Rotwelsch

deutscher Soziolekt

Das Rotwelsch oder das Rotwelsche (genannt auch deutsche Gaunersprache) ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte gesellschaftlicher Randgruppen auf der Basis des Deutschen, wie sie seit dem späten Mittelalter besonders bei Bettlern, fahrendem Volk (Vaganten), Vertretern sogenannter unehrlicher Berufe und in kriminellen Subkulturen in Gebrauch kamen und seit dem 17. Jahrhundert mit der Ansiedlung von Gruppen vormals Nichtsesshafter auch regionalsprachlichen Niederschlag fanden.

Der 1510 erschienene Liber Vagatorum zählt zu ihren ersten gedruckten Werken.

BezeichnungenBearbeiten

Die Herkunft des Wortes Rotwelsch, das schon um 1250 in der Form rotwalsch („betrügerische Rede“) bezeugt ist, ist nicht ganz sicher. Das Wort welsch, mit der eigentlichen mittelhochdeutschen Bedeutung „romanisch“ (französisch und italienisch), hat auch die übertragenen Bedeutungen „fremdartig“, „unverständliche Sprache“, wie in der Zusammensetzung „Kauderwelsch“. Der Bestandteil rot wird dagegen mit dem rotwelschen Wort rot für „Bettler“ erklärt, das seinerseits mit rotte („Bande“) oder mit mittelniederländisch rot („faul, schmutzig“) in Verbindung gebracht wird.[1]

Der Entstehung nach ist Rotwelsch eine abwertende Fremdbezeichnung, die aber nach Quellenaussagen seit dem 15. Jahrhundert teilweise auch von den Sprechern selbst zur Bezeichnung ihrer Sprache adaptiert wurde. Als andere historische Bezeichnungen mit zum Teil engerer Bedeutung, die dann bestimmte Sprechergruppen fokussieren, sind unter anderem belegt:

  • Keimisch (1475): Juden- oder Kaufmannssprache, von rotw. Keim, „Jude“, aus jidd. chajim, „die Lebenden“, als Gegenbegriff zu jidd. gojim „Nicht-Juden“, oder aus dem jüdischen Vornamen Chaim, der auf die gleiche Wurzel chajim „Leben“ oder auf den span.-portug. Vornamen Jaime zurückgeführt wird
  • Mengisch (1560): von rotw. Meng „Kesselflicker“, aus althochdt. mangari „Krämer“
  • Pleißne Geheimsprache im Hausierhandel, Peitschenhandel im Burladinger Killertal[2][3]
  • Wahlerey (1687): „Spitzbuben-Sprache“, Herkunft unsicher
  • Jenische Sprach (1714): von romani džin „wissen“, demnach in etwa „Sprache der Wissenden/Eingeweihten“
  • Jaunerisch (1720) und Jauner-Sprache (1727): von rotw. J(u)on(n)er „Falschspieler“, aus frühneuhochdt. junen „spielen“, oder aus jidd. jowon „Ionien, Griechenland“[4]
  • Kochum(er) Lohschen (1822): von jidd. chochom „klug, weise, gelehrt“, und jidd. loschon „Sprache, Zunge“
  • Kundenschall (1906): von rotw. Kunde (1828) „Handwerker auf der Walz, Bettler, Landstreicher“, aus dt. (der) Kunde in der frühneuhochdt. Bedeutung „Bekannter, Vertrauter“ (zweifelhaft ist zusätzlicher Einfluss von jidd. kun „Richtiger, Rechter“) und rotw. Schall „Gesang“; entspricht den in der Rotwelschforschung des 19. Jahrhunderts geprägten Termini „Kundensprache“ und „Kundenlied“ für das rotwelsche Sprach- und Liedgut der ‚Kunden‘
  • Lotegorisch: ehemalige Händlersprache im Leiningerland von jidd. Loschen ha koidesch „Jiddisch“, wörtl. „heilige Sprache“ (aus loschon „Sprache“, und koidesch „heilig“)
  • diverse Zusammensetzungen mit dem Wort -latein in der übertragenen Bedeutung „auf besonderem Wissen beruhende, nicht allen Menschen verständliche Sprache, Insidersprache“ (z. B. Bettlerlatein, Krämerlatein, Gaunerlatein).

