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Ottilie Wildermuth

deutsche Schriftstellerin
Jugendbildnis von Ottilie Wildermuth, geb. Rooschütz, gemalt von Sophie Pilgram um 1835

Ottilie Wildermuth, geb. Rooschütz (* 22. Februar 1817 in Rottenburg am Neckar; † 12. Juli 1877 in Tübingen) war eine deutsche Schriftstellerin und Jugendbuchautorin. Neben E. Marlitt und Marie Nathusius gehörte sie zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

 
Ottilie Wildermuths Stich nach einer Fotografie aus dem Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationallitteratur von Gustav Könnecke, Marburg 1895.
 
Ottilie Wildermuth, Porträtfoto von Paul Sinner, entstanden vor 1877
 
Ottilie Wildermuth Denkmal in Tübingen mit einem Hochrelief-Tondo ihres Porträts, geschaffen von Wilhelm Rösch

Ottilie Wildermuth-Rooschütz kam 1817 als Tochter des Kriminalrats Gottlob Christian Rooschütz (1785–1847) und seiner Ehefrau Leonore geb. Scholl (1796–1874) zur Welt. Getauft wurde sie evangelisch in der Rottenburger katholischen Stiftskirche St. Moriz, die auf königlichen Befehl damals als Simultankirche genutzt wurde. Sie war das älteste Kind der Familie, gefolgt von drei Brüdern. Sie wuchs in Marbach am Neckar auf, wohin ihr Vater nach seiner Beförderung zum Oberamtsrichter versetzt wurde. Schon früh zeigte sich ihr starker Wissensdrang und sie verfasste in jungen Jahren eigene Gedichte und Geschichten. Sie erhielt zuerst Privatunterricht und besucht dann bis zum 14. Lebensjahr die Volksschule. Im Sommer 1833 verbrachte die 16-Jährige sechs Monate in einer Hauswirtschafts­schule in der Residenzstadt Stuttgart, wo sie Kochen und Nähen lernte. Weitere Bildungsangebote erhielt sie nicht, sodass sie ihre literarischen Kenntnisse wie auch Englisch und Französisch im Selbststudium erlernte.[1]

1843, im Alter von 26 Jahren, heiratete sie den zehn Jahre älteren Philologen Wilhelm David Wildermuth (1807–1885). Dieser hatte nach längerem Aufenthalt als Hofmeister in Frankreich und England eine Anstellung als Professor für neuere Sprachen am Lyzeum in Tübingen, dem heutigen Gymnasium, erhalten. Ottilie Wildermuth schloss sich mit Tübinger Frauen zu einem „Kranz“ zusammen, dem sie 34 Jahre lang bis zu ihrem Tode angehörte. Zum Freundeskreis des Ehepaares Wildermuth gehörten von Anfang an Ludwig Uhland und seine Frau, Emilie Auguste, geb. Vischer, Auguste Eisenlohr,[2] die Tochter des Dorfpfarrers Gustav Feuerlein[3] aus Wolfschlugen und ihr Ehemann Theodor Eisenlohr, die Familie des Dichters Karl Mayer, Karl August Klüpfel, Gustav Schwab und „wie üblich“, etliche Tübinger Universitätsprofessoren. Ihre vielseitige Bildung ermöglichte es Ottilie Wildermuth, an den Arbeiten ihres Mannes teilzunehmen.[4] Sie gab auch selbst Englischstunden für Mädchen, betätigte sich karitativ sowie als Hauswirtin für Untermieter. Mit weiteren Frauenvereinigungen und vor allem den protestantischen schwäbischen Zirkeln hielt sie engen Kontakt.

 
Grab der Familie Wildermuth auf dem Tübinger Stadtfriedhof

Von fünf Kindern, die sie zwischen 1844 und 1856 zur Welt brachte, überlebten die Töchter Agnes und Adelheid und der Sohn Herrmann. 1847 nahm sie ihre verwitwete Mutter in ihrem Haus auf und pflegte diese hier, bis diese 1874 starb.[1]

1847 schickte sie erstmals eine Geschichte mit dem Titel Die alte Jungfer an Cottas Morgenblatt. Nachdem diese zum Druck angenommen wurde, schrieb sie weitere Erzählungen, Novellen, Lebensbilder, Familien- und Jugendgeschichten, idyllische Schilderungen protestantischen schwäbischen Lebens, deren Stoffe sie aus ihrem näheren Umkreis bezog. Die vielgelesenen Familienzeitschriften (Daheim, Die Gartenlaube und mehr als ein Dutzend weitere[1]) druckten ihre dem Publikumsgeschmack entsprechenden Geschichten ab und machten sie zur bekanntesten Schriftstellerin ihrer Zeit, die quer durch alle Gesellschaftsschichten gelesen wurde. Im Jahr 1876 gab sie den vom Verlag Kröner gegründeten Jahresband »Der Jugendgarten - Eine Festschrift für Knaben und Mädchen« heraus. Später übernahmen ihre Töchter Agnes Willms und Adelheid Wildermuth die Herausgabe. 1871 erhielt Ottilie Wildermuth in Württemberg die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft.

