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Vickers Valetta

britisches Transport- und Mehrzweckflugzeug

Die Vickers Valetta war ein britisches Transport- und Mehrzweckflugzeug für Kurz- und Mittelstrecken des Herstellers Vickers-Armstrongs (Aircraft) Ltd. von 1947. Der von zwei Kolbenmotoren angetriebene Ganzmetall-Tiefdecker mit Spornradfahrwerk konnte bis zu 34 Personen oder 4 Tonnen Fracht befördern[1][2] und wurde nahezu ausschließlich von der britischen Luftwaffe (Royal Air Force) bis 1969 eingesetzt.

Vickers Valetta
Vickers Valetta C.2, 1963
Typ: Kurz- und Mittelstreckentransportflugzeug
Entwurfsland:

Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich

Hersteller:

Vickers-Armstrong

Erstflug: 30. Juni 1947
Indienststellung: 30. März 1948
Produktionszeit:

1947 bis 1952

Stückzahl: 262

GeschichteBearbeiten

Die Valetta wurde von Vickers auf der Basis des zivilen Passagierflugzeugs Vickers Viking IB entwickelt,[3] als die Royal Air Force ein Nachfolgemuster für die Douglas DC-3 suchte. Sie sollte mehrere unterschiedliche Aufgaben erfüllen können. Hierzu zählten neben Truppen- und Frachttransporten auch Einsätze als Ambulanzflugzeug, das Schleppen von Segelflugzeugen, Lastabwürfe sowie das Absetzen von Fallschirmjägern.

Andere Änderungen gegenüber der Viking waren stärkere Bristol Hercules 230-Motoren mit je 1975 PS und ein um 1135 kg gesteigertes Höchstabfluggewicht. Auch die Valetta verfügte nicht über eine Druckkabine.

Die Valetta flog erstmals am 30. Juni 1947.

ProduktionBearbeiten

Bereits am 30. März 1948 wurde die erste Valetta bei der Royal Air Force in Dienst gestellt.[4] Gebaut wurden 262 Exemplare; die letzte Lieferung erfolgte am 29. September 1952.

KonstruktionBearbeiten

Abgesehen von Motoren und Gewicht unterschied sie sich vom Ausgangsmuster Viking vor allem durch einen verstärkten Kabinenboden, eine große Frachttür,[5] ein verstärktes Hauptfahrwerk mit größerem Hub der Stoßdämpfer[6] sowie durch ein geändertes Treibstoffsystem mit flexiblen Treibstofftanks, die eine Gesamtkapazität von 3294 Litern besaßen.[7] In der Frachttür befand sich eine kleinere Tür, die zum Einsteigen sowie zum Absetzen von Fallschirmspringern diente. Zum Transport verschiedenster Lasten wurden Verzurrösen am Boden und in den Seitenwänden für die Fracht angebracht; das Kabinenvolumen betrug 44,3 m3. Der durchgehende untere Frachtraum war durch vier Zugangstüren erreichbar.[3] Für das Schleppen von Lastenseglern waren eine Schleppkupplung am Heck mit Auslösegriff im Cockpit vorhanden.[8] Zur recht flexibel auswechselbaren Kabineneinrichtung gehörten u. a. verschiedene Arten von Sitzen und Sitzbänken, eine Ladewinde, Rollenböden sowie Fahrzeugrampen zur Überwindung des über den Kabinenboden verlaufenden Flügelholms, Sauerstoffbehälter und Krankentragen.[9]

EinsatzBearbeiten

Die Valetta wurden während der militärischen Operationen in der Sueskrise 1956, in Malaysia (zum Transport, Lasten- und Flugblattabwurf) sowie im Jemen (Aden) ab 1964 eingesetzt. Darüber hinaus wurde sie auch in Kuwait sowie Zypern, Mittlerer Osten, Singapur, Hongkong, Malta und Deutschland verwendet (November 1950 bis November 1968[10]; nach anderen Angaben bis Juni 1969[11]).

Die letzte Valetta wurde im Juni 1969 außer Dienst gestellt[5] und ins RAF Museum (Hendon) überführt.