Die in der Literatur, insbesondere der älteren Literatur, neben Rotwelsch am meisten verbreitete Fremdbezeichnung ist Gaunersprache (gemäß der hyperkorrekten Umformung von Jauner zu Gauner),[4] die jedoch in der neueren Literatur wegen ihrer Fokussierung auf delinquente Sprechergruppen und ihrer oft einseitigen Abhebung auf den geheimsprachlichen Charakter zunehmend vermieden wird.

SprachtypBearbeiten

Rotwelsch unterscheidet sich hauptsächlich lexikalisch von der deutschen Umgangssprache und ihren Dialektvarianten, es handelt sich insofern nicht um eine eigenständige Sprache, sondern um einen Sonderwortschatz (Jargon), der sich in sozial, regional und zeitlich verschiedenen Varianten ausgeprägt hat. Er beruht auf Entlehnungen, oft in Verbindung mit Umdeutungen, aus dem Westjiddischen in Form von Hebraismen in aschkenasischer Lautung, aus dem Romani vorwiegend der Sinti (Sintitikes) und aus Nachbarsprachen des Deutschen, insbesondere dem Niederländischen und Französischen, ferner auf Veränderung oder Umdeutung gemeinsprachlich bekannter deutscher Wörter durch Bedeutungsübertragung und Bedeutungsverschiebung, Bildung neuer Komposita, Affigierung und Permutation (u. a. Verlan, Kedelkloppersprook).

Die Gründe für Entstehung und Gebrauch des Rotwelsch ergeben sich aus der besonderen Bedürfnislage der Sprechergruppen und ihrer sozialen Ausgrenzung und Sonderstellung. Eine zentrale Rolle spielt die Geheimhaltung, d. h. das Anliegen, die Kommunikation zwischen den Mitgliedern gegen Außenstehende abzuschirmen. Hinzu kommt bei Gruppen gemischter sozialer, regionaler und sprachlicher Herkunft der auch bei sonstigen Fachsprachen gegebene Zweck, die Verständigung in den für die gemeinsame Berufsausübung oder Lebenspraxis wichtigen Angelegenheiten durch die Einhaltung eines vereinbarten Codes mit relativ festgelegten Bedeutungen zu sichern. Indem die Sprecher durch den Erwerb der Sondersprache zu Mitgliedern der Sprechergemeinschaft werden und sich untereinander als Mitglieder einer Gruppe von Eingeweihten zu erkennen geben, besitzt das Rotwelsch außerdem eine besonders bei sozial ausgegrenzten Gruppen wichtige identitätsbildende und integrative, den Zusammenhalt der Gruppe und das Zugehörigkeitsgefühl stärkende Funktion.

Sozialer KontextBearbeiten

Der hohe Anteil an jiddischen und hebräischen Lehnwörtern erklärt sich dadurch, dass Juden von den meisten landwirtschaftlichen und bürgerlichen Berufen ausgeschlossen waren und darum bis ins 19. Jahrhundert einen bedeutenden Teil der Träger mobiler Berufe, besonders der fahrenden Händler und Hausierer, stellten. Der Einfluss des Romanes ergab sich aus dem Kontakt mit Romanes-Sprechern, also mit Roma, auch sie durch rechtlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ausschluss zur Dauermigration gezwungen. Da es sich bei den aus der Mehrheitsbevölkerung herausgefallenen, nicht weiter sesshaft lebenden Menschen um eine multiethnische Population handelte, weist das Rotwelsch Einflüsse auch aus anderen europäischen Sprachen, so aus dem Französischen und Italienischen auf. Überschneidungen und wechselseitige Beeinflussungen bestanden besonders noch mit folgenden Gruppen und ihren jeweiligen Sondersprachen:

  • Handwerker, die ihren Beruf als Fahrende[5] ausübten oder, wie z. T. noch heute, einen Teil ihrer Ausbildung als reisende Handwerker auf der Walz erwerben.
  • Händler und Schausteller, die ihren Beruf selbst als Fahrende ausübten oder auf Messen und Jahrmärkten, wichtigen Sammelpunkten für Bettler und andere Fahrende, mit diesen in Kontakt kamen.
  • Landsknechte und Soldaten, die als Deserteure oder Ausgemusterte, sozial Entwurzelte und Invalide den „classes dangereuses“ stetigen Zulauf boten.
  • Schüler und Studenten, die im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu den Vaganten zählten und auch lateinisches Wortgut in das Rotwelsch einbrachten.