Sie unternahm regelmäßig kleinere Reisen ins Elsass sowie in die Schweiz, nach Baden-Baden und Holstein. Ab ihrem fünfzigsten Lebensjahr wurde ihre Gesundheit durch ein wiederkehrendes Nervenleiden stark angegriffen. Am 12. Juli 1877 erlag sie sechzigjährig einem Schlaganfall. Sie wurde auf dem Tübinger Stadtfriedhof beerdigt, wo sich ihr Grab immer noch befindet.

Werke (Buchausgaben)Bearbeiten

 
Ottilie Wildermuths ehemaliges Wohnhaus in Marbach am Neckar
 
Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus in Marbach am Neckar
  • Bilder und Geschichten aus dem schwäbischen Leben (1852, enthalten auch: Schwäbische Pfarrhäuser. Digitalisat)
  • Neue Bilder und Geschichten aus Schwaben (1854 Digitalisat)
  • Aus der Kinderwelt (1854. Aus der Kinderwelt Digitalisat, weiteres Digitalisat)
  • Olympia Morata. Ein christliches Lebensbild (1854. Digitalisat)
  • Erzählungen und Märchen für die Jugend (1855, Neuauflage 1865 als Von Berg und Tal)
  • Aus dem Frauenleben (Erzählungen, 1855, darin: Ein sorgenloses Leben; Morgen, Mittag und Abend; Die Verschmähte; Unabhängigkeit; Der erste Ehezwist; Die Lehrjahre der zwei Schwestern; Mädchenbriefe; Lebensglück; Ein Herbsttag bei Weinsberg)
  • Aus dem Frauenleben (Band 2, 1857, Digitalisat)
  • Auguste. Ein Lebensbild (1857)
  • Die Heimath der Frau (1859, darin: Heimkehr, Verfehlte Wahl, Daheim. Digitalisat)
  • Aus Schloß und Hütte. Erzählungen für Kinder (1861)
  • Im Tageslichte. Bilder aus der Wirklichkeit (1861, darin: Frauengalerie; Vor dem letzten Haus; Herr Wezler und seine Frau; Wiedersehen; Eugenie. Digitalisat)
  • Dichtungen (1863)
  • Lebensräthsel, gelöste und ungelöste (1863. Darin: Klosterfäulein; Liebeszauber; Mußte es sein? Eine dunkle Familiengeschichte; Drei Feste)
  • Jugendgabe (1864)
  • Kindergruß. Erzählungen für die Kinder (1864)
  • Erzählungen (1866)
  • Der Einsiedler vom Walde (1867)
  • Perlen aus dem Sande (1867; darin: Aus trüben Wassern; Die Schule der Demut; Marie und Maria; Taube Blüten. Digitalisat)
  • Für Freistunden. Erzählungen für die Jugend (1869)
  • Zur Dämmerstunde, 1871. Digitalisat
  • Jugendschriften (22 Bände, 1871-1900)
    1. Ein einsam Kind. Die Wasser im Jahre 1824 (zwei Erzählungen)
    2. Drei Schulkameraden. Der Spiegel der Zwerglein (zwei Erzählungen)
    3. Eine seltsame Schule. Bärbeles Weihnachten (zwei Erzählungen)
    4. Eine Königin. Der Kinder Gebet (zwei Erzählungen)
    5. Spätes Glück. Die drei Schwestern vom Walde (zwei Erzählungen)
    6. Die Ferien auf Schloß Bärenburg. Der Sandbub′ oder Wer hat′s am besten? (zwei Erzählungen)
    7. Cherubino und Zephirine. Kann sein, ′s ist auch so recht (zwei Erzählungen)
    8. Brüderchen und Schwesterchen. Der Einsiedler im Walde (zwei Erzählungen)
    9. Der Peterli vom Emmenthal. Zwei Märchen für die Kleinsten
    10. Krieg und Frieden. Emmas Pilgerfahrt (zwei Erzählungen)
    11. Das braune Lendchen. Des Königs Patenkind (zwei Erzählungen)
    12. Nach Regen Sonnenschein. Frau Luna. Das Bäumlein im Walde. (drei Erzählungen)
    13. Die Nachbarskinder. Kordulas erste Reise. Balthasars Äpfelbäume
    14. Die wunderbare Höhle. Das Steinkreuz. Unsre alte Marie
    15. Der kluge Bruno. Eine alte Schuld. Heb′ auf, was Gott dir vor die Tür legt
    16. Elisabeth. Die drei Christbäume. Klärchens Genesung. Das Feenthal
    17. Vom Armen Unstern. Eine wahrhafte Geschichte
    18. Es ging ein Engel durch das Haus. Des Herrn Pfarrers Kuh. Die erste Seefahrt (drei Erzählungen)
    19. Schwarze Treue (Erzählung)
    20. Das Osterlied. Die Kinder der Heide (zwei Erzählungen)
    21. Hinauf und Hinab (Erzählung)
    22. Der rote Hof. Eine Geschichte aus der Marsch
  • Kinder-Glückwünsche (3 Bände)
    1. Zum Geburtstag (1874)
    2. Zu Weihnachten und Neujahr (1875)
    3. Zu Polterabend und Hochzeit (1875)
  • Aus Nord und Süd (Erzählungen, 1874)
  • Ottilie Wildermuths Werke. 8 Bände. Krabbe, Stuttgart 1862. Band 1, Band 2, Band 3, Band 4, Band 5, Band 6, Band 7, Band 8

