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Richard Arlt

deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Gewerkschafter und Bergbau-Ingenieur

LebenBearbeiten

JugendBearbeiten

Richard Arlt wurde 1911 im niederschlesischen Ober Hartmannsdorf bei Sagan als Sohn eines Landwirts geboren. Sein Vater starb bereits am 1. August 1914, sodass Richard fortan als Halbwaise in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Von 1917 bis 1925 besuchte er die evangelische Volksschule seines Heimatortes. Eine angestrebte Lehre zum Maurer konnte er letztlich nicht beginnen. Deshalb wurde er im Alter von 17 Jahren Bergmann im Braunkohlen-Tiefbau, wo er zunächst als Vorschieber arbeitete.[2]

Neben seiner Tätigkeit im Bergbau betätigte Arlt sich auch politisch. Im Mai 1929 trat er der SPD bei, wechselte aber bereits 1931 zum Ortsverband Wiesau der KPD. Außerdem war er Gewerkschaftskassierer für fünf bis sechs Ortschaften.[2]

Widerstand im NationalsozialismusBearbeiten

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 waren seine politische Aktivitäten nur noch in der Illegalität möglich. Das Netzwerk dem er sich im Untergrund anschloss, erstellte und verteilte unter anderem Flugblätter. Das Material bezogen sie über Verbindungsleute aus Berlin oder stellten es selbst her. Aus ihm später unbekannten Ursachen erfolgte am 16. Mai 1936 dann seine Verhaftung. Im Oktober 1936 wurde Richard Arlt infolge dessen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 2,5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Strafe verbüßte er zunächst im Gefängnis Berlin-Moabit, wurde aber bald nach Brandenburg-Göhren verlegt. Ein reichliches Jahr später wurde er dann in ein neu errichtetes Strafgefangenenlager in Dessau-Roßlau verlegt, das ein Außenlager des Strafgefangenenlagers Elberegulierung in Griebo war und der Elberegulierung diente.[3] Hier lernte er den Berliner Anwalt und Widerstandskämpfer Max Berger (1893–1970) kennen, mit welchem er später eine lebenslange Freundschaft pflegte und den er wiederholt noch während des Krieges in Berlin besuchte. Nach dem Ende seiner eigentlichen Haftstrafe wurde er allerdings noch etwa vier Wochen von der Gestapo in Frankfurt/Oder festgehalten und Verhören unterzogen.[2]

Ende Dezember 1938 war er schließlich wieder in seiner Heimat in Arbeit. Er begann ein Fernstudium zum Ingenieur und erhielt ein Patent für ein Gebrauchsmuster für eine Streckenvortriebsmaschine im Bergbau. Politisch war er fortan weiter im Untergrund aktiv. Im Herbst des Jahres 1939 wurde Arlt als „wehrunwürdig“ befunden und wurde im Oktober 1942 schließlich von der Wehrmacht doch noch eingezogen. Er kam zur Strafdivision 999, wo er unter anderem in Tunesien kämpfte. Am 11. Mai 1943 geriet Arlt dann in französische Kriegsgefangenschaft, aus welcher er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst im Sommer 1947 wieder entlassen wurde.[2]

Arlts Wirken nach dem Krieg und in der DDRBearbeiten

Nachdem er zunächst in der Nähe von Zeitz wieder im Bergbau arbeitete, siedelte Arlt bald nach Weißwasser über, wo er ebenfalls im Bergbau arbeitete. Bereits 1947 war er Mitglied der im April 1946 durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD entstandenen SED geworden. Ab Januar 1949 wurde er technischer Mitarbeiter in Halle (Saale). Ein Jahr darauf erfolgte seine Wahl in den Zentralvorstand der Industriegewerkschaft Bergbau-Energie.[4] Am 16. April 1951 wurde er Werkleiter des Braunkohlenwerkes in Ammendorf, einem Betrieb mit einer damaligen Belegschaft von etwa 2500 Mann. Im selben Jahr erhielt Arlt ein Patent für eine Streckenvortriebsmaschine, welche 1955 auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt wurde und in mehreren Braunkohletagebauen eingesetzt wurde.[2][5][6]

 
Die Brikettfabrik Louise in Domsdorf, Luftaufnahme (2015)

1952 erfolgte seine Einsetzung als Werkleiter in der Brikettfabrik in Domsdorf im heutigen Landkreis Elbe-Elster. In Domsdorf wurde die Braunkohle im Tagebau gewonnen. Trotz dessen beschäftigte Arlt sich fachlich auch weiterhin mit Problemen die den Tiefbau betrafen. Arlt verlegte schließlich seinen Lebensmittelpunkt ins benachbarte Tröbitz. Er wurde Mitglied mehrerer Fachkommissionen und ab Juli 1955 vom Minister für Schwerindustrie Fritz Selbmann in den wissenschaftlich-technischen Rat der Hauptverwaltung Braunkohle berufen.[7] Ende 1956 wurde durch ihn der VEB Braunkohlen- und Schachtbau Tröbitz, seit 1960 Braunkohlen- und Schachtbau Welzow (BuS Welzow), gegründet. 1958 begann er in Freiberg ein Studium zum Diplom-Ingenieurökonom und wurde schließlich 1960 Betriebsleiter im VEB Erdöl- und Erdgaserkundung in Gommern. Ab Mai 1961 war er als Produktionsleiter und wenig später als Entwässerungstechnologe in Brieske tätig, was er bis zum Eintritt ins Rentenalter blieb.[2]

1974 wurde Arlt Vorsitzender des neu gegründeten Kreiskomitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR Finsterwalde-Calau-Luckau-Lübben (KdAW).[8] Für seine wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten wurde er in der DDR mehrfach ausgezeichnet.