Unter den „unehrlichen“, d. h. in der spätmittelalterlichen Ständegesellschaft geächteten Berufen, die vielfach von Fahrenden oder auch sesshaft gewordenen Fahrenden ausgeübt wurden, sind außer den Bettlern, Prostituierten und (nur bedingt als Unehrliche einzustufenden) Schankwirten noch die Schinder und Scharfrichter zu nennen, aber auch die Müller und Köhler, deren außerhalb der festen Siedlungen gelegene Wohn- und Arbeitsstätten wichtige Anlaufpunkte für Fahrende und Kriminelle waren.

Heute hört man Rotwelsch noch bei reisenden Handwerkern sowie bei Landstreichern, Berbern und Bettlern. Bedingt durch die Ansiedlung von Nichtsesshaften nach dem Dreißigjährigen Krieg sowie später durch Landflucht und den Übergang Fahrender ins städtische Proletariat haben sich in einigen Städten wie Berlin und in oberrheinischen, fränkischen und schwäbischen Gemeinden wie Schillingsfürst und Schopfloch lokale, z. T. nur auf bestimmte Wohnviertel beschränkte Mundarten herausgebildet, deren Wortschatz noch heute besondere Anteile von Rotwelsch aufweist. Zahlreiche Wörter des Rotwelsch wurden außerdem in die allgemeine Umgangssprache aufgenommen. Das Universalwörterbuch der deutschen Sprache im Dudenverlag führt in seiner 5. Auflage von 2003 mehr als 70 Wörter mit rotwelscher oder gaunersprachlicher Herkunft an.