MitwirkungBearbeiten

  • Mitarbeit zu: Erzählungen für den Sylvesterabend (1860)
  • Sonntag - Nachmittage Daheim. Betrachtungen für häusliche Erbauung. Nach dem Englischen. (1860. Digitalisat)
  • Vorwort zu: Anna von Wächter: Der weibliche Beruf. Gedanken einer Frau. Frei nach dem Englischen. (1861)
  • Herausgeberin: Der Jugendgarten. Eine Festausgabe für die deutsche Jugend (22 Bände 1876-1896, fortgeführt von Wildermuths Töchtern)

Veröffentlichungen aus dem NachlassBearbeiten

  • Mein Liederbuch (postum 1877)
  • Beim Lampenlicht (postum 1878)
  • Die Salome weiß Rat (postum 1879)
  • Kleine Geschichten (postum 1880)

EhrungenBearbeiten

15 Jahre nach ihrem Tod, wurde das auf Betreiben von Mathilde Weber gebaute, ihr gewidmete Denkmal enthüllt. Das dank der zahlreichen Spenden finanzierte Denkmal in Form eines niedrigen Obelisken, das ein Hochrelieftondo von Wilhelm Rösch enthält, befindet sich auf der Tübinger Neckarinsel in der Nähe der Alleenbrücke. Das nahe gelegene, 1927 errichtete Wildermuth-Gymnasium wurde bei der Fertigstellung nach ihr benannt.

SonstigesBearbeiten

Ihr Enkel war der Politiker Eberhard Wildermuth und ihr Urenkel der Basketballfunktionär Burkhard Wildermuth.[5]

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Gisela Brinker-Gabler, Karola Ludwig, Angela Wöffen: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800–1945. dtv München, 1986. ISBN 3-423-03282-0. S. 326–329
  2. Eva Kuby: „Fahr dem Herrn durch den Sinn!“ Auguste Eisenlohr – Ein Frauenleben im Vormärz. Silberburg Verlag, ISBN 3-87407-225-8.
  3. vgl. pantoia.de
  4. Vera Vollmer: Baden-Württembergische Portraits, Frauengestalten aus fünf Jahrhunderten, hrsg. von Elisabeth Noelle-Neumann, S. 124.
  5. http://www.bbwbasketball.net/wp-content/uploads/2013/11/bbw_chronik.pdf

LiteraturBearbeiten

  • Agnes Willms, Adelheid Wildermuth (Hgg.): Ottilie Wildermuth’s Leben, nach ihren eigenen Aufzeichnungen zusammengestellt und ergänzt. Kröner, Stuttgart o. J. [1888].
  • Rosemarie Wildermuth (Bearb.): Ottilie Wildermuth 1817–1877. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 1986. (= Marbacher Magazin, Bd. 37)
  • Maria Pfadt: Ottilie Wildermuth. Profile ihrer Kinder- und Jugendliteratur. Dissertation, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg 1994.
  • Rosemarie Wildermuth (Hrsg.): „Verehrte Freundin! Wo sind Sie?“ Justinus Kerners Briefwechsel mit Ottilie Wildermuth 1853–1862, Mit einem Vorwort von Bernhard Zeller. Lithos u. a., Weinsberg/Marbach/Stuttgart 1996, ISBN 3-88480-022-1.
  • Vera Vollmer: Ottilie Wildermuth. In: Elisabeth Noelle-Neumann (Hg.): Baden-Württembergische Portraits. Frauengestalten aus fünf Jahrhunderten. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, ISBN 3-421-05271-9, S. 122–127.
  • Jonathan Schilling: Ottilie Wildermuth. Eine vergessene christliche Bestsellerautorin. In: Ottilie Wildermuth: In frohen und in müden Zeiten. Gereimtes und Erzähltes. Ein Lesebuch, hrsg. von Jonathan und Ulrike Schilling. SCM Hänssler, Holzgerlingen 2017, ISBN 978-3-7751-5768-1.
  • Jonathan Schilling: „gott- und red- und schreibselig“. Ottilie Wildermuth als religiöse Frau und Schriftstellerin. In: Schwäbische Heimat, 68. Jg., Nr. 1, 2017, S. 62–67.
  • Jonathan Schilling: Ottilie Wildermuth und der Pietismus. Glaube und Frömmigkeit in Leben und Werk einer Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, 117. Jg., 2017, S. 181–213, ISSN 0341-9479.
  • Günther Schweizer: Ottilie Wildermuth geb. Rooschütz (1817–1877) und ihre schwäbischen Wurzeln. Die Vorfahren der Schriftstellerin und ihre Familien. Verein für Familienkunde in Baden-Württemberg, Stuttgart 2017 (= Südwestdeutsche Ahnenlisten und Ahnentafeln; 6).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Ottilie Wildermuth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikisource: Ottilie Wildermuth – Quellen und Volltexte