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1901, Teil 1, S. 441.
  5. Geßner, Albert. In: Berliner Adreßbuch, 1903, Teil 1, S. 479.
  6. Geßner, Albert. In: Berliner Adreßbuch, 1911, Teil 1, S. 790. „Prof.“.
  7. Geßner, Albert. In: Berliner Adreßbuch, 1932, Teil, S. 900.
  8. Albert Gessner auf wilhelmshorst-online.de
  9. Siegfried Sieber: Gnüchtel, Gustav. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 6, Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 490 (Digitalisat).
  10. Blick in das Innere vom Gasthaus Muldental in Aue
  11. Baudenkmal Gelbes Haus I, Mommsenstraße 6, Mietshaus
  12. Baudenkmal Niebuhrstraße 78, Gelbes Haus II, Mietshaus
  13. Baudenkmal Niebuhrstraße 2, Grünes Haus, Mietshaus, Läden
  14. Baudenkmal Mommsenstraße 5, Gelbes Haus III, Mietshaus
  15. Drei Gelbe Häuser und das Grüne Haus. In: Bezirkslexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins
  16. Baudenkmal Schillerstraße 12–15, Teil einer Wohnanlage
  17. Alte Schule in Zernsdorf auf zerndorf.de, abgerufen am 8. Dezember 2012
  18. Baudenkmale Wilhelmshöher Straße 17–20, Einküchenhäuser
  19. Hiltrud Preuß: Das Sommerhaus des Geheimen Sanitäts-Rats Dr. Aschoff in Wünsdorf. In: Heimatjahrbuch Teltow-Fläming 2005.
  20. Baudenkmal Ferienhaus Aschoff in Wünsdorf (PDF; 373 kB) in der Landesdenkmalliste Brandenburg, S. 56
  21. Höhmannstraße 9, Landhaus
  22. Baudenkmal Am Schwemmhorn 3, Landhaus „Geßners Guckegönne“, Wohnhaus mit Nebengebäuden, Zufahrtstor, Gärtnerhaus, Wirtschaftsgebäude, Gartenpavillon, Badehaus, Bootshaus, Freisitz; Anbau 1927 Baudenkmal Am Schwemmhorn 3, Landgarten
  23. Baudenkmal Ebereschenallee 14, Wohnhaus
  24. Baudenkmalskomplex Reinerzstraße 15–34, Wohnanlage
  25. Baudenkmale Württembergische Straße 15–20 / Wittelsbacherstraße 3–5A / Zähringerstraße 3838A, Wohnblock
  26. Projektblätter Garten Fraenkel im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin
  27. Baudenkmal Zähringerstraße 24–24A, Mietshaus
  28. Baudenkmale Rudolstädter Straße 94–108, 108A–108B, 110–110B, 112–124, Wohnanlage Hoffmann-von-Fallersleben-Platz 2/3 Warneckstraße 2–10
  29. Baudenkmalskomplex Wohnanlagen der Heimstättengesellschaft Primus: Ostender Straße 6–28B, 30–38 / Amrumer Straße 2–10 / Antwerpener Straße 13/14 / 38/39 Genter Straße 47–49 / Limburger Straße 1–19 / Lütticher Straße. von Albert Geßner, Friedrich Hennings, Bruno und Rudolf Möhring, Franz Seeck
  30. Jaehnstraße 7–9, Wohnhaus
  31. Baudenkmalskomplex Wohnanlage Düsseldorfer Straße 33–36