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Rahel Hirsch

deutsche Ärztin, erste Frau, die im Königreich Preußen zur Professorin für Medizin ernannt wurde
Rahel Hirsch circa 1914
Berliner Gedenktafel am Haus, Kurfürstendamm 220, in Berlin-Charlottenburg
Berliner Straßenschild der Rahel-Hirsch-Straße mit Widmung

Rahel Hirsch (* 15. September 1870 in Frankfurt am Main; † 6. Oktober 1953 in London) war eine deutsche Ärztin. Sie war 1913 die erste Frau, die in Deutschland (im Königreich Preußen) zur Professorin für Medizin ernannt wurde. Die von ihr entdeckte Durchlässigkeit der Schleimhaut des Dünndarms für großkorpuskuläre Partikel und die anschließende Ausscheidung mit dem Harn wurde nach ihr Hirsch-Effekt benannt.

LebenBearbeiten

Hirsch wurde geboren als eines von elf Kindern von Mendel Hirsch (1833–1900), dem Direktor der höheren Töchterschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Frankfurt am Main. Nach dem Abitur 1885 nahm sie ein Studium der Pädagogik in Wiesbaden auf, das sie 1889 abschloss. Im Anschluss arbeitete sie bis 1898 als Lehrerin. Um dem für sie unbefriedigenden Lehrerberuf zu entkommen, schrieb sie sich, weil das einer Frau in Deutschland nicht möglich war, in Zürich für ein Medizinstudium ein. Kurz darauf wechselte sie nach Leipzig[1] und Straßburg (das von 1871 bis 1918 zum Reichsland Elsaß-Lothringen gehörte), wo sie im Juli 1903 ihr Staatsexamen ablegte und am 13. Juli ihre Approbation[2] erhielt.

Nach ihrer Promotion wurde sie Assistentin von Friedrich Kraus an der Berliner Charité. Sie war damit nach der auch publizierenden[3] Helenefriederike Stelzner die zweite Ärztin überhaupt in der Geschichte der Klinik. Hirsch widmete sich ausschließlich der Forschung. Ihr Interesse galt der Darmschleimhaut und dem von ihr in Experimenten beobachteten Effekt des Übergangs von großkorpuskulären Nahrungspartikeln,[1] also z. B. Stärkekörnern, vom Darmtrakt in den Harntrakt. Mit ihren Befunden wurde sie im November 1907 als erste Frau eingeladen, sie der Konferenz der Gesellschaft der Chefärzte der Charité zu präsentieren. Ihre Kollegen wiesen den von ihr beschriebenen und später belegten Vorgang jedoch als nicht stichhaltig zurück. Gleichwohl blieb ihr medizinischer Ruf ungeschmälert. Unter der Obhut von Kraus übernahm sie 1908 die Leitung der Poliklinik der II. Medizinischen Klinik der Charité und bekam 1913 als erste Medizinerin in Preußen und als Dritte im deutschen Kaiserreich[1] den Professorentitel verliehen. Eine Dozentur oder ein Lehrstuhl blieb ihr jedoch versagt. Diese Behandlung durch die Klinik – auch in finanzieller Hinsicht, denn man zahlte ihr kein Gehalt – war der Grund, 1919 die Charité zu verlassen und sich vollständig auf ihre nun vom Schöneberger Ufer 31 in die Königin-Augusta-Straße 22 umgezogene Praxis zu konzentrieren. 1928[2] eröffnete sie am Kurfürstendamm 220[4] eine internistische Praxis mit Röntgeninstitut.

Von 1906 bis 1919 wohnte die erste Medizinprofessorin Deutschlands am Schöneberger Ufer 57, dem heutigen Sitz des Vereins Berliner Künstler.[5]

Die Machtübernahme durch das NS-Regime hatte für die Jüdin Hirsch zur Folge, dass ihr die Kassenzulassung entzogen wurde und sie Nichtjuden nicht mehr behandeln durfte. Im Oktober 1938 gab sie ihre Praxis auf und emigrierte nach London, wo eine ihrer Schwestern lebte. Weil ihre Approbation durch die britischen Behörden nicht anerkannt wurde, arbeitete sie zunächst als Laborassistentin und später als Übersetzerin.

Die letzten Lebensjahre verbrachte sie – geplagt von Depressionen, Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten – in einer Nervenheilanstalt am Rande Londons, wo sie am 6. Oktober 1953 im Alter von 83 Jahren verstarb.

Postume EhrungBearbeiten

Vier Jahre nach ihrem Tod griff Gerhard Volkheimer, Assistent von Hirschs früherem Kollegen Theodor Brugsch an der Charité, in seiner Habilitationsschrift die Befunde von Hirsch über die Durchlässigkeit der Nierenwand wieder auf und bestätigte sie. In Erinnerung an die Entdeckerin benannte er den bewiesenen Vorgang Hirsch-Effekt. Der Staat Israel ehrte Hirsch mit der Aufnahme in die Galerie berühmter jüdischer Wissenschaftler in Jerusalem. Die Charité besann sich erst sehr spät des Wirkens ihrer medizinischen Pionierin. 1995 wurde eine von Susanne Wehland gestaltete Bronzeplastik vor dem alten Hörsaal der Inneren Medizin der Klinik aufgestellt.

Seit 2006 ist eine Straße am Berliner Hauptbahnhof nach ihr benannt.

2013 veröffentlichte die Deutsche Post eine Gedenk-Briefmarke aus dem Anlass "100 Jahre Professorentitel Rahel Hirsch" im Wert von 145 Cent.[6]

2013 wurde das Oberstufenzentrum Gesundheit/Medizin in Berlin-Hellersdorf nach ihr benannt.

Am 2. Juni 2016 wurde an ihrem ehemaligen Wohnort, Berlin-Charlottenburg, Kurfürstendamm 220, eine Berliner Gedenktafel angebracht.

VeröffentlichungenBearbeiten

  • Rahel Hirsch: Über das Vorkommen von Stärkekörnern im Blut und Urin. In: Zeitschrift für experimentelle Pathologie und Therapie, 3. Jg., 1906, S. 390 ff.
  • Rahel Hirsch: Ueber das Uebergehen corpusculärer Elemente in den Harn. In: Berliner Klinische Wochenschrift, 45. Jg. 1908, S. 331.
  • Rahel Hirsch: Körperkultur der Frau. Urban & Schwarzenberg, Wien 1913.
  • Rahel Hirsch, Friedrich Kraus: Unfall und innere Medizin. Springer 1914.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Rahel Hirsch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Wolfgang U. Eckart: Hirsch, Rahel, in: Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. 1. Auflage. 1995 C. H. Beck München S. 189+190, Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Auflage. 2001, S. 163, 3. Auflage. 2006 jeweils Springer Verlag, Heidelberg / Berlin / New York S. 170+171. doi:10.1007/978-3-540-29585-3.
  2. a b Eva-Bettina Bröcker: Frau Doktor – und was dann? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen, 23, 2004, S. 589–592; hier: S. 589.
  3. Helenefriederike Stelzner: Gefährdete Jahre im Geschlechtsleben einer Frau. Lehmann, München 1936.
  4. Bernhard Meyer: Erst nach 50 Jahren sprach man vom »Hirsch-Effekt«. In: Berlinische Monatsschrift (Luisenstädtischer Bildungsverein). Heft 1, 1998, ISSN 0944-5560, S. 33–38 (luise-berlin.de).
  5. Friederike: Nachrichten Tiergarten Süd Mittendran. Nachrichten Mittendran, abgerufen am 6. November 2019.
  6. post.de