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Toni Morrison

Afro-amerikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin

Leben und WirkenBearbeiten

AnfangsjahreBearbeiten

Toni Morrison wurde in Lorain (Ohio), geboren; die Eltern sind Ramah (geb. Willis) und George Wofford. Sie war das zweite von vier Kindern in einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie.[3] Ihre Mutter wurde in Greenville (Alabama), geboren und zog als Kind mit ihrer Familie nach Norden. Ihr Vater wuchs in Cartersville, Georgia, auf, und als er etwa 15 Jahre alt war, lynchten Weiße zwei schwarze Geschäftsleute, die auf seiner Straße lebten. Toni Morrison sagte: „Er hat uns nie erzählt, dass er Leichen gesehen hat. Aber er hatte sie gesehen. Und das war für ihn zu traumatisch“[4] Kurz nach diesem Vorfall zog George Wofford in die rassisch integrierte Stadt Lorain, Ohio, in der Hoffnung, dem Rassismus zu entkommen und in der aufkeimenden Industriewirtschaft Ohios eine Erwerbstätigkeit zu sichern. Er arbeitete selbständig und als Schweißer für US Steel. Ramah Wofford war eine Hausfrau und ein frommes Mitglied der African Methodist Episcopal Church[5].

Als Morrison etwa zwei Jahre alt war, setzte der Vermieter ihrer Familie das Haus in Brand, in dem sie lebten, während sie zu Hause waren, weil ihre Eltern die Miete nicht zahlen konnten. Ihre Familie reagierte auf diese „bizarre Form des Bösen“, indem sie über den Vermieter lachte, anstatt in Verzweiflung zu geraten. Morrison sagte später, dass die Antwort ihrer Familie gezeigt habe, wie man seine Integrität bewahrt und sein eigenes Leben in Anbetracht der Handlungen einer solchen „monumentalen Rohheit“ aufrecht erhalten könne.[6]

Morrisons Eltern vermittelten ihr einen Sinn für Erbe und Sprache, indem sie traditionelle afroamerikanische Volksmärchen und Geistergeschichten erzählten und Lieder sangen[5][7] Morrison las auch als Kind häufig; zu ihren Lieblingsautoren gehörten Jane Austen und Leo Tolstoi. Im Alter von 12 Jahren wurde sie katholisch und nahm den Taufnamen Anthony (nach Antonius von Padua) an, was zu ihrem Spitznamen Toni führte.[8] An der Lorain High School war sie im Debattier-Team, im Jahrbuchpersonal und im Theaterclub.[5]

Studium und BerufstätigkeitBearbeiten

1949 begann sie an der Howard University in Washington, D.C., einer „schwarzen Universität“, Anglistik zu studieren. In dieser Zeit änderte sie ihren Rufnamen von Chloe zu Toni (nach ihrem Mittelnamen Anthony, den sie als Zwölfjährige im Zuge ihrer Konversion zum Katholizismus angenommen hatte.[9])

1953 erwarb sie den Bachelor of Arts in Englisch und 1955 an der Cornell University den Master of Arts. Von 1955 bis 1957 unterrichtete sie Englische Literatur an der Texas Southern University in Houston. 1957 kehrte sie als Dozentin an die Howard University zurück. 1958 heiratete sie den jamaikanischen Architekten Howard Morrison, mit dem sie zwei Söhne bekam. Nach ihrer Scheidung 1964 begann sie als Verlagslektorin zu arbeiten. Während ihrer sechzehnjährigen Tätigkeit für Random House (1967 bis 1983) spielte sie eine wichtige Rolle bei der Etablierung der afroamerikanischen Literatur und brachte unter anderem Bücher von Toni Cade Bambara und Gail Jones heraus.

1970 erschien ihr einige Jahre zuvor entstandener erster Roman The Bluest Eye (Sehr blaue Augen). Sowohl dieses Werk als auch Sula (1974) wurden von der Kritik gut aufgenommen, den Erfolg beim Publikum brachte aber erst Song of Solomon (Solomons Lied) 1977. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und handeln überwiegend von der Welt schwarzer Frauen.[2]

Ihre Lehrtätigkeit hatte sie schon während ihrer Arbeit bei Random House wieder aufgenommen. 1981 wurde sie in die American Academy of Arts and Letters, 1988 in die American Academy of Arts and Sciences und 1994 in die American Philosophical Society[10] gewählt. 1989 wurde sie zur Professorin für Geisteswissenschaften ernannt und hatte bis zu ihrer Emeritierung 2006 einen Lehrstuhl an der Princeton University inne.