Beispiele aus dem VokabularBearbeiten

  • ausbaldowern bzw. baldowern: „auskundschaften“, von jidd. baal „Herr“, und jidd. dowor „Sache, Wort“, also „Herr der Sache“ „baal davar“ sein
  • Bock: „Hunger, Gier“, von romani bokh „Hunger“, daraus auch dt. umgangsspr. Bock haben „Lust haben“
  • Bulle: „Kriminalbeamter, Polizist“, aus niederl. bol, „Kopf, kluger Mensch“
  • fechten: „betteln“ (Fechter, Fechtbruder: „Bettler“), ursprünglich besonders von Handwerksburschen oder Bettlern, die sich als Handwerksburschen ausgeben; nach einer Erklärung von 1727 sind Klopffechter „gewisse Handwerkspursche, die für Geld ihre Fechtschule halten und sich auf allerhand Gewehre miteinander herumbalgen“
  • Ganove: „Dieb“, von hebr. ganav „Dieb“
  • Kachny: „Huhn“, von romani kaxni, kahni „Huhn“
  • kaspern: „reden“
  • Kohldampf: „Hunger“, von romani kálo, „schwarz“; daraus rotw. kohlerisch „schwarz“, Kohler „Hunger“, vgl. rotw. schwarz „arm, ohne Geld“; in der Bedeutung intensiviert durch Zusammensetzung mit rotw. Dampf „Hunger, Angst“, aus dt. Dampf (übertragen auch „Angstschweiß, Bedrängnis“)
  • Kober: „Wirt“, von jidd. kowo, kübbo „Schlafkammer, Bordell, Hütte, Zelt“; davon auch ankobern „anmachen, Freier aufreißen“
  • Krauter, Krauterer: „Handwerksmeister“, Etymologie unsicher, ursprünglich vielleicht Handwerker, die ihr Handwerk im Kraut, d. h. auf dem „freien Feld“, oder ohne Zugehörigkeit zu einer städtischen Innung auf dem Land ausübten
  • Kreuzspanne: „Weste, Zwangsjacke, Hosenträger“ (spannt sich über das Kreuz, d. h. den Rücken)
  • Model, Maudel, Mudel, Muldel: „Frau, Mädchen“
  • mosern, herummosern: "sich beschweren, nörgeln, meckern". Urspr. Bedeutung aus dem jidd. massern war "verraten, ausplaudern". Entwicklung ab dem 18. Jh. zur heutigen Bedeutung ist nicht geklärt.[6] Ein Zusammenhang mit der Person Hans Moser besteht nicht.
  • Muß, Moß: „Mädchen, Frau, Dirne“, von dt. Mutze, „Vulva“, oder dt. Musche, „Hure“
  • platt: „vertraut, sicher, gaunerisch“, von jidd. polat „entwischen, entkommen“, polit „Flüchtling“, daraus auch platte Leute „Gauner“, Platte „Bande“, Platte machen „auf der Straße leben, im Freien nächtigen“
  • Polente: „Polizei“, von jidd. paltin „Burg, Palast“
  • schinageln: „arbeiten“, älteste Bedeutung „Zwangsarbeit für die Obrigkeit leisten“, von jidd. schin- („Schub-“) und jidd. agolo „Karre“
  • Schmiere stehen: „Wache halten“, von jidd. shmirah „Wächter“
  • Schmu: „Profit, unredlicher Gewinn, Pfusch“, < jidd. schmuo machen „Gewinn an jemand machen durch verschmitztes Plaudern, Erzählen, Anpreisen“, jüd. (familiensprachlich) „unerlaubter Gewinn, Betrug“[7][8]
  • Schocher, Schokelmei: „Kaffee“, von jidd. schocher majim, aus jüd „schwarzes Wasser“
  • schofel, schovel: „schlecht, mies, gering, übel, niedrig“ (rotw. schofel „minderwertig, gemein, schlecht, wertlos“ < jidd. schophol, schophel „gering, niedrig, schlecht“)
  • Sore: „(Hehler-) Ware, Diebesgut, Beute“, von jidd. sechoro „Ware“
  • Stachelinus, Stachelingo: „Igel“, von romani štaxêlengêro, štaxengele, štaxlengaro „Igel“ (entlehnt aus dt. Stachel)
  • stapeln, stappeln: „betteln“, vom Stab des Bettlers oder dt. stoppeln „sammeln, Ähren lesen“
  • Stenz: „Stock, Prügel“, auch „Zuhälter, Penis“, wahrscheinlich von dt. stemmen
  • Stuss: „Unsinn, Unfug, dummes Gerede“, von westjidd. shtus „dummes Zeug“, auch urspr. im Hebr. „Irrsinn, Narrheit“
  • Wolkenschieber: „bettelnder Handwerksbursche“, „Kunde, der kein Handwerk versteht“

Eine umfassende Wortliste hat Siegmund A. Wolf[9] der 6436 Grundbegriffe mit jeweils oft mehreren Ableitungen auflistet und dazu genaue Quellenangaben macht. Etymologien findet man ebenso bei Günther Puchner[10] sowie (zu Wörtern jiddischen Ursprungs) bei Hans Peter Althaus.[7]

Da Rotwelsch eine stark lokal bzw. dialektal geprägte (auch teils fachsprachlich beeinflusste) Sprachvarietät ist, findet man zwischen originalen rotwelschen Wortlisten verschiedener Autoren oft nur kleinere Schnittmengen.

