Sintitikes

Sprache

Sintitikes (auch Romenes, Romnes oder Sinti-Romani) ist eine Sprache der Sinti. Sie ähnelt dem Romani, ist jedoch keine Varietät desselben. Im Laufe der Jahrhunderte hat Sintitikes viele Elemente seiner mittel- und osteuropäischen Kontaktsprachen angenommen. Es lässt sich in mehrere Dialekte einteilen.

Sintitikes
Sprecher 195.200
Linguistische
Klassifikation
Sprachcodes
ISO 639-1

ISO 639-2

ISO 639-3

rmo

BezeichnungBearbeiten

In Deutschland wird die Sprache von ihren Sprechern hauptsächlich Romenes oder Romnes, von Roma Romanes genannt,[1] was sich auch allgemein auf die Sprache der Roma beziehen kann.

Seit den 1990er-Jahren bezeichnet die Linguistik die Sprache der Sinti meist als Sintitikes, was der Eigenbezeichnung durch Angehörige dieses Volkes in oder aus Österreich[2] und Osteuropa, wie Serbien, Kroatien und Slowenien, aber auch Rumänien entspricht, die in diesem Raum eine Minderheit neben den Roma bilden. Angesichts der deutlichen Grenzziehung von Sinti gegenüber anderen Gruppen der Roma kann dies der schärferen Abgrenzung dienen.[3]

Alternative Bezeichnungen sind Sintèng(e)ri/o Ràkapen oder das nur selten auftretende Sintikanes[4] (siehe auch das unter Sinti verbreitete Gàdžkanes für Deutsch (eigentlich: Sprache der gádže ,Nichtroma, Bauer‘)).[5] Üblich ist es auch, in Abgrenzung zu Nichtsinti einfach von mári/o Ràkepen (,unsere Sprache‘) zu sprechen.

Als wissenschaftliche Bezeichnungen fungieren ferner Sinti-Romanes, Sinti-Romani, Sinte-Romani und – im Englischen – einfach die Kurzform (in) Sinti.

TabuisierungBearbeiten

Gegen die Erforschung und Weitergabe ihrer Sprache durch und an Nichtsinti erheben viele Angehörige der Minderheit Einwände, denn anders als bei anderen Romagruppen ist jede Kommunikation mit Nichtsinti über ihre Sprache bei traditionalistischen Sinti tabuisiert.[6] Sie gilt als Schutz. Das kann die Beachtung des Tabus beim Sprechen des Gruppennamens und des Sprachnamens miteinschließen, sodass man es in der Kommunikation mit Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung vorzieht, sich als "Zigeuner" zu bezeichnen, der "die Zigeunersprache" spreche. Ein wesentliches Distanzmotiv ist die Erfahrung des Missbrauchs von Sprachkenntnissen bei der Erfassung, Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus, aber auch in der älteren Verfolgungsgeschichte.[7] Aus dem Sprachtabu ergeben sich Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Europäischen Sprachencharta. Nur Sintilehrern soll nach Auffassung der Interessenvertretungen der Sinti ein Unterricht in der Primärsprache der Sinti gestattet sein.

AusspracheBearbeiten

Im Romanes existiert keine einheitliche Rechtschreibung. Hier:

Akut: Betonte, Lange Silbe.

Breve: Betonte, Kurze Silbe.

MerkmaleBearbeiten

In den Abweichungen des Sintitikes zu anderen Romanes-Varianten spiegelt sich die lange und starke Prägung durch die Umgebungssprache, also vor allem durch das Deutsche. Hierzu gehören:

  • „Die allmähliche Verdrängung ... des Erbwortschatzes durch Lehngut“, so z. B. bei Erbwörtern für wichtige Verwandtschaftsbezeichnungen, soweit sie die angeheiratete Familie betreffen (švigasóno, švigatòxtra). Im Romanes anderer Gruppen werden nur Lücken im Lexikon durch Übernahme aus der Kontaktsprache gefüllt.
  • Das Futur ist unter dem Einfluss der deutschen Umgangssprache weitgehend verschwunden. Es wird wie dort das Präsens eingesetzt.
  • Es werden Präfixverba übernommen oder mit den eigenen Formen kombiniert (Me džau hin‚ich gehe hin’).
  • Während feminine Erbwörter die Endung -i/-j aufweisen (Ròmni ‚Frau’, Čaj ,Sinti-Mädchen’, Ràkli ‚Nichtsinti-Mädchen’), lautet die Endung bei femininen Lehnwörtern -a (Blú(a)ma ‚Blume’, Bérga ‚Berg’). Das spricht für ein jüngeres Alter auch der Ethnonyme Sìnteca bzw. Sìnto (die "nichts mit der indischen Provinz Sindh zu tun" haben[8]).
  • Manche Präpositionen aus dem Deutschen werden verwendet. Kou hi fo o tàta (Anstatt Ko hi o tatèske. "Fo" kommt vom Deutschen "Für"); Me hùnti šàfrap/butikràp um drej (Anstatt Me hùnti šafràp/butikràp a trenènge. "Um drej" bedeutet "Um drei").
  • Der Auslaut ist meist verhärtet. Jedoch wird ein etymologisches -v in manchen Dialekten zu einem b im Rektus Singular (jek láb - duj láva).[9]
  • Es besteht die Tendenz, Konsonanten unaspiriert zu sprechen (Bokh → Bokàta)

GrammatikBearbeiten

Numeri: Singular und Plural

Genera: Maskulina und Feminina

Kasus: Primäre Kasus sind Rectus (= Nominativ), Obliquus (und Vokativ).

Der Obliquus dient als Akkusativ. Seine Endung ist maskulin meist -es, feminin meist -a oder -ja, im Plural meist -en oder -jen.

Durch Anhängen von Endungen an den Obliquus werden weitere Fälle gebildet:

  • mit -ke der Dativ, der allein stehend wie der lateinische Dativus Commodi übersetzt werden kann
  • mit -te der Lokativ[10], der des Öfteren auch als Allativ oder sogar als Dativ benutzt wird.
  • mit -ta der Ablativ
  • mit -sa der Instrumental-Soziativ1 (Dieser wird jedoch im Singular zu einem -a wegen der Lautverschiebung s → h nach Vokalen)
  • mit -k((e)r)o / -k((e)r)i der Genitiv

Die Genitivendung ist eigentlich ein Adjektiv und flektiert wie das Wort, auf das es sich bezieht.

Fälle (Vor allem der Obliquus-Akkusativ) werden aber meist nur bei Tieren und Menschen angewendet. Doch im Plural werden sie des Öfteren auch bei Gegenständen, Pflanzen etc. zu hören sein.

Dieses Kasussystem ähnelt stark dem indoarischer Sprachen, insbesondere dem des Gujarati (das allerdings auch ein Neutrum hat).

Der Vokativ wird nur noch selten verwendet (Prála!, Čája!, Džuvjále!).

Der Instrumental-SoziativBearbeiten

Plural mit Obliquus - [Tabelle]
Maskulin Feminin
éa já/jáa

Me džaua o džukléa. (Ich gehe mit dem Hund.)

Me džaua o romjá(a). (Ich gehe mit der Frau.)

Plural mit Obliquus -sa

Me džaua a džuklénsa. (Ich gehe mit den Hunden.)

Me džaua a romjénsa. (Ich gehe mit den Frauen.)

LiteraturBearbeiten

  • Norbert Boretzky, Birgit Igla: Kommentierter Dialektatlas des Romani. Teil 1. Harrassowitz, Wiesbaden 2004, ISBN 3-447-05073-X, auch in: [4]
  • Viktor Elšík, Yaron Matras: Markedness and language change: the Romani sample. Mouton de Gruyter, Berlin u. a. 2006, ISBN 3-11-018452-4. (= Empirical approaches to language typology, 32), auch in: [5]
  • Christiane Fennesz-Juhasz, Dieter W. Halwachs, Mozes F. Heinschink: Sprache und Musik der österreichischen Roma und Sinti. In: Grazer Linguistische Studien. 46 (Herbst 1996), S. 61–110, hier: S. 74, auch in: [6]
  • Daniel Holzinger: Das Romanes. Grammatik und Diskursanalyse der Sprache der Sinte. Innsbruck 1993.
  • Yaron Matras: Romani: a linguistic introduction. Cambridge UP, Cambridge u. a. 2002, ISBN 0-521-63165-3
  • Rosita Rindler Schjerve, Peter H. Nelde (Hrsg.): Der Beitrag Österreichs zu einer europäischen Kultur der Differenz: sprachliche Minderheiten und Migration unter die Lupe genommen. Asgard, St. Augustin 2003, ISBN 3-537-86428-0.(= Plurilingua, 26), auch in: [7]