Auszeichnungen und EhrungenBearbeiten

Neben dem Nobelpreis für Literatur wurde sie unter anderen auch mit dem Pulitzer-Preis (1988) und dem Premio-Grinzane-Cavour-Sonderpreis (2001) ausgezeichnet. 2010 wurde Morrison als Ritter in die französische Ehrenlegion aufgenommen.[11] 2012 erhielt sie die Presidential Medal of Freedom[12] und 2016 den PEN/Saul Bellow Award for Achievement in American Fiction.

WerkeBearbeiten

RomaneBearbeiten

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  • The Bluest Eye, 1970 (dt. Sehr blaue Augen, 1979, übersetzt von Susanna Rademacher) beschreibt den Niedergang der Familie Breedlove aus verschiedenen Perspektiven. Die Ich-Erzählerin, eine unter mehreren Stimmen, ist ein etwa zehnjähriges Mädchen, das von der etwas älteren Pecola Breedlove fasziniert ist, ohne ihr Schicksal wirklich zu verstehen. Der Titel bezieht sich auf Pecolas Vorstellung, alles würde gut werden, wenn sie nur blaue Augen hätte.
  • Sula, 1973 (dt. 1980, übersetzt von Karin Polz) ist wie The Bluest Eye ein eher schmaler Roman. Er erzählt die Geschichte des Schwarzenviertels einer Kleinstadt im Mittleren Westen. Die titelgebende Sula dient nach mehrjähriger Abwesenheit in ihren letzten Lebensjahren seinen Bewohnern als eine Art moralische Negativfolie. Man erfährt eigentlich mehr über die Entwicklung ihrer gleichaltrigen Freundin Nel, die sie um mehrere Jahrzehnte überlebt, als über sie selbst. Am Ende durchbricht Nel den künstlichen Antagonismus (der sie stets auf der „guten“ Seite stehen ließ), als sie sich klarmacht, ein welch starkes Band die Mädchenfreundschaft zwischen Sula und ihr darstellte.
  • Song of Solomon, 1977 (dt. Solomons Lied, 1979, übersetzt von Angela Praesent) erzählt die Geschichte einer afroamerikanischen Familie über mehrere Generationen hinweg. Der Protagonist Macon Dead III, genannt Milkman, dringt auf der Suche nach einem Schatz immer tiefer in die Vergangenheit vor. Die lebenden Familienmitglieder sind ohne bewusstes Zutun mit einer Geheimorganisation verstrickt, die Selbstjustiz für von Weißen an Schwarzen begangene Morde übt.
  • Tar Baby, 1981 (dt. Teerbaby, 1983, übersetzt von Uli Aumüller und Uta Goridis): Der Titel spielt auf die Geschichte vom Teerbaby an, einer Puppe aus Teer, die, da unbeseelt, den Gruß eines Kaninchens nicht erwidert. Das erbost dieses so sehr, dass es Teerbaby tritt. Natürlich bleibt es hängen und verfängt sich umso mehr, je mehr es sich zu befreien sucht. Diese von Sklaven aus Westafrika in die USA gebrachte Geschichte erhält dort unversehens rassistische Untertöne. Toni Morrison sieht in dem Ausdruck „Teerbaby“ vor allem ein Sinnbild für die schwarze Frau, die Dinge zusammenhalten kann (Interview mit Karin L. Badt 1995). – Mehrmals fühlt Jadine, 25, frischgebackene Kunsthistorikerin und eins der ersten erfolgreichen schwarzen Models, sich in tatsächlichen oder vorgestellten Begegnungen von solchen Frauen, die ihrem eigenen Frauenbild entgegenstehen, bedrängt oder bloßgestellt. Und in der Mitte des Romans fällt sie in einen Sumpf, der teerartige Substanzen zu enthalten scheint, kann sich aber befreien. Doch wird die dahinterstehende Symbolik nicht weiter ausgeführt. Stattdessen schildert der Roman mit Mitteln eines echten Schmökers (eine geheimnisvolle Flucht gleich zu Beginn, eine abgelegene Karibik-Insel als Haupt-Handlungsort, reiche unglückliche Menschen, die große Liebe) antagonistische Konflikte, denen Menschen aufgrund ihrer sozialen Bedingtheiten und Erwartungen in ihren engsten Beziehungen ausgesetzt sind. Es sind einige wenige Individuen, die handeln, und sie finden letztendlich individualistische Lösungen.