Andererseits ist ein großer Teil der veröffentlichten Arbeiten voneinander plagiiert bzw. ohne Quellenangabe kompiliert, so dass sich rotwelsche Plagiat-Wörterbücher als ein kleines Genre etabliert haben. Friedrich Christian Benedikt Avé-Lallemant hat diesen Epigonen und Plagiatoren in seinem Werk über das deutsche Gaunertum einige Kapitel gewidmet. Beispielsweise ist die Rotwellsche Grammatik von 1755 solch ein Werk ohne Eigenwert.[11]

TexteBearbeiten

Es gibt eine ausgedehnte (hebräisch verschriftete) jiddische Literatur. Rotwelsch ist dagegen eine gesprochene Sprachvarietät, sodass kaum zusammenhängende Texte existieren. Allerdings sind den Vollzugsbehörden gelegentlich gaunersprachliche Briefe in die Hände gefallen. Als Beispiel können hier zwei Briefe angeführt werden, die der Kriminalkommissar Metelmann 1916 mit Übersetzungen veröffentlichte. Sie wurden in einer Badeanstalt nahe Stuttgart gefunden; ihr Verfasser konnte nicht ermittelt werden.[12]

Original

Berlin, den 15. September 1911.

Lieber Friedrich!

Bleibe vorerst noch von mir weg, denn die Lampen wegen der Berliner Leiche sind da, sonst könnte die Sache noch müß werden. Der Spindeknacker, welcher zu uns ins Café Viktoria kam, als er aus dem Zuckerhaus Lichtenburg entlassen wurde, ist mit meinem Sperrzeug abgefahren, Er gab an, einen Einbruch zu machen auf Kippe, war aber alles Kohl. Glücklicherweise hat mir Potsdamer Karl wieder ausgeholfen mit einer duften Tandelei. Ich konnte Dir nur einen blauen Lappen und 2 Pfundt schicken, denn ich habe zur Zeit nicht mehr disponsibel. Solltest Du Dich noch länger in Stuttgart aufhalten, so weiß ich Dir einen duften Krampf. Als ich nemlich am Mai mit dem Sprungathlet in Heilbronn war, um die Bankhäuser auszubaldowern, bemerkten wir, daß an einem Bankhaus „Rumelin“, Allerheiligenstraße jeden Abend ein Kassenbote mit einer Tasche nach der Hauptpost humpelt, es war aber zu helle Jahreszeit, deshalb konnten wir nichts einkassieren. Vielleicht könnte Dir der Krampf gelingen, die dabei etwa geerbten grauen und blauen Lappen werden in Berlin und Hannover schon abschwemmen. Sei aber sehr vorsichtig, denn es ist immerhin eine äußerst linke Sache. Wenn es Dir gelingt, so steige im Heilbronner Karlsthor ein und fahre über Creilsheim und Ulm nach Stuttgart oder Zürich, um unsere Lieblinge zu täuschen. Wie aber auch alles ausfallen mag und Du noch nicht hochgegangen bist, treffen wie uns bestimmt am 25. Dezember im Café Kreppke in Hannover, wohin ich auch den Münchener Bazi mitbringen werde. Die nächsten Geschäfte machen wir jedenfalls in Hamburg. Mit Gruß dein treuer

Eisbär.

Übersetzung

Berlin, den 15. September 1911.

Lieber Friedrich.

Bleibe vorerst noch von mir weg, denn die Berliner Leichenfledderei (Diebstahl an Schlafenden) hat ihre Aufklärung gefunden, sonst könnte die Sache noch mies (faul, ungünstig) werden. Der Geldschrankeinbrecher, welcher zu uns ins Cafée Viktoria kam, als er aus dem Zuchthause Lichtenburg entlassen wurde, ist mit meinem Einbrecherwerkzeug abgefahren. Er gab an, er wolle einen Einbruchdiebstahl machen, dessen Gewinn er mit mir teilen wollte, es war aber alles Schwindel. Glücklicherweise hat mir der „Potsdamer Karl“ wieder ausgeholfen mit einem glänzenden Einbruchdiebstahl. Ich konnte Dir nur einen Hundertmarkschein und zwei Zwanzigmarkstücke schicken, denn ich habe zurzeit nicht mehr verfügbar. Solltest Du Dich noch länger in Stuttgart aufhalten, so weiß ich für Dich einen glänzenden Raubanfall. Als ich nämlich im Mai mit dem „Sprungathlet“ in Heilbronn warm um die Gelegenheit zu Straftaten in Bankhäusern zu erkunden, bemerkten wir, daß in einem Bankhause „Rumelin“ jeden Abend ein Kassenbote mit einer Tasche nach der Hauptpost hinkt, es war aber eine zu helle Jahreszeit, deshalb konnten wir nichts einheimsen. Vielleicht könnte Dir der Raub gelingen, die dabei erworbenen Tausend- und Hundertmarkscheine werden wir in Berlin schon absetzen. Sei aber sehr vorsichtig, denn es ist immerhin eine äußerst schwere (hier mehr im Sinne von gefährlich aufzufassen) Straftat. Wenn es Dir gelingt, so steige im Heilbronner Karlstor ein, und fahre über Crailsheim und Ulm nach Stuttgart oder Zürich, um unsere Feinde zu täuschen. Wie aber auch alles ausfallen mag, wenn Du noch nicht festgenommen worden bist, treffen wir uns bestimmt am 25. Dezember im Café „Kreppke“ in Hannover, wohin ich auch den „Münchener Bazi“ mitbringen werde. Die nächsten Straftaten begehen wir jedenfalls in Hamburg. Mit Gruß Dein treuer Eisbär.