WeblinksBearbeiten

  • Mit einem Kurzüberblick: [8]
  • F. N. Finck: Lehrbuch des Dialekts der deutschen Zigeuner (1903). (Internet Archive): [9] (PDF-Datei; 2,99 MB)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Peter Bakker u. a.: What is the Romani language? Centre de Recherches Tsiganes u. a., Paris 2001,ISBN 1-902806-06-9, S. 58.
  2. Barbara Schrammel (Hrsg.): General and applied Romani linguistics: proceedings from the 6th International Conference on Romani Linguistic. Lincom EUROPA, München 2005 (= LINCOM studies in Indo-European linguistics. Band 29), ISBN 3-89586-741-1, S. 23; Norbert Boretzky, Birgit Igla: Kommentierter Dialektatlas des Romani. Teil 1. Harrassowitz, Wiesbaden 2004, ISBN 3-447-05073-X, S. 18.
  3. Vekerdi József, Cigány nyelvjárási népmesék, Kossuth Lajos Tudományegyetem, Debrecen 1985 (= Folklór és etnográfia, 19), S. 46, berichtet über ungarische Roma, die nach dem Ersten Weltkrieg aus Österreich zuwanderten: "They sharply differentiate their language from Romani: 'We speak only sintetikes (...)'."
  4. Siehe z. B.: Archivierte Kopie (Memento vom 20. Juni 2012 im Internet Archive) (PDF-Datei; 1,10 MB) oder [1] oder bei: Ulrich Friedrich Opfermann, Ein Brief aus Wittgenstein in Romanes im Jahre 1838, in: Siegener Beiträge. Jahrbuch für regionale Geschichte, 2 (1997), Bd. 2, S. 88–92, überarbeitet in Yanko Weiss-Reinhardt: An unsere Rechtsprecher wegen Romanesunterricht. In: forumromanum. [2]. Es handelt sich um eine community im Umfeld der Sinti-Allianz.
  5. Siehe z. B.: [3], Archivierte Kopie (Memento vom 20. Juni 2012 im Internet Archive) (PDF-Datei; 1,10 MB).
  6. Meidungs- und Tabusysteme bei Roma- und Sintigruppen
  7. So durch die Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle unter ihrem Leiter Robert Ritter. Siehe: BdWi: Sinti-Erinnerungen an NS-Frauen. Wolf sieht hier eine Besonderheit des Umgangs der Sinti mit ihrer Sprache, die es vor 1933 nicht gegeben habe: Siegmund A. Wolf, Großes Wörterbuch der Zigeunersprache (romani tšiw), Hamburg 1993 (ND der 2. Aufl. 1987), S. 31.
  8. Yaron Matras, Die Sprache der Roma: Ein historischer Umriss, in: Yaron Matras/Hans Winterberg/Michael Zimmermann, Sinti, Roma, Gypsies. Sprache – Geschichte – Gegenwart, Berlin 2003, S. 231–261, hier: S. 233.
  9. Christiane Fennesz-Juhasz/Dieter W. Halwachs/Mozes F. Heinschink, Sprache und Musik der österreichischen Roma und Sinti, in: Grazer Linguistische Studien 46 (Herbst 1996), S. 61–110, hier: S. 74, auch in: Archivierte Kopie (Memento vom 6. Juli 2011 im Internet Archive).
  10. [romani] Projekt: Morphologie. Abgerufen am 8. September 2019.