  • Beloved, 1987 (dt. Menschenkind, 1989, übersetzt von Helga Pfetsch) basiert lose auf der Geschichte Margaret Garners, die wie die Romanfigur Sethe eines ihrer Kinder tötete, um es vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Der Roman beleuchtet in beeindruckender Weise die psychologischen Folgen der Sklaverei. In einem komplexen Geflecht aus (unterdrückten) Erinnerungen, realistischen und phantastischen Gegenwartshandlungen wird ein Teil Geschichte rekonstruiert, der vorher weder erzählenswert noch erzählbar schien – aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse zum einen, aufgrund psychologischer Barrieren zum anderen. Morrison vermischt hier in für sie typischer Weise europäische und afrikanische/afro-amerikanische Erzähltraditionen. Für den Roman erhielt sie 1988 den Pulitzer-Preis; das Buch gelangte unter die Finalisten für den National Book Award 1987. Später verfasste Morrison auch das Libretto zu der 2005 uraufgeführten Oper Margaret Garner.
  • Jazz, 1992 (dt. 1993, übersetzt von Helga Pfetsch) spielt zur Blütezeit des Jazz in den 1920er Jahren in Harlem mit Rückblenden bis in die Zeit kurz nach der endgültigen Abschaffung der Sklaverei. Fast alle handelnden Personen leben in erster Generation in einer Stadt. Ihre Herkunft ist gezeichnet von Armut, Verlusten und Brüchen. Die Mehrdeutigkeit des Jazz mit seiner Mischung aus Zorn, Trauer und Verlockung wirkt wie ein Kommentar auf ihre Schicksale und was sie daraus machen.
  • Paradise, 1998 (dt. Paradies, 1999, übersetzt von Thomas Piltz) kontrastiert die gesellschaftliche Aufbruchstimmung Anfang der 1970er Jahre mit dem starren Festhalten an Traditionen in einem aus einer kleinen afroamerikanischen Siedlergruppe hervorgegangenen Ort. Die strengen, an Gottesfurcht und dem Bemühen um „Blutreinheit“ orientierten Regeln dort erklären sich aus der Geschichte, sind aber längst nicht mehr unumstritten. Frauen aus verschiedenen Teilen der USA, die auf ihren individuellen Fluchten mehr oder weniger zufällig auf ein nahe gelegenes Kloster stoßen und sich dort niederlassen, müssen den patriarchalen Kräften als Bedrohung erscheinen und werden von ihnen vernichtet. Doch der Tod hat nicht das letzte Wort. Den Roman durchzieht eine starke, sowohl poetische wie reflektierte Spiritualität.
  • Love, 2003 (dt. Liebe, 2004, übersetzt von Thomas Piltz) handelt von patriarchaler Macht und Güte, Verrat, Verlangen, Verlust von Unschuld. Drehpunkt der erzählten Ereignisse, der Erinnerungen und Sehnsüchte der meisten Romanfiguren ist ein Hotel und sein Eigentümer, der es während der Depression der 1930er Jahre erworben und zu einem erfolgreichen, geradezu mythenumwobenen Ferienparadies für Afroamerikaner gemacht hatte.
  • A Mercy, 2008 (dt. Gnade, 2010, übersetzt von Thomas Piltz) zeigt die Vielschichtigkeit des Problems der Sklaverei Ende des 17. Jahrhunderts. Ein Gnadenakt, der als Ausweg aus der als unwürdig erachteten Position des Sklaven scheint, bringt nicht die erhoffte Erlösung. Obwohl das Nordamerika noch vor der Unabhängigkeit die Szenerie der Erzählung abgibt, werden allgemein menschliche Problemstellungen aufgezeigt, die dem Einzelnen die Grenzen der Einflussnahme auf die Lebensgeschichte Anderer vor Augen führen.[13]
  • Home, 2012 (dt. Heimkehr, 2014, übersetzt von Thomas Piltz) schildert das Amerika der Fünfziger Jahre anhand des Veteranen Frank Money, der nach Lotus, Georgia, zurückkehrt, um seine Schwester zu beschützen.
  • God Help the Child, 2014 (dt. Gott, hilf dem Kind, 2017, übersetzt von Thomas Piltz) erzählt das Leben der Schwarzen Lula Ann und deren Auseinandersetzung mit einem von Rassenkonflikten geprägten Amerika.