Verlorener ZugBearbeiten

 
Gedenkstätte Wildgrube

Richard Arlt war seit 1952 mit Erika Arlt (1928–2015), geb. Röder, verheiratet. Beide erwarben sich hohe Verdienste bei der Erforschung um das Schicksal des Verlorenen Zuges, eines Häftlingstransports aus dem KZ Bergen-Belsen, der im April 1945 mit 2400 Menschen in Tröbitz gestrandet war. Das KdAW Finsterwalde-Calau-Luckau-Lübben unter dem Vorsitz Arlts veranlasste hier 1974/75 unter anderem an der Stelle eines Massengrabes mit 28 jüdischen Opfern des Zuges in Wildgrube die Errichtung einer Gedenkstätte mit einem Gedenkstein. Des Weiteren gab es am 23. April 1975 unter Beteiligung prominenter Persönlichkeiten, wie unter anderem CDU-Politiker Günther Grewe, dem Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser und dem Präsidenten des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR Helmut Aris sowie internationalen Delegationen einen Staatsakt zum Gedenken der Opfer des Verlorenen Zuges.[9][8][10][11][1]

 
Erika Arlt gemeinsam mit dem Holocaust-Überlebenden Arieh Koretz (2008)

Es folgten viele weitere Veranstaltungen dieser Art, oft mit internationaler Beteiligung. Arlt betätigte sich bei den örtlichen Gedenkstätten als Führer. Neben der Gedenkstätte in Wildgrube gibt es auch eine an der evangelischen Dorfkirche in Tröbitz, auf dem Tröbitzer jüdischen Friedhof, in Schilda und seit 1989 in Langennaundorf. Seine Frau Erika, die sich auf Anregung Arlts seit den 1980er Jahren mit der Erforschung und Dokumentation der Ereignisse beschäftigte und zum wichtigsten Ansprechpartner für die Angehörigen der Opfer aus aller Welt wurde, wurde schließlich für ihre Forschungsarbeit um das Schicksal der Überlebenden dieses Zuges und der damit verbundenen Ereignisse in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges sowie ihr Engagement zur Erhaltung und Pflege des jüdischen Friedhofs Tröbitz im Jahre 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.[1][12]

Das Wirken der beiden Eheleute wirkt im Gedenken an die Ereignisse rund um den Verlorenen Zug bis in die Gegenwart nach. So mahnte bei einer Gedenkveranstaltung im April 2017 in Tröbitz der Bürgermeister der Stadt Uebigau-Wahrenbrück Andreas Claus mit den Worten: „Vergesst Erika und Richard Arlt aus Tröbitz nicht. Sie haben sich hohe Verdienste bei der Forschungsarbeit zum Verlorenen Transport und am Gedenken der Opfer erworben.“[12][13]

Patente (Auswahl)Bearbeiten

  • Kohlengewinnungsgerät, besonders zum Auffahren von Strecken im Braunkohlentiefbau (Gebrauchsmuster Nr. 1522113), 1942[14]
  • Streckenvortriebsmaschine (Pat. Nr. 243), 1951[5][15]
  • Schutzvorrichtung für Abbauschilde (Pat. Nr. 13229), 1954[16]

LiteraturBearbeiten

  • Rainer Bauer (Hrsg.): Erika und Richard Arlt: zwei Leben für die DDR: ein deutsches Geschichtsbuch. verlag am park, Berlin 2017, ISBN 978-3-945187-90-6.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Landkreis vergab Kulturpreise. In Kreisanzeiger für den Landkreis Elbe-Elster. Nr. 10/2009
  2. a b c d e f Richart Arlt: „Mein Lebensbericht“ (Audio-Datei) im Mediaarchiv BV Tröbitz @ René Born
  3. Bestand des Strafgefangenenlagers Elberegulierung im Landesarchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 17. Juni 2017.
  4. IG Bergbau-Energie im Bundesarchiv, abgerufen am 21. Juni 2017.
  5. a b „Bericht über die Einführung neuer Arbeitsmethoden durch Einsatz der Streckenvortriebsmaschine in der Braunkohle“, Domsdorf, 1. März 1956
  6. a b „Mehr Briketts für unsere Republik – Der Streckenvortrieb bleibt zurück – Technisierung unumgänglich/ Einige Anfragen an die HV Braunkohle“ in Neues Deutschland, 21. März 1957, S. 3
  7. Berufungsurkunde Richard Arlts in den Wissenschaftlich technischen Rat der Hauptverwaltung vom 12. Juli 1955.
  8. a b Chronik des Kreiskomitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR Finsterwalde-Calau-Luckau-Lübben, 1974–1984
  9. Gedenkfeier für jüdische Opfer des Faschismus. In: Lausitzer Rundschau. 24. April 1975.
  10. Regina Scheer: Der Umgang mit den Denkmälern. 2003, ISBN 3-932502-36-1, S. 116.
  11. „Dokumentation des Kreiskomitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR Finsterwalde-Calau-Luckau-Lübben 1974–1984“ im Mediaarchiv BV Tröbitz @ René Born
  12. a b „Farjon Israel: Es gibt keine größere Verpflichtung als das Erinnern“, FOCUS Online, 25. April 2017
  13. Stefanie Endlich: „Der verlorene Transport“ in Gedenkstättenrundbrief, Nr. 178 (6/2015), S. 18–24
  14. „Patentbericht“ in Glückauf - Berg- und Hüttenmännische Zeitschrift, Heft 38, 19. September 1942, S. 521
  15. Patentschrift Nr. 243 vom 22. Mai 1957
  16. Patentschrift Nr. 13229 vom 13. Februar 1952