Pjotr Andrejewitsch Pawlenski

Künstler
Pjotr Pawlenski (2013)
Kyrillisch (Russisch)
Пётр Андреевич Павленский
Transl.: Pëtr Andreevič Pavlenskij
Transkr.: Pjotr Andrejewitsch Pawlenski

Pjotr Andrejewitsch Pawlenski (* 8. März 1984 in Leningrad, heute Sankt Petersburg) ist ein russischer Konzeptkünstler und politischer Aktivist.[1] Er lebt in Paris.

LebenBearbeiten

Pawlenski studierte Wandmalerei in seiner Heimatstadt.[2] Oksana Wiktorowna Schalygina war seine Partnerin, mit ihr hat er zwei Töchter und 2017 erhielt er mit ihr in Frankreich politisches Asyl. Seit 2019 ist er mit Alexandra de Taddeo liiert.

Aktionen und StrafverfolgungenBearbeiten

RusslandBearbeiten

Pawlenskis Performances sorgten wiederholt für weltweite Schlagzeilen.[3] Aus Protest gegen die Inhaftierung von Mitgliedern der Band Pussy Riot nähte sich Pawlenski den Mund zu, später protestierte er nackt in Stacheldraht gewickelt vor einem Regierungsgebäude in St. Petersburg. Ende 2013 nagelte Pawlenski seinen Hodensack an den Roten Platz in Moskau, um gegen Gleichgültigkeit und korrupte Polizisten in Russland zu protestieren.[4][5] Daraufhin wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Hooliganismus gegen ihn eingeleitet.[6]

Mit brennenden Autoreifen, Metallstangen und ukrainischen Fahnen stellte er 2014 in St.Petersburg die Revolution auf dem Maidan dar. Die Behörden drohten ihm mit einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie, worauf er sich im Oktober 2014 auf dem Dach des Moskauer Serbski-Instituts nackt sitzend ein Ohrläppchen abschnitt. Pawlenskis Gefährtin und Mitarbeiterin Oksana Schalygina begründete die Aktion wie folgt: „Das Messer trennt das Ohrläppchen vom Körper. Die Betonwand der Psychiatrie trennt die Gesellschaft der Vernünftigen von den unvernünftig Kranken.“[7][8][9]

Im November 2015 setzte Pawlenski eine Türe der Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand, um gegen staatlichen Terror zu protestieren.[10] Daraufhin erfolgte seine Verhaftung durch Beamte des russischen Geheimdienstes FSB.[11] Im Januar 2016 wurde er von den russischen Behörden aus dem Gefängnis zur Untersuchung in eine Psychiatrie überstellt.[12] Human Rights Watch kritisierte, dass Pawlenskis Anwältin außerstande sei, mit ihrem Mandanten Kontakt aufzunehmen und stellte die Zwangseinweisung in den historischen Kontext des politischen Missbrauchs der Psychiatrie in der Sowjetunion.[13] Am 8. Juni verurteilte ihn ein Gericht zu einer Buße von zirka 13.500 Euro. Damit kam der provozierte Terrorismus-Prozess nicht zustande, den er selber im Gerichtssaal mehrmals gefordert hatte. Das Gericht solle nicht „heuchlerischen Humanismus“ walten lassen, sagte er mit Anspielung auf die Terrorismus-Verurteilungen von Oleh Senzow und Oleksandr Koltschenko. Die Behörden und deren Reaktion sind Bestandteil seiner Kunstaktionen, um die staatlich dirigierte Justiz zu entlarven.[14]

FrankreichBearbeiten

Pawlenski floh im Dezember 2016 zunächst in die Ukraine und später nach Paris, da ihm sexuelle Übergriffe auf eine Schauspielerin vorgeworfen werden, die er gemeinsam mit seiner Gefährtin begangen haben soll. Im Januar 2017 bat er in Frankreich um Asyl.[15][16] In einem Interview mit der Deutschen Welle erzählte er, dass er in Paris in einem besetzten Haus lebe und sich durch Ladendiebstahl ernähre.[17]

Im Oktober 2017 wurde Pawlenski von der französischen Polizei verhaftet, nachdem er eine Filiale von Banque de France am Place de la Bastille in Brand gesetzt hatte.[18] Damit wollte er, seiner Aussage nach, „ein neues Feuer der Revolution“ entfachen, da die Bankiers heute den Platz der früheren Monarchen eingenommen hätten. Die französischen Behörden lieferten ihn in ein psychiatrisches Krankenhaus ein.[19] Am 18. Oktober 2017 wurde die Zwangseinweisung von einem Pariser Gericht aufgehoben und Pawlenski im Anschluss in Untersuchungshaft genommen. Am gleichen Tag wurde gegen ihn und seine Partnerin Anklage wegen Sachbeschädigung in Verbindung mit der Gefährdung anderer Personen erhoben.[20] Mit Stand Juni 2018 befand sich Pawlenski weiterhin in isolierter Untersuchungshaft. Der Befund von Wahnvorstellungen und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung soll zu ihrer Verlängerung beigetragen haben.[21] Im Januar 2019 wurde er wegen des Feuers vor der Bankfiliale zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, von denen zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt sind.[22]

Im Februar 2020 löste Pawlenski den Rücktritt von Benjamin Griveaux aus, dem "En Marche"-Kandidaten für das Pariser Bürgermeisteramt, indem er Photos und Videos intimer Natur veröffentlichte, die Griveaux im Mai 2018 an Alexandra de Taddeo, einer flüchtigen Bekannten von Griveaux (und spätere Lebensgefährtin von Pawlenski), geschickt haben soll. Pawlenski begründete die Verbreitung des Materials damit, dass Griveaux ein intaktes Familienleben vorgaukle und diese „Heuchelei“ veröffentlicht werden müsse. Griveaux kündigte daraufhin seinen Rückzug an und sagte, es laufe eine Kampagne gegen ihn. Er erhalte mannigfaltige Drohungen.[23][24] Die Polizei nahm kurz nach der Veröffentlichung des Videos Pawlenski und seine Freundin fest. Die beiden sollen Benjamin Griveaux in eine Falle gelockt haben; Griveaux hatte Anzeige wegen Verletzung der Intimsphäre erstattet.[25]