Original

München, den 19. September 1911.

Lieber Fritz!

Ich bin seit unserem letzten Tertchen hier. Der Eisbär ist noch in Berlin, hat mir aber geschrieben, daß ich bestimmt am 5. Dezember im Café Viktoria ein eintreffen soll. Vorerst sollen wir uns noch getrennt halten. Die Stuttgarter Schwaben-Anna ist gegenwärtig auch hier, sie läßt Dich schön grüßen und meint, Du hättest wohl die Breslauer Tabaks-Martha nicht mehr bei Dir. Vielleicht hat sie ein Auge auf Dich? Hüte Dich, denn sie läßt Dich einen Kuppel tanzen. Ich schleppe gegenwärtig die Affen zum Kümmelblättchen. Es ist aber nicht mehr viel los, denn die Reisezeit geht zu Ende. Weißt Du nicht, wo der Sprung-Athlet steckt? Er ist spurlos verschwunden. Hoch kann er nicht gegangen sein, sonst müßte ich es von seinem Bruder wissen. Ich hoffe, daß, wenn die Luft rein ist, wir wieder zusammenkommen, Du wirst wohl keinen Umschlag bauen. Es grüßt Dich Dein treuer

Münchener Bazi.

Übersetzung

München, den 19. September 1911.

Lieber Fritz!

Ich bin seit unserer letzten Straftat (vielleicht Falschspiel) hier. Der „Eisbär“ ist noch in Berlin, er hat mir aber mir aber geschrieben, daß ich bestimmt am 5. Dezember im Café Viktoria eintreffen soll. Vorerst sollen wie uns noch getrennt halten. Die Stuttgarter „Schwaben-Anna“ ist gegnwärtig noch hier, sie läßt dich schön grüßen und meint, Du hättest wohl die Breslauer „Tabaks-Martha“ nicht mehr bei Dir. Vielleicht hat sie ein Auge auf Dich? Hüte Dich, denn sie läßt dich wegen Kuppelei (Zuhälterei) bestrafen. Ich schleppe gegenwärtig die Bauern zum Dreiblatt. Es ist aber nich mehr viel los, denn die Reisezeit geht zu Ende. Weißt Du nicht, wo der „Sprung-Athlet“ steckt? er ist spurlos verschwunden. Festgenommen worden kann er nicht sein, sonst müßte ich es von seinem Bruder wissen. Ich hoffe, daß, wenn Sicherheit eingetreten ist, wir wieder zusammenkommen. Du wirst wohl nicht untreu werden. Es grüßt Dich

Dein treuer

Münchener Bazzi.

Rotwelsch als literarisches MittelBearbeiten

Das umfangreiche Vokabular des Rotwelschen ermöglicht es Schriftstellern, größere Textpassagen in Rotwelsch abzufassen. Ein frühes Beispiel dafür ist Johann Valentin Andreaes Turbo (1616). Als Hilfestellung für Autoren erschien bereits 1737 eine Kompilation aus einigen Wortlisten im zweiten Band der Versuche in der Teutschen Rede- Dicht- und Sprach-Kunst.[13]

Günther Puchner hat in seinem Buch[14] versucht, bereits vorliegende deutsche Texte ins Rotwelsche zu übersetzen.