VersionenBearbeiten

Ein Prototyp und drei Serien-Varianten wurden gebaut:

  • 1 Prototyp, entwickelt aus der militärischen Vickers 607 Viking VL249
 
Valetta T.4 WJ485, 1963
  • Valetta C.1 (210 Stück[4]) Erstflug der Serienversion am 28. Januar 1948,[5] geliefert vom 30. März 1948 bis 9. Januar 1952[12]
  • Valetta C.2 (11 Stück) erste Lieferung Oktober 1949 (VX571), letzte Lieferung 10. Juli 1951 (WJ504);[12] hauptsächlich als VIP-Flugzeug für 9 bis 15 Passagiere verwendet; verfügte über Bordküche, Toilette, Gepäckraum, zwei zusätzliche Tanks für 263 Liter auf den Triebwerksgondeln,[13] dadurch gesteigerte Reichweite von 2152 km plus 20 % Reserve[3]
  • Valetta T.3 (40 Stück) Erstflug 31. August 1950, erste Lieferung 17. oder 21. August 1951 (WG256), letzte Lieferung 29. September 1952 (WJ487);[12] Navigationstrainer für 10 Navigator-Schüler, sechs Plexiglaskuppeln („Astrodomes“) auf der Rumpfoberseite
  • Valetta T.4 (18 Stück, aus T.3 umgebaut) Erstflug der umgebauten Variante am 15. März 1956, lange Bugnase für Radartraining.[14]

Im Jahr 1950 wurde eine Valetta für die Aufnahme von Fernsehbildern ausgerüstet. Sie war das erste Flugzeug weltweit, aus dem Fernsehbilder direkt in ein laufendes Programm (im BBC) übertragen wurde.[14]

Aus der Viking und der Valetta wurde später noch das Schulflugzeug Varsity entwickelt, deren Erstflug im Juli 1949 stattfand. Deren wichtigste Unterschiede sind das Bugradfahrwerk, die um rund 2 m größere Flügelspannweite und der um 1,40 m längere Rumpf. Zudem verfügte die Varsity über eine Bauchwanne für das Training zukünftiger Bombenschützen.

NutzerBearbeiten

 
Vickers Valetta im Flug
Vereinigtes Konigreich  Vereinigtes Königreich
Royal Air Force
Die erste Staffel, die Valettas erhielt, war 1949 die 204. Squadron im ägyptischen Kabrit (heute Kibrit). Insgesamt wurden neun Staffeln des RAF Transport Commands im Mutterland, der Middle und der Far East Air Force mit der Valetta ausgerüstet.

Bei den Kämpfen in Malaya in den 1950er Jahren wurde der Typ von der 48., 52. und 110. Squadron für den Abwurf von Nachschub und Flugblättern eingesetzt. Der letzte Verband, der Valettas einsetzte, war bis 1960 die 84. Squadron in RAF Khormaksar in Aden.

Zivile Nutzer
Nur vier der 262 Valettas wurden zivil zugelassen und davon lediglich eine tatsächlich genutzt.[15][16]
Zwei Maschinen wurden im Februar 1958 von der Firma The Decca Navigator Co. erworben. Eine davon (G-APKR; c/n 363, ex VW802) wurde als Erprobungs- und Vorführmaschine für das Decca-Navigationssystem genutzt; bei der Landung in London/Gatwick am 21. September 1963 kollabierte das rechte Hauptfahrwerk, und die Maschine wurde abgeschrieben.[17] Die andere (G-APKS; c/n 165, ex VL263) diente als Ersatzteilspender und wurde ebenso wie die verunglückte Schwestermaschine auf dem Flugplatz Biggin Hill verschrottet.
Zwei andere Exemplare wurden im November 1957 von Eagle Aviation als Ersatzteilspender für ihre Flotte von 22 Vickers Vikings gekauft. Die Bugsektion der ersten (G-APII; c/n 302, ex VL275) wurde zur Reparatur der F-BJER der Airnautic herangezogen, die am 23. Dezember 1959 in Düsseldorf beschädigt worden war. Der Rest wurde zusammen mit der zweiten Maschine (G-APIJ; c/n 491, ex WD162) Anfang 1960 am Flughafen Blackbushe verschrottet.[18]