PreiseBearbeiten

Im Mai 2016 verlieh die Human Rights Foundation Pawlenski den Václav Havel Prize for Creative Dissent. Da Pawlenski die Protestbewegung Fernöstliche Partisanen in Wladiwostok unterstützt, deren Mitglieder wegen besonders grausamer Polizistenmorde verurteilt wurden, zog die Human Rights Foundation im Juli 2016 die Preisvergabe wieder zurück.[26]

LiteraturBearbeiten

  • Ilja Danischewski, Wladimir Welminski (Hrsg.): Pawlenski-Aktionen. Merve, Berlin 2016, ISBN 978-3-945867-04-4.
  • Pjotr Pawlenski: Der bürokratische Krampf und die neue Ökonomie politischer Kunst. Merve, Berlin 2016, ISBN 978-3-88396-381-5.
  • Pjotr Pawlenski, Wladimir Welminski: Gefängnis des Alltäglichen. Gespräche. Hrsg.: Ilja Danischewski, Wladimir Welminski. Matthes & Seitz, Berlin 2016, ISBN 978-3-95757-377-3.

WeblinksBearbeiten

Commons: Pjotr Andrejewitsch Pawlenski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

FußnotenBearbeiten

  1. Fiona Marin: Piotr Pavlenski : artiste performer à l'ère du digital. In: UN1K. ART MAGAZINE. 24. Februar 2020, abgerufen am 24. Februar 2020 (fr-FR).
  2. Wiktor Martinowitsch: «Акция Pussy Riot куда легче и безобидней поступков Христа». In: BelGaseta. 13. August 2012
  3. Fiona Marin: Piotr Pavlenski : artiste performer à l'ère du digital. In: UN1K. ART MAGAZINE. 24. Februar 2020, abgerufen am 24. Februar 2020 (fr-FR).
  4. Protestaktion in Moskau: Künstler nagelt sich Hoden am Roten Platz fest. In: Spiegel Online. 10. November 2013
  5. Shaun Walker: Artist nails his scrotum to the ground in Red Square. In: The Guardian. 11. November 2013
  6. Leonid Ragozin: Artist who nailed scrotum to Red Square is charged with hooliganism. In: The Guardian. 15. November 2013
  7. Oxana Schalygina: Акция Петра Павленского "Отделение" институт им. Сербского Москва 19 октября. Eintrag auf Facebook. 19. Oktober 2014
  8. Alec Luhn: Russian artist cuts off earlobe in protest at use of forced psychiatry on dissidents. In: The Guardian. 20. Oktober 2014
  9. Blutige Performance: Russischer Aktionskünstler trennt sich Ohrläppchen ab. In: Spiegel Online. 20. Oktober 2014
  10. Protest in Moskau: Künstler zündelt beim russischen Inlandsgeheimdienst. In: Spiegel Online. 9. November 2015
  11. Moskau-Menetekel in FAZ vom 10. November 2015, Seite 9
  12. Russischer Regimekritiker: Performance-Künstler Pjotr Pawlenski in Psychiatrie eingewiesen. In: Spiegel Online. 28. Januar 2016
  13. https://www.hrw.org/news/2016/02/12/russia-end-artists-forced-psychiatric-confinement
  14. Der Kreml übt kalkulierte Milde, NZZ, 9. Juni 2016
  15. Pjotr Pawlenski bittet um Asyl in Frankreich. In: Zeit Online. 16. Januar 2017, abgerufen am 20. Januar 2017.
  16. Kerstin Holm: Aktionskünstler beantragt Asyl: Pawlenski nach Paris geflohen. In: FAZ. 16. Januar 2017, abgerufen am 20. Januar 2017.
  17. Павленский в "Немцова.Интервью": Россия – царство-бутафория, Deutsche Welle, 13. September 2017
  18. L’artiste russe Pavlenski arrêté à Paris pour avoir mis le feu à la Banque de France, Le Monde, 16. Oktober 2017
  19. Après la Banque de France, la psychiatrie pour l’artiste russe Pavlenski, 18. Oktober 2017
  20. Russian Artist Is Charged Over Fire at Central Bank Building in Paris, By ANNA CODREA-RADOOCT, 19. Oktober 2017
  21. Ольга Кузьменкова: Арест Павленского во Франции мотивировали психиатрической экспертизой. In: BBC News Русская служба. 15. Juni 2018 (bbc.co.uk [abgerufen am 16. Juli 2018]).
  22. Russischer Künstler Pawlenski nach Brandstiftung in Paris verurteilt. In: www.faz.net. 11. Januar 2019, abgerufen am 12. Januar 2019.
  23. Joseph Hanimann: Wahlkampf-Skandal in Paris: Plattitüde im Rampenlicht. Abgerufen am 19. Februar 2020.
  24. RND: Angriffe und Drohungen: Macrons Kandidat in Paris zieht zurück, 14. Februar 2020, abgerufen am 24. Februar 2020
  25. Griveaux zeigt Aktionskünstler an - Affäre bringt Macron in die Bredouille. 17. Februar 2020, abgerufen am 19. Februar 2020.
  26. Nicht preiswürdig, Bericht, in: FAZ, 9. Juli 2016, S. 11