Als Beispiel hier die dritte Strophe des Deutschlandliedes von Hoffmann von Fallersleben auf Rotwelsch:[15]

Gleichering und Din und Fremdheit
für den Sachsen Altlatzolm,
danach müttert amen quitschen
sepperisch mit Harm und Holm.
Gleichering und Din und Fremdheit
sind des Torkels Maskenstich.
Blüh im Blanke deines Torkels,
blühe, Altlatzolm, blüh gich.

(Einzelwörter im „Etymologischen Wörterbuch des Rotwelschen“[10] erklärt).

Daneben hat Puchner viele kleine deutsche Prosatexte und sogar einige Bibelstellen ins Rotwelsche übertragen.

Beispiel verschriftlichter Verwendung als CodeBearbeiten

In geschriebenen Mitteilungen können versteckte Botschaften beispielsweise aus Krieg und Gefangenschaft übermittelt werden. So schrieb ein Josef Ludwig Blum aus Lützenhardt (Schwarzwald) aus russischer Kriegsgefangenschaft:

„[E]s grüßt Dich nun recht herzlich Dein Mann, viele Grüße an Schofel und Bock. Also nochmals viel Glück auf ein baldiges Wiedersehen in der schönen Heimat. Viele Grüße an Mutter u. Geschwister sowie an die Deinen.“

Die Zensur fand keine Beanstandungen und ging davon aus, dass die Herren Bock und Schofel tatsächlich existierten. Doch reichen die zwei Wörter Schofel („schlecht“) und Bock („Hunger“) aus, um den vorherigen Inhalt der Karte zu konterkarieren. Die auf Jenisch verfasste Zentralaussage ist in den deutschen Text eingebettet, nämlich dass es den Gefangenen schlecht geht und sie Hunger leiden müssen.[16]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

Wörterbücher

  • Hansjörg Roth: Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz. Huber, Frauenfeld 2001, ISBN 3-7193-1255-0.
  • Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen. Deutsche Gaunersprache. Buske, Hamburg 1994, ISBN 3-87118-736-4.

Monographien

  • Roland Girtler: Rotwelsch. Die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Gauner. Böhlau, Wien 1998, ISBN 3-205-98902-3.
  • Louis Günther: Die deutsche Gaunersprache und verwandte Geheim- und Berufssprachen. Reprint-Verlag Leipzig, Holzminden 2001, ISBN 3-8262-0714-9 (Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1919).
  • Peter Honnen: Geheimsprachen im Rheinland. Eine Dokumentation der Rotwelschdialekte in Bell, Breyell, Kofferen, Neroth, Speicher und Stotzheim (= Rheinische Mundarten. Band 10). 2. Auflage. Rheinland-Verlag, Köln 2000, ISBN 3-7927-1728-X (mit CD).
  • Robert Jütte: Sprachsoziologische und lexikologische Untersuchungen zu einer Sondersprache. Die Sensenhändler im Hochsauerland und die Reste ihrer Geheimsprache (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beiheft 25). Steiner Verlag, Wiesbaden 1978, ISBN 3-515-02660-6.
  • Friedrich Kluge: Rotwelsches Quellenbuch (= Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen. Band 1; mehr nicht erschienen). De Gruyter, Berlin 1987, ISBN 3-11-010783-X (Reprint der Ausgabe Straßburg 1901). Inhaltsverzeichnis: [1]. Digitalisat.
  • Günter Puchner: Kundenschall. Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter..Dtv, München 1976, ISBN 3-423-01192-0 (1. Aufl. bei Heimeran, München 1974, ISBN 3-7765-0192-8)
  • Hansjörg Roth: Barthel und sein Most. Rotwelsch für Anfänger. Huber, Frauenfeld 2007, ISBN 3-7193-1462-6.
  • Georg Schuppener: Bibliographie zur Sondersprachenforschung (Sondersprachenforschung; Bd. 6). Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04510-8.
  • Klaus Siewert (Hrsg.): Rotwelsch-Dialekte. Symposium Münster 10.–12. März 1995 (Sondersprachenforschung; Bd. 1). Harrassowitz, Wiesbaden 1996, ISBN 3-447-03788-1.