Andere literarische GenresBearbeiten

  • Kurzgeschichte: Recitatif, veröffentlicht in Confirmation: An Anthology of African American Women, 1983
  • Drama: Dreaming Emmet, 1986 aufgeführt, unveröffentlicht
  • Libretto: Margaret Garner, 2005 uraufgeführt
  • Kinderbücher (gemeinsam mit ihrem Sohn Slade):
    • The Big Box, 1999 (Die Kinderkiste, 2000, übersetzt von Thomas Piltz)
    • The Book of Mean People, 2002 (Das Buch der Bösen, 2005, übersetzt von Harry Rowohlt)
    • Who's Got Game? The Lion or the Mouse?, 2003
    • Who's Got Game? The Ant or the Grasshopper?, 2003
    • Who's Got Game? Poppy or the Snake?, 2004

Andere Publikationen (Auswahl)Bearbeiten

  • Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination, 1992 (Im Dunkeln spielen: weiße Kultur und literarische Imagination, 1994, übersetzt von Helga Pfetsch und Barbara von Bechtolsheim)
  • Mitherausgeberin von Birth of a Nationhood, Essays über Darstellung und Wahrnehmung des O.-J.-Simpson-Prozesses, 1996
  • Herausgeberin von Race-ing Justice, En-Gendering Power, 1992, über den Fall Anita Hill gegen Clarence Thomas, in dem es um sexuelle Belästigung ging und der wegen politischer Implikationen starke Beachtung in der Öffentlichkeit fand.
  • Vorlesungen (Harvard University, Sommer 2016): Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur (The Origin of Others, 2016), deutsch 2018 (übersetzt von Thomas Piltz)

VerfilmungBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Michael Basseler: Kulturelle Erinnerung und Trauma im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman. Theoretische Grundlegung, Ausprägungsformen, Entwicklungstendenzen, Wissenschaftsverlag Trier 2008. ISBN 978-3-86821-013-2
  • Barbara von Bechtolsheim: Wer sich der Luft hingibt, vermag auf ihr zu reiten. In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Madame Curie und ihre Schwestern – Frauen, die den Nobelpreis bekamen. Beltz, Weinheim 1997, ISBN 3-407-80845-3.
  • Barbara Hill Rigney: The Voices of Toni Morrison. Ohio State University Press, Columbus OH 1991. ISBN 0-8142-0554-2 (Digitalisat auf den Seiten des Verlags im Vollzugriff)
  • Julia Roth: »Stumm, bedeutungslos, gefrorenes Weiß«. Der Umgang mit Toni Morrisons Essays im weißen deutschen Kontext. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche & Susan Arndt Hgg.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005, ISBN 3-89771-440-X
  • Heidi Thomann Tewarson: Toni Morrison. Rowohlt, Reinbek 2005, ISBN 3-499-50651-3
  • Linda Wagner-Martin: Toni Morrison : a literary life, Basingstoke [u. a.] : Palgrave Macmillan, 2015, ISBN 978-1-137-44669-5

WeblinksBearbeiten

  Commons: Toni Morrison – Sammlung von Bildern

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Nobel laureate Toni Morrison passes away at 88. In: wtap. 6. August 2019, abgerufen am 6. August 2019 (englisch).
  2. a b Zum Tod von Toni Morrisson – Mit wachem Blick, voller Menschlichkeit. Abgerufen am 6. August 2019 (deutsch).
  3. Claudia Dreifus: Chloe Wofford Talks About Toni Morrison. In: The New York Times, 11. September 1994. 
  4. Rachel Kaadzi Ghansah: The Radical Vision of Toni Morrison. In: The New York Times, 8. April 2015. 
  5. a b c How Toni Morrison Fostered a Generation of Black Writers. 27. Oktober 2003.
  6. David Streitfeld: The Laureates's Life Song. In: The Washington Post, 8. Oktober 1993. 
  7. "Tony Morrison". Contemporary Popular Writers. Ed. Dave Mote. Detroit: St. James Press, 1997. ISBN 978-1558622166.
  8. Emma Brockes: Toni Morrison: 'I want to feel what I feel. Even if it's not happiness'. In: The Guardian, 13. April 2012. 
  9. Lucille P. Fultz: Toni Morrison: Paradise, Love, A Mercy. New York 2013, S. 4. ISBN 978-1441119681
  10. Member History: Chloe Anthony (Toni) Morrison. American Philosophical Society, abgerufen am 4. Februar 2019 (mit biographischen Anmerkungen).
  11. Der Standard: Toni Morrison ist Ritterin der französischen Ehrenlegion, 4. November 2010
  12. The White House: President Obama Names Presidential Medal of Freedom Recipients (englisch, 26. April 2012, abgerufen 30. Mai 2012)
  13. Rezension Auf Gnade & Ungnade....führt ins dumpfe 17. Jh. v. Layla Dawson, in Konkret (Zeitschrift) #1, 2011, S. 61