ZwischenfälleBearbeiten

 
Valetta C.2 VX573 im RAF-Museum Cosford, 1984

Von den 262 gebauten Valetta wurden zwischen dem Erstflug 1947 und dem Einsatzende 1969 bei Unfällen und Zwischenfällen 76 zerstört oder irreparabel beschädigt (von 1949 bis 1964). Dies ist mit 29 Prozent innerhalb von 15 Jahren eine recht hohe Quote für ein Nachkriegs-Transportflugzeug. Bei 24 davon waren 164 Todesopfer zu beklagen.[19]

MuseumsstückeBearbeiten

Die letzte noch fliegende Valetta (VX573) wurde am 7. November 1968[20] von Wildenrath überführt, außer Dienst gestellt[11] und ins RAF Museum (Hendon) überführt. Später wurde sie in das RAF-Museum Cosford gebracht und dort gelagert.[21]

Eine weitere Valetta C.2 (VX580) ist im Norfolk and Suffolk Aviation Museum in Flixton (Suffolk) ausgestellt.[22]

Technische DatenBearbeiten

Kenngröße Daten[2][5]
Besatzung 4 (2 Piloten, je 1 Navigator und Funker)
Passagiere 9 bis 34 Passagiere oder 20 Fallschirmspringer oder 20 Krankentragen[1]
Länge 19,10 m
Spannweite 27,20 m
Höhe 5,94 m
Flügelfläche 82 m2
Flächenbelastung 202 kg/m2
Leermasse 11.370 kg
Nutzlast ca. 4000 kg
max. Startmasse 16.556 kg
max. Landemasse 16.102 kg
Reisegeschwindigkeit 339 km/h (183 kts)
Höchstgeschwindigkeit 415 km/h (224 kts)
Dienstgipfelhöhe 6.760 m (22.200 ft)
max. Reichweite 2.270 km
Reichweite mit 34 Personen 580 km
Startstrecke über 15 m Hindernis 1145 m
Landestrecke über 15 m Hindernis 1305 m
Antrieb 2 luftgekühlte 14-Zylinder-Sternmotoren Bristol Hercules 230, je 1.975 PS (1.451 kW)

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • C. F. Andrews, E. B. Morgan: Vickers Aircraft since 1908. Putnam, London 1988, ISBN 0-85177-815-1.
  • Leonard Bridgman (Hrsg.): Jane's All The World's Aircraft, 1952–53. Sampson Low, Marston & Company, London 1952.
  • Bernard Martin: The Viking, Valetta and Varsity. Air-Britain (Historians), Tonbridge, 1975, ISBN 0-85130-038-3.
  • Owen Thetford: Aircraft of the Royal Air Force since 1918. Putnam, London 1979, ISBN 0-370-30186-2.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Andrews, S. 410
  2. a b Jane's 1952, S. 87
  3. a b c Jane's 1952, S. 86
  4. a b Air-Britain, S. 6
  5. a b c d Thetford, S. 535
  6. Andrews, S. 411
  7. Jane's 1952, S. 86–87
  8. Air-Britain, S. 8
  9. Andrews, S. 408
  10. Air-Britain, S. 10
  11. a b Thetford, S. 536
  12. a b c Andrews, S. 536
  13. Andrews, S. 411
  14. a b Andrews, S. 412
  15. Air-Britain
  16. A. J. Jackson: British Civil Aircraft 1919–1972, Volume III. Putnam, London 1988, S. 600
  17. Michael Austen: The British Civil Aircraft Registers 1919–1999. Tunbridge Wells, Kent, UK: Air-Britain (Historians) Ltd., 1999, S. 199
  18. Michael Austen: The British Civil Aircraft Registers 1919–1999. Tunbridge Wells, Kent, UK: Air-Britain (Historians) Ltd., 1999, S. 198
  19. Unfallstatistik Vickers Valetta, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 12. August 2019.
  20. Air-Britain, S. 32
  21. Verbleib von VX573, abgerufen am 21. April 2015
  22. Verbleib von VX580, abgerufen am 22. April 2015