Aufsätze

  • Hartwig Franke: Zur inneren und äußeren Differenzierung deutscher Sondersprachen. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (ZDL), Jg. 58 [1991], S. 56–62, ISSN 0044-1449.
  • Bernhard Gamsjäger: Musikantensprache. In: Rudolf Flotzinger (Hrsg.): Oesterreichisches Musiklexikon, Bd. 3. ÖAW, Wien 2004, S. 1515, ISBN 3-7001-3045-7 (auch online, letzte Änderung 2009).
  • Bernhard Gamsjäger Musikantensprache(n). In: Österreichische Blasmusik. Fach- und Verbandszeitschrift des Österreichischen Blasmusikverbandes, Jg. 58 (2010), Heft 3, Seite 13.
  • Rosemarie Lühr, Klaus Matzel: Zum Weiterleben des Rotwelschen. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (ZDL), Jg. 57 (1990), Heft 1, S. 42–53, ISSN 0044-1449.
  • Yaron Matras: The Romani element in German secret languages. Jenisch and Rotwelsch. In: Ders. (Hrsg.): The Romani element in non-standard speech (Sondersprachenforschung; Bd. 3). Harrassowitz, Wiesbaden 1998, S. 193–230, ISBN 3-447-04071-8.

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Rotwelsch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Spitzbuben-Sprache – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ausführliche Diskussion zur Herkunft des Wortes und zum Begriff selbst bei Hansjörg Roth (2001), S. 70–88.
  2. Werner Metzger: Albvereinsblätter- Festrede 125 Jahre Albverein. Hrsg.: Schwäbischer Albverein Stuttgart. S. 3.
  3. Zu Pleißne Burladingen siehe Werner Metzger: Festrede 125 Jahre Schwäbischer Albverein. In: Blätter des Schwäbischen Albvereins 2013, Stuttgart, 4. Mai 2013.
  4. a b Vgl. Duden online: Gauner
  5. Jan Pfaff: Vergessene Geheimsprache Rotwelsch: Das Erbe. In: Die Tageszeitung: taz. 6. September 2019, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 14. Februar 2020]).
  6. Woher kommt mosern?
  7. a b Hans Peter Althaus: Kleines Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft. Beck, München 2003
  8. Siegmund A. Wolf unterscheidet zwischen Schmu „Vulva“ (Etymologie ungeklärt) und Schmuh „Gewinn niedriger, unreelller Art“ (Etymologie wie Hans Peter Althaus)
  9. Siegmund A. Wolf: Deutsche Gaunersprache. Wörterbuch des Rotwelschen. Buske, Hamburg 1983,
  10. a b Günter Puchner: Kundenschall – Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter. Heimeran, München 1974, SS. 225–281
  11. Das deutsche Gaunerthum in seiner social-politischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande. […] Vierter Theil. Brockhaus, Leipzig 1858–1862, (Werke (als Digitalisat und Volltext) von Rotwelsch im Deutschen Textarchiv.), (Digitalisate: Erster Theil; Zweiter Theil; Theil 3; Vierter Theil).
  12. Metelmann: Beitrag zur Kenntnis der Verbrechersprache. In: Deutsche Strafrechts-Zeitung. Liebmann, Berlin 1916. Band III, Heft 9/10, Spalte 405–409.
  13. Versuche in der Teutschen Rede- Dicht- und Sprach-Kunst. Hofmann, Weimar 1737, S. 207–229.
  14. Günter Puchner: Kundenschall – Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter. Heimeran, München 1974.
  15. Günter Puchner: Kundenschall – Das Gekasper der Kirschenpflücker im Winter. Heimeran, München 1974, S. 129.
  16. Christian Efing: Das Lützenhardter Jenisch: Studien zu einer deutschen Sondersprache. Harrassowitz, Wiesbaden 2005, ISBN 3-447-05208-2, S